Kultur dokumentieren: Was bleiben soll

Wenn ein Kulturverein die Arbeit einstellt drängt sich auch die Frage auf, was mit den Archivalien und Dokumentationen geschieht. Aber was sollte überhaupt aufgehoben werden, und wen interessiert es?

© studio BRETT FORM KOPF

Der Umgang mit Dokumentationen von Gegenwartskultur wird äußerst unterschiedlich gehandhabt: Von manchen Akteur:innen wird sorgsam jedes Ereignis und jeder Arbeitsschritt dokumentiert, während andere wenig Sinn darin sehen, sich an frühere Werke zu erinnern. Generell gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen künstlerischen Sparten und Ausdrucksformen, denn ein Konzert kann nicht im gleichen Medium wie ein gedruckter Text dokumentiert werden. Die Zugänge, was wie aufgehoben und zugänglich gemacht wird, variieren auch aus anderen Gründen.

Für Kulturvereine spielt die Frage nach der Bewahrung von Erinnerungen in Zeichen unklarer Zukunft eine große Rolle: Sei es, weil die Betreiber:innen ihre Organisationen im Pensionsalter schließen, anstatt sie an Jüngere zu übergeben, oder sei es, weil sie wegen Förderkürzungen oder aus anderen Gründen ihren Betrieb einstellen müssen. Diese Szenarien sind gegenwärtig und im Blick auf die kommenden Jahre für viele aktuell – und mit ihrem Verschwinden laufen auch die Archive der Kulturvereine Gefahr, aufgelöst zu werden und zu verschwinden. Öffentliche Sammlungen sind mit ähnlichen Problemen konfrontiert:
Räumliche und finanzielle Ressourcenknappheit führt immer wieder dazu, dass Sammlungen und Dokumente abgelehnt werden müssen. Die Ablehnung erfolgt in der Regel seitens der Leitungen der Sammlungen, die vor der Herausforderung stehen, die vorhandenen Kapazitäten verantwortungsvoll zu verwalten.

 

Wer archiviert – und warum?

Während große / größere Kulturinstitutionen am ehesten Ausstellungen und Veranstaltungen dokumentieren, wird das von anderen Initiativen, Vereinen und Künstler:innen öfter vernachlässigt. Für „die Kleinen“ hat das oft pragmatische Gründe: Es erfordert Zeit und andere Ressourcen, die nicht immer vorhanden sind, und die dann für die Produktion neuer Werke fehlen. Für manche Einzelpersonen erschöpft sich die Notwendigkeit in der Erwähnung für ihre Lebensläufe, andere legen darauf Wert, über noch so weit zurückliegende Arbeiten detailliert Auskunft geben.

In Kulturbetrieben, -initiativen und -vereinen bekommt der Zugang zum Bewahren eine kollektive Funktion: Was heben wir gemeinsam auf, und in welcher Ordnung? Werden von der Performance nur die Fotos aufbewahrt, oder auch Texte und Videoaufnahmen? Reicht es, wenn diese Dokumente für Förderbelege und Social Media kurzfristig aufgehoben werden, oder ist es ein Verlust, wenn man in 30 Jahren nicht mehr von dieser Veranstaltung weiß?

 

Die normative Kraft des Praktischen

Diese Überlegungen führen oft direkt oder indirekt zur Frage der Relevanz, die sich oft aus Kapazitäts- und Ressourcengründen aufdrängt: Wenn die Räume des Vereins aus allen Nähten platzen oder das Budget mehr schlecht als recht für den laufenden Betrieb reicht, wird die Entscheidung wahrscheinlich gegen erweitertes Archivieren oder den Zukauf von Sekundärliteratur ausfallen. Was für den Verein als wichtig gesehen wird, bekommt Priorität, während weniger bedeutsame Dokumente und Objekte nicht aufgehoben werden. Manchmal wird daher nur ein Minimum aufgehoben, oder gar alle Ressourcen in die künstlerische Produktion gesteckt – viele unterschiedliche Zugänge sind hier zu beobachten. Nicht selten kann das Archivieren nur auf freiwilliger Basis geschehen, und wird deshalb manchmal vernachlässigt.

 

Öffentliches Interesse

Ob das Freiheitsgefühl der 1970er oder die Entwicklung des Jazz: Wir wissen darüber, weil die Bewegungen und Entwicklungen dokumentiert wurden – und ahnen nur, welche Ereignisse off the record stattfanden. In beiden Fällen war zu Beginn kaum institutionelles Interesse für die Dokumentation ausschlaggebend.
Da Kultur nicht nur für die Produzent:innen und Verteiler:innen, sondern auch für das Publikum, die Besucher:innen und die Nachwelt eine enorme Relevanz hat, spielen die Fragen nach der Erinnerung und Zugänglichkeit auch für die Gesellschaft eine Rolle. Ihnen werden gesetzliche Aufträge – etwa die Zusendung von Exemplaren veröffentlichter Bücher an diverse Bibliotheken – nur teilweise gerecht, denn sie erfassen manche (oft digitale) Medien bisher kaum bis gar nicht. Was nicht als Buch veröffentlicht wurde, ist weit seltener in Bibliotheken zu finden, und Kunst (im engeren Sinn) wie Kultur (im weiteren Sinn) wird unterschiedliche Priorität zugemessen. Die beste Lösung für Recherchen ist es daher in manchen Fällen, direkt bei den Organisationen und Vereinen nachzufragen, was für viele Suchen jedoch nicht praktikabel ist – und mit wachsendem zeitlichen Abstand immer schwieriger wird.

Über spezifische Kulturvereine hinausgehende Sammlungen können eine Abhilfe sein – dies wird an Einzelbeispielen klar ersichtlich. Ein etabliertes Archiv in Österreich für zeitgenössische bildende Kunst ist die „basis wien“, in der seit 1997 Dokumente gesammelt und zu großen Teilen in einer Datenbank online zugänglich gemacht werden. Sie erfasst auch Dokumente wie Flyer, die von vielen Bibliotheken nicht gesammelt werden, aber für Recherchen ebenso wichtig sein können, und verknüpft in der Datenbank Kategorien wie Organisationen, Personen und Ausstellungen.
Die Relevanz dieser Institution wird unterschiedlich gehandhabt: So wird sie unter anderem von sechs Bundesländern gefördert, die Steiermark ist jedoch nicht darunter. Da es in unserem Bundesland kein vergleichbares Archiv gibt, wird ein Großteil der Dokumente (wenn überhaupt) nur von Kulturvereinen und Einzelpersonen gesammelt. Wenn diese ihre Sammlungen aufgeben (müssen), kann das unwiederbringliche Verluste bedeuten.

 

oder kann das weg?

Die begrenzten Ressourcen beschränken die Arbeit der Archive, doch alles ungefiltert aufzubewahren ist auch unter optimalen Rahmenbedingungen nicht möglich oder erstrebenswert. Neben den praktischen Einschränkungen spielt auch die Frage nach der Relevanz der Archivalien immer eine Rolle. Trotz der sorgfältigsten Planung ist nie klar, was für zukünftige Gesellschaften und Forschungen relevant sein wird: Welche Künstler:innen werden rezipiert, welche Gedanken haben Steine ins Rollen gebracht? Wer will mit welcher Intention an etwas erinnern oder diese Erinnerung auslöschen? Überlegungen dazu können helfen zu entscheiden, was bewahrenswert ist.
Solche Überlegungen machen auch für Künstler:innen und ihre eigenen Werke Sinn: Was soll damit geschehen, wenn man selbst einmal nicht mehr darüber entscheiden kann? Dabei können Anlaufstellen wie das „Österreichische Forum für Vor- & Nachlässe bildender Kunst“ unterstützen, die es für andere Sparten oder den weiteren Bereich der Kultur jedoch (noch) nicht gibt.

Die Bewahrung von Kulturgut ist im öffentlichen Interesse. Dass dazu nicht nur die „Hochkultur“ zählt, hat sich noch nicht überall herumgesprochen.