Schutzkonzepte und Awareness sind Kulturarbeit

Wie können Kulturvereine, Festivals und Initiativen sicherere Räume schaffen? Ein Workshop von IG KiKK, Friedenszentrum, Land Kärnten, schau:Räume und GemSe widmete sich den Themen Schutzkonzepte, Awareness und Gewaltschutz in der Kulturarbeit. Im Mittelpunkt standen Fragen nach Verantwortung, Machtverhältnissen, Prävention und dem Umgang mit Grenzverletzungen. Deutlich wurde: Schutzkonzepte sind keine zusätzliche Bürokratie, sondern schaffen Orientierung, Handlungssicherheit und transparente Strukturen. Awareness-Arbeit und Gewaltschutz tragen dazu bei, dass Kunst- und Kulturräume Orte der Teilhabe, des Respekts und der Sicherheit für alle werden.

Warum sichere Räume nicht von selbst entstehen

Kulturelle Räume verstehen sich gerne als offen, solidarisch und diskriminierungssensibel. Festivals, Vereine, Kulturhäuser, Initiativen oder Kollektive wollen Orte der Begegnung, des Austauschs und der Teilhabe sein. Doch gute Absichten allein schaffen noch keine sicheren Räume.

Denn auch Kunst- und Kulturorte sind Teil gesellschaftlicher Realitäten. Wo Menschen zusammenkommen, entstehen Machtverhältnisse, Konflikte, Unsicherheiten und manchmal auch Grenzverletzungen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob solche Situationen auftreten können. Die Frage ist, wie Organisationen darauf vorbereitet sind.

Genau darum ging es beim Workshop zu Schutzkonzepten, Awareness und Gewaltschutz, den die IG KiKK gemeinsam mit Expert aus Kulturarbeit, Beratung und Pädagogik veranstaltete.

Schutz beginnt lange vor dem Vorfall

Wenn über Schutzkonzepte gesprochen wird, denken viele zunächst an zusätzliche Regeln, Dokumentationen oder bürokratischen Aufwand. Besonders kleine Kulturvereine und ehrenamtlich organisierte Initiativen fragen sich oft, wie sie dafür überhaupt Zeit finden sollen. Doch Schutzkonzepte entstehen nicht aus Misstrauen. Sie entstehen aus Verantwortung. Sie helfen Organisationen dabei, Fragen zu klären, bevor Krisensituationen eintreten:

  • Wer ist Ansprechperson bei Vorfällen?
  • Wie werden Beschwerden aufgenommen?
  • Welche Unterstützung erhalten betroffene Personen?
  • Wer entscheidet in schwierigen Situationen?
  • Welche Schritte folgen nach einer Meldung?

Fehlen Antworten auf diese Fragen, entsteht häufig Unsicherheit. Niemand möchte etwas falsch machen. Gleichzeitig fühlt sich oft niemand zuständig. Schutzkonzepte schaffen hier Orientierung und Handlungssicherheit.

Gewalt ist mehr als körperliche Gewalt

Ein zentraler Schwerpunkt des Workshops war die Auseinandersetzung mit einem erweiterten Gewaltbegriff. Gewalt zeigt sich nicht nur in körperlichen Übergriffen. Sie kann psychisch, sexualisiert, digital, institutionell oder strukturell wirken. Viele Formen von Grenzverletzungen bleiben unsichtbar, obwohl sie für Betroffene belastend oder verletzend sind. Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen direkter und struktureller Gewalt. Während direkte Gewalt in Beschimpfungen, Drohungen oder Übergriffen sichtbar wird, entsteht strukturelle Gewalt häufig durch Hierarchien, Ausschlüsse, Abhängigkeiten oder fehlende Beschwerdemöglichkeiten. Gewaltschutz bedeutet deshalb immer auch, die eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen:

Wer wird gehört?
Wer entscheidet?
Wer hat Zugang zu Ressourcen?
Und wer trägt das Risiko, übergangen zu werden?

Machtverhältnisse sichtbar machen

In Kulturorganisationen wirken Machtstrukturen oft informell. Nicht nur Vorstände oder Geschäftsführungen verfügen über Einfluss. Auch bekannte Künstler, langjährige Vereinsmitglieder oder besonders engagierte Personen prägen Entscheidungen und Dynamiken. Gerade weil diese Machtverhältnisse häufig unausgesprochen bleiben, braucht es transparente Strukturen. Schutzkonzepte machen sichtbar, welche Werte gelten, welche Verhaltensweisen erwünscht sind und welche Konsequenzen Grenzverletzungen nach sich ziehen können. Sie sorgen dafür, dass Verantwortung nicht von einzelnen Personen abhängt, sondern institutionell verankert wird.

Awareness: Betroffene ernst nehmen

Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops war die Awareness-Arbeit. Awareness entstand aus aktivistischen Zusammenhängen und verfolgt einen klaren Ansatz: Im Mittelpunkt stehen die Bedürfnisse betroffener Personen. Dabei geht es nicht nur um Unterstützung nach Vorfällen. Awareness umfasst auch Prävention, Sensibilisierung und die bewusste Gestaltung diskriminierungssensibler Räume.

Drei Grundprinzipien wurden im Workshop besonders hervorgehoben:

Konsens

Zustimmung muss freiwillig, informiert und jederzeit widerrufbar sein. Schweigen oder fehlender Widerspruch bedeuten keine Zustimmung.

Definitionsmacht

Betroffene Personen bestimmen selbst, wie sie eine Situation erlebt haben und welche Unterstützung sie benötigen.

Parteilichkeit

Awareness-Arbeit versteht sich nicht als neutrale Vermittlung zwischen Konfliktparteien. Sie orientiert sich bewusst an den Bedürfnissen und dem Schutz der betroffenen Person. Diese Haltung verlangt, Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne sie zu relativieren oder infrage zu stellen.

Wenn Awareness zum Etikett wird

Im Workshop wurde auch ein kritischer Blick auf sogenanntes „Awareness-Washing“ geworfen. Gemeint ist damit die Situation, dass Organisationen zwar Awareness-Teams oder Konzepte nach außen kommunizieren, diese aber weder ausreichend geschult noch strukturell abgesichert sind.

Die Folge kann ein trügerisches Sicherheitsgefühl sein.

Ein glaubwürdiges Awareness-Konzept braucht deshalb mehr als einen Namen auf einem Plakat. Es benötigt:

  • geschulte Teams,
  • klare Zuständigkeiten,
  • transparente Abläufe,
  • dokumentierte Verfahren,
  • Möglichkeiten für Feedback und Kritik,
  • sowie regelmäßige Reflexion der eigenen Praxis.

Schutz braucht Beteiligung

Wirksame Schutzkonzepte entstehen nicht am Schreibtisch einer einzelnen Person. Sie entwickeln sich durch Gespräche, gemeinsame Reflexion und Beteiligung. Wer mitarbeitet, mitgestaltet oder Veranstaltungen besucht, sollte die Möglichkeit haben, Erfahrungen einzubringen und Strukturen mitzuentwickeln. Die Auseinandersetzung mit Schutzfragen stärkt deshalb nicht nur den Gewaltschutz selbst. Sie fördert auch demokratische Organisationskulturen und eine Kultur der Verantwortung.

Von der Haltung zur Handlung

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Workshops lautete: Eine wertschätzende Haltung allein reicht nicht aus. Erst wenn Zuständigkeiten geklärt, Verhaltensregeln vereinbart und Handlungswege definiert sind, entsteht echte Sicherheit – für Mitarbeitende, Ehrenamtliche, Künstler und Besucher. Schutzkonzepte schaffen deshalb nicht mehr Bürokratie. Sie schaffen Orientierung. Sie helfen Kulturorganisationen dabei, handlungsfähig zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und Räume zu gestalten, in denen Teilhabe, Respekt und Solidarität nicht nur formulierte Werte bleiben, sondern gelebte Praxis werden.

Denn sichere Räume entstehen nicht von selbst. Sie werden gemeinsam gestaltet.

Unten findet ihr auch die Unterlagen zum Workshop.

Hier eine hilfreiche Link und Material - Liste:

Die Materialiensammlung zu Awareness (ein Großteil davon war auch im ausgedruckten Reader):  

Ein dekoloniales Methodenhandbuch; für eine Reflexion/die pädagogische, künstlerische Praxis. Daraus empfehlenswert ist die Auseinandersetzung zum Thema Gewalt: https://pzkb.de/wp-content/uploads/2025/09/Dekolonial-inspiriertes-Methodenhandbuch_Plattform-ZKB.pdf

Broschüre zu Awareness von AWA*, die eine gute Einführung bietet: https://awa-stern.info/wp-content/uploads/AwA-STERN-Lernunterlage-A4_web3.pdf

Nachlese bei der IG Kultur Wien zum Awareness-Konzept bei Veranstaltungen: https://igkulturwien.net/kis/kultur-veranstalten-in-wien/awareness-und-umweltgerechtigkeit-2026

Link zum amtlichen Formular zum Ausfüllen für das Awareness-Konzept bei Veranstaltungen in Wien: https://www.wien.gv.at/downloads/ma36/awarenesskonzept-muster.docx

Website des Awareness-Instituts; ein Zusammenschluss von Awareness-Aktiven aus dem deutschsprachigen Raum: https://awareness-institut.net/

Zur weiteren Recherche: Besonders empfehlenswert sind hier die Tools der Awareness-Arbeit Weiterführende Materialien- und Linksammlung von AWA*: https://awa-stern.info/materialien/