Stärkt die Teilnahme an Kultur die Demokratie?
Ja, es „besteht ein eindeutiger und positiver Zusammenhang zwischen den Teilnahmequoten … an kulturellen Aktivitäten und den Indikatoren für bürgerschaftliches Engagement, Demokratie und sozialen Zusammenhalt“.
Zu den Vorteilen der Teilnahme an kulturellen Aktivitäten zählen:
- „eine höhere Wahrscheinlichkeit, zur Wahl zu gehen, sich ehrenamtlich zu engagieren und sich an gemeinschaftlichen Aktivitäten, Projekten und Organisationen zu beteiligen;“
- „die Entwicklung positiver sozialer Einstellungen, die mit bürgerschaftlichen und demokratischen Werten und Identitäten verbunden sind, wie z.B. das Gefühl der Verbundenheit mit der Gemeinschaft, Toleranz, Vertrauen und Empathie für Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund;“
- „die Entwicklung persönlicher und sozialer Fähigkeiten und Kompetenzen, die für funktionierende Demokratien unerlässlich sind, da sie es Personen ermöglichen, bewusstere Bürger*innen zu sein – wie z.B. Selbstverwirklichung, die Fähigkeit, anderen zuzuhören, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen und die Konfliktlösung zu erleichtern.“
Wie wirken diese Effekte?
Die Wirkung ist keineswegs linear oder zwangsläufig. An Kulturaktivitäten teilzunehmen, macht niemanden automatisch zu einer „besseren“ Person, die Müll aufsammelt, sich ehrenamtlich in der Gemeinschaft engagiert, mit der Nachbarschaft gut auskommt oder zur Wahl geht. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass jemand all diese Dinge tut, quasi als Nebenprodukt der Teilnahme an einem gemeinschaftlichen, sozialen Setting, in dessen Zentrum der kreative Ausdruck steht. In diesem Sinne ist vor allem der Prozess der entscheidende Faktor – Aktivitäten, die Teilnehmende motivieren, einbinden, befähigen und soziale Verbindungen fördern.
Bei welchen Kulturaktivitäten wirken sie?
Die positiven Effekte sind an keine bestimmte Kunstsparte oder -praxis gebunden. Sowohl bei aktiver Teilhabe als auch bei eher passiven Formen der Teilhabe ist der Zusammenhang feststellbar. Stärkere Effekte zeigen sich jedoch bei aktiveren Formen der Teilhabe an Kunst und Kultur.
Bei welchen Personen sind Effekte feststellbar?
Der positive Einfluss auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Einstellungen und Verhaltensweisen durch kulturelle Teilhabe ist „unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund oder Bildungsniveau einer Person feststellbar.“ Das heißt jedoch keineswegs, dass nicht wesentliche Unterschiede in den Teilhabechancen an Kultur bestehen, die wesentlich durch sozioökonomische und geographische Faktoren bedingt sind.
Leicht zugängliche, lokale Kulturorganisationen und -gruppen sind ein entscheidender Faktor für die kulturelle Teilhabe und das Engagement in Kunst und Kultur. Die Anzahl der Kunst- und Kulturgruppen in der näheren Umgebung einer Person ist der beste Einzelindikator für die Teilnahme an Kunst- und Kulturangeboten. Wichtiger als das Einkommen oder der Bildungsgrad einer Person sind für kulturelle Teilnahme die Nähe, die leichte Erreichbarkeit und die Attraktivität des kulturellen Angebots. Wollen Maßnahmen dies stärken, so geht es nicht nur um freien Eintritt und einfache Erreichbarkeit, sondern um die Ermöglichung aktiven Engagements und eine Diversifizierung des Kulturangebots, um sicherzustellen, dass Aktivitäten und Organisationen für unterrepräsentierte, marginalisierte oder nicht-muttersprachliche Gruppen zugänglich und interessant sind.
Was heißt das für die Politik?
Investitionen in kulturelle Teilhabe kommt entscheidende Bedeutung bei der Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement und Demokratie zu. Wer in kulturelle Teilhabe, zivilgesellschaftliche und demokratische Verhaltensmuster investieren will, muss in den Umfang des lokalen Kulturangebots in einem Gebiet investieren und die direkte und indirekte öffentliche Finanzierung kultureller Angebote ausbauen. Sie stehen nachweislich in einem positiven Zusammenhang.
Allerdings: Eine starre, homogene Top-Down Kulturförderung, die unterschiedliche kulturelle Perspektiven und Praxen unterdrückt, läuft Gefahr, den sozialen, bürgerlichen und demokratischen Wert kultureller Teilhabe zu untergraben. Langfristiger Erfolg basiert vielmehr auf Investitionen in kulturelle Aktivitäten, Interventionen und Organisationen, die in den Gemeinschaften verwurzelt sind und partizipativ arbeiten.
Wie die Studie festhält: Nationale, regionale und lokale Förderstellen wären gut darin beraten, ihre Kulturpolitik und Finanzierungspraxis zu überprüfen, „um sicherzustellen, dass sie ein vielfältiges Spektrum an inklusiven und partizipatorisch arbeitenden Kulturorganisationen unterstützen, einschließlich Basisgruppen und lokale Kultureinrichtungen“, die sich hier engagieren und unterrepräsentierte Gruppen einbeziehen.
AUSGEWÄHLTE STUDIENERGEBNISSE
Eine italienische Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass ein Anstieg des kulturellen Konsums um 1% mit einem Rückgang der Hasskriminalität um 20% einherging (Straftaten und Vorfälle wie Drohungen, Sachbeschädigungen, Übergriffe und Mord, die durch Vorurteile gegenüber be-stimmten Personengruppen motiviert waren).
Quelle: Denti, D. et al. (2022): ‚Knocking on Hell’s Door. Dismantling Hate with Cultural Consumption‘. In: Journal of Cultural Economics, S. 1–47.
Eine 2018 durchgeführte Umfrage unter 30.000 Haushalten ergab, dass künstlerisches Engagement die Spenden- und Freiwilligenquote um 6-10% erhöht.
Quelle: Van de Vyver, J. und D. Abrams (2018): ‚The Arts as a Catalyst for Human Prosociality and Cooperation‘. In: Social Psychological and Personality Science, 9 (6), S. 664–674.
Eine 2012 durchgeführte Studie mit mehr als 12.000 Schülerinnen und Schülern ergab, dass junge Erwachsene, einschließlich „gefährdeter“ Jugendlicher mit niedrigem sozioökonomischem Status, die in der weiterführenden Schule aktiv an Programmen der bildenden und darstellenden Kunst teilgenommen hatten, eher bereit waren, sich ehrenamtlich zu engagieren (um 21 %), und zur Wahl zu gehen, sich in der Schule und in der Nachbarschaft politisch zu engagieren und gemeinnützige Arbeit zu leisten.
In derselben Studie wurde auch eine Korrelation von Wahlbeteiligung und künstlerischem Engagement festgestellt: 45% der kulturinteressierten jungen Menschen mit schwachem sozio-ökonomischem Hintergrund, die ein hohes künstlerisches Engagement aufwiesen, gaben ihre Stimme ab, während es nur 1% der gleichaltrigen, nicht kulturaffinen taten.
Quelle: Catterall, J. et al. (2012): ‚The Arts and Achievement in At-Risk Youth. Findings from Four Longitudinal Studies‘. Research Report 55, National Endowment for the Arts.
Quelle: Hammonds, W. et al. (2023): ‚Culture and Democracy: The Evidence. How Citizens’ Participation in Cultural Activities Enhances Civic Engagement, Democracy and Social Cohesion. Lessons from International Research‘. Unabhängiger Bericht im Auftrag der Europäischen Kommission.
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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