Ja und Nein singen ein Lied
Bis vor einigen Jahren wurde Speed vor allem im südasiatischen Raum, in Thailand und Myanmar, sowie Japan, Australien und den USA konsumiert, während sich der europäische Markt auf die ehemalige Tschechoslowakei konzentrierte. Parallel zur Konjunktur der sogenannten Globalisierung ist auch in Europa eine Renaissance unter Namen wie Christal Ice oder Yaba zu beobachten. Die aufputschende Wirkung von Speed ist auf seinen zwischen 11% und 87% schwankenden Amphetamin-Anteil zurückzuführen. Das schon mit geringen chemischen Kenntnissen herstellbare Amphetamin ähnelt in seiner Zusammensetzung den für die Reizweiterleitung im menschlichen Nervensystem zuständigen Botenstoffen Adrenalin und Dopamin. Im Gegensatz zu Kokain, das lediglich die Wiederaufnahme der Botenstoffe in die präsynaptischen Nervenzellen hemmt, dringen die Amphetaminmoleküle in die Nervenzelle ein und bewirken dort die Freisetzung der Hirncatecholamine Noradrenalin und Dopamin. Die Freisetzung von Noradrenalin versetzt in Alarmbereitschaft und führt zur Auslösung des „fight/flight/fright-Urinstinkts“. Alle Körperfunktionen, die zum Kämpfen oder Flüchten notwendig sind, wie Atmung, Blutdruck und Puls werden aktiviert. Es kommt zu einer gerichteten Aufmerksamkeit. Es stellt sich das Gefühl ein: "es ist okay, wie es ist" und "ich werde es schaffen". Schmerzempfindung, Hunger und Durst werden gegen Null reguliert. Suchtausbildung gilt bei Amphetamin als relativ gering. Der andauernde Gebrauch kann aber zu Psychosen, Konfusion sowie unkontrollierten Aggressionen bis zu Amokläufen führen.
Amphetamin wurde 1887 erstmals in Ungarn von einem Chemiker synthetisiert, der sich jedoch nicht weiter für dessen psychoaktive Eigenschaften interessierte. Erst dreißig Jahre später entdeckten zwei englische Physiologen die chemische Ähnlichkeit von Amphetamin und Adrenalin. Wenige Jahre später meldete die deutsche Firma Ernst Merck das Amphetamin-Derivat MDMA als Appetitzügler beim Reichspatentamt an. Das geplante, aber nie produzierte Diätmittel entsprach in Wirkung und Zusammensetzung Präparaten der Ecstasy-Familie, der Speed hier nicht zugerechnet werden soll.
Bis zur Stigmatisierung von Kokain in den zwanziger Jahren fristete Amphetamin ein Schattendasein. Vor allem war es aber der verschärften Wirtschaftslage am Ende des Jahrzehnts zu verdanken, dass das - heute noch - wesentlich günstigere Amphetamin nach dem Börsencrash 1929 zur Leistungsdroge aufstieg.
Während des Zweiten Weltkrieges erlebte der Amphetamin-Konsum eine anders strukturierte Konjunktur: Vor allem deutsche, japanische, aber auch US-Amerikanische Kampfflieger wurden mit „Amphetaminschokolade“ versorgt, um bei lang andauernden körperlichen Anstrengungen Ermüdungserscheinungen und Erschöpfungszustände zu kaschieren. Amphetamin stärkt Selbstvertrauen, Konzentration und Risikobereitschaft, während Angstgefühle unterdrückt werden. Auf diese Phase beziehen sich die unter Speed-Benutzern kursierenden Mythen rund um „Hitlers Drug“.
In der Nachkriegszeit läuft Amphetamin als Mittelstandsdroge mit und wird in diversen Inhalationspräparaten zur Schnupfenbehandlung verwendet. Eltern gaben es ihren Kindern, um sie auf Schularbeiten vorzubereiten, Studenten nutz(t)en es vor ihren Prüfungen, in England galt „a liter of milk and a line of speed“ als das ideale Frühstück für Bauarbeiter.
Proletarische Jugendbewegungen wie die Mods, mit Hang zum dandyesken Eskapismus und der Lust, die eigene Klassenzugehörigkeit bzw. soziale Festschreibungen zu verschleiern, sich ihr zu entziehen, schätzen Speed. Schreiber, Autoren ebenso, wohl wegen der gerichteten Aufmerksamkeit und der kleinen, aber unablässigen Trommel die durch die Sätze treibt.
Bartleby ist Abschreiber, Kopist und der gleichnamige Held der erstmals 1853 veröffentlichten Erzählung `Bartleby the Scrivener. A Story of Wall Street´ von Hermann Melville. Die Geschichte ist durchgehend aus der Perspektive eines New Yorker Anwalts erzählt. Da dessen Geschäfte gut laufen, stellt er einen zusätzlichen Schreiber ein, Bartleby. Ein blasser Mann ohne alle Referenzen, der sich aber sofort, als sei er ausgehungert, in die Arbeit des Kopierens stürzt – „As if long famishing for something to copy, he seemed to gorge himself on my documents“. Mechanisch kopiert der neue Schreiber Tag und Nacht. Als kleiner Schatten schwebt über dem Arbeitsparadies, dass der versteckt hinter einem Schirm Arbeitende zwar hunderte an Seiten reproduziert, die Abschriften aber nie noch einmal mit dem Original vergleicht, wie es die Regel des Büros will. Der Schatten vergrößert sich, als Bartleby auf die Aufforderung seines Chefs, gemeinsam einen Brief durchzusehen, mit milder, aber standhafter Stimme antwortet: „I would prefer not to“. Diese Antwort wiederholt sich monoton, als der Anwalt ihn um andere Dinge bittet. Bartleby zieht es vor, es nicht zu wollen. Mit jeder weiteren Wiederholung des Satzes, die sich nun wie ein Refrain durch die Geschichte zieht, stellt er seine Tätigkeit weiter ein. Der Anwalt wird in den Strudel des unwiderstehlichen I would prefer not to gezogen, und Bartleby ist immer da, auch als der Anwalt ihn entlässt, bleibt er im Büro, ist immer der erste und der letzte, wohnt an seinem Arbeitsplatz.
Bei dem Verhalten von Bartleby und dem Zustand, in den Speed versetzt, scheint es sich erst mal um gegensätzliche Befindlichkeiten zu handeln. Bartleby verharrt, bleibt einfach sitzen. Während Amphetamin meist dazu benutzt wird, sich weiter zu bewegen. Leistungsabfall wird mit einer Art Selbstmedikation bekämpft, um ja zu einer Situation sagen zu können: "es ist okay, wie es ist" und "ich werde es schaffen". Speed ist das Gegenteil einer Ausstiegsdroge, vielmehr erhöht es die Anwesenheit in der Gegenwart, ermöglicht es, fast unmöglich erscheinenden Anforderungen gerecht zu werden. Bartleby sagt nicht ja, auch nicht nein, sondern was er vorziehen würde: I would prefer not to - Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.
Was Bartleby und Speed seltsam verbindet ist ihre Buchstäblichkeit. Gilles Deleuze beschreibt diese bei Bartleby so: „Er will nur sagen, was er buchstäblich sagt. Und was der Text sagt und wiederholt, lautet: I would prefer not to. Ich möchte lieber nicht..." der Leser wiederholt sie seinerseits. Eine Beobachtung, die wohl die meisten beim Lesen dieser Geschichte an sich selbst beobachtet haben. Wie ein Loop geistert die Negation durch den Kopf, ja, I would prefer not to. Auch Speed produziert einen solchen Singsang, der immer wieder dasselbe sagt, denn Speed ist und produziert Speed. Speed funktioniert mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks, mechanisiert den Körper, lässt ihn funktionieren. Fast ein pornographischer (Nicht-)Rausch. Alles ist hell und klar. Es lässt sich wenig mehr sagen, als Speed, ja, Speed, aber das immer wieder.
Speed hat viele Lieder produziert, die meist über Speed eigentlich wenig mehr sagen, als dass sie dessen Namen wiederholen, wie `Speed´ von der Band `Atari Teenage Riot´ (ATR). Das Wort Speed singt, weil sich wenig mehr darüber sagen lässt. Merkwürdig spiegelt sich die Figur Bartlebys in einer der Erzählungen, die über den Tod von Carl Crack, einem ehemaligen Bandmitglied von ATR, erzählt werden. Crack habe sich nach einer längeren Tournee und seiner Entlassung aus der Band ins Bett gelegt und nichts mehr getan, außer fern zu sehen. Er habe wie Bartleby, der erst nur Ginger Nuts und später nichts mehr isst, einfach aufgehört, irgend etwas zu sich zu nehmen, bis er nach einigen Wochen kollabiert und gestorben sei.
Als der Anwalt den toten Bartleby findet, denkt oder sagt er: „On errands of life, these letters speed to death. Ah Bartleby, ah Humanity!“ – die letzten Worte der Geschichte.
`Motoerhead´ stellen ihre ganze Produktion unter das Zeichen von Speed. Der Name, ein Slang, bedeutet nichts anderes als Speed-Benutzer. Maschinenkopf. Speed ist genauso dumpf, wie wunderbar mechanisch, die Zuverlässigkeit eines Uhrwerkes. Auf Speed stellt sich nicht selten das Gefühl ein, man trage einen Herzschrittmacher, der mit zu viel Energie versorgt wird. Bartleby ist ein mechanisierter Mensch, ein Abschreiber, er wird immer mechanischer, damit auch schroffer, sein Sprechen reduziert sich auf das Notwendigste: I prefer not to.

