Das neue Fair-Pay-Gehaltsschema für Kulturarbeit 2027 der IG Kultur sieht eine Erhöhung der empfohlenen Gehälter um durchschnittlich 2,8 Prozent vor. Die Empfehlung orientiert sich weiterhin an den Lohnabschlüssen der Handelsangestellten. Der seit 2024 mit der GPA vereinbarte Berechnungsmodus – auf Basis der rollierenden Inflation, korrigiert um Abweichungen zum vorangegangenen Handelsabschluss – ermöglicht eine Veröffentlichung bereits im September. Die 2,8 Prozent sind damit keine frei gesetzte Forderung der IG Kultur, sondern ergeben sich aus diesem Referenzsystem. Die Empfehlung bildet ab, was selbstverständlich sein sollte: Auch die Entlohnung von Kulturarbeit muss sich mit Inflation und steigenden Lebenshaltungskosten weiterentwickeln.
Die finanziellen Möglichkeiten vieler Kulturvereine entwickeln sich allerdings in die entgegengesetzte Richtung: Das Kunst- und Kulturbudget des Bundes sinkt 2027 von 629,8 auf 608,7 Millionen Euro – um 3,3 Prozent. Gekürzt wird konkret auch bei den frei vergebenen Kunst- und Kulturförderungen: 2027 um rund 2,2 Millionen Euro, 2028 zusätzlich rund 800.000 Euro weniger. Gegenüber 2026 stehen damit 2028 rund drei Millionen Euro weniger in jenem Förderbudget zur Verfügung, aus dem Jahres- und Projektförderungen finanziert werden.
Natürlich lassen sich 2,8 Prozent höhere Gehaltsempfehlungen und 3,3 Prozent weniger Kulturbudget nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Aber die Richtung ist eindeutig: Was Kulturarbeit kostet, steigt. Die öffentlichen Zuschüsse dafür sinken.
In der Praxis heißt das: Können Kulturvereine ihre Mitarbeiter*innen halten und Künstler*innen engagieren? Können Qualifikation, Erfahrung und Verantwortung angemessen bezahlt werden? Wer zahlt den Fehlbetrag?
Was Förderkürzungen für Kulturvereine bedeuten
Die scheinbar einfache Antwort lautet meist: Macht weniger Programm und bezahlt dafür besser. Nur wird damit aus dem Problem „Arbeit wird zu schlecht bezahlt“ zunächst einmal ein anderes: Es wird weniger Arbeit bezahlt.
Denn ein Kulturverein wird nicht proportional kleiner, nur weil zwei Veranstaltungen gestrichen werden. Geschäftsführung, Buchhaltung, Förderabwicklung, Kommunikation, Personaladministration oder Raumverwaltung verschwinden nicht mit jedem Programmpunkt. Und selbst wenn weniger Programm tatsächlich weniger Arbeit bedeutet: Ist Fair Pay erreicht, wenn einige besser bezahlt werden, dafür aber weniger Menschen beschäftigt, weniger Künstler*innen engagiert und weniger Kulturangebote möglich sind?
Das verkleinert vielleicht den Fair-Pay-Gap auf dem Papier. Es schafft aber weder bessere Arbeitsbedingungen in der Breite noch sichert es ein breites Kulturangebot. Es verteilt den Mangel neu.
Hinzu kommt, dass Förderlogiken selbst kontinuierliches Programm verlangen. Für eine Jahresförderung des Bundes im Bereich Kulturinitiativen sind beispielsweise mindestens neun Monate Tätigkeit und 40 Veranstaltungstage Voraussetzung. Wer weniger macht und diese Voraussetzungen damit nicht mehr erfüllt, erfüllt auch die Voraussetzungen für eine Jahresförderung nicht mehr und muss hoffen, andere Förderformate zu finden.
„Dann macht halt weniger“ ist deshalb keine, schon gar keine nachhaltige, Fair-Pay-Strategie. Es verschiebt das Finanzierungsproblem auf weniger Beschäftigung, weniger Programm oder zurück in unbezahlte Arbeit.
Fair Pay lässt sich nicht dadurch finanzieren, dass Kulturvereine immer weniger machen. Es braucht Förderungen, die die tatsächliche Kostenentwicklung von Kulturarbeit abbilden.
Warum zehn Millionen Euro für Fair Pay real weniger werden
Seit 2022 stellt der Bund zusätzliche Mittel für Fair Pay bereit. Das war und ist ein wichtiger Schritt: 2022 waren es 6,5 Millionen Euro, 2023 neun Millionen, 2024 wurde der Betrag auf zehn Millionen Euro erhöht.
Seither bleibt es bei diesen zehn Millionen Euro. Auch für 2027 und 2028 sollen jeweils zehn Millionen Euro zur Verfügung stehen. Das klingt zunächst nach Absicherung.
Nur: Zehn Millionen Euro im Jahr 2024 sind 2028 nicht mehr zehn Millionen Euro wert.
2025 betrug die Inflation 3,6 Prozent. Für 2026 erwartet die Oesterreichische Nationalbank aktuell 3,0 Prozent, für 2027 2,3 Prozent und für 2028 2,2 Prozent. Legt man diese Werte zugrunde, entsprechen die zehn Millionen Euro 2028 kaufkraftbereinigt nur noch knapp neun Millionen Euro in Preisen von 2024.
Fair Pay ist kein fixer Geldbetrag. Fair Pay bezeichnet einen Entlohnungsstandard.
Wenn die Kosten dieses Standards steigen, die dafür vorgesehenen Mittel aber seit 2024 eingefroren werden, wird Fair Pay nicht „abgesichert“. Abgesichert wird lediglich ein Nominalbetrag. Umso mehr, als gleichzeitig genau jene Fördermittel gekürzt werden, aus denen Kulturvereine ihre laufende Arbeit und damit auch ihre Personalkosten finanzieren sollen.
Wer Fair Pay ernst meint, muss deshalb nicht nur einen Fair-Pay-Topf fortschreiben, sondern die Förderbudgets insgesamt so weiterentwickeln, dass steigende Personalkosten auch tatsächlich finanzierbar sind.
Welche Verantwortung die Politik trägt
Fair Pay war nie als Aufgabe des Bundes allein gedacht. Bund, Länder sowie Städte- und Gemeindebund haben sich 2022 gemeinsam dazu bekannt. Wenn einzelne Förderstellen kürzen oder ihre Dotierungen lediglich nominell fortschreiben, wächst die Lücke weiter. Am Ende landet sie beim Kulturverein und seinen Mitarbeitenden. Die Gehaltsabrechnung kennt diese Zuständigkeitsaufteilung nicht.
Warum die IG Kultur das Gehaltsschema trotzdem veröffentlicht
Genau deshalb wäre es falsch, nun auch den Maßstab an die Unterfinanzierung anzupassen. Das würde die Lücke nicht schließen, sondern unsichtbar machen.
Das Fair-Pay-Gehaltsschema ist der Maßstab dafür, was professionelle Kulturarbeit kostet und welche Finanzierung dafür notwendig wäre. Das Gehaltsschema kann die Finanzierungslücke nicht schließen. Aber es kann und soll verhindern, dass sie unsichtbar wird.
Genau darum geht es: in Förderanträgen und Kalkulationen sichtbar machen, was Kulturarbeit kostet. Sichtbar machen, was nicht finanziert wird. Und sichtbar machen, wo Kulturvereine diese Differenz derzeit durch weniger Anstellungen und Engagements sowie unbezahlte Arbeit auffangen müssen.
Arbeit wird nicht weniger wert, nur weil ihre Finanzierung fehlt.
P.S.: Und die Eigenmittel? Auch das ist eine regelmäßige Antwort auf knappe Förderbudgets: Kulturvereine sollen ihre Eigenmittel steigern. Der realistischste Hebel sind meist Eintritts- und Ticketerlöse – also mehr Publikum oder höhere Preise. Beides ist nicht beliebig steigerbar, schon gar nicht, wenn kulturelle Teilhabe leistbar bleiben soll. Und Sponsoring und Spenden? Wenn dieses Geld auf der Straße läge, hätten Kulturvereine es längst eingesammelt.