Don’t be creative!

Das Kreativsubjekt kann alles. Es platzt vor Potenz. Es ist frei, flexibel, spontan, mobil und insgesamt herrlich. Insofern liebt es jeder - und am meisten liebt es sich selbst. Für die einen ist es der perfekte Bürger, Subunternehmer und Selbstversicherer, ein "Unternehmer seiner selbst": emsig fortschreitend auf dem langen Marsch zu Fortbildung und Selbstmanagement, vertraut mit den arkanen Taktiken des Guerillamarketings, gestählt in den Schützengräben permanenter Bildungsoffensive. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!

Was ist eine eierlegende Wollmilchsau? Ein Wesen, das alle an es gerichteten Anforderungen übertrifft.

Das gleiche gilt für das jüngst zu Prominenz gelangte Kreativsubjekt. Das Kreativsubjekt kann alles. Es platzt vor Potenz. Es ist frei, flexibel, spontan, mobil und insgesamt herrlich. Insofern liebt es jeder - und am meisten liebt es sich selbst. Für die einen ist es der perfekte Bürger, Subunternehmer und Selbstversicherer, ein "Unternehmer seiner selbst": emsig fortschreitend auf dem langen Marsch zu Fortbildung und Selbstmanagement, vertraut mit den arkanen Taktiken des Guerillamarketings, gestählt in den Schützengräben permanenter Bildungsoffensive. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! schrieb Marx über die klassenlose Gesellschaft. Und schon ist der erste Teil wahr!

Für die anderen aber ist Kreativität der neue Name der Knechtschaft. Denn was ist schrecklicher, als das tun zu müssen, was man sich früher kaum zu dürfen getraut hat? Layouten, designen, programmieren - kurz die Welt zu verschönern und zu dekorieren; welche entsetzlichere Fron kann es geben? Was früher Zwangsarbeit war, ist jetzt anscheinend die Kunst! Freigesetzt aus der lauschigen Geborgenheit der korporatistischen Fabriksroutine, den Fängen der Künstlersozialkasse ausgeliefert, ohne Aussicht auf Frühpensionierung - und sogar die Revolution enteignet durch markige Werbesprüche gutgelaunt-zynischer Ich-AGler! Was bleibt hier übrig, als laut zu proklamieren: Proletarier - ihr habt nichts zu verlieren außer euren Kabeln!

Aber wieso sollen wir überhaupt kreativ sein? Wozu die Produktion erbaulicher und erhebender Gefühle, der affektive Überfluss an Witz, Charme und Verführung? Denn wie folgendes Beispiel belegt, ist der gefährlichste Feind der neoliberalen Subjektphilosophie nicht etwa das von seinen Fesseln befreite Kreativsubjekt, sondern der gute alte Stinkstiefel. So meint zumindest in einer Annonce IBM:

"Kennen Sie Herman Melvilles 1853 erschienene Geschichte über Bartleby, den Büroschreiber einer New Yorker Anwaltskanzlei? Eines Tages weigerte er sich einfach zu tun, was ihm gesagt wurde. ‘Ich möchte das lieber nicht tun’, war seine Antwort - und dabei blieb er, egal was kam. Womit er seinen Chef brüskierte, seine Kollegen befremdete und schließlich dem Geschäft schadete. Die Moral der Geschichte: Wenn der Faktor Mensch nicht mitspielt, gibt es keinen Erfolg. Die schönste Geschäftsphilosophie und ausgefeilte neue Prozesse bewirken gar nichts, wenn Sie Bernd im Vertrieb, Doris in der Buchhaltung und alle anderen nicht ins gemeinsame Boot bekommen."

Was ist die Botschaft an den Faktor Mensch? Hey, Bernd! Hallo Doris! Und by the way auch Umut und Pero! Spielt nicht mit! Seid nicht kreativ! Seid übellaunig, trantütig, faul und fad! Die Rechnung ist einfach: Wenn alle kreativ sind, ändert sich gar nichts. Wenn alle das verweigern, sehen wir weiter. Ich fange schon mal damit an.

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William Gibson soll einmal gesagt haben: "The future has already happened, it’s just unequally distributed." Normalerweise wird dies verstanden als Hinweis darauf, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich weit voran geschritten seien in ihrer Adaption der Technologie, der Zukunft eben. Während sich einige bereits die Welt nicht mehr ohne Internet vorstellen können, sehen andere nach wie vor nicht ein, wieso sie sich die Mühe machen sollten, sich mit diesem Computer mehr als nur oberflächlich auseinanderzusetzen.
Je "einfacher" und "übersichtlicher" sich die Welt präsentiert, desto schwieriger lässt sie sich dekonstruieren. Oder: Wie vermittelt man gut 200.000 Studierenden möglichst einfach, dass das Computerprogramm, das sie tagtäglich mit der Selbstverständlichkeit des scheinbaren Fehlens an Alternativen benützen, plötzlich "böse" sein soll?