CircusNext – Europäisches Förderprogramm für ZirkusautorInnen

2001 wurde, auf Initiative des französischen Kulturministeriums, das Förderprogramm „Jeunes Talents Cirque“ ins Leben gerufen, welches sich auf die Förderung von ZirkusartistInnen spezialisierte.

Als ich im Sommer 2012 begann, als Produzentin des irischen Jongleurs Darragh McLoughlin zu arbeiten, und wir kurz darauf eine gemeinsame Firma gründeten, waren wir uns in einem Punkt einig: Wir wollten ohne Zeitdruck und ohne den Druck des „Um jeden Preis gefallen müssen“ kreieren. Konkrete Ideen begleiteten uns und wir wollten unsere künstlerische Identität nicht verlieren. Aber das ist leichter gesagt als getan. Im Zirkussektor ist Prekarität allgegenwärtig. Versicherung, Miete, Trainingsraum: All das kostet Geld, und wer Vollzeit kreiert, also nicht mehr auftritt, verliert die Haupteinnahmequelle. Wie also der Kreation die Zeit geben, die sie braucht?

 

Im Jahr 2001 wurde, auf Initiative des französischen Kulturministeriums, das Förderprogramm „Jeunes Talents Cirque“ ins Leben gerufen, welches sich auf die Förderung - damals noch ausschließlich französischer - ZirkusartistInnen spezialisierte.
Bereits 2009 folgte die erste europaweite Ausschreibung des biennalen Programms, und drei Jahre später, mit der Umbenennung in “CircusNext“ und einer mehrjährigen Finanzierung der Europäischen Kommission, nahm das heutige Kooperationsprojekt seine endgültige Form an: Es vereint die wichtigsten Kreations- und Diffusionszentren des europäischen Zirkussektors und unterstützt aufstrebende europäische ZirkusautorInnen. Diese müssen ihre professionelle Ausbildung bereits abgeschlossen haben und sich in der Kreation ihrer ersten, oder maximal zweiten Produktion befinden. Ausschlaggebende Kriterien sind Originalität, eine starke künstlerische Vision und der Wille zum Experimentieren.

 

Zum Zeitpunkt unserer Einreichung hatte Darragh gerade vor einem Jahr seine Ausbildung an der „Academy of Circus and Performance Art“ in Tilburg abgeschlossen. Er hatte sich bereits im Vorjahr bei CircusNext beworben, es jedoch nicht bis in die Vorauswahl geschafft: „Mein Konzept war noch nicht ausgereift genug. Damals wurde ich jedoch zu den CircusNext-Labs eingeladen, das war sehr inspirierend!“

Circus next

Die CircusNext-Labs sind zehntägige „Laboratorien“, welche es vielversprechenden KünstlerInnen, die es nicht in die Endauswahl geschafft haben, ermöglichen, sich unter Anleitung bekannter RegisseurInnen und ChoreographInnen, in Einzel- und Gruppen-Sessions intensiv mit dem eigenen Kreationsprozess auseinanderzusetzen. Durch diese Erfahrung gestärkt, hatten Darragh's Ideen an Klarheit gewonnen. Es folgte ein Jahr der Vorbereitung, mit fünf Residenzen in verschiedenen europäischen Städten (davon eine einmonatige Residenz im Rahmen des damaligen „Artist in Residence“- Programms des Vereins „Kreativkultur“ in Wien). Als dann Ende 2013 die nächste CircusNext- Ausschreibung anstand, waren wir bereit.

 

Der Selektionsprozess ist ein nervenaufreibender. Zunächst werden die schriftlichen Bewerbungsunterlagen, Foto- und Video-Material eingereicht. Diese werden von einer Jury europäischer Kulturschaffender des Zirkussektors begutachtet. Als wir nach langem Warten im Januar 2014 endlich die Nachricht erhielten, in der engeren Auswahl zu sein, rief dies Begeisterung und Panik zugleich hervor: Jedes der 12 ausgewählten Projekte (von 134 Einreichungen) ist eingeladen, während einer abschließenden, einwöchigen Selektionsphase vor einer 15-Köpfigen Jury eine 20 minütige Erstversion des Stückes zu zeigen. Je nach Bedarf kann den KandidatInnen dabei geholfen werden, im Vorhinein eine Residenz zu finden, um potentiell ungleiche Voraussetzungen abzuschwächen. 

Als es endlich soweit war und wir im „Theater op de Markt“ in Neerpelt ankamen, verflog die Nervosität jedoch schnell. Es war toll, die anderen KünstlerInnen zu treffen, eine Vielfalt an künstlerischen Zugängen kennenzulernen, sich auszutauschen und zu merken, dass wir alle mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen. Die gemeinsame Woche ermöglichte es ebenfalls die Jurymitglieder und Partnerorganisationen besser kennenzulernen.

Es war schön, während der vielen Vorstellungen auf der großen Theaterbühne, die Solidarität und Unterstützung der anderen KünstlerInnen im Raum zu spüren. Und am Ende der Woche fiel der Abschied schwer.

Circus next

Nach jeder Vorstellung erfolgte, hinter geschlossenen Türen, ein Auswahlgespräch zwischen KünstlerInnen und Jury. Und dann hieß es wiederum bangen. Eine Woche später traf dann endlich der positive Bescheid ein: „Squarehead Productions“, mit dem Solo-Stück „Fragments of a Mind“, zählte zu den sieben PreisträgerInnen des Förderprogramms für das Jahr 2014!

Dies war eine lang ersehnte Wertschätzung unserer Arbeit, hatte darüber hinaus aber auch ganz konkrete Bedeutung für unser tägliches Leben und Arbeiten: Nach anderthalb Jahren unentgeltlicher Kulturarbeit und prekärer Lebenssituation schien nun endlich eine Besserung in Aussicht.

 

Das Förderprogramm umfasst verschiedene Ebenen: Einerseits gibt es eine finanzielle Unterstützung und andererseits eine einjährige Begleitung des Kreationsprozesses. Durch den Zusammenschluss verschiedener Partnerorganisationen ist es CircusNext möglich, künstlerische Residenzen und Mentoring zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig bekommen die PreisträgerInnen gesteigerte Sichtbarkeit: Während verschiedener work-in-progress Vorführungen und einer großen öffentlichen Präsentation am Ende der Förderzeit können sich die KünstlerInnen vor den wichtigsten ZirkuskuratorInnen Europas präsentieren.

 

Die Förderung hat für uns vieles verändert: Wenn sie auch bei Weitem das Kreationsbudget nicht deckte, so ermöglichte sie uns erstmals uns selbst zu bezahlen, eine Versicherung abzuschließen und mit externen DramaturgInnen und ChoreografInnen zusammenzuarbeiten. Vor allem aber fungiert CircusNext mittlerweile als eine Art Auszeichnung, ja vielleicht sogar Gütesiegel, welches es uns wesentlich erleichterte, in der Folge finanzielle Ko-Produktionen internationaler Theaterhäuser und staatliche Förderungen wie bspw. den „Circus Project Award“ des Irischen Kulturministeriums zu erhalten. Auch stand uns plötzlich ein europäisches Netzwerk an Kreationshäusern offen, dessen Mitglieder unseren Kreationsprozess von Anfang an mitverfolgt hatten. Somit war auch das Finden von Residenzen wesentlich leichter: „Fragments of a Mind“ wurde in insgesamt 20 Residenzen (jeweils zwischen 2 und 4 Wochen) in 9 verschiedenen europäischen Ländern kreiert.

 

Dennoch war der langwierige Kreationsprozess, welcher insgesamt beinahe 3 Jahre in Anspruch nahm (ein Jahr vor, ein Jahr während und und ein Jahr nach der CircusNext-Förderung), kein leichter. Wir mussten mit diversen Zweifeln und Unsicherheiten, scheinbar unüberwindbaren Hindernissen und Enttäuschungen umzugehen lernen und auch die Zusammenarbeit innerhalb des Teams stellte immer wieder eine Herausforderung dar. Gleichzeitig gab es Erfolgserlebnisse und Aha-Momente. Momente, in denen alles an seinen Platz zu fallen und die Kreation plötzlich so greifbar schien. Ein ständiges Auf und Ab, das uns auf mehreren Ebenen wachsen ließ. Ich denke nicht, dass man den künstlerischen Prozess und das Leben der KünstlerInnen trennen kann. Und so haben sich innerhalb dieser 3 Jahre nicht nur künstlerische Konzepte, Inhalte und Formen weiterentwickelt, sondern auch wir haben uns entwickelt, durch diverse Lern- und Lebenserfahrungen. Während eines Großteils dieses Prozesses hat uns das Koordinationsteam von CircusNext begleitet, uns nicht nur bei administrativen, technischen und logistischen Fragen unterstützt, sondern auch an unsere Ideen geglaubt und uns ermutigt, künstlerische Risiken einzugehen ohne in unsere künstlerische Freiheit einzugreifen: „Es war sehr motivierend zu wissen, dass da jemand ist, der an das Projekt glaubt und hinter einem steht!“ (Darragh McLoughlin)

So hat sich ein gegenseitiges Vertrauen, ja vielleicht sogar eine Freundschaft entwickelt. Nach der Endpräsentation im Dezember 2014 haben wir noch eine Weile weiter herumgefeilt und das Stück letztlich im Sommer 2015 uraufgeführt. Auch nach unserer Laureatszeit stand uns CircusNext noch mit Ratschlägen zur Seite. Diese Verbindung hält bis heute, 2 Jahre nach Abschluss dieser Erfahrung, an. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Zusammenarbeit auf anderer Ebene weitergeführt wird: Wir wollten etwas zurückgeben und anderen ArtistInnen dabei helfen, eine ähnliche Erfahrung zu machen. So ist der österreichische Kulturverein „KreativKultur“, dessen Vorsitzende ich bin, seit 2015 Informationspunkt für CircusNext in Österreich und berät lokale KünstlerInnen bei der Bewerbung um eine Förderung. An dieser Stelle ist es interessant zu erwähnen, dass es bereits im Jahr 2010 ein österreichischer Zirkuskünstler in die Endausscheidung des europäischen Förderprogramms geschafft hat: Sebastian Berger des Wiener Kulturvereins FENFIRE.

 

Nach nun insgesamt 8 Förderrunden folgt im Jahr 2017 eine neue Phase des Projekts: CircusNext koordiniert die „Europäische Saison der Zirkuskünste“, um ehemaligen PreisträgerInnen eine Plattform zu bieten. Sie werden eingeladen, ihre Arbeit in verschiedenen Formaten in ganz Europa vorzustellen. Des Weiteren wird eine große europäische Konferenz mit dem Titel „Think Circus!“ organisiert, welche Kulturschaffende und ForscherInnen des Zirkussektors zusammenbringt.

 

Der Fortgang der Förderschiene ab 2018 ist derzeit noch ungewiss und abhängig vom erneuten Erhalt einer mehrjährigen EU-Förderung. Dies bleibt zu hoffen, denn was der bisherige Erfolg des Projektes und der konstante BewerberInnen-Andrang deutlich macht, ist, dass das europäische Programm Defizite der teilweise schwachen nationalen und regionalen Förder- und Infrastrukturen im Zirkusbereich kompensiert. In Österreich sind diese Defizite offensichtlich: Es fehlt an Raum, Ausbildungs- und Infrastrukturen. Vor allem die Förderstrukturen für Neuen Zirkus müssen hier jedoch weiterhin gestärkt und ausgebaut werden. So sollte es in Zukunft hiesigen ZirkuskünstlerInnen ebenso möglich sein, ihre Kreationen mit ausreichenden Mitteln und einer adäquaten Infrastruktur zu produzieren, um im internationalen Zirkussektor Fuß fassen zu können.

Denn wer hochwertige Kunst- und Kulturarbeit möchte, muss auch entsprechende Rahmenbedingungen schaffen!

 

Elena Lydia Kreusch ist Zirkus-Forscherin, Produzentin und, gemeinsam mit Darragh McLoughlin, Leiterin der irischen Zirkus-Kompanie „Squarehead Productions“.

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