Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
 

Die Beständigkeit des Zentrums. Zur Haltbarkeit der These von der kulturellen Globalisierung

Ulf Wuggenig

Der Begriff der Globalisierung wurde Anfang der 90er Jahre in affirmativer Absicht popularisiert. Zu den Autoren, die im Rahmen der aufkommenden „Politik der Globalisierung“ (Bourdieu) an vorderster Front für die weltweite Verbreitung dieses Begriffes sorgten, zählt Anthony Giddens, Vordenker und Verfechter jenes „Dritten Weges“, auf den sich die Sozialdemokratie in ihrer Annäherung an den Neoliberalismus begeben hat. Für Giddens erscheint die „Faktenlage“ ziemlich klar. Die Globalisierung – aus seiner Sicht ein Prozess von Entbettung und raum-zeitlicher Abstandsverringerung – strukturiert „unsere“ Lebensformen neu. Sie trägt zwar den Stempel US-amerikanischer politischer und ökonomischer Macht, lässt sich aber nur bedingt als Verwestlichung interpretieren, da sie durch Dezentrierung und „reversive Kolonisierung“ gekennzeichnet ist. Hinter den verschiedenen institutionellen Dimensionen der Globalisierung – der kapitalistischen Weltwirtschaft, dem System der Nationalstaaten, der militärischen Weltordnung und der internationalen Arbeitsteilung – steht dieser Theorie zufolge die „kulturelle Globalisierung“.

Malcolm Waters, der teilweise an Giddens anschließt, schenkt der Kultur – der Sphäre des symbolischen Austausches - größere Aufmerksamkeit. Er behauptet, dass der kulturelle Bereich mittlerweile noch deutlichere Züge von Globalisierung aufweist als die Sphären von Ökonomie und Politik. Im Gegensatz zu Giddens vertritt er die Position, dass die Globalisierung nicht Teil der Moderne ist, sondern dieser vielmehr vorausgeht. Globalisierung erscheint somit als ein längerfristiger historischer Prozess, der in jüngerer Zeit allerdings eine Beschleunigung erfahren hat. Die kulturelle Globalisierung im Speziellen setzte Waters zufolge im Feld der Hochkultur früher ein als im Bereich der Populärkultur, für die erst technologische Entwicklungen wie Film und elektronische Medien die Voraussetzungen für die Überwindungen nationalstaatlicher Orientierungen schufen.

Diese Einschätzung, dass die Hochkultur und die Bildende Kunst im Speziellen in besonderem Maße globalisierte Felder seien, wird heute im deutschsprachigen Raum nicht selten von kulturwissenschaftlichen Autoren vertreten. Beispiele sind Beiträge von Diethelm Kramer und Bernd Wagner in einem im letzten Jahr erschienenen Band zur kulturellen Globalisierung. Kramer vertritt die Auffassung, dass „in kaum einer anderen Sphäre der Kultur die Verschränkung von Nord und Süd, von Ost und West so intensiv (ist) wie in der Bildenden Kunst“. Wagner spricht von einer „globalen Gegenwart mit einem entstehenden globalen Netzwerk von Einrichtungen und KünstlerInnen“ und einer „neuen Qualität“ von „globalen Austauschprozessen“. Diese Einschätzungen stützen sich auf die stärkere Einbeziehung von Kunst bzw. Künstlern und Kuratoren aus Weltregionen, die bisher vom Kunstsystem ignoriert wurden, sowie auf die Proliferation und regionale Streuung von Kunstbiennalen, die in den 90er Jahren zu beobachten waren. Sie erscheinen allerdings eher naiv, was die Kontinuität hegemonialer und kulturimperialistischer Strukturen betrifft. Außerdem ignorieren sie verfügbare Evidenz, die den begrenzten Grad der Globalisierung und die Ultrastabilität von Zentrum-Peripherie Strukturen des Kunstfeldes deutlich machen. Vor dem Hintergrund solcher Evidenz und aus theoretischen Gründen müssen Zentrum-Peripherie Modelle gegenüber der Kritik von Autoren wie Giddens, aber auch Hardt und Negri ("Empire") verteidigt werden.

IG Kultur Steiermark
IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien