Kulturjahr 2020 – Nachhaltiges kulturpolitisches Handeln?

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Stadt Graz entschieden hat, das kulturelle Feld zu wichtigen Zukunftsthemen zu befragen. Wie bei Zukunftsthemen üblich, ist auch in diesem Fall viel von Nachhaltigkeit die Rede. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass wesentliche Aspekte vernachlässigt wurden.
Es ist sehr erfreulich, dass sich die Stadt Graz entschieden hat, das kulturelle Feld zu wichtigen Zukunftsthemen zu befragen. Wie bei Zukunftsthemen üblich, ist auch in diesem Fall viel von Nachhaltigkeit die Rede. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass wesentlich

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Stadt Graz entschieden hat, das kulturelle Feld zu wichtigen Zukunftsthemen zu befragen. Darüber hinaus ist es überaus positiv, dass die Kooperationen von Kulturinitiativen, die interdisziplinäre Vernetzung mit der Wissenschaft und Verteilung der Projekte über das gesamte Stadtgebiet hinweg in den Vordergrund gerückt wurden. Wie bei Zukunftsthemen üblich, ist auch in diesem Fall viel von Nachhaltigkeit die Rede. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass wesentliche Aspekte vernachlässigt wurden.

Die hohe Anzahl an Einreichungen für das Kulturjahr spricht dafür, dass es auch im kulturellen Feld auf starke Resonanz gestoßen ist. Bei aller Freude und Jubel darüber darf man auch hier nicht die prekäre Lage der Kulturschaffenden außer Acht lassen. Sie sind vielfach auf jede Art von Ausschreibung angewiesen und können sich nur von Antrag zu Antrag hangeln, von Projekt zu Projekt über Wasser halten. Umso wichtiger halten wir transparente Entscheidungen und nachvollziehbar Auswahlkriterien. Dass, aufgrund der vielen Einreichungen keine Dokumentation und Übermittlung der individuell inhaltlich begründeten Absagen möglich war, hinterlässt bei vielen Antragsteller*innen Frustration und einen bitteren Nachgeschmack. Die knappe Erklärung lautete: „Im Hinblick auf zahlreiche andere Einreichungen und unter Abwägung der unterschiedlichen Förderaspekte konnte sich Ihr Projekt am Ende in der Diskussion nicht durchsetzen“.

Offenbar wurde man von der hohen Zahl der Einreichungen überrascht oder hatte diesen Gesichtspunkt bereits vorab vernachlässigt bzw. billigend in Kauf genommen. Der Mangel an Zeit für individuelle Begründungen und somit der fehlende Ausdruck an Wertschätzung gegenüber den Kulturschaffenden und ihren Ideen, widerspricht jedenfalls der Prämisse kulturpolitisch nachhaltigen Handelns. Es erweckt den Anschein, als ob man lieber im stillen Kämmerlein diskutiert, anstatt mutig Position zu beziehen.

Das Ansinnen den Grazer*innen „Lust auf Kultur“ machen zu wollen, um so langfristig neue Publikumsschichten für den Kulturbetrieb zu gewinnen, ist löblich. Die Kulturschaffenden selbst betreffend, beschränkt sich die Nachhaltigkeit ausschließlich auf die Steigerung von Kooperationen und eine verdichtete Vernetzung. Bei dieser eingeschränkten Perspektive wird – wie so oft – ein wichtiger Aspekt von Kulturarbeit vergessen, nämlich deren faire Bezahlung.

Nicht nur, dass dies schon bei der Konzeption des Kulturjahres keine Berücksichtigung fand, wurde auch noch ein dringlicher Antrag zu Honorarrichtlinien für das Kulturjahr im Gemeinderat von den Koalitionspartnern abgelehnt. Im Hinblick auf die gegenwärtige soziale Lage der Kunst- und Kulturschaffenden, die vielfach – wie die Studie zur sozialen Lage von Künstler*innen gezeigt hat – unter der Armutsgrenze leben, bereitet uns so ein Vorgehen Sorgen. Wie die Evaluierung des EU-Programms hinsichtlich Kooperationen bestätigt hat, gibt es keine Verbesserungen der sozialen Lage des lokalen Kulturfeldes, wenn die Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden nicht berücksichtigt werden.

Die Stadt und das neugewonnene Publikum können sich nur dann in Zukunft an einer vitalen Kulturszene erfreuen, wenn die Menschen, die tagtäglich daran arbeiten, sich nicht in einer ständigen Burn-Out Gefahr befinden. Leider wurde mit dem Kulturjahr erneut eine Chance vertan, in Hinsicht auf die faire Bezahlung von Kunst- und Kulturschaffenden eine Verbesserung zu erreichen.

Für die Zukunft würden wir uns in den genannten Punkten (mehr) mutige Politiker*innen wünschen, die hier eine klare Position beziehen und sich aktiv für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden einsetzen. Anders gesagt: Politiker*innen, die sich trauen, sich einzumischen!

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