Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa

Netzwerk- und Medienszenen, die sich der gesellschaftlichen Anbiederung widersetzen, blicken mittlerweile auf 20 Jahre und eine Generationenablöse zurück.

Bis heute lässt sich das Wissen über Netzkulturen nur schwer einer wissenschaftlichen Disziplin zuordnen. Schon die Pionierzeiten zeichneten sich durch eine transdisziplinäre Verdichtung aus, an deren Ausgangspunkt sich die Theoretikerin Katja Diefenbach erinnert: „Es gab eine ganz eigene ,heiße‘ Situation Anfang der 1990er Jahre, die aus der Begegnung zwischen undogmatischer Linker, Theorieszene und Clubkultur hervorging, in der sich der Drang, neue Politik-, Denk- und Lebensformen zu erfinden, mit der Nutzung des Netzes verband.“

Doch wie wurden, wie es Diefenbach formuliert, die „neuen technologischen Potenzen“ in weiterer Folge „in Gebrauch“ genommen? Ihr Interview ist Teil des Buches „Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa“, das sich an Antworten versucht. Netzwerk- und Medienszenen, die sich der gesellschaftlichen Anbiederung widersetzen, blicken mittlerweile auf 20 Jahre und eine Generationenablöse zurück. Differenzierung hat im Netzaktivismus seit den 1990er Jahren einen hohen Stellenwert. „Konkret“, erklärt Wolfgang Sützl in einem der Interviews, „unterscheiden sich die amateurhaften Netzkulturen ganz wesentlich von der akademischen Forschungskultur, die selten eigene Medien erzeugt, sondern im bestehenden medialen Kontext der Universitäten steckt“. Die persönlichen Erinnerungen geben Auskunft über gesellschaftliche Prozesse, beschreiben neue kulturelle Techniken und werden anhand von drei thematischen Blöcken mit wissenschaftlichen Beiträgen umrahmt –Räume der Vernetzung, Praxen des Widerstands sowie Kulturen der Partizipation

Die europäische Perspektive macht dabei deutlich, dass Netzkollektive aus beispielsweise den Niederlanden, Italien und auch Österreich oft auf hermetische Schranken gestoßen sind, die sowohl aus der technologischen als auch aus der politischen Entwicklung resultierten. Die Koalition von ÖVP und FPÖ im Jahr 2000 verfolgte das Ziel, kritische Kunst und Kultur über Subventionsentzug einzudämmen. Das führte zu einer Reorganisation der NetzaktivistInnen, die bis in die Gegenwart Spuren hinterlassen hat. Politische Transparenz blieb ein utopischer Gedanke. An dessen Stelle trat ein netzaktivistischer Grundkonsens, der in den Informationssphären zu Euphorie verleitete. Meinungsfreiheit und demokratischer Know-how-Transfer sollte umso mehr auf jene Bereiche übertragen werden, die fernab von Politik angesiedelt sind.

Zur Jahrtausendwende stand Österreich noch als „Medien-Albanien“ in Verruf. Als signifikant gilt die Attitüde von Bundeskanzler Viktor Klima, das Internet auf Plakatwänden anzupreisen, sich aber abseits des Politmarketings den neuen Informationstechnologien zu entziehen. Kommunikationsnetzwerke, die schon bald vorrangig der Kommerzialisierung dienten, erwiesen sich nicht als Gestaltungsprojekte von öffentlichem Interesse. Schon eher stand das Ausgrenzen kritischer Aktivitäten im Fokus der österreichischen Politik, was sich an der Geschichte der Wiener Netzkultur-Plattform Public Netbase ablesen lässt.

„Vergessene Zukunft“ leistet einen wesentlichen dokumentarischen Beitrag zur jüngeren Internet-Geschichte und ermutigt zu einer politischen Auseinandersetzung mit der Zukunft der digitalen Kulturentwicklung – für alternative Visionen jenseits von Google und Facebook.

Anmerkung

Das Buch ist eine Publikation des World-Information Institute

Clemens Apprich, Felix Stalder (Hg.): Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa. Bielefeld: transcript Verlag 2012

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