Im Lachen verbirgt sich unter anderem viel Vernunft
Deswegen behauptet sie seit Jahren, dass ihr wichtigstes Organ die Leber ist, denn ohne eine halbwegs funktionierende Leber wäre das Lachen immer gelb, und ein gelbes Lachen taugt nicht. Das gelbe Lachen hinterlässt einen Gallengeschmack im Mund, der wieder geschluckt wird. Und das taugt nicht. Sie braucht eine widerstandsfähige Leber, die die Vielfalt der Giftstoffe aushält, denn sie will nicht gelblachend, entschuldigungsverpflichtend, unterwürfig und danksagend unterwegs sein.
Da sie versprochen hat, nicht nur über Anthropophagie zu reden, da sie aber nicht gelblachend unterwegs sein will, beschäftigt sie sich mit den Funktionen der Leber, um etwas mehr über die Verdauung von fremden Substanzen zu erfahren.
Die Leber ist das wichtigste Organ für den Abbau stoffwechseleigener und stoffwechselfremder Substanzen. Daneben nimmt sie zentrale Aufgaben im Rahmen der Aufnahme und Verwertung von Nahrungsbestandteilen ein, sorgt für die Bereitstellung lebenswichtiger Eiweißstoffe und greift regulierend in das Immunsystem und die Hormone ein. Die von der Leber produzierte Gallenflüssigkeit gelangt über das Gallengangsystem in den Darm. Auf diese Weise werden einerseits Abbauprodukte und Giftstoffe in den Darm abgeleitet und zum anderen die Verdauung unterstützt.
Und je mehr sie sich damit beschäftigt, desto klarer werden die Zusammenhänge. Sie sucht nach dem Wort Galle im Wörterbuch und findet einige Bedeutungen, die unter der Bemerkung "im übertragenen Sinn" erörtert werden: Gallenblase als Sinnbild für Ärger, schlechte Laune, Bosheit; Gift und Galle speien: seine Wut, Bosheit austoben.
Da sie nicht gelblachend unterwegs sein will, da sie von rohem Optimismus und Revolte besessen ist - und das prometheische Bild erfüllt die Szene ... -, sehnt sie sich nach den sanften Landen, in die regulierende Oase: eine intakte und widerstandsfähige Leber, die in der Lage ist, Giftstoffe in den Darm abzuleiten. Denn wohin mit manchen Stoffen, wenn nicht in den Darm? - fragt sie sich und beschließt, einige Giftstoffe zu nennen, um das Bild etwas interessanter für die LeserInnen zu gestalten. Zum Beginn einige Kostproben aus der Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahr 2000:
„In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität. Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Sie stellt die Person in den Mittelpunkt ihres Handelns, indem sie die Unionsbürgerschaft und einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts begründet."
Und weiter aus dem Kapitel „Würde des Menschen": „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen."
Ob Drittstaatsangehörige als die in den Mittelpunkt gestellten Personen oder sogar als Menschen verstanden werden sollen, lässt sich oft nicht feststellen. Ein Vergleich zwischen anderen Passagen aus der Charta und der Praxis im Hoheitsgebiet der Mitgliederstaaten erweist sich als unerlässliche Kostprobe von Giftstoffen, die ohne eine widerständige Leber nicht auszuscheiden wären, und die letztendlich zu einer resignativen gelblachenden Haltung führen würden.
In der erwähnten Charta steht ganz fest und prächtig: „Jede Person hat das Recht auf Schutz der sie betreffenden personenbezogenen Daten". Dennoch, anderswo können wir lesen: „Fingerabdrücke werden Asylwerbern in Österreich bereits seit 1991 abgenommen. Das stellte der Sprecher von Innenminister Strasser (...) klar. Die angekündigte Umsetzung der Fingerprints für Asylwerber betreffe nur die technische Umsetzung von Eurodac, der EU-Datenbank für Fingerabdrücke von Asylwerben und illegal Aufgegriffen."
Anscheinend ist hier weder von Personen noch von Menschen die Rede.
Und ein Stück weiter: „Jede Person hat das Recht auf Bildung sowie auf Zugang zur beruflichen Ausbildung und Weiterbildung." Um zu beweisen, dass sie Drittstaatsangehörige doch unter der Kategorie Person einreiht, und dass diese als solche Recht auf Bildung haben, verabschiedet die österreichische Regierung den Integrationsvertrag. Im Ministerratsvortrag zur „Integrationsvereinbarung" wird das folgendermaßen präsentiert: „Mit der Schaffung einer Integrationsvereinbarung werden die Angebote zum Spracherwerb im Bildungsbereich verstärkt, das kulturelle und soziale Zusammenleben gefördert, Ängste und Sorgen der heimischen Bevölkerung abgebaut, sozialer Missbrauch eingedämmt und Chancen für eine Weiterentwicklung im beruflichen Bereich verbessert."
Ja, ohne Leber wäre es schwer. Zum Glück ist die Leber ein autoregeneratives Organ...
Doch: eine funktionierende Leber reicht allerdings nicht aus, um anders funktionierend zu lachen, um systembedrohend zu lachen: das Lachen beim Feststellen der Vielfalt an widerständigen Strategien der MigrantInnen; das Lachen beim Feststellen der Unfähigkeit des Systems, die internationalen Migrationsbewegungen zu steuern; das Lachen über das romantisierte Bild der MigrantInnen; das Lachen über ein von Torten glasiertes Gesicht eines Politikers; das Lachen über eine Regierung; das Lachen, das entthront; das Lachen, das zu Protagonismus und Selbstorganisation führt...
Die Formen der Selbstorganisation von MigrantInnen sind vielfältig. Eine dieser Formen ist diejenige im Kulturbereich. Eine ausgiebig geübte Form unter den MigrantInnen. Die erste Vorbedingung zur Häufigkeit dieser Form besteht in der formellen und gesetzlich verankerten Tatsache, dass sich MigrantInnen in Österreich politisch nicht offiziell organisieren können. Obwohl in der oben erwähnten Charta steht, dass „jede Person das Recht (hat), sich insbesondere im politischen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Bereich auf allen Ebenen frei und friedlich mit anderen zu versammeln und frei mit anderen zusammenzuschließen (...)". Zweitens bilden die Pflege und die Konstruktion von Ethnizitäten ein schönes Paar mit kulturellen Betätigungen. Und so verbringen MigrantInnen wunderschöne Stunden der Anerkennung, der Selbstbewunderung, der Lust. Nur: das Licht geht aus. Die Show ist vorbei. Das Licht geht aus und wieder an. Das Licht ist eingeschaltet, die Show ist vorbei und aus den Wänden ertönt das Echo: MigrantInnen?
Sie fragt sich nach der Entstehung von Begriffsbestimmungen und stößt auf die Definitionsmacht und stößt auf die Frage der Repräsentation und auf die Frage der Selbstbestimmung. Sie fragt sich. Sie wirft Blicke. Sie liest in einem Text von FeMigra (feministische Migrantinnen in Deutschland) eine Erklärung zur Auswahl des Begriffes Migrantin und entscheidet sich, die Passage zu zitieren: „Die Bestimmung unserer politischen Identität als Migrantinnen verstehen wir als Gegenentwurf, als Bezeichnung eines oppositionellen Standorts. Wir sind uns der Gratwanderung bewusst, auf die wir uns begeben, wenn wir eine strategisch gedachte Identität konstruieren, die möglicherweise für einige ausschließend und für andere wiederum einengend wirkt. Doch erscheint uns wichtig, dass über die Position, die wir einnehmen, die Einwanderungsgeschichte und -politik dieses Landes in den Mittelpunkt rückt.“ (Selcuk Yurtsever-Keneer. Strategien feministischer Migrantinnenpolitik)
Der bon sauvage ist ein europäisches Tier. Und der Versuch, den von den EuropäerInnen erfundenen bon sauvage zu fressen, um sich in ihn zu verwandeln, bildet eine konservative Form der Anthropophagie, die im Gegensatz zur Bildung von politischen Identitäten steht, denn durch diese kannibalistische Aufnahme gehen die Möglichkeiten der subversiven Kräfte verloren. Anstatt die Funktion zu haben, die Gesellschaften zu kritisieren, dient diese Aufnahme ihrer Legitimation. Sich als MigrantInnen im Sinn von politischer Identität zu bezeichnen und die Rolle des bon sauvage spielen zu wollen, sind zwei unvereinbare Handlungen.
Und sie wehrt sich gegen die Annahme, es wäre das Schicksal der MigrantInnen in Europa, die Fortsetzung der bon sauvage-Tradition zu realisieren. Sie wehrt sich gegen diese Form der Anthropophagie, und sie will das System nicht aus einer fatalistischen Perspektive betrachten. Und erlaubt sich Visionen. Darunter die Vision einer transversalen Praxis im Rahmen der Kulturarbeit von MigrantInnen, die eine Zusammenarbeit mit anderen politischen und kulturellen Gruppen vor Ort einschließt, und „die gleichermaßen den nationalen Rahmen von innen sprengt, wie sie auch die Grenzen von politischer und kultureller Arbeit zu verwischen/verschieben im Stande ist", wie es in der Ankündigung dieser Konferenz zu lesen ist.
Sie denkt an das Lachen, an das anthropophagische Lachen, das aus den Wänden ertönt, nachdem das Licht eingeschaltet wird, während das Licht brennt, während das Licht nicht brennt. Sie denkt an die Tupinambás–Indigenas, die als Einheimische und Exilierte leben konnten, und die als Exilierte alles von außen betrachteten und sich anhand von Kriterien, die nicht unbedingt denen ihres ursprünglichen Stammes entsprachen, entschieden, das Fremde aufzunehmen oder auszuscheiden.
Sie fragt sich nach den Möglichkeiten, diese subversive Kraft in Form von emanzipatorischer und politischer Kulturarbeit zu aktualisieren. Und sie fragt sich auch nach dem Anfang: wie entsteht die subversive Kraft? Wie entsteht das anthropophagische Lachen? Und sie stößt auf die Ethik und auf die ethische Notwendigkeit, sich gegenüber Diskriminierung, Ausgrenzung und Ausbeutung zu empören. Sie kehrt zurück und blickt auf das Terrain der Kulturarbeit und stellt fest, dass hier Potenziale bestehen: Möglichkeiten der politischen Partizipation, der Mitsprache in der Öffentlichkeit, der Mitgestaltung kulturellen Landschaften. Sie wirft viele Blicke und stellt fest, dass die Möglichkeiten einer ethisch-politisch-emanzipatorischen Kulturarbeit von MigrantInnen in Österreich ein von wenigen betretenes Territorium ist.
Sie wehrt sich gegen Reduktionen: Kulturarbeit von MigrantInnen kann als eine Möglichkeit der politischen Betätigung gesehen werden, soll jedoch nie als die einzige gelten. Und weiter: im Sinn einer emanzipatorischen anthropophagischen Praxis soll es möglich sein, rigide Strukturen und Grenzziehungen zu kauen, sie zu verdauen und zu verwandeln. Eine anthropophagische Praxis, die im Bereich der Kulturarbeit politische Partizipation bewirken will, sollte die Grenzen zwischen Kultur- und Sozialbereich aufheben: leugnen, erhalten, überschreiten.

