Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Diversifizierung unserer Gesellschaft ist es für eine langfristige Perspektive von Kunst- und Kulturvereinen – wie auch allen anderen gesellschaftlichen Organisationen – unabkömmlich, bei der Thematik des Generationenwechsels auf allen Ebenen auch Diversitätsprozesse mitzudenken.
Monika Pink im Gespräch mit Anne Wiederhold-Daryanavard.
Monika Pink– Wie ist es aus deiner Sicht um die Diversität in der heimischen Kunst- und Kulturszene bestellt?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Wenn ich den Kanon der großen, etablierten Kulturinstitutionen in den Fokus nehme, dann sind die – zum Teil sogar seit Jahrhunderten – ganz klassisch geprägt: weiß, westlich, sehr patriarchal und kommerziell. Auch der Habitus, wie dort Kunst und Kultur überhaupt verstanden wird, ist sehr tradiert: Hier die Exzellenz auf der Bühne, da das Publikum als Rezipierende.
Warum sollten sich Kulturbetriebe mit Diversität beschäftigen?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Wenn Kunst und Kultur weiterhin etwas mit der Gesellschaft zu tun haben will und relevant bleiben möchte, dann muss sie sich diversifizieren, da unsere Gesellschaft divers ist. Es ist ja schließlich auch so, dass alle Steuern dafür zahlen. Das heißt, Kunst und Kultur sollte auch uns allen als Lebensqualität, als Resonanzraum, Spiegel der Gesellschaft und Ort der Utopie zur Verfügung stehen. Wenn allerdings in diesen Kulturräumen vor allem Geschichten erzählt werden, die nichts mit einem selbst zu tun haben, verlieren sie ihre Wirkung. Man sieht das daran, dass das Publikum und die Abonnent*innen immer älter werden, das hat nichts mehr mit den Jugendlichen und dem zukünftigen Publikum zu tun. In den Schulklassen ist heutzutage ein ganz anders Wissen hinsichtlich Mehrsprachigkeit und Digitalisierung vorhanden – und dies gilt es auch mit dem Kultursektor zu verknüpfen.
Inreach statt Outreach! Es bringt nichts, Diversität im sogenannten Outreach-Bereich einer Kulturinstitution anzusiedeln.
Du empfiehlst Institutionen, ihre Struktur, Inhalte, Angebote und Haltungen in Bezug auf Diversität und Diskriminierungen kritisch zu reflektieren. Welche Schritte sind da notwendig?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Wir sagen immer: Inreach statt Outreach! Es bringt nichts, Diversität im sogenannten Outreach-Bereich einer Kulturinstitution anzusiedeln. Das ist dann immer so ein Add-on, wo man sagt, jetzt machen wir auch ein Diversity-Projekt. Das rüttelt aber überhaupt nicht an einem Kanon, an den etablierten Strukturen. Worum es wirklich geht, ist, die DNA, also das, wofür die Kulturinstitution steht, zusammenzubringen mit der heutigen, heterogenen Gesellschaft.
Was verstehst du unter „Inreach“?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Inreach heißt nach innen zu schauen: Wie ist die Kulturinstitution aufgestellt, wie divers ist das Personal auf welchen Entscheidungsebenen? Diversitätskompetenz beginnt letztlich bei einem selbst. Das bedeutet, dass du als Kulturarbeiter*in dich zu fragen hast: Wie steht es um mein diskriminierungskritisches Verhalten und Bewusstsein? Das fängt im Alltag an: Wie gehe ich mit meinen Nachbar*innen um? Mit den Mitschüler*innen meiner Kindern? Wie verhalte ich mich in der Straßenbahn oder im Bus? Das heißt, dass ich vielleicht anfange, rassistische Medienberichte zu hinterfragen. Dass ich vielleicht anders zuhöre, dass ich mir vornehme, neue Leute kennenzulernen. Dass ich mit den Lebensexpert*innen z.B. Menschen mit Fluchterfahrungen oder Menschen mit Diskriminierungserfahrungen selber direkt spreche und dadurch eine andere Sicht auf die Welt bekomme als die, die in den Medien propagiert wird.
Was bedeutet das für die Strukturen einer Kulturinstitution? Wie kann man da neue Sichtweisen integrieren?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Auf institutioneller Ebene bedeutet das, das Personal zu diversifizieren, mehrsprachgig zu arbeiten, „postmigrantische“ Künstler*innen zu engagieren. Wenn du andere Künstler*innen einlädst, erreichst du auch ein ganz anderes Publikum. Das geht aber nur, wenn du Personen hast, die überhaupt die Kenntnis haben, ein anderes Programm zu kuratieren. Das kann auch bedeuten zu kooperieren, wenn ich die Kompetenz selber (noch) nicht habe. Dann suche ich mir die Expert*innen und überlege mir: Um welches Thema geht es, um welche Sprache geht es, um welches Instrument oder was auch immer? Da kann ich ja in Österreich alles finden. Ziel muss jedenfalls sein, in der Organisation selber zu beginnen, ein diskriminierungskritisches, multiperspektivisches Personal aufzubauen. Eines, das verschiedene Sprachen spricht, verschiedene Diskriminierungserfahrungen mitbringt und wo Menschen agieren, die überhaupt ganz neue Ideen haben, vielleicht auch ganz neue Formate entwickeln.

Teamfoto Brunnenpassage 2023 © Igor Ripak
An welche Formate denkst du da?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Vieles, was über Jahrzehnte funktioniert hat, hat vielleicht nichts mehr mit den heutigen Lebensgewohnheiten zu tun. Durch Corona zum Beispiel ist sehr viel mehr in den öffentlichen Raum verlegt worden, wo wir ähnlich wie zu Shakespeares Zeiten wieder auf den Marktplatz gehen. Es braucht Formate, die einfach anders sind, als Publikum in roten Plüschsesseln hintereinander zu reihen. Wo viel mehr Bewegung im Raum ist, wo viel mehr Leute auch mitwirken können, wo sich verschiedene Kunstgenres überlappen, also Transdisziplinarität wichtig ist. Es gibt da seit längerem schon viele super Ansätze. All das funktioniert auf Dauer nur dann nachhaltig und mit der notwendigen Qualität, wenn wir geschultes Personal in den Häusern haben, das loslegt und neue Programme plant. Spannend sind z.B. auch Formate, die partizipativ und generationsübergreifend sind.
Wie lässt sich das auf kleinere Kulturinitiativen oder -vereine umlegen?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Ich glaube das Um und Auf ist, dass man mehr Austausch hat, dass man aus diesen segregierten Gruppen rausgeht, dass man Dinge gemeinsam macht – egal, ob es ein Auftritt, eine Einreichung oder ein Fest ist. Dass ich mir schon vor der Konzeption und bei jeder einzelnen Entscheidung überlege: Mit wem kann ich das zusammen konzipieren? Wen nehme ich mir noch dazu, der möglichst anders ist als ich selber? Gerade für Vereine wäre es interessant, sich da einfach mal zum Beispiel mit einem lokalen „post-migrantischen“ Kulturverein zusammen zu tun und etwas gemeinsam zu machen und sei es im Gasthaus in einem kleinen Dorf.
Viele Vereine sind auf Ehrenamtliche angewiesen und möchten auch hier neue, jüngere Menschen ansprechen? Hast du da Tipps?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Wir haben bei der Brunnenpassage auch ein großes Team an Ehrenamtlichen. Drei Viertel davon sind Menschen, die noch im Asylverfahren sind, die leider per Gesetz nicht arbeiten dürfen. Die wollen gern irgendwas Sinnvolles tun und treffen bei uns unter anderem auf pensionierte Menschen, die Zeit haben und die ebenfalls sagen, sie wollen weiterhin etwas Sinnvolles in ihrem Leben machen. Das ist sehr schön, wenn die dann miteinander agieren. So etwas wäre ja auch für andere Vereine möglich. Also, so schwer ist es nicht, weil die Menschen sind ja überall da.
Was ist bei dieser Zusammenarbeit wichtig?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Ganz wichtig ist, diese paternalistische Haltung abzulegen, die viele Leute zum Teil auch unbewusst haben: Ich gebe Dir die Möglichkeit, im Kulturbereich mit dabei zu sein. In Wahrheit ist es ja genau umgekehrt: Die andere Person ist bereit, mit mir zusammenzuarbeiten – in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich viel von ihrem Know-how und ihrer Erfahrung gibt und möglicherweise gar nicht auf Augenhöhe behandelt wird. Das passiert leider ganz oft. Daher finde ich es richtig, den Leuten ganz offen und ehrlich zu sagen, wo man steht und wo man hinmöchte, also zum Beispiel: Ich gebe zu, ich stehe total am Anfang, aber ich würde gerne unser Projekt diverser aufstellen und ich glaube, ich könnte viel von dir lernen.

Klangforum © Brunnenpassage
Welche weiteren Empfehlungen kannst du aus deiner Erfahrung für Diversitätsprozesse geben?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Ich denke, es ist Vieles learning by doing. Es gibt da kein Patentrezept, das sind richtig neue Wege und bestimmte Sachen sind überall einzigartig. Wir sagen manchmal in unserer Arbeit: Das sind neue Synapsen, die in einer Stadt wachsen, denn diese Denkwege und Kommunikationsweisen gibt es noch nicht. Eines ist für mich klar: Wenn man zusammenarbeitet in einer neuen Konstellation oder mit einem anderen Verein oder einer neuen Institution und sich nicht zusätzlich auch noch Raum für Reflexion nimmt, ist es eigentlich zum Scheitern verurteilt. Diversität braucht Zeit. Es braucht Vertrauen, es braucht Mut, es werden Fehler gemacht werden. Es ist ein langer Weg. Denn all die Rassismen und Ausschlussmechanismen, die in unserer Gesellschaft existieren und jetzt gerade so ganz extrem wieder schlimmer werden, ziehen sich ja im Kulturbereich auch massiv durch.
Was braucht es aus deiner Sicht von kulturpolitischer Seite?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Die Verankerung von Diversität in den Förderkriterien, also dass es Punkte dafür gibt, ob du bestimmte Diversitätskriterien erfüllst oder nicht. Es wäre meiner Meinung nach nicht so schwierig, das mit aufzunehmen, aber das wird momentan zumeist nicht abgefragt. Zu fragen: Sind in dem eingereichten Projekt im Leading-Team des Kulturvereins, bei deiner Ausstellung oder was auch immer verschiedene Perspektiven vertreten? Sind da postmigrantische Lebensrealitäten genauso vertreten?
Die Ausschreibung ist das eine, wer sie beurteilt, das andere …
Anne Wiederhold-Daryanavard– Absolut. Ich finde, die Beiräte müssen anders besetzt sein. Es gab ein paar Versuche, aber das ist dann z.B. eine von sechs Personen, die Diversitätskompetenz mitbringt. Natürlich müsste man auch im Personal der Kulturpolitik selber, also bei all den verbeamteten Leuten in den Ministerien oder in den städtischen Verwaltungsapparaten zusehen, dass mehr Diversität vorhanden ist. Vor allem auch bei den Leiter*innen der Kulturinstitutionen: Es gibt hauptsächlich österreichische und deutsche Leitungspersonen in Österreich, obwohl die Bevölkerungsstruktur eine andere ist. Im Bereich von Gender ist es natürlich einfacher, zum Beispiel mit Quoten bei Besetzungen zu arbeiten. Aber hinsichtlich der anderen Diversitätskategorien, wie z.B. Alter, Klassismus oder auch Ableismus ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.
Welches Potenzial hat eine inklusive, multiperspektivische und generationenübergreifende Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft?
Anne Wiederhold-Daryanavard– Ich glaube einfach daran, dass über Kunst Menschen zusammenkommen können, auf andere Ideen kommen können, sich selber anders erleben können und dass in großen Kunstwerken auch Zeichen gesetzt werden können. Ich wünschte, es wäre uns allen mehr bewusst, welche Wirkung die Kunst hat in Bezug auf viele große Fragen dieser Welt wie Gewalt und Kriege, Klima, Armut und viele mehr. Um diese zu lösen, braucht es verschiedene Perspektiven, es braucht indigene Perspektiven genauso wie Perspektiven von Menschen, die von Ausschluss oder von Armut betroffen sind oder im Rollstuhl sitzen. Es ist ein großes Potential, all diese Perspektiven zu nutzen, weil die Kunst so viel kann.
Anne Wiederhold-Daryanavard ist Mitgründerin und im künstlerischen Leitungsteam der Brunnenpassage Wien www.brunnenpassage.at. Im Rahmen des D-Arts Projektbüro für Diversität begleitet sie Diversitätsprozesse im Kultursektor www.d-arts.at
Monika Pink ist selbstständige Diversity-Beraterin und -Trainerin. www.monika.pink.at
Buchtipp: Pilic, I. & Wiederhold-Daryanavard, A. (Hg.) (2021). Kunstpraxis in der Migrationsgesellschaft. Transkulturelle Handlungsstrategien der Brunnenpassage Wien (2., überarbeitete u. erw. Aufl.), Bielefeld: transcript.
https://www.brunnenpassage.at/diskurs/publikationen/kunstpraxis
Coverfoto: © Igor Ripak

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.25 „ÜBERGABE KULTUR“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5,50 €) bestellt werden.