Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
 

Imag(in)ing Globalization. Oder: Wie lässt sich etwas fassbar machen, wofür widersprüchlichste Bilder existieren?

Christian Höller

"Globalisierung", so sich dieses Schlagwort überhaupt pauschal verwenden lässt, findet ihren visuellen Ausdruck in einer Reihe von (Medien-)Bildern, die auf den ersten Blick äußerst inkompatibel erscheinen. Wirft man einen Blick auf die Medienlandschaft der letzten Monate und Jahre, so sieht man die großteils mit Gewalt unterbundenen Proteste von Seattle, Washington, Prag, Genua, und so weiter – überboten in ihrer "Infektionskraft" nur noch von jenen Bildern, welche die Ereignisse des 11. September 2001 im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit hinterlassen haben. Dem stehen geradezu diametral die Topoi des Unterhaltungsindustrie-Komplexes gegenüber: Themenparks, Malls, Fast Food- und Franchise-Ketten, etc., die allesamt den Anschein eines post-historischen "ewigen Friedens" erwecken. Oder, um ein anderes Beispiel zu wählen, das Bild einer brasilianischen Favela mit spärlicher infrastruktureller Anbindung gegenüber jenem einer abgeschirmten Gated Community, die mit der Außenwelt in erster Linie über drahtlose Telekommunikation verbunden ist.

Alle diese Bilder scheinen widersprüchlichsten Tendenzen und lokalen Partikularismen, kaum jedoch einer universelleren Gesetzmäßigkeit Ausdruck zu verleihen. Es dominieren Hilfsausdrücke, und vor allem "Hilfsbilder", wohin man blickt: behelfsmäßige visuelle Krücken wie das Nike-Logo, ausgebeutete ArbeiterInnen in einer indonesischen Nike-Fabrik, vermummte Freedom Fighter, das universelle Kommunikations-Tool, der/die Business Class-Flieger/in, und nicht zu vergessen: der/die reisende Intellektuelle. Obwohl es nicht an solchen Emblemen mangelt, scheint es, als würden mit jedem Einzelnen davon immer nur partielle bzw. symbolische Seiten dessen, was einen größeren und eben nicht so leicht fassbaren Zusammenhang darstellt, angerissen. Teilaspekte, die alle für sich Signifikanz beanspruchen, ohne dass man dadurch jedoch in der Lage wäre, die heute wirksamen "realitäts-produzierenden" Prozesse in einem größeren Kontext zu ermessen.

Prozesse wie transnationale Kapitalströme oder auch "Ideen-Ströme" bleiben demgegenüber in einer eigenartigen Unsichtbarkeit gefangen. Globale "flows", die entscheidend zur Ausprägung der erwähnten Widersprüchlichkeiten beitragen, scheinen sich den gängigen Formen der Sichtbarmachung beharrlich zu entziehen. Was wir sehen können, sind meist bloß die Effekte von etwas, wofür selbst keine verbindliche Anschauung existiert. Vielleicht ist also gerade "die Kultur" (oder sind "kulturelle Produktionen") gefragt, Bilder dieser realitäts- und widerspruchsproduzierenden Prozesse herzustellen. Vielleicht liegt heute sogar eine vorrangige Funktion des Kulturellen darin, diesen Prozessen eine nicht bloß oberflächliche Sichtbarkeit zu verleihen – als Voraussetzung dafür, Formen von "widerständischer Vernetzung", sei sie nun kulturell oder politisch gewichtet, überhaupt erst andenken zu können. Versuche solcher Sichtbarmachungen gibt es mittlerweile in verschiedensten künstlerischen Medien, von Video-Aktivismen und Fotoreportagen über grafisch gestaltete "World-Maps" und Neoliberalismus-Sketches bis hin zu multimedialen Kartografien transnationaler Wirtschaftszusammenhänge. Zu fragen bleibt, wie adäquat diese Visualisierungen die angesprochenen größeren Zusammenhänge jemals wiedergeben können.

Zurück also zum Überschaubaren bzw. zu der Frage, in welchen Dimensionen sich ein exemplarisches Bild von "Globalisierung" bewegen müsste. Tatsächlich wird im aktuellen Diskurs ein spezielles Augenmerk auf die Besonderheit von Orten und lokalen Kontexten – und deren Aussagekraft im Hinblick auf überregionale, übernationale, überterritoriale Prozesse – gelegt. Der Maßstab des Lokalen gilt vielfach als bestimmender Rahmen von kulturellen, ökonomischen und sozialen (Re-)Produktionsweisen. Dennoch kommt eine vom Lokalen ausgehende, umfassendere Sichtweise von "Globalisierung" nicht umhin, die viel bemühte Ortsspezifik, etwa von kultureller Produktion, innerhalb eines komplexeren Wechselspiels zu verstehen oder, um mit David Harvey zu sprechen, "Globalisierung" als "Prozess der Produktion ungleicher zeitlicher und geografischer Entwicklungen" zu betrachten. Die notorischen Bilder von Käfig, Falle oder Gefängnis reichen dazu nicht aus. Eine adäquatere Veranschaulichung von "Globalisierung" – die immer noch weit von einer verbindlichen Verbildlichung entfernt wäre – müsste demnach von deren "produktivem", prozesshaftem Charakter ausgehen. Als differenzierende Kraft schreibt sie schließlich immer krassere Unterschiede in die Geografie ein, etwa jenen zwischen "Touristen" und "Vagabunden", wie Zygmunt Bauman es genannt hat; oder jenen zwischen "freien Menschen" und "evil-doers", wie es neuerdings heißt.

Die einzige politische Antwort darauf scheint eine Art von Kosmopolitismus zu sein, welcher die drastischen Effekte der "ungleichen zeitlichen und geografischen Entwicklungen" zu lindern versucht. Lindern, ohne sie rückgängig machen oder ihnen mit universellem Anspruch entgegentreten zu können. Zumindest so lange nicht, bis ein ebenso treffendes wie greifbares Begriffs-Bild von "Globalisierung" vorliegt. Wo sonst, wenn nicht im kulturellen Feld, könnte ein solches Bild entstehen?

straden aktiv
IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien