Freiwilligenbericht 2026: Immer weniger stemmen immer mehr

Hatten wir den Freiwilligenbericht hier nicht erst? Nicht ganz. Während die kürzlich analysierte Erhebung zur Freiwilligentätigkeit vor allem die blanken Zahlen lieferte, verspricht der nun vorgelegte Freiwilligenbericht, über die bloße Statistik hinaus die „Lage und Entwicklung des freiwilligen Engagements“ in Österreich darzustellen. Eine Auswertung der statistischen Grundlage und Schlüsse daraus bleibt er jedoch schuldig – wirklich aufschlussreich wird er nur dort, wo Organisationen selbst zu Wort kommen.

Die Erhebung zur Freiwilligentätigkeit haben wir an dieser Stelle bereits erläutert. Das Fazit in Kürze: Für freie Kulturinitiativen ist sie nur sehr beschränkt aussagekräftig, beunruhigende Trends wie der deutliche Rückgang des ehrenamtlichen Engagements in Vereinen, wurden schöngerechnet, eine Einordnung fehlte. Der jetzt vorgelegte „5. Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich” – vulgo „Freiwilligenbericht” – hat den (gesetzlichen) Anspruch, die „Lage und Entwicklung des freiwilligen Engagements” umfassend darzustellen. Finden sich hier vielleicht die Erklärungen und Antworten, die wir so schmerzlich vermisst haben?

 

Freiwilligenbericht 2026: Viel Statistik, wenig Analyse

Analyse von Anton Limmer


Das erste und umfangreichste Kapitel gibt die Ergebnisse der Erhebung wieder. Wer auf eine tiefergehende Analyse oder Einordnung der Zahlen hofft, wird enttäuscht. Neben der Entwicklung der Gesamtbeteiligungsquote werden keinerlei Vergleiche mit den Vorjahren angestellt. Das mag im Detail den sich wandelnden Erhebungsmethoden im Laufe der Jahre geschuldet sein – dennoch wäre hier mehr möglich gewesen. Wie hat sich etwa die Anzahl der freiwillig Tätigen und des Arbeitsvolumens seit 2022 entwickelt?

Um diese Frage zu beantworten, muss man selbst den 2022er Bericht zur Hand nehmen. Wen die Antwort interessiert: Im (weit gefassten) Bereich "Kunst, Kultur, Unterhaltung" ist die Anzahl der formell Freiwilligen seit 2022 um 5% gesunken, die Zahl der geleisteten Stunden aber um fast 30% gestiegen (von 1,23 Millionen auf 870.800 bzw. durchschnittlich 3,32 Stunden auf 2,18 Stunden wöchentlich).
 

Rechtlich alles im Rahmen

Das Kapitel zu den rechtlichen Entwicklungen bietet einen kompakten Abriss über die Novelle des Freiwilligengesetzes 2023, das Gemeinnützigkeitsreformgesetz und einzelne weitere Neuerungen. Juristische Spannungsfelder, die ehrenamtlich arbeitende Organisationen tatsächlich erleben – Auflagen, Haftungsfragen, die manchmal äußerst schwierige Abgrenzung zwischen Ehrenamt, geringfügiger Beschäftigung und Erwerbsarbeit (Stichwort „Acoustic Lakeside”) – kommen nicht vor. Die rechtlichen Rahmenbedingungen erscheinen als Abfolge wohlmeinender Reformen, nicht als das konfliktreiche Feld, das sie in der täglichen Arbeit vieler Vereine und Initiativen tatsächlich sind.
 

Allgemeine Entwicklungen in der Freiwilligenpolitik

Gut ist der Bericht dort, wo er allgemein dokumentiert. Die Darstellung der Freiwilligenstrategie 2023, der Service- und Kompetenzstelle, des digitalen Freiwilligenpasses, von Freiwilligenkoordination, Anerkennungsfonds, Freiwilligenmessen, NPO-Satellitenkonto und Maßnahmen in den Bundesländern ist umfassend und informativ. Wer wissen will, welche Instrumente und Programme derzeit im freiwilligen Engagement aufgebaut oder weiterentwickelt werden, bekommt hier einen brauchbaren Überblick.

Gleichzeitig wirkt das Kapitel etwas zusammengestückelt. Warum etwa der Abschnitt „Ältere Menschen und Freiwilligentätigkeiten” genau hier platziert ist, erschließt sich nicht. Immerhin ist der Text der einzige im Bericht, der sich konkret auf Ergebnisse der Erhebung bezieht und sogar die letzten beiden Berichte zum Vergleich heranzieht. Noch deplatzierter wirkt der Kapitelabschluss „Jugend engagiert: Chancen, Anerkennung, Wirkung – Perspektiven des Bundeskanzleramts”: Der Abschnitt liest sich eher wie eine zugelieferte institutionelle Einblendung, die man irgendwo unterbringen musste, denn als ein integraler Teil des Berichts.

(Das nächste Kapitel widmet sich den Freiwilligenjahren und dem Europäischen Solidaritätskorps. Hier stellt sich die Frage, warum es eigentlich nur Freiwilligenjahre im sozialen oder ökologischen Bereich gibt, in der Kultur aber höchstens im Rahmen des Gedenkdienstes im Ausland. Dabei wäre gerade der Kulturbereich ein naheliegender Ort für Bildungs-, Teilhabe- und Demokratieerfahrungen. Da kann der Bericht aber wirklich nichts dafür.)
 

Trends und Entwicklungen: Was Organisationen bewegt

Das letzte Kapitel ist zwar auch Stückwerk mit nur thematisch loser Verbindung zu den eigens erhobenen Ergebnissen, enthält aber neben einem historischen Abriss der Entwicklung des freiwilligen Engagements bis heute (durchaus interessant, wenn auch ganz ohne Österreichbezug) und einer KI-gestützten Literaturrecherche (warum auch nicht) den interessantesten Teil des Berichts: die Auswertung einer Online-Befragung von Freiwilligenorganisationen.

  • „Suchen Nachwuchs mit Bock auf Verantwortung”
    Das zentrale Problem ist für die meisten Befragten nicht ein pauschaler Rückgang von Engagement. Die allgemeine Gewinnung von Freiwilligen für ausführende Tätigkeiten stellt nur für etwa 15% ein größeres Problem dar. Dagegen hat fast die Hälfte (47%) Schwierigkeiten, Freiwillige für leitende Funktionen (z. B. Vorstand) zu finden. Ähnlich schwierig gestaltet es sich, jüngere Freiwillige für freiwilliges Engagement zu begeistern, noch schwieriger ist es, unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen, um diverser zu werden. Interessanterweise gaben nur 13% der Organisationen an, große Probleme dabei zu haben, Freiwillige längerfristig zu binden. Das deutet darauf hin, dass viele ihre Strukturen bereits an flexiblere Engagementformen angepasst haben.
     
  • Engagement ja – aber anders
    Organisationen beobachten einen deutlichen Trend zu kurzfristigerem, projektbezogenem und sinnstiftendem Engagement. Das erfordert flexiblere Strukturen, klarere Kommunikation und ständige Anpassung – klassische Vorstandsämter und Statutenlogik passen dazu immer weniger.
     
  • Freiwilligkeit braucht professionelle Strukturen
    Viele Organisationen betonen die Notwendigkeit hauptamtlicher Koordination als Schnittstelle zwischen Freiwilligen, Öffentlichkeit, Förderung und Verwaltung. Häufig fehlt aber das Geld dafür – freiwilliges Engagement darf „kein Lückenfüller für staatliche Kürzungen sein”.
     
  • Der Druck von außen wächst
    Externe Belastungen wurden offen abgefragt und im Bericht zusammengefasst. Zentrales Thema: politische Rahmenbedingungen und Finanzierung. Wiederkehrende Kürzungen von Bund, Ländern und Gemeinden gefährden Angebote und zwingen Organisationen zu schwierigen Prioritätensetzungen – oft zulasten des Freiwilligenbereichs. Wachsende Bürokratie und Verrechtlichung erschweren die Arbeit, parteipolitische Stimmungsmache gegen NGOs verunsichert.

    Soziale Spaltung und psychosoziale Probleme verschärfen die Situation zusätzlich. Die Lagerbildung nach Corona, ein spürbarer Rechtsruck und die Diskreditierung von NGOs gefährden den sozialen Frieden. Teuerung und finanzieller Druck machen es vielen Menschen schwer, sich freiwillig zu engagieren. Gleichzeitig wächst das Unterstützungsbedürfnis durch steigende Einsamkeit und psychische Probleme – während die Ressourcen der Organisationen schrumpfen.

    Der demografische Wandel verschärft das Dilemma weiter. Längere Berufstätigkeit, spätere Pensionierung und der Wunsch nach besserer Work-Life-Balance führen zu weniger Zeit und Verbindlichkeit. Das Ergebnis: Rückgang des langfristigen Commitments zugunsten projektbezogenen Engagements. Die älter werdende Gesellschaft braucht mehr Freiwillige – in Pflege und Begleitung – gleichzeitig schrumpft das Potenzial durch längere Erwerbstätigkeit und vermehrte Care-Arbeit.
     
  • Digitalisierung ist längst Alltag
    Digitalisierung ist längst Teil der Realität: 81 Prozent der befragten Organisationen nutzen digitale Plattformen oder soziale Medien zur Gewinnung von Freiwilligen, rund die Hälfte ermöglicht bereits digitale oder teilweise digitale Formen des Engagements. Gleichzeitig werden Digitalisierung und KI nicht nur als Chance, sondern auch als zusätzliche Anforderung beschrieben – sie kosten Zeit, Know-how und Infrastruktur, die selten mitgedacht oder finanziert werden.
     

Fazit

Der Freiwilligenbericht 2026 ist vor allem dort lesenswert, wo er die Alltagsrealität von Organisationen sichtbar macht. Die eigens erhobenen Zahlen – vermeintlich die statistische Basis für tiefergehende Analysen – werden dafür leider nicht genutzt. Dennoch ergibt sich ein klares Bild der Herausforderungen für Freiwilligenorganisationen: Engagement im Wandel, nicht weniger Menschen insgesamt, aber andere Formen, neue Anforderungen an Struktur und Professionalisierung, mehr Druck von außen – und weniger Mittel, um das alles zu bewältigen.

 

Ergebnisse im Überblick

Kommentar von Yvonne Gimpel 

 

Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild:  

  • Die Zahl jener, die sich in Vereinen ehrenamtlich engagieren, ist in den letzten vier Jahren um 5% gesunken (Bereich „Kunst, Kultur, Unterhaltung“) 
  • Die Zahl der freiwilligen geleisteten Arbeitsstunden ist im gleichen Zeitraum um fast 30% gestiegen. 
     

Immer weniger Freiwillige stemmen immer mehr Arbeit und dies unter zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen.  


Zentrale Belastungsfaktoren sind:

  • wiederkehrende Kürzungen der Zuschüsse von Bund, Ländern und Gemeinden
  • wachsende Bürokratie und Verrechtlichung der Arbeit 
  • neue Anforderungen, die Ressourcen kosten, aber in Realität mit immer weniger Ressourcen zusätzlich gestemmt werden müssen  
  • statt Anerkennung parteipolitische Stimmungsmache gegen NGOS und Diskreditierung zivilgesellschaftlichen Engagements 
     

Problem in der Praxis ist nicht, grundsätzlich Freiwillige zu finden, sondern:  

  • Fast die Hälfte (47%) der befragten Organisationen berichten über Schwierigkeiten, Freiwillige für leitende Funktionen (z. B. Vorstand) zu finden.
  • Insbesondere die jüngere Generation zu begeistern und  unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen, wird als schwierig wahrgenommen.
  • Langfristiges Engagement weicht zunehmend kurzfristigem, projektbezogener freiwilliger Tätigkeit. 
     

Kulturpolitisch ist daran vor allem bemerkenswert, wie wenig diese Entwicklung überhaupt als Problem wahrgenommen wird. Dass freie Kulturarbeit in vielen Bereichen auf ehrenamtlich getragene Strukturen baut, wird noch immer weitgehend ausgeblendet. Damit werden Überlastung, Nachwuchsprobleme und das Wegbrechen von über Jahren aufgebauten Strukturen als individuelle Probleme dargestellt – und nicht als Ergebnis politischer Entscheidungen und struktureller Unterfinanzierung.

Denn freiwilliges Engagement ersetzt keine tragfähigen Rahmenbedingungen. Wo es an Stabilität, Finanzierung und bezahlten Ressourcen fehlt, brechen nicht nur einzelne Angebote weg, sondern Strukturen, auf denen kulturelle Teilhabe, lokale Öffentlichkeit und demokratische Praxis wesentlich mit aufbauen. 
 

 


 

 

Wissenswertes für die Praxis: 

Basiswissen Ehrenamt, Werkvertrag & Anstellungen 

Basiswissen: Freiwilligenpauschale 

Rechtsauskunft: Möglichen der finanziellen Anerkennung ehrenamtlichen Engagements

Übersicht: Ehrenamt & Gemeinnützigkeit – Was Vereine wissen sollten (IG KiKK) 

Beratung:
Die IG Kultur berät euch gerne bei Fragen zu ehrenamtlicher Tätigkeit im Kulturverein persönlich, per Telefon, E-Mail oder auch digital via Zoom. Termin jetzt vereinbaren:

Mobil: ‭+43 650 503 71 20‬
beratung@igkultur.at 

 

 

Ähnliche Artikel

Wird es immer schwieriger Freiwillige zu finden oder liegt es an uns? – Eine Frage, die in letzter Zeit viele Kulturvereine beschäftigt. Wie es um das freiwillige Engagement in der österreichischen Bevölkerung bestellt ist, wird seit fast 20 Jahren erhoben. Die jüngste Erhebung lässt vermuten, dass diese "Säule, die das gesellschaftliche Zusammenleben trägt" stabil ist. Aber ist dem so? Eine kritische Analyse der Entwicklung der Freiwilligentätigkeit, mit Fokus auf den Kulturbereich.
2026 feiert die IG Kultur Vorarlberg ihr 35-jähriges Bestehen. Zeit, um gemeinsam nach vorne zu denken: Mit #ReGen - Regenerative Kulturarbeit widmen wir uns in einem Beteiligungsprozess der Frage, auf welche Weise Kulturarbeit Kraft geben und verbinden kann. Wir starten mit einer Umfrage und der Fragestellung, worin die lebensspendende, verbindende Kraft unserer Tätigkeit liegt. Eingeladen sind Künstler:innen, Kulturarbeiter:innen, Kulturwissenschaftler:innen und alle Interessierten mit ihrem Wissen und ihren Ein- und Vorstellungen.
Die Mitglieder der IG Kultur Vorarlberg bestätigten in der Generalversammlung am 17. Juni 2025 den neuen Vorstand um die Funktionär:innen Leon Boch, Gabi Hampson, Bernhard Amann und Niklas Koch. Gründungsmitglied Johannes Rausch, die ehemalige Vereins-Obfrau Margret Broger, Heike Kaufmann und Johny Ritter räumten nach einem zweijährigen Entwicklungsprozess ihre Vorstandsplätze für die nächste Generation.