VorRisse

Die Idee zum vorliegenden Schwerpunkt lieferte im Sommer diesen Jahres eine Kurzmeldung in der Süddeutschen Zeitung: Der Kunstbeutelträger gehe um in Hamburg, stand da zu lesen. Er (oder sie) sei anonym und verteile Geld. Nicht privates Mäzenat_innengeld wohlgemerkt, sondern öffentliche Fördermittel.

Die Idee zum vorliegenden Schwerpunkt lieferte im Sommer diesen Jahres eine Kurzmeldung in der Süddeutschen Zeitung: Der Kunstbeutelträger gehe um in Hamburg, stand da zu lesen. Er (oder sie) sei anonym und verteile Geld. Nicht privates Mäzenat_innengeld wohlgemerkt, sondern öffentliche Fördermittel. Nun sind die 40.000 Euro, die über diese Maßnahme bis Ende 2013 unter die lokale Künstler_innenschaft gebracht werden, vom Kuchen nur ein Krümel. Dennoch brachte uns dieses merkwürdige Amalgam aus Scout und behördlichem Robin Hood ins Grübeln; über die Qualität dieser Figur, über das Anonyme als Volte subjektivistisch orientierter Fördermodelle, vor allem aber auch über die (Nach)Lässigkeit dieser förderpolitischen Idee: Ist dies der Tiefpunkt des jahrzehntelangen Abstiegs der Kulturpolitik in Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit? Oder ist es die veritable Komponente einer Renaissance der punktuellen Höhenflüge demokratiepolitischen Experiments im kulturellen Feld der 1990er Jahre? Was hat die parallel zur Einführung des Kunstbeutelträgers erfolgte Wiederkehr des Modells der Kunstkuratorin im einst für interessante, kunstpolitische Projekte bekannten Hamburger Umfeld  möglicherweise mit der multiplen Krise der letzten fünf Jahre zu tun? Warum will es nicht gelingen, funktionierende Modelle zu entwickeln, die quer zum falschen Gegensatz von Pseudo-Objektivität (man denke etwa an die Katastrophe der peer-review im Akademischen) und Radikalsubjektivismus (ein_e Politiker_in, durchsetzungskräftig, wählt eine Kurator_in, gestaltungsfroh) funktionieren, selbstverwaltet etwa aus den Szenen heraus sinnvoll in die Szenen hinweinwirken?

Die Kulturrisse nehmen diese und andere Problemfelder der Kunstförderung zum Anlass, gemeinsam mit einigen Protagonist_innen von damals und heute den Status Quo zu reflektieren und ihre Erfahrungen zu aktualisieren. Monika Mokre vertritt dabei eine explizit demokratiepolitische Position, die Kulturförderung vor allem auf dem Boden von Konflikt und Selbstreflektion verortet. Die beiden Ex-Bundeskunstkurator_innen Wolfgang Zinggl und Stella Rollig plaudern aus dem Nähkästchen ihrer viel beachteten Praxis in den 1990er Jahren. Juliane Alton schlägt den Gleichheitssatz der Bundesverfassung als Hebel zur Beseitigung der sozialen Asymmetrien in der Kulturförderung vor, und die frisch angeheuerte Hamburger Stadtkuratorin Sophie Goltz spricht über Gemeinsamkeiten zwischen dem anonymen Kunstbeutelträger und ihrem eigenen Programm für die nächsten zwei Jahre. Als Draufgabe erlauben wir uns, ein pöbelndes Negativranking schlimmer Fehltritte österreichischer Kulturförderung und -nichtförderung zu präsentieren, frei nach dem minimalen Motto: Wenn schon nicht besser, dann bitte wenigstens nicht so, nicht das, nicht nochmal!

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