Gemeinsame Sache machen

Zwischen Weggehen, Zurückkommen und (scheinbar) stabilem Hierbleiben – Martin Fritz wirft einen analytischen Blick auf Bewegungsrichtungen und Konzepte des "Ländlichen" jenseits der Klischees. In den heterogenen Motivationen und dem damit verbundenen multiperspektivischen Know-how steckt ein beträchtliches politisches Potential, das es zu heben gibt. Denn progressive Ansätze können nur in Allianzen entstehen – für die Gestaltung konkreter Orte ebenso wie die großen, weltweit dringlichen Zukunftsherausforderungen.

Für das Vorwort zum Katalog des Festivals der Regionen 2005 wählte ich als damaliger Festivalleiter folgende Einleitung: „Wer sich mit dem Land beschäftigt, muss zuallererst seine Projektionen und Prägungen durchschauen. Ist es der Hass des – früher geknebelten – Landflüchtlings, der ihn beherrscht, oder die Melancholie des Entwurzelten? Spricht der entfremdete Städter mit Sehnsucht nach Anbindung und bodenständiger Schlichtheit oder der Junghotelier mit Ängsten um die Kreditrückzahlung? Wer fünfmal die Woche auspendelt, wird anderes zu erzählen haben als die zum Wochenende Einpendelnden.“ Die Zeilen betonen den engen Zusammenhang zwischen biografischen Bewegungen und den daraus entstehenden kulturellen Ausdrucksformen und Bedürfnissen. Für das kulturelle Leben außerhalb der städtischen Zentren spielen das Weggehen und das Zurückkommen eine starke Rolle, ebenso wie das (scheinbar) stabile Hierbleiben. In einem groben Raster lassen sich die genannten Bewegungsrichtungen auch mit drei dominanten Konzepten des „Ländlichen“ in Verbindung bringen, die einander zwar widersprechen, jedoch gerade deswegen kulturelle Wirkmacht entfalten:

 

Die Hölle – Weggehen


​​Viele der prominenten Äußerungen der österreichischen Nachkriegskunstgeschichte lassen sich aus der Befreiung erklären, die die Fluchtbewegung aus der ländlich autoritären Umgebung – dem laut Thomas Bernhard „Katholisch-Nationalsozialistischen“ – mit sich brachte. Film und Literatur sind voll von den bisweilen traumatischen Lebenserfahrungen in jenen Orten, die an anderer Stelle verkitscht und verklärt wurden. Das Aufzeigen und Anklagen dieser Zustände ging Hand in Hand mit der erst spät einsetzenden Thematisierung der österreichischen Beteiligung am Nationalsozialismus. Hinzu kam die Aufarbeitung kirchlichen Autoritätsmissbrauchs, Hand in Hand mit den patriarchalen Verhältnissen in Familie und Gesellschaft. In diesem Themensetting war Weggehen synonym mit der Kritik der Herkunftsumgebung und mit der Ablehnung der dominanten (volks)kulturellen Ausdrucksformen. Die alternative Kulturpraxis setzte auf dissidente Selbstbehauptung und Abgrenzung und blieb den sie prägenden Regionen oftmals demonstrativ fern.

 

Der Alltag – Hierbleiben


Doch Menschen verlassen auch aus pragmatischeren Gründen – meist berufsbedingt – ihre Regionen. Deswegen vergeht fast keine Diskussion über die Stärkung von Kulturarbeit „auf dem Land“ ohne die Betonung der Hoffnung „junge Leute zum Hierbleiben“ zu motivieren. Wir können tatsächlich eine doppelte Bindungswirkung kultureller Aktivitäten beobachten: Auf der einen Seite hadern die „Sesshaften“ oft weniger mit den tradierten Kulturformen ihrer Umgebung, deren soziale Aspekte nicht unterschätzt werden sollten und das Engagement bei Chor, Blasmusik, Landjugend oder Sportverein verstärkt den Wunsch nach Kontinuität und zyklischer Wiederholung. Demgegenüber entstehen rund um die „trotzdem Hiergebliebenen“ laufend neue Zellen „kultureller Nahversorgung“, um einen anderen Begriff zu zitieren, der in keiner der einschlägigen Debatten fehlt. Diese Gruppen organisieren alternative Filmscreenings, gründen Rockfestivals und Literaturclubs, betreiben Kulturzentren und Kabarettbühnen oder reihen sich in die Elite internationaler Jazzveranstalter*innen ein, wie etwa das Jazzatelier Ulrichsberg, das in einem Ort mit gerade einmal knapp über 1000 Einwohner*innen seit Jahrzehnten ein experimentelles Programm kultiviert. Diese Gruppierungen stellen – zumindest in Oberösterreich, wo die KUPF gerade ihr zweihundertstes Mitglied begrüßen durfte – einen wesentlichen Teil der Kulturlandschaft dar, ohne dass dies in den dominanten Repräsentations- und Vermarktungsapparaten ausreichend widergespiegelt wird. In den überregionalen Medien, den Tourismusbroschüren und den regionalen Werbevideos treffen wir stattdessen auf die alte Romantisierung des Ländlichen in einer neueren Version, die ich „Veredelung“ nennen will. In dieser Welt trifft „authentische“ Natur auf Spitzengastronomie und mondphasengeleitetes Superhandwerk, begleitet vom unverstärkten Sound eines lokalen Familienquartetts. Doch die Eingeweihten wissen, dass so manche Darsteller*innen dieser Inszenierungen nach Drehschluss sehr schnell aus der Tracht schlüpfen, um noch den Zweitjob in der örtlichen Pizzeria zu erledigen oder um den letzten Zug nach Wien zu erreichen.

 

Die Alternative – Zurückkommen


Rückkehrwunsch, Rückkehrpflicht und Rückkehrvermeidung sind vertraute Begleiter der Entwurzelten und es gibt Anzeichen dafür, dass im Moment neue Konzepte entstehen, in denen der ländliche Raum wieder als Alternative mit Potenzial jenseits der Erholung gesehen werden kann. Bis vor kurzem deuteten viele demografische Indikatoren darauf hin, dass die Abwanderungsbewegungen aus den dezentralen Räumen hin zu den Ballungsgebieten auch in Zukunft zunehmen werden. Folgerichtig traten dann Schritt für Schritt auch Berichte über fehlende ökonomische Perspektiven und regionalpolitische Bewältigungsstrategien neben die oben skizzierten Gegenpole von Verdammnis und Verklärung. Aus dieser Not entstanden neben der Tourismuswerbung vermehrt auch faktenorientierte Ansiedelungsbroschüren, in denen von günstigen Grundstückspreisen, Fördermöglichkeiten, Kinderbetreuung und dem Anschluss an überregionale Mobilitätsrouten die Rede war. Dann kam noch Corona und die Neubewertung von Telearbeit in Verbindung mit Anreizsystemen durch Arbeitgeber*innen in Zeiten des Arbeitskräftemangels und führte bei so manchen Landflüchtigen zu Nachdenkprozessen, in denen die von früher vertrauten Orte in neuem Licht erschienen.

Dieses Gemengelage – in Verbindung mit der schwer zu ertragenden Wohnkostenentwicklung in den städtischen Zentren – könnte zu einer gewissen Renaissance der Bereitschaft zur Rückkehr in den Herkunftsraum führen. Doch wieder blicken wir dabei in das Doppelgesicht des Ruralen: Sehen die einen den verkabelten, erschlossenen und vernetzten „Telearbeitshub“ – wahlweise im früheren Elternhaus oder in einem Leerstand am Hauptplatz – vor sich, träumen andere von analogen, entschleunigten Rückzugsorten, in denen wieder eine bessere Balance zwischen Elementen gefunden werden kann. Regionalität und Nahversorgung dienen als erstrebenswerte Gegenmodelle zu einer unübersichtlichen, globalen Gegenwart. Es kann dabei jedoch nicht übersehen werden, dass manche der ersehnten Lebensformen durchaus Anschlussflächen zu politisch rechten Vorstellungen besitzen, in denen alles und alle wieder an „angestammte“ Orte zurückverwiesen wird. Man muss nicht so weit gehen wie die deutsche Punkband „Frittenbude“, die in ihrem wütenden Song „Die Dunkelheit darf niemals siegen“ den Lokalpatriotismus als „kleinen Bruder des Nationalsozialismus“ bezeichnet, doch es gilt wachsam gegenüber jener Form der Fetischisierung des „Eigenen“ zu sein, die hierzulande bereits einmal in Terror gegenüber den „Anderen“ umgeschlagen ist. Ein Weg, diese Wachsamkeit auszudrücken, besteht darin, auch im ländlichen Raum (und in der Kulturarbeit) die Realitäten einer Einwanderungsgesellschaft anzuerkennen und für entsprechende Teilhabe zu sorgen.

 

Progressive Ansätze für die großen, weltweit dringlichen Zukunftsherausforderungen können nur gemeinsam entstehen.

 

Lebenswert erhalten – Mit wem?


Natürlich sind Abgrenzungen von Lebensstilen und Lebensformen, wie sie auch in diesem Text unternommen werden, zu schematisch. Für immer mehr Menschen besteht die Lebensrealität aus freiwilliger oder erzwungener Mobilität und aus den damit entstehenden hybriden Kombinationen der oben beschriebenen Konzepte. Mühlviertler*innen im 21. Jahrhundert stehen in Kontakt mit ihren Herkunftsfamilien von Aleppo bis Odessa, während Fern- und Nahpendelnde im Tages- und Wochenrhythmus bisweilen weit entfernte Arbeitsplätze aufsuchen. Erwachsene Kinder kehren als Pflegende nach Hause zurück; kultivieren – so sie es können – Doppelwohnsitze oder entscheiden sich für die Jobchance bei einer außerhalb der Städte angesiedelten Sozialorganisation. Aus diesen heterogenen Motivationen und dem damit verbundenen multiperspektivischen Know-how entstehen beträchtliche Potenziale für eine innovative Kulturarbeit: Bei dieser steht nicht die Kunstsparte im Vordergrund, sondern ein gemeinsames Interesse daran, mit den je eigenen Mitteln an der Veränderung der unmittelbaren Lebensumgebung mitzuwirken. Erweitert man die Perspektive von kultureller Arbeit im ländlichen Raum um die vielen Akteur*innen in Bereichen wie Regionalentwicklung, Sozialarbeit, Aktivismus, Daseinsvorsorge, Kommunalpolitik und ganz allgemein des zivilgesellschaftlichen Engagements, entstehen laufend neue Akteurskonstellationen, die ein Interesse an der Gestaltung konkreter Orte zusammenbindet. Diese Chance zu weit gespannten Allianzen trifft auf einen historischen Moment, in dem verantwortliche Akteur*innen in allen gesellschaftlichen Bereichen erst ein noch stärkeres Bewusstsein für die großen, weltweit dringlichen Zukunftsherausforderungen entwickeln müssen. Progressive Ansätze können dazu nur gemeinsam entstehen.
 

Wenn man also nach den zentralen Hebeln gefragt wird, mit denen der Kulturbereich seinen Beitrag für einen nachhaltig lebenswerten ländlichen Raum leisten kann, dann müssen drei Eckpunkte hervorgehoben werden: Die Fähigkeit, sich Alternativen zum Bestehenden vorstellen zu können; zu wissen, dass auch andere über diese Fähigkeit verfügen und – darauf aufbauend – der Wunsch, mit anderen gemeinsame Sache machen zu wollen.

 

Bearbeitete und gekürzte Schriftfassung der Keynote zur Konferenz „verflechtn Kunst- und Kulturarbeit in den Regionen“, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Festivals der Regionen, am 25. Juni 2023, in Freistadt

Festival der Regionen https://fdr.at/


Martin Friz, Kurator, Berater und Publizist, ist sei 2022 Generalsekretär der Österreichischen UNESCO-Kommission und war von 2004 bis 2009 Leiter des Festivals der Regionen.

 


Cover des IG Kultur Magazins, Ausgabe 2023



Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 1.23 „LAND KULTUR ARBEIT“ des Magazins der IG Kultur Österreich – Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.

Das Magazin kann unter @email (5 €) bestellt werden. 

 

Ähnliche Artikel

Von „Eh klar!“ bis „Schau‘ma mal!“ – Verträge aufsetzen gehört meist nicht zu den beliebtesten Teilen der Kulturarbeit. Grund genug, sich in unserer 2-stündigen Online-Session praktische Tipps zur Gestaltung und Verhandlung von Verträgen abzuholen! Mit besonderem Fokus auf Werkverträge beleuchten wir, auf welche Punkte es ankommt und dass ein Vertrag nicht immer kompliziert sein muss. 29. Februar, 16:30 Uhr – Teilnahme für Mitglieder kostenlos.
Netzwerkarbeit und Bewusstseinsbildung unter Frauen im ländlichen Raum stößt immer wieder auf tief verankerte Einschränkungen, Vorurteile und Probleme. Frauennetzwerke wie etwa die murauerInnen (Murau) oder Iron Women (Steirische Eisenstraße) bieten Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus die Möglichkeit, sich zu vernetzten und auszutauschen und somit die eigene Position in der Region zu stärken.
Der erste kulturpolitische Jour fixe 2024 widmete sich den Rahmenbedingungen für Kulturarbeit in der Landeshauptstadt. Mit unseren Gäst*innen Mag.a Inga Horny (Geschäftsführerin Stadtmarketing Klagenfurt), Mag. Helmuth Micheler (Geschäftsführer Tourismusverband Klagenfurt) und Mag. Franz Petritz (Stadtrat für Gesundheit, Sport und Kultur, SPÖ) diskutierten wir über die Veranstaltungstätigkeiten der Stadt, Potenziale zur Sichtbarmachung von Kulturangeboten sowie die Gradwanderung zwischen Lärmschutz für Anrainer*innen und Veranstaltungstätigkeit.