Netzaktivismus: Vom Hashtag zum Handeln
Es beginnt oft mit einem Klick. Eine Story, ein Posting, ein Kommentar, eine Petition unterschreiben zwischen Tür und Angel. Die bekanntesten Beispiele reichen von #MeToo und #BlackLivesMatter über die junge Klimabewegungen, #Kulturlandretten gegen Kürzungen im Kulturbereich und die zahlreichen Kampagnen von #Aufstehn. Mit einem Klick Haltung zeigen ist leicht, doch ab wann hat der Netzaktivismus einen echten Impact?
Die Realität des Netzaktivismus ist kompliziert. Ein Posting alleine reicht natürlich nicht. Zwischen dem flüchtigen Story-Share und einer politischen Veränderung liegen oft viele Zwischenschritte. #Aufstehn ist eine gemeinnützige und parteipolitisch unabhängige Kampagnenorganisation, die sich unter anderem für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Klimaschutz einsetzt. Dort sind es Menschen wie Christian Haslinger und Fatima Jost, die versuchen, aus Aufmerksamkeit politischen Druck zu machen. Dabei kommt man an der Aufmerksamkeitsökonomie nicht vorbei, so Jost: „Es geht um die ersten drei Sekunden. Entweder wir catchen dich oder wir catchen dich nicht“. Die Mechanismen sind jene einer Plattformökonomie, die Emotionen belohnt. Empörung, Überraschung, Identifikation. Doch Jost widerspricht der Vorstellung, es gehe bloß ums Aufregen: „Ich würde es gar nicht primär so als Aufregen sehen, sondern eher als ein Aufmerksammachen auf Probleme, die wir haben."
Ethische Empörung
Soziale Medien sind nicht der Ort, an dem politische Anliegen entstehen. Aber ein Ort, an dem man Menschen erreichen kann. Vor allem jüngere Menschen informieren sich fast ausschließlich über Soziale Medien. Eine Herausforderung, denn der Algorithmus verändert sich ständig, und mit ihm die Regeln der Sichtbarkeit. Christian Haslinger, Kampagnenmanager bei #Aufstehn beschäftigt sich mit der nächsten Frage: Was passiert nach dem Klick? Seine Themen sind Rechtsstaat, Justiz und Medienpolitik. Nicht gerade jene Felder, die üblicherweise auf Social Media viral gehen. Gerade deshalb, sagt er, müsse man komplexe Themen verständlich machen - und dafür braucht es Emotionen. "Wir versuchen, komplexe Themen herunterzubrechen und trotzdem so, dass es die Menschen mitnimmt,“ so Haslinger.
Das klingt zunächst nach jener Empörungsmaschine, die soziale Medien ohnehin ständig antreibt. Haslinger sieht darin jedoch vor allem ein Werkzeug. Wer Menschen bewegen wolle, müsse zunächst deutlich machen, warum ein Problem sie überhaupt betrifft. Es braucht ein wenig Empörung, doch die sollten nicht im Gegensatz zu Fakten stehen. Der Erfolg einer Kampagne misst sich aber nicht nach den Reaktionen in den Sozialen Medien oder der Anzahl der Unterschriften auf der Petitionsplattform: "Die Unterschrift ist ja nur der erste Schritt,“ so Haslinger. #Aufstehn versucht den Menschen viele Tools nahezulegen, nach einer Petition folgen Mails an Entscheidungsträger, Telefonaktionen, Demonstrationen oder öffentliche Kampagnen. Erst dort beginnt die eigentliche politische Arbeit. Ob eine Petition 10.000 oder 100.000 Unterschriften sammelt, sei letztlich weniger wichtig als die Frage, ob daraus reale Konsequenzen entstehen.
Digitale Guerilla
Eine ähnliche Erfahrung hat Monika Klengel gemacht. Die Theatermacherin vom Grazer Theater im Bahnhof gehört zu den Initiatorinnen der Kampagne #Kulturlandretten, sie fand davor bereits in Oberösterreich unter ähnlichen Vorzeichen statt. Als sich in der Steiermark drastische kulturpolitische Veränderungen abzeichneten, entstand eine breite Mobilisierung von Kunst- und Kulturinstitutionen. Geholfen hat ihnen eine Art digitale Guerilla-Aktion: „Wir haben einen Hashtag der Wirtschaftskammer Österreich gekapert,“ so Klengen. Unter dem Hashtag der Wirtschaftskammerkampagne #brauchenwir veröffentlichten Kulturinstitutionen Videos, in denen sie sichtbar machten, was verschwinden würde, wenn Kultur als gesellschaftliche Infrastruktur geschwächt wird. Nicht ein zentraler Account verbreitete die Inhalte, sondern hunderte Einrichtungen selbst. Klengel glaubt, dass genau dieser dezentrale Ansatz die Kampagne über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat: „Das hat uns enorme Reichweiten gebracht."
Hat die Kampagne ihre Ziele erreicht? Nicht vollständig. Die Geldsorgen sind geblieben. Politische Konflikte ebenfalls. Und doch spricht Klengel von Erfolg: „Ich habe schon das Gefühl, dass das Thema Kulturpolitik in der Steiermark mittlerweile ein Faktor ist, über den gesprochen wird." Vielleicht liegt darin eine Erkenntnis, die viele Debatten über Netzaktivismus übersehen. Die entscheidende Frage lautet womöglich gar nicht mehr, ob Protest online oder offline stattfindet. Viel wichtiger ist, ob ein Schritt auf den nächsten folgt - und das Anliegen in den Screens stecken bleibt oder auch in der echten Welt ankommt. Manchmal ist es der erste Schritt - oder besser: der erste Klick, den danach weitere Schritte in Gang setzen kann. Deshalb t sollte man Netzaktivismus nicht danach beurteilen, was auf dem Display passiert. Sondern danach, ob Menschen irgendwann aufstehen.
Podcast: Netzaktivismus - vom Hashtag zum Handeln
Im Gespräch mit Christian Haslinger und Fatima Jost von #aufstehn sowie Monika Klengel von #Kulturlandretten geht es um Petitionen, Social Media, Reichweite, Empörung und die Frage, wie aus einem Klick gesellschaftliche Veränderung werden kann. Die ganze Folge jetzt anhören.
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Kultur macht Gesellschaft? Aber wer macht eigentlich Kultur? Was will ich hier eigentlich und was hat das Ganze mit mir zu tun? Patrick Kwasi von der IG Kultur zu Hoch-, Sub- oder auch mal Unkultur - aber jedenfalls immer persönlich mit den Leuten, die da auch drinstecken. Machst du eigentlich auch „was mit Kultur“?
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Patrick Kwasi macht „was mit Kultur“, sonst macht er auch was mit Medien. Er hat Medienkommunikation studiert und macht die Medienarbeit der IG Kultur. Meistens versucht er Dinge zu verknüpfen und hat am Ende mehr Fragen als Antworten.
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