Offener Brief an Bürgermeister Nagl und Finanzstadtrat Rüsch

Bezugnehmend auf einen Artikel der Kleinen Zeitung am 12.11.13 hat die IG Kultur Steiermark folgenden offenen Brief verfasst: Die IG Kultur Steiermark zur drohenden Rücknahme der Vertragssicherheit...

Bezugnehmend auf einen Artikel der Kleinen Zeitung am 12.11.13 hat die IG Kultur Steiermark folgenden offenen Brief verfasst:

Die IG Kultur Steiermark zur drohenden Rücknahme der Vertragssicherheit

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Nagl, sehr geehrter Herr Finanzstadtrat Rüsch,

Die IG Kultur Steiermark versteht weder Ihre Vorgangsweise noch Ihre Argumentation bezüglich der Vertragssicherheit von 2014 bis 2016 für Kulturinitiativen.
Das Prozedere der mehrjährigen Vertragsbindungen für nachhaltig agierende Kultureinrichtungen ist in Graz als erster Stadt in Österreich vor 18 Jahren eingerichtet worden und hat danach viele NachahmerInnen in anderen Bundesländern gefunden.

Eine Rücknahme dieser Vereinbarungen bedeutet de facto eine Aufkündigung der Partnerschaft zwischen der „Kulturstadt Graz“ und ihren Kulturschaffenden, ohne die die Stadt keine Kulturstadt wäre.

Vertragliche Bindungen ermöglichen Planungssicherheit und Stabilität, die für kulturelle Einrichtungen eine zentrale Voraussetzung ihrer Arbeit sind. Vor allem deshalb, weil die Kulturausgaben der Stadt jährlichen Schwankungen unterworfen sind und seit 2005 im Vergleich zum Gesamthaushalt kontinuierlich sinken.

Zudem werden die Rahmenbedingungen für die Arbeit in den Kulturinitiativen von Jahr zu Jahr prekärer. Eine Erhebung der IG Kultur Steiermark für die Jahre 2012/13 hat ergeben, dass bereits 40% der Kulturinitiativen verschuldet sind.
Eine faire Entlohnung der Arbeitsleistungen ist aufgrund der niedrigen Budgets nach wie vor unmöglich. Die Stundenlöhne sind weit entfernt von den Richtwerten für Kulturarbeit (Fair Pay). Vielfach können Leistungen nur mehr pauschal abgegolten werden. Rechnerische Stundenlöhne von zwei, drei Euro sind dabei keine Seltenheit. Für 60% der Kunstschaffenden bestehen unsichere Einkommensverhältnisse, 37% leben unter der Armutsgefährdungsgrenze – der Anteil ist also fast 3 Mal so hoch wie der der Gesamtbevölkerung mit 13%.(1)

Um die Kulturagenden aufrecht zu erhalten werden von Grazer Kulturinitiativen jährlich mehr als 140.800 ehrenamtliche Stunden geleistet – das ergibt einen Wert von 1,8 Mio. Euro! (2)

In diesem Licht betrachtet ist es höchst unverständlich, warum die Stadtregierung jetzt keine Entscheidung treffen will über eine Vertragssumme, die im Vergleich zum Gesamtbudget äußerst klein ist: es geht um nicht einmal 0,18% des Gesamthaushaltes.

Um die drastische Situation im Kulturbereich nicht noch mehr zu erhöhen appellieren wir an das partnerschaftliche Bekenntnis der „Kulturstadt Graz“, das in den letzten Jahren politischer Konsens war.

Wir fordern Sie auf, hinzuschauen, wie die Rahmenbedingungen der Grazer Kulturschaffenden tatsächlich aussehen; wir fordern Sie auf, die kulturellen Leistungen in der Stadt klar anzuerkennen anstatt sie weiter zu marginalisieren und wir appellieren an Sie, die Weiterführung der vertraglichen Bindung mit insgesamt 58 Kulturinitiativen außer Zweifel zu stellen.

Die IG Kultur Steiermark

(1) BMUKK: Studie zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich, 2009
(2) bei einem angenommen Stundensatz von 13 €

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