Ehrenamt künftig ohne Vorarlberger Landesregierung? Kommentar zur Auflösung des Büros für freiwilliges Engagement und Beteiligung

Das Büro für freiwilliges Engagement und Beteiligung, kurz FEB, wird laut Presseaussendung des Landes Vorarlberg bis Mitte 2025 aufgelöst – eine politische Entscheidung, die in Vorarlberg eine tiefe Kerbe in freiwilliges Engagement, Jugend- und Bürger:innenbeteiligung und Kommunikationskultur schlagen wird.

Diese Nachricht erschüttert nicht nur uns - wie unzählige Akteur:innen und Einrichtungen im Bereich des freiwilligen Engagements schätzen wir das Büro für Ehrenamt und Beteiligung sehr. Vor allem während der Pandemie, aber auch in Bezug auf das Bildungsprogramm für freiwillig Engagierte und in aktuellen Themen rund um Vereinsarbeit, Generationenwechsel oder Nachhaltigkeit arbeiten wir als Interessensvertretung für unabhängige, gemeinnützig tätige Kulturvereine eng zusammen. Laut Pressemeldung der Vorarlberger Landesregierung vergangenen Freitag soll diese von vielen Expert:innen getragene, hervorragend kommunizierende und unterstützende Abteilung bald der Geschichte angehören.

 

„Rund die Hälfte der Vorarlbergerinnen und Vorarlberger engagiert sich freiwillig. Das ist eine große Stärke unseres Landes. Freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir profitieren davon, dass sich viele Menschen für das Wohl anderer einsetzen und mehr leisten, als notwendig wäre.“ 

So beschreibt die Vorarlberger Landesregierung im Arbeitsprogramm 2024 bis 2029 in Kapitel 4 „Zusammenhalt für ein gutes Miteinander“ die Bedeutung des freiwilligen Engagements für das Bundesland. Außerdem heißt es, dass die Regierung sich zur Sicherung der nötigen Rahmenbedingungen bekenne, insbesondere für Blaulichtorganisationen, Vereine, Verbände und informelle Freiwilligenarbeit. „Durch das Engagement der Freiwilligen werden Werte geschaffen, die unser Land bereichern.“ 

Aufgrund dieses Bekenntnisses, dem innerhalb der Legislaturperiode bis 2029 weiterhin Rechnung getragen werden soll, irritiert die Entscheidung, das FEB aufzulösen und in etliche andere Abteilungen verschiedener Ressorts wie Elementarpädagogik, Schule und Gesellschaft, Umwelt, Klimaschutz und Jugend unterzubringen. Eine über 25 Jahre gewachsene Team-Struktur mit weitreichender Expertise soll damit beendet und die zehn Mitarbeiter:innen den Abteilungen getrennt den verschiedenen Ressorts zugeteilt werden. Noch bis Mitte des Jahres soll die Abteilung jedoch im Miteinander beraten, informieren, konzipieren, gestalten und alle Generationen methodisch und sehr vorausschauend darin unterstützen, Zugang zum Ehrenamt und dessen Erhalt zu sichern.
 

Freiwilliges Engagement in Vorarlberg

Ehrenamtliche Arbeit hat für das gesamtgesellschaftliche Funktionieren und die Solidarität untereinander eine hohe Bedeutung. In Vorarlberg sind es mit Stand Dezember 2024 über 200.000 Personen, die sich engagieren; in ganz Österreich waren das im Jahr 2022 laut Erhebung 3,73 Mio. Menschen - davon 21,6%  im Bereich Kunst, Kultur und Unterhaltung. Im Europavergleich teilt sich Österreich mit Schweden, Großbritannien und den Niederlanden den Spitzenplatz in der Anzahl freiwillig engagierter und aktiver Menschen.

Gleichgültig, ob zivilgesellschaftliches Engagement freiwillig, ehrenamtlich oder hauptberuflich organisiert ist, es ist eine tragende Säule der Demokratie und bewältigt auf Initiative von Bürger:innen gesellschaftliche Herausforderungen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass nicht alle Menschen die Chance haben, sich freiwillig in gesellschaftliche Themen einzubringen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Soziale, kulturelle, wirtschaftliche und strukturelle Barrieren können den Zugang zu Teilhabe erschweren oder gar verhindern. Diese Barrieren abzubauen oder sie gar zu verhindern, versteht das FEB!

 

Entstehung und Pionierarbeit

Mit Ende 1999 richtete die Vorarlberger Landesregierung in thematischer Erweiterung des Umweltinformationsdienstes (UID) das Büro für Zukunftsfragen (ZuB) als eigene Stabsstelle im Amt der Landesregierung ein. Das Büro für Zukunftsfragen verstand sich als Impulsgeber und Schnittstelle für zukunftsfähige Entwicklungsprozesse, indem es innovative Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung förderte. Zu diesem Zweck wurden engagierte Menschen dabei unterstützt, innovative Lösungen für aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen zu finden und erfolgreich umzusetzen. Die Pionierarbeit dieser Abteilung fand international Anerkennung, weil Vorarlberg 2013 etwas sehr Fortschrittliches tat und sich in Artikel 1, Abs. 4 der Landesverfassung „zur direkten Demokratie in Form von Volksbegehren, Volksabstimmungen und Volksbefragungen“ bekannte und damit „auch andere Formen der partizipativen Demokratie“ fördert. 
Eine neuerliche Veränderung für das Büro gab es 2020 mit der Fokussierung auf die Themen freiwilliges Engagement und Beteiligung. Dementsprechend wurde es umbenannt, statt ZuB hieß es fortan FEB - der Bereich Zukunft war namentlich getilgt, hält sich im Sprachgebrauch aber bis heute.


Was das FEB bietet

Der FEB-Service und die vielfältigen Angebote können als Errungenschaften für freiwilliges Engagement und das Gelingen gesellschaftlichen Zusammenlebens mit demokratischer Beteiligung gewertet werden - denke man nur an die Bürger:innenräte. Immer im Blick die Themen der Zukunft wie Generationenwechsel in Vereinen oder Professionalisierung im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. 

Die Vorteile für ein Vorarlberg, das in gegenseitigem Verständnis, mit Solidarität, beherzter Unterstützung und achtsamem Bewusstsein über alle Unterschiede hinweg in Bezug auf Umwelt, Klima, Gesellschaft und ja, auch Wirtschaft, zukunftsfähig bleiben kann, liegen nicht nur auf der Hand, sondern auf einem funkelnd polierten Servierteller. Unbegreiflich also, dass im Rahmen eines radikalen Sparkurses ein derart „profitabler“ Bereich, wie die Landesregierung es im Arbeitsprogramm selbst beschreibt, aufs Spiel gesetzt wird. Die tragende Säule Ehrenamt, die dem Land wertvolle Ressourcen schenkt, sieht sich mit Auflösung der Abteilung einem strukturellen Beben ausgesetzt. Bis Mitte 2025 sollen die zehn Mitarbeiter:innen in vier Abteilungen aufgeteilt werden, damit „Knowhow stärker intern genutzt, Synergien vertieft und Kompetenzen neu fokussiert werden", wie es die Landesregierung in der Mitteilung formuliert.
 

Sind die Würfel gefallen?

Gerade jetzt in der finanziellen Krise würde es die Teamarbeit dieser noch bestehenden Abteilung besonders brauchen, um weit über die Einrichtung Landhaus hinaus mit anderen engagierten, v.a. auch jungen Menschen, professionell agierenden Vereinen, Verbänden, Organisationen und Gebietskörperschaften an ressourcenschonenden und regenerativ angelegten Synergien zu arbeiten. Synergien, die der gesamten Gesellschaft Gewinne einfahren werden, die wir heute in ihrer Tragweite wahrscheinlich noch gar nicht erahnen können. Für jetzt scheinen die Würfel gefallen, aber die österreichische Politik hat uns eines gelehrt: Es lohnt, an die Kraft der Reflexion und politische Umentscheidungen zu glauben.
 

Alle Informationen zum Bereich "freiwillig engagiert" auf der Website der Vorarlberger Landesregierung hier.

 

Artikelfoto: von der Website des FEB, Bildrecht: Angela Lamprecht Fotografie
Im Bild v.l.n.r.: Kriemhild Büchel-Kapeller, Klemens Thaler, Bertram Meusburger, Yvonne Wolf, Dagmar Fontain, Lydia Fischkandl, Julia Stadelmann, Kira Hoffmann, Michael Lederer, Christoph Kutzer
 

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