Fehlt da jemand? — IG Kultur

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09.06.2011

Fehlt da jemand?

Stefan Haslinger

BM Schmied macht Pläne für die Zukunft. Leider vergisst sie dabei auf die Misere der Gegenwart! Sie arbeite konsequent an der Umsetzung von kunst- und kulturpolitischen Zielen des Regierungsprogramms, ließ Bundesministerin Claudia Schmied kürzlich via OTS verlautbaren. Wie schön. Denn wenn das Programm diktiert was zu tun ist, dann können die eigenen Gedanken getrost ruhen!

Leider war es der Ministerin und ihren KollegInnen offensichtlich nicht gegenwärtig beim Schreiben des Regierungsprogramms, dass 2011 das europäische Jahr der Freiwilligenarbeit begangen wird. Oder es war ihnen gegenwärtig, doch zuständig dafür ist das Sozialministerium. Also, keine Notwendigkeit in diesem Bereich zu handeln.Die Ministerin lobt zwar gerne Preise für interdisziplinäre Kunst aus, eine themenbezogene Verschränkung einzelner Ressorts, kann aber nicht ausgelobt werden.

Warum könnte die Frau Minister auch für Freiwilligentätigkeit zuständig sein? Nur weil der Bereich Kunst, Kultur, Unterhaltung und Freizeit der größte Bereich formeller Freiwilligenarbeit in Österreich ist - sowohl in Bezug auf die Zahl der Freiwilligen als auch in Bezug auf die eleisteten Arbeitsstunden, wie der Freiwilligenbericht 2009 erkennt? Oder weil Kultur als Querschnittmaterie funktioniert und damit auch in andere Lebens- und Arbeitsbereiche dringt und dort die Sichtweisen verändert?

Es stünde gerade der Kultur- und Bildungsministerin gut zu Gesicht, wenn sie das Ineinandergreifen ihrer Ressortbereiche auch erkennen würde, wenn sie die Verschränkungen kommunizieren würde und den gesellschaftlichen Mehrwert, der hier produziert wird auch honorieren würde. Die Freiwilligen in der Kulturarbeit (unabhängig welche Sparten hier angesprochen werden sollen) brauchen Sicherheit für ihre Arbeit. Wo im Katastrophenschutz seit langem Versicherungsmodelle greifen, ist der Kulturbereich Niemandsland. Zuständig sind die Vereine, die sich privat um die Versicherung ihrer MitarbeiterInnen kümmern müssen. Einige Bundesländer (Vorarlberg, Oberösterreich) machen es schon vor, wie praktikable Modelle aussehen könnten. Die Pionierrolle in diesem Bereich kann BM Schmied nicht mehr einnehmen. Verpasste Chance Part 1.

Aber noch könnte sie handeln. Denn alleine mit Versicherungen ist noch nicht alles abgedeckt. BM Schmied könnte sich auch – außerhalb des vereinbarten Regierungsprogramms – Gedanken machen, welche Möglichkeiten es geben könnte, um freiwilligen MitarbeiterInnen in Kultureinrichtungen Weiterbildung zu ermöglichen, die sie für die Ausübung ihrer Tätigkeiten benötigen. Modelle von Bildungsurlaub und dergleichen gibt es schon, sie müssten nur adaptiert werden. BM Schmied könnte auch dafür eintreten, dass Freiwilligenarbeit eine Anrechenbarkeit auf Pensionszeiten erfährt, was auch im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit wäre. Der Vorschlag ist kein Unbekannter, hat ihn doch Andreas Khol (damals Klubobmann der ÖVP) mit seiner Idee der Bürgergesellschaft schon lanciert.

Doch so wie es aussieht, sind all diese Ideen im Feld der normativen Utopien anzusiedeln. Denn ansonsten wäre es hoch an der Zeit, geeignete, simple Maßnahmen zu setzen, die das Leben für Kunst- und KulturarbeiterInnen erleichtern würden. Allein für das Feld freiwilliger Tätigkeit. Dass es auch hoch an der Zeit wäre über Gehaltsstandards für Beschäftigte im Kulturbereich zu sprechen, wird von der IG Kultur gerade kommuniziert. Frau BM Schmied müsste einfach nur zuhören!

Stefan Haslinger, Geschäftsführer der KUPF, Obmann der IG Kultur Österreich und Botschafter der Europäischen Jahres der Freiwilligenarbeit 2011

WEITERFÜHRENDE LINKS:

Kulturrisse 03/2009: Freiwilliges Engagement: Hackeln für die "Ehre"?

Europäisches Jahr der Freiwilligenarbeit, auf der Freiwilligenbericht zu finden ist.

Versicherungsmodelle für freiwillig tätige KulturarbeiterInnen:
Vorarlberg
Oberösterreich

Bildungsmodelle:
Deutschland
Schweiz

Video "Ehrenamt und Freiwilligenarbeit" - von der Konferenz "Networking or Not-working":

Audioversion

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Teil 2: Keine Angst vor den freien Szenen? Elisabeth Mayerhofer
Teil 1: Fehlt da jemand? Stefan Haslinger
Teil 0: Geht's noch? Marty Huber

 
 
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