Ökonomie-Politik-Kunst. Sechs Trivialitäten und zweieinhalb Perspektiven
Teil 1: Trivialitäten
Trivialität Nr. 1:
Die Herrschaft über die Produktionsgüter bedeutet zugleich die Herrschaft über die Gesellschaft selbst. (Karl Marx sinngemäß)
Daraus folgt: Politik und Kunst sind ebenso wie alle anderen gesellschaftlichen Ausdrucks- und Organisationsformen den ökonomischen Bedingungen nachgeordnet und von diesen bestimmt.
Trivialität Nr. 2:
Eine politische Ordnung bedarf zu ihrer Absicherung nicht nur der Verfügung über die Produktionsmittel, sondern auch der "kulturellen Hegemonie", der Zustimmung der Zivilgesellschaft. (Antonio Gramsci sinngemäß)
Daraus folgt: So einfach ist es doch nicht. Kultur (verstanden im weiten Sinne gesellschaftlicher und individueller Normen und Werte) hat ein sehr viel größeres Trägheitsmoment und/oder sehr viel mehr Widerständigkeit, als blanker Ökonomismus annimmt.
Trivialität Nr. 3:
Der neoliberale Denkansatz ist zum hegemonialen Referenzdiskurs geworden. Globalisierte Wirtschaftsstrukturen repräsentieren den einzig „gültigen“ Diskurs unserer Zeit, hinter dem andere Diskurse wie z.B. der politische zurücktreten bzw. sich zweitklassig und veraltet ausmachen. Die Auswirkungen sind in allen Bereichen sichtbar; sie reichen von einem immer stärker werdenden Gefälle zwischen „Arm“ und „Reich“ bis hin zu einer Durchdringung aller Lebensbereiche durch effizienzorientiertes Kosten-Nutzen-Denken. (Alltagsweisheit linker Gesellschaftskritik)
Das impliziert: Das war nicht immer so. Es gab eine Phase (zumindest österreichischer) Politik, die weniger von den Notwendigkeiten des Wirtschaftssystems und mehr von gesellschaftlichen Zielsetzungen der Politik geprägt war. Stichwort: Wohlfahrtsstaat
Trivialität Nr. 4:
Der Rückbau staatlicher Strukturen verschafft KünstlerInnen größere Freiheit. (Franz Morak, der schweigende Staatssekretär, sinngemäß vielleicht?)
Meint wohl: Freiheit von jeglicher wirtschaftlicher Sicherheit.
Trivialität Nr. 5 (widerspricht Trivialität Nr. 4):
Österreichische KünstlerInnen verhungern aufgrund von Einsparungen im Kulturbudget. (Gerhard Ruiss et al., sinngemäß)
Ein wenig übertrieben, aber tendenziell vermutlich richtig. Zumeist allerdings dürften die KünstlerInnen lieber ihre KünstlerInnen- als ihre physische Existenz aufgeben, sprich: den Job wechseln. (Eine Chance für die „Creative Industries“?)
Teil 2: Perspektiven
Perspektive 1:
Die Kreativwirtschaft ist letztlich ein Instrument, um an der Globalisierung erfolgreich teilzunehmen. (Franz Morak, diesmal O-Ton)
So funktioniert das: Die Kulturpolitik reduziert ihr eigentliches Aufgabenfeld, Kunst und Kultur, auf einen engen und ideologisch keineswegs neutralen Ausschnitt, nämlich die Kreativwirtschaft, und verortet diesen dann direkt im Mainstream des neoliberalen Diskurses, in der Globalisierung. Dass unklar bleibt, was Kreativwirtschaft, was Globalisierung und was Erfolg in diesem Kontext bedeuten, ist selbstverständlich keineswegs Zufall, sondern Methode. Die Formulierung von Zielsetzungen wird an private Gesellschaften ausgelagert. Diese sind von demokratischer Legitimität meist ebenso weit entfernt wie von inhaltlicher. Die Leiter jener GmbHs (z. B. MQ, Graz2003) repräsentieren die österreichische Spezies von (Kultur)Managern, die Privatwirtschaft predigen, selbst aber in der trauten Wärme politischen Protektionismus‘ leben und niemandem politische Rechenschaft ablegen müssen.
Perspektive 1a:
Die Globalisierung hat im internationalen Kunst- und Kulturleben einen umfassenden Wettbewerb ausgelöst, der innerhalb Europas und zwischen Europa und Asien bzw. den USA auf dem Feld der Kreativität entschieden wird. (noch einmal Franz Morak im O-Ton)
Das ist gelebte Dialektik: Globalisierung wird als Auslöser für die Renationalisierung wirtschaftlicher Interessen verstanden; diese Interessen werden von der Politik vertreten, indem sie jene Kreativität fördert, die über die Kreativwirtschaft verhökert werden kann. Über den Umweg nationalstaatlicher Vertretung nationaler ökonomischer Interessen sollen die Kreativen so zum globalisierten Wettbewerb beitragen. Think global, act ... err, patriotic.
Jedoch:
Perspektive 2:
Kulturelle Hegemonie ist weder naturgegeben noch automatischer Ausfluss des Ökonomischen, sondern Ergebnis politischen Streits und somit durch diesen veränderbar. (Antonio Gramsci sinngemäß)
An diesem Streit sind nicht nur oder hauptsächlich, aber auch KünstlerInnen und Kulturschaffende beteiligt:
- Diejenigen, die fordern, dass der Nationalstaat Verantwortung für seine Kulturpolitik übernimmt, statt diese abstrakt an Marktmechanismen und konkret an GmbHs zu übertragen.
- Diejenigen, die ihre eigenen globalisierten oder zumindest transnationalen oder zumindest grenzüberschreitenden Aktivitäten entfalten, um die unheilige Allianz nationaler Abschottungspolitik mit globalisierter Wirtschaftsdynamik zu entlarven.
- Und diejenigen, die oszillierend zwischen Wirtschaft und Politik nach einer Reduktion der Abhängigkeiten von AkteurInnen beider Felder trachten und zwischen Anpassung und Subversion ihre Möglichkeitsräume ausweiten.
Zweieinhalb Kategorien, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf gegenseitige Exklusivität erheben.
Und die Chancen für Perspektive 2?
Trivialität Nr. 6:
Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens

