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TRANSVERSAL oder Die Linie, die nichts verbinden muss

Gerald Raunig

Diese Gleichzeitigkeit sollte mir erst zwei Jahre danach auffallen: Just zu der Zeit, als sich in Österreich die ersten widerständigen Küchen und Wohnzimmer gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ füllten, gettoattack "Null-Toleranz gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung" forderte und die Demokratische Offensive die "Koalition gegen den Rassismus" schmiedete, als wir im November 1999 zum x-ten Mal unserem Haider-Reflex nachgaben und schließlich begannen, uns um Österreich (das andere, bessere, eigentliche...) zu streiten, ging's in Seattle zum ersten Mal antiglobalisierungsmäßig rund.

Die Linke in Österreich hatte alle Hände voll zu tun, sich von "Gewaltbereitschaft" abzugrenzen und (linken?) Patriotismus einzufordern und die ebenso patriotischen Freunde aus Frankreich zur Großkundgebung zu begrüßen. Als sich weit weg die antiglobalistische Bewegung formierte, konzentrierten sich die österreichischen ProtagonistInnen entlang der Regeln der Repräsentation und des Identitarismus darauf, im Mittelpunkt zu stehen: auf den Bühnen der Großdemonstrationen, in deutschen Talkshows, am Cover von Le Monde. Während sich also am Nebenschauplatz Seattle der endgültige Durchbruch einer transsektoralen und transnationalen Bewegung ereignete, war in Wien - auch durch die kurzfristige Aufmerksamkeit der internationalen Medien und Medienintellektuellen - alles auf sich bezogen, das Außen Österreichs nicht mehr als ein Spiegel, dessen Rahmen der Rahmen des Nationalen.

Wäre das alles, was an Erfahrungen aus dem österreichischen Winter zwischen November 1999 und Feber Null übrig blieb, hätten wir allen Grund, das Vergessen, das sich ohnehin seit einiger Zeit über die tumultuarischen Umstände der Regierungsbildung legt, zu hegen und zu pflegen. Aber: da war noch was. Die Metamorphosen einzelner Individuen, die unter prekären Umständen und mit eigenartigen Brüchen ihre aktivistischen Praxen verschoben und weiterentwickelten, teils unter neuen Labels und in neuen Zusammensetzungen gegen dieselben oder verschlechterte Zustände an- und auftraten und -treten. Die vermehrten Versuche nomadischer Unternehmungen, die Karawanen durch Kärnten und über Österreich hinaus, die glorreich an der Bekehrung der Mehrheit scheiterten. Die Komplizenschaft von KünstlerInnen, TheoretikerInnen und AktivistInnen mit antirassistischen und migrantischen Gruppen, mit ihrem vorläufigen Höhepunkt im gemeinsamen Engagement in der Wiener Wahl Partie. Und die Erfahrungen mit Aktivitäten und Taktiken, die aus der kleinen lokalen Perspektive in andere Zusammenhänge hinübergerettet wurden, schließlich auch in die Fluchtlinien der Bewegung gegen die ökonomische Globalisierung. Womit wir schon tief in die Nachbarschaftszonen des hier titelgebenden Begriffs eingetaucht wären.

Mit Bezug auf schon ein bisschen länger zurückliegende Kämpfe im und nach dem Pariser Mai 1968 skizzierten Félix Guattari, Michel Foucault und Gilles Deleuze in verschiedenen (Kon-)Texten Andeutungen eines Konzepts der Transversalität. Diese Spuren, weniger theoretisch konstruiert als mit direktem Bezug auf explizit politische Kontexte um 1968, sollen hier aufgegriffen werden, nicht die verwaschenen Anklänge, mit denen der Begriff des Transversalen in der französischen Alltagssprache korreliert, oder Erinnerungen an Geometrienachhilfestunden hierzulande. Und die geringe Festlegung, die geringe Ausarbeitung bei Deleuze und Konsorten, die relativ häufige beiläufige Verwendung als Nebenbegriff in deren Begriffslandschaften ist kein Mangel, sondern eröffnet im Gegenteil die Chance, dass Transversalität disponibel wird für eine neue Aufladung in antiglobalistischen Zusammenhängen. Transversalität, keineswegs metaphorisch gemeint, soll die Diskussion vom Definitorischen auf das Kontextuell-Organisierende, vom Ob auf das Wie der Bewegung verlagern. Das Ob liegt in diesem Fall hauptsächlich in der Frage, ob das Gegenüber der ökonomischen Globalisierung ebenfalls als global zu bezeichnen ist oder nicht. Begrifflich äußert sich das vor allem im Streit darum, ob es sich nun um Anti-Globalisierung handelt, oder vielmehr um eine „andere“ Globalisierung, etwa eine „Globalisierung von unten“. Klar, dass die globale Ausformung der transversalen Multitude eher als Perspektive zu verstehen ist denn als Ist-Zustand, wünschenswerter als jede Vorstellung einer am Ende totalen Erfassung der Welt durch Empire und/oder Multitude ist das Bestehen auf die Bewegung, das Werden, das Revolutionär-Werden. Wie aber ereignet sich Transversalität konkret in der Bewegung?

Ganz einfach und mit Foucault gesagt, sind transversale Kämpfe nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt, sie sind also transnational. Das klingt völlig einleuchtend und riecht nach einer ohnehin längst gängigen Praxis, ist es aber nicht. Das oben angeführte österreichische Beispiel zeigt das genauso wie unzählige andere Widerstandsherde, die in ihren Lokalismen und Nationalismen mehr oder weniger gefangen bleiben. Das Wuchern des Gipfel-Hopping bleibt ebenfalls - isoliert gesehen - in diesem Bild eines wenig zusammenhängenden Patchworks der Widerstände ein Oberflächenphänomen, das für sich allein genommen als Effekt allgemeiner gesellschaftlicher Spektakularisierung zu verstehen wäre. Schon eher verweisen die nomadischen Praxen umherschweifender KarawanenkünstlerInnen auf eine Transversalisierung innerhalb und im Rahmen der Proteste gegen die ökonomische Globalisierung, indem sie auch die Löcher zwischen den Großereignissen mit Ausdehnungsexperimenten an den diversen Grenzen zu füllen versuchten. Noch stärker zeichnet sich die Überwindung des multinationalen Setzkastens im Aktivismus von MigrantInnen ab, der gleichermaßen den nationalen Rahmen von innen sprengt, wie er auch zu einer der Linien der Proteste gegen die ökonomische Globalisierung wird: etwa im letzten Sommer in Genua am "Migrants’ International March" im Rahmen der Manifestationen gegen den G8-Gipfel.

Transversale Linien durchbrechen die Paradigmen der Hermetik von partikularistischen Teilöffentlichkeiten und abgeschotteten Subkulturen, durchziehen transsektoral mehrere Felder, verketten gesellschaftliche Kämpfe und künstlerische Interventionen und Theorieproduktion und.... Das UND, die Addition ist als Vielfalt temporärer Allianzen zu verstehen, als produktive Verkettung von nie glatt Zusammenpassendem, ständig sich Reibendem, durch diese Reibung Vorangetriebenem oder auch sich wieder Auflösendem. Es wendet sich zugleich gegen Zersplitterung, Parzellierung, Fraktionierung wie gegen das Aufgehen in einer großen Einheitsfront. Das UND meint also weder ein wahlloses und widerspruchsverdeckendes Aneinanderreihen von Zufälligem, noch einen gefräßigen Inklusionsmechanismus, der wie all die nimmersatten Partei- und Gewerkschaftsapparate Widerspruchsfreiheit durch Anpassungsgebote erzeugt. Auch nicht etwas im Stil des Mainstreams von attac, als Hybrid von Greenpeace und Gewerkschaft, einerseits geil auf Mitglieder, andererseits besonders geschickt im Gründen von Sektionen. Die Aufteilung der Bewegung in wirtschaftspolitische, landwirtschaftliche, künstlerische, feministische, etc. "Teilgewerkschaften", die Beschränkung der einzelnen spezifischen Kompetenzen auf die Klischees ihrer Subsektoren (etwa die (Selbst-)Beschränkung von KünstlerInnen auf Illustrationen oder das Rekrutieren von Promis) sind das genaue Gegenteil der addierenden Kraft der Transversalität, statt einer Praxis des Durchquerens gilt hier das Prinzip des arbeitsteiligen Delegierens.

Auf die Foucaultsche Weisheit zurückkommend, dass die Allgemeinheit des Kampfes nicht durch seine Zentralisierung oder Totalisierung erzeugt wird, sondern vom System der Macht, von den Vollzugs- und Anwendungsformen der Macht, scheint jedoch gegen diese alten Vernetzungs-, Fragmentierungs- und Vereinheitlichungsstrategien überhaupt kein Konsens mehr nötig: nicht einmal ein negativer, also etwa ein Konsens, der sich entweder gegen den rassistischen Nationalstaat oder gegen das globale Kapital richtet. Die Verkettung der Mannigfaltigkeit braucht weder Fragmentierung noch Konsens, höchstens eine Differenzierung zwischen Macht und Widerstand.

Wo alle, auch die konservativsten Organisationen sich von Hierarchien in dezentrale Netzwerke ummodeln, ist gerade die Unterscheidbarkeit von Empire und Multitude ein Kernpunkt. Im Gegensatz zu offen hierarchischen Netzwerken und pseudo-nichthierarchischen Netzwerken, die als polyzentrische die Hierarchien zu verdecken suchen, entwickeln transversale Linien Gefüge, die azentrisch sind, die sich nicht auf der Grundlage von vorgegebenen Strängen und Kanälen bewegen. Die Organisationsformen und Verkettungen des Protests bestehen also aus temporären Überlappungen und Überlagerungen, die auf einer fließenden politischen Organisierung mit offenem Ausgang beruhen. Für diese Overlaps braucht es geeignete metamorphe Gefäße, deren Entwicklung in eher kadermäßige, geschlossene Formen oder offene Labels situationsbedingt changiert. Die Verwandlungen dieser Organisations- und Kommunikationsgefäße müssen gerade den Mannigfaltigkeiten der Multitude Rechnung tragen; der Multitude weniger als "Menge" denn als "nonkonforme Masse", innerhalb derer Nonkonformität mit der Macht genauso wie mit der zufälligen Demo-Nachbarin einhergeht.

Transversalen sind keineswegs Verbindungen von Punkten, sie sind Linien, die sich nicht einmal kreuzen müssen, Fluchtlinien, Bruchlinien, die sich den Punktsystemen und ihren Koordinaten kontinuierlich entziehen. Die Vorstellung der Verbindung von schon existenten Punkten entspricht der Struktur von hierarchischen, molaren Systemen. Solche Systeme der Reterritorialisierung sind dem diametral entgegensetzt, was Deleuze/Guattari multilineare Systeme nennen. Die Linie setzen statt den Punkt, die Linie befreien von der Unterordnung unter den Punkt, statt einfach Punkte verbinden, das ist Transversalität. Denn die Linie führt nie von einem Punkt zum anderen, sie geht immer zwischen den Punkten hindurch in eine völlig andere Richtung...

Was zählt, sind nicht die Verbindungen, sondern die Fluchtlinien jenseits der Punkte. Fluchtlinien bedeuten keineswegs, die Welt zu fliehen, sondern sie fliehen zu lassen, in die Flucht zu schlagen. Nichts ist aktiver als eine Fluchtlinie. Und dementsprechend eng mit ihr verbunden ist die Offensive, der gefährliche Akt, die Attacke. Kein reformistisches Reagieren, alles attackiert.

Diese Offensivität ruft gleichzeitig Zensur und Verbot auf den Plan, Verfolgung, Staats-Gewalt, was transversale Unternehmungen zu grundlegend prekären macht, zu gefährlichen, gerade für die radikal-nomadischen Subjektivierungsweisen. Dennoch: Die intensive Reise an Ort und Stelle, dieser prägnante Schnittpunkt auch zwischen Kant und Deleuze, hat ausgesorgt. Das legendäre Stubenhockersyndrom Kants, nur nicht Königsberg verlassen zu müssen, Deleuze' Insistieren auf die Tatsache, dass der Nomade der sei, der sich gerade nicht bewege, das ist heute die Regel im zunehmend durchnormalisierten Alltag. Angesichts dieser Normalität gilt es, den informations- und kontrollgesellschaftlichen Mechanismen Praxen entgegenzustellen, die genauso wie die deterritorialisierten Kapitalströme sich nicht auf einen Ort fixieren lassen, nicht sesshaft machen lassen, die anders als diese aber kontinuierlich unkontrollierte wie selbstbestimmte Bruchlinien erschaffen und mit widerständigen Formen experimentieren. Insofern ist etwa gerade das Karawanenkonzept mit seiner Zuspitzung der spontanen Aktion, der taktischen Attacke und der schnellen Anpassung an die jeweils neue Situation eines, das es verdient, bei allen Mühen und Schwächen immer weiter entwickelt, immer wieder versucht zu werden.

Dank an Raimund Minichbauer für die nützlichen Hinweise und die nette Beratung.

Toihaus Theater
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