Ausweitung der Interventionszone. Ein Förderpreis zur Politischen Kulturarbeit

Die IG Kultur Österreich hat sich 2003 zum Ziel gesetzt, das Verständnis einer politischen Ausrichtung von kultureller Praxis mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Die Überlegung fußt auf der Einsicht, dass die globalen Entwicklungen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik auch im kulturellen Feld Verschiebungen in der Positionierung und Organisationsform nach sich ziehen werden.

Die IG Kultur Österreich hat sich 2003 zum Ziel gesetzt, das Verständnis einer politischen Ausrichtung von kultureller Praxis mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Die Überlegung fußt auf der Einsicht, dass die globalen Entwicklungen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik auch im kulturellen Feld Verschiebungen in der Positionierung und Organisationsform nach sich ziehen werden. Neoliberale Gesellschaftsmodelle, die Erosion der sozialen Systeme sowie der rasante Vormarsch neuer Kommunikationstechnologien bringen Herausforderungen mit sich, die mehr denn je auch auf Initiativen außerhalb der Hoch- und Repräsentationskultur zukommen: Kulturelle Praxis kommt an gesellschaftspolitischem Handeln, am gemeinsamen Eintreten für Öffentlichkeiten und am Konflikt nicht mehr vorbei. Im Konflikt als gemeinsamer Haltung liegt eine Chance, nicht im Kuschelkurs kokonisiert zu werden oder in der Konkurrenzideologie unter die Räder zu kommen.

Die Schwerpunktsetzung hat zu zahlreichen Debatten und Gedankengängen über Formen der Solidarität, der Netzwerkbildung sowie über Inhalte und Ausrichtung von Politischer Kulturarbeit als noch gültiger Form kulturellen Handelns geführt: Wofür steht dieser Begriff heute - ist er eine Chiffre für den Rückzug in sozio-kulturelle Nischen oder noch immer wesentlicher Antrieb für gesellschaftliche Veränderung?

Parallel dazu ist zu konstatieren, dass viele engagierte Projekte - mitunter selbst konstitutiv für Öffentlichkeiten - zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit finden. Der Quotendruck einer am Mainstream angelehnten Medienrealität bietet kaum Platz für eine Widerspiegelung der zahlreichen Erprobungsformen einer sozio-kulturellen, oft auch nonkonformen Partizipation an der Gesellschaft.

Aus diesem Grund hat die IG Kultur Österreich zum einen in einer Veranstaltungsreihe im Wiener Depot entsprechende Projekte von Kulturinitiativen vorgestellt und anhand der jeweils verwendeten Strategien und gewählten Arbeitsmethoden diskutiert. Zum anderen wurde nun erstmals international ein Förderpreis ausgeschrieben. Er wird am 9. Mai in Salzburg an Projekte vergeben, die bereits realisiert wurden und in ihrer Umsetzung exemplarisch für eine verstärkte Politisierung der Kulturarbeit stehen. Der inhaltliche Rahmen orientiert sich an drei Schwerpunktsetzungen:

Vorweg steht der Anspruch nach "Wiederherstellung von Öffentlichkeiten". Im Zuge einer globalisierten Privatisierungspolitik werden die Handlungsräume des öffentlichen Interesses zunehmend eingeschränkt. Die weltweite Verengung des freien Zugangs zu Wissen, Bildung, Medien und Kultur entwickelt sich zu einer der größten Bedrohungsszenarien für demokratische Gesellschaften. Damit rückt auch das Interesse an gegenhegemonialen Konzepten der Kulturarbeit ("Counterstrategies") in den Vordergrund. Ob in der breiten internationalen Protestbewegung gegen die WTO oder beim Aufbegehren gegen die alleinige Durchsetzung von Wirtschaftsbundinteressen in der Gemeinde - es stellt sich heute auf allen Ebenen die Frage, wie man sich der Macht der Konzerne und dem Demokratieabbau widersetzen kann.

Die besondere Berücksichtigung des Themas "Politischer Antirassismus" soll als sinnvolle Ergänzung das Bewusstsein schärfen, dass in der so genannten Globalisierung die freie Zirkulation des Kapitals, der Güter, des Konsums zwar massiv gefördert wird, die freie Mobilität der Menschen jedoch massiven Einschränkungen ausgesetzt ist, sobald Armut bzw. rassistische Diskriminierung den Ausschlag dafür geben. Kulturarbeit darf davor die Augen nicht verschließen.

Was aber ist nun der Förderpreis? Die IG Kultur wollte nicht unbedacht dem Prinzip von Auswahl und Belohnung folgen. Vielmehr wurde versucht, die Mitglieder der IG, aber auch alle anderen interessierten Institutionen und Projektgruppen anhand der veröffentlichten Schwerpunktsetzung zu einer Reflexion der eigenen Arbeit zu motivieren, vor dem Hintergrund, dass es auch etwas - ja doch! - zu gewinnen gibt: Als Anerkennung für die Politische Kulturarbeit wird die IG Kultur Österreich den Ausgewählten eine möglichst breite - und hier vor allem mediale - Öffentlichkeit erschließen, die ihnen in der alltäglichen Arbeit meist vorenthalten wird. Dies geschieht in der Folge der Verleihung gemeinsam mit PartnerInnen des Förderpreises. Der Preis ist somit ein Paket aus Sichtbarkeit und Ausweitung der Interventionszone, das neue Nachhaltigkeit erzeugen kann - ein Experiment zugegeben, das zu versuchen sich allemal lohnt.

Die öffentliche Jurysitzung, die von Referaten zum Thema eingeleitet wird und allen an Politischer Kulturarbeit Interessierten offen steht, und die anschließende Verleihung des Förderpreises 2004 zur Politischen Kulturarbeit finden am 9. Mai 2004 in der ARGEkultur Gelände Salzburg statt.

Jurymitglieder: Juliane Alton, Jeff Bernard, Tina Leisch, Monika Mokre, Gerald Raunig, Marlene Streeruwitz.


Patricia Köstring ist Vorstandsmitglied, Martin Wassermair Sprecher der IG Kultur Österreich.

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