Kommunikationsguerilla, 4. Auflage — IG Kultur

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Kommunikationsguerilla, 4. Auflage

autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe / Sonja Brünzels

Ob Castor Transport oder Grenzcamp, Abschiebepraxis von Fluglinien, Ausverkauf eines ganzen Stadtteils in London oder Regierungswechsel in Österreich, unwillkommener Ministerbesuch in der Provinz oder globaler Protest in Genua: Die Kommunikationsguerilla hat ihre Finger drin. Nicht dass die einzelnen Einheiten sich untereinander kennen - was sie verbindet, ist ein bestimmter Blick auf die Paradoxien und Absurditäten der Macht, ein Spiel mit Repräsentationen und Identitäten, mit Verfremdung und Überidentifikation. Kommunikationsguerilla ist situationsbedingt und lokal spezifisch - jeder sein eigener Fußball! Kommunikationsguerilla ist Theorie, Aktivismus, Poesie, Handwerk, Technik, politische Arbeit, Genuss, manche halten sie für Kunst. Ihre imaginäre Ahnengalerie reicht von Till Eulenspiegel und Marx über Maodadaisten und Schwejk bis zum Subcomandante Marcos und den Situationisten. Ihre Bühne ist die kulturelle Grammatik im öffentlichen Raum, die Machtbeziehungen definiert, die bestimmt, was als richtig oder falsch, normal oder abwegig, gut oder böse anzusehen ist. Oft spricht Kommunikationsguerilla selbst mit der Stimme der Macht, sie entwendet Bilder, Logos, Redeweisen, Haltungen, Körpersprachen. Ob im virtuellen oder im materiellen Raum, solche Interventionen sprechen aus, was durchaus gesagt werden könnte, aber keinesfalls gesagt werden darf, schon gar nicht von bürgerlichen Autoritäten und imagebewussten Konzernen.

Die deutsche Fluglinie "Lufthansa" führt zwar seit Jahren Abschiebungen durch, darf das aber keinesfalls offen zugeben. Als im Frühjahr 2000 Werbebroschüren der Lufthansa verbilligte Flüge mit der sogenannten "deportation class" ankündigten - verbilligt wegen der Zumutung gewaltsam zum Transport gezwungener Mitreisender -, hatte die Firma ein echtes Problem. Ihre eigene Abschiebepraxis konnte sie weder dementieren noch zugeben. Zumal immer mehr Aktivisten mit diesem inneren Widerspruch zu spielen begannen - Imageverschmutzung durch Medienaktionen und direktes Eingreifen in die Abläufe auf den Flughäfen steht bis heute auf der Tagesordnung. Goliath ist zwar nicht geschlagen, aber das ständige "tactical embarrassment" hört nicht auf, ihn zu jucken. Die FPÖ kann sich zwar traurigerweise leisten, mit rassistischen Slogans Wahlkampf zu machen, aber einen Container mit der Aufschrift "Ausländer raus" im Zentrum Wiens aufstellen könnte sie nicht. Schlingensiefs Projekt war zwischen Kunstbetrieb und dem politischen Raum positioniert. So kam die FPÖ um die Peinlichkeit herum, sich selbst räumen zu lassen.

Das Konzept Kommunikationsguerilla ermöglicht kleinen Gruppen, mit wenig Aufwand auch in der Provinz eine Wirkung zu erzielen. Ein paar gut gefälschte Briefköpfe, ein paar gut erfundene Institutionen genügen - wie etwa das Forschungsinstitut für angewandte Gefahrguttechnik (FATG), das im Frühjahr dieses Jahres per Anschreiben den besorgten Bürgern einen Castortransport durch Münster ankündigte (den es nie gegeben hat). Wer mangels Masse oder Easyjet-Anbindung keinen großen Karnevalszug mit einem AlieNationUfo und Sambaband in Pink und Silber in der eigenen Kleinstadt inszenieren kann, hat immer noch die Möglichkeit, auf dem Betreten-Verboten-Rasen-besonders-für-Junkies-Säufer-und-Penner im Zentrum ein gepflegtes Krocket-Spiel zu veranstalten. Welche Polizeieinheit kann es sich leisten, gestylte Sherry trinkende Damen im Queen-Mum-Stil vom Platz zu prügeln?

Auch das massive Polizeiaufgebot der jüngsten globalen Demonstrationen kann sich dieser taktischen Herangehensweise nicht erwehren: Im Video über die Proteste in Prag ist zu sehen, wie eine mittelalterlich aufgerüstete Polizeikette langsam, aber stetig vor einer verführerisch hüftschwenkenden Dame in Rosa mit Anhang zurückweicht. Das Ende der Sequenz zeigt aber zugleich die beschränkte Reichweite dieser taktischen Verwirrung: Nach einigen Minuten haben sich die Polizisten gefangen und gehen zum Angriff über, die rosa Truppe stiebt in wilder Flucht davon. Kommunikationsguerilla ist kein revolutionäres Programm, keine Strategie zur dauerhaften Umkehrung der bestehenden Verhältnisse mit künstlerischen Mitteln. Es ist ein Konzept, das sich von allen Ideen und Vorbildern anregen lässt, die dazu geeignet sind, die Regeln der Normalität zu durchbrechen, das von irritierenden Fähnchen mit offiziellem Stadtlogo in den Hundehaufen von Sevilla bis zu den Provos in Amsterdam, von den Berliner umherschweifenden Haschrebellen bis zur US-amerikanischen website von RTMark beständig weiterentwickelt wird. Auf www.RTmark.com/tactics wird erklärt, wie man die bürgerlichen Medien dazu bringt, die Macht als Deppen hinzustellen.

Entstanden aus dem Bedürfnis nach einer politischen Artikulationsweise, die nicht frustriert, sondern Spaß macht, im grauen Deutschland der Nach-Wendezeit ohne starke soziale Bewegung, wird das Konzept Kommunikationsguerilla in unerwarteten Kontexten rezipiert, kritisiert, aufgegriffen und weitergetrieben. Die Kunstwelt holt sich ihre eigenen Anregungen zurück, der schwarze Block wird rosa und fordert "Ordnung Ordnung Ordnung", die Grünen wollen faken, Netzteccies mischen die Öffentlichkeit durch gefälschte Webseiten auf. Wenn es stimmt, dass wir uns im Übergang zur Kontrollgesellschaft befinden, dann könnte es in Zukunft noch wichtiger werden, unser subversives Potenzial auf der molekularen Ebene schärfer, zielgerichteter zu machen. Im entstehenden Empire werden wir unseren Unwillen immer weniger auf einzelne Regierungen richten können - das Spiel mit Bildern und Repräsentationen wird im vernetzten Teil der Welt an Bedeutung zunehmen, ohne dass handgreifliche Aktionen im öffentlichen Raum die ihre verlieren. In diesem Spiel geht es immer um eine politische Positionierung, die sich nicht auf theoretische Analyse in den Begrifflichkeiten der Soziologie und Kulturwissenschaft beschränkt, sondern auch in Bildern denkt - oft ohne zu begreifen, warum die Inszenierung eines Bildes im öffentlichen Raum geeignet ist, Verwirrung im System der Normalität zu stiften. Zorn und Genervtheit und der Wunsch, der Macht eine lange Nase zu drehen, führen oft wirksamer als rationales Nachdenken zum Erkennen der Bruchstellen und Widersprüche im dominanten Diskurs. Kommunikationsguerilla bleibt jedoch nicht im selbstbezogenen temporären Verwirrspiel stehen - sie treibt es durch den Einsatz von bürgerlichen und eigenen Medien weiter, ist verbunden mit Gegenöffentlichkeit und den Themen sozialer Bewegungen. In den letzten Jahren haben sich diese Bewegungen neue Technologien zu eigen gemacht, vom Handy über die Nutzung (und Fälschung) von Websites und Videos bis zum Live-Streaming. Informationstechnologien, nützliche Instrumente der Kontrollgesellschaft, lassen sich genauso subversiv umdrehen wie Machtdemonstrationen im öffentlichen Raum. Viele AktivistInnen können die Kenntnisse, die sie sich in der Lohnarbeit aneignen, auch für andere Zwecke nutzen. Umgekehrt nutzen ihnen die in der Szenewelt erlernten Arbeitsweisen im neoliberal flexibilisierten Arbeitsalltag. Zeitlich beschränkte, projektorientierte Teamarbeit und räumliche Flexibilität sind nur zwei Beispiele von vielen. Die Welt des Aktivismus steht nicht außerhalb des Globalisierungsprozesses, des Übergangs vom Zeitalter der bürgerlichen Demokratien zu etwas anderem, noch nicht Definierbarem. Sie ist Teil davon - und in der intimen Kenntnis der zu bekämpfenden Strukturen liegt ihr Potenzial, deren Legitimität zumindest infrage zu stellen ist - auch wenn die nächste große Erzählung auf sich warten lässt.

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