Ein Lüfterl oder ein Brain-Storm? — IG Kultur

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25.08.2011

Ein Lüfterl oder ein Brain-Storm?

Gottfried Wagner

Vorausgeschickt: Die einzige ‚Legitimation’, mich zu der Artikelreihe der IG zu äußern, beziehe ich aus meiner doppelten Perspektive von ‚draußen’, a. aus der Erfahrungs-Welt von NGO(s) (Europäische Kulturstiftung) und QuaNGO(s) (KulturKontakt), und b. aus meiner ‚deformation professionelle’, alles mit internationalen Brillen, zumindest mit europäischen, wahrnehmen zu wollen (und zu müssen - als Mittel gegen die Alterssichtigkeit des ‚Nationalstaates’). Ich schreibe diesen Beitrag als Privatier, quasi.

Ehrlich gesagt, ich war schon verblüfft über die Weite-Strecken-Absenz der Interessenorganisationen auf dem Feld der Kulturpolitik. Service und Lobbying schienen grundsätzlichere Energien zu binden; oder sollte der ‚Pragmatismus’ realem Quietismus ‚im kulturellen Feld’ entsprechen? Die Artikelserie der IG ist hier ein interessantes Zeichen, und das Lüfterl potentieller ‚Klienten’ kann sich ja noch zum veritablen Brain-Storm entwickeln, an die Wurzel gehen und zur politischen Kultur in Österreich, um die es generell, wie in vielen anderen Ländern, nicht gerade zum besten steht, beitragen.

Wenn die Debatte allerdings nicht aus der ‚kritischen Tiefe’ (ist nicht unbedingt gleich Masse) der (kulturellen) Zivilgesellschaft käme, bliebe sie begrenzt auf die paar Dutzend Insider, kulturpolitisch klandestine Experten (von denen es einige nicht genug zu rühmen gilt, wie ich finde, etwa um das eipcp) – also wie bisher. Weiters: wenn die Debatte in der Essenz von außerhalb, sprich: ‚oben’ (und ‚oben’ sind auch die exponierten Funktionäre der Verbände), erwartet werden sollte, schriebe man der österreichischen Geschichte seit Joseph II ein neues Fußnoterl von ‚unten’ ein. Und wenn schließlich aus dem ‚Verhandeln der Sache’ mit den notwendigen Wahrnehmungs- und Handlungskonflikten (‚negotiating difference’) nicht - absehbar - ‚Wandel’ folgte, bliebe es beim Schattenboxen.

Traditionellem Verständnis folgend (das derzeit allerdings gerade über den Haufen geworfen zu werden scheint in den Städten Europas) braucht es Kristallisationskerne, um die sich Argumente anreichern, die Wirkung zeigen, auf Öffentlichkeit und Organisation/en/sformen. Nun, nur hell ist es um die Kristallisationskerne ‚im vergleichbaren Ausland’ auch nicht bestellt, derzeit; dennoch, es lohnt, sich die Fülle, Diversität, Macht und Schwäche der Akteure kritisch vergleichend anzusehen.

  • So richtig ‚schwere Elemente’ finden sich in Deutschland, in der Verzahnung von machtvoll-lästigen Interessensbrokern (Kulturrat) und partizipativen Mitgliedergesellschaften (KuPoGe), Politik (z.B. die Enquete-Kommissionen des Bundestags), Städten und Universitäten. Da entstehen nachhaltig signifikante Differenziertheit und Expertise, Einfluss und Allianzen verschiedenster Art. Persönlich glaube ich allerdings, dass frischer Wind der deutschen Parallelwelt der Kulturpolitik mehr als gut täte, gender- und generationsmäßig.
  • Auf einer anderen Politikebene möchte ich an die Debattenhäuser erinnern, die kein heißes Eisen scheuen, die schnell und aktuell - und Publikumsmagneten! - sind und die Trennung von Wissenschaft, Politik, Medien und Kunst in Permanenz aufheben; besonders erfolgreich etwa das Red House in Sofia, oder das Balie in Amsterdam, in gewisser Weise auch das Haus der Kulturen in Berlin. Hier findet Kulturpolitik im demokratischen ‚Ring’ ebenso statt wie Vergesellschaftung von Interessen in Verbindung mit künstlerischer Produktion. (Hat den Niederländern auch nicht geholfen in den letzten zehn Jahren, könnte man sagen; wahr ist aber auch: Nie waren diese Orte so wichtig wie heute.) Klar kann man hiesige Kaffeehäuser nicht mit Coffeeshops vergleichen; aber auch ‚klar: leider’. Könnt’ ma nämlich brauchen, nicht nur angesichts der 25% für die drei ‚großen Parteien’.
  • Im Musterland des Zentralismus leistet sich die (traditionell markante) Kulturpolitik mit dem Relais Culturel in Paris einen ‚systemverträglichen Agent Provocateur’, der das ‚verfestigte Eigeninteresse’, um nicht zu sagen den symbolischen Dominanzanspruch französischer (internationaler) Kulturpolitik (allerdings nur ab und zu) aufmischt. Klugerweise in Verbindung mit großen Festivals, wo etwa in Avignon öffentliche Debatten Intellektuelle, Kunstschaffende und ‚das Feld’ zusammenbringen und agenda setting versuchen. (Letzteres ist freilich von den Demos und Streiks der Intermittents wesentlich heftiger ausgegangen.)
  • Arts Councils haben – neben und durch Förderung – vielfach katalytische Aufgaben übernommen, schon seit ihrer Konzeptualisierung durch den großen J. M. Keynes. Während der letzten Labour Regierungszeit ist viel kulturpolitisches Mainstreaming heißer (und lauer) Eisen über die Arts Councils gelaufen, leider (am Beispiel der völlig überzogenen Ökonomisierung der Debatte, die nun sogar zur völligen Umkrempelung des schottischen Arts Council zu ‚Creative Scotland’ geführt hat) und ‚Gott sei Dank’, am Beispiel der wohl beherztesten Multikulturalismus-Politik und -Praxis. Viel davon möchte man sich an der Donau wünschen, auch Think Tanks wie z.B. DEMOS, die kulturpolitische Debatten in neue Zonen getrieben haben (‚prosumers’).
  • Wer dagegen hält, es handle sich eben um eine völlig andere Kultur, der möge sich in Skandinavien umschauen, wo etwa die Kultur-Räte (in einer sehr spezifischen Ausprägung) nicht selten das Geschäft des Public Reasoning über Kunst und Kultur aufgreifen, teils in Verbindung mit anderen starken Partnern wie Unis und Stiftungen.
  • Horizontale Partnerschaften etwa zwischen Uni, NGOs wie Interarts und halb-öffentlichen Denkschmieden haben im übrigen auch Barcelona zu einem Walhalla der Kulturpolitik und Innovation gemacht. Vergleichsweise in den Anfängen dagegen das Ravello Lab, wo neben Unis und Verbänden auch ‚Gewerkschaften’ an neuen Ideen werkeln, zweifellos ein mühevolles Unternehmen im Bunga Bunga Italien des ersten Jahrzehnts des Milleniums.
  • Am ‚luxuriösesten’ und ausdifferenziertesten war bis vor kurzem die kulturpolitische Infrastruktur in den Niederlanden. Man wagt noch nicht zu glauben, dass die Schere im Kopf und in den Händen der Kämmerer schwer wieder gut zu machenden Schaden anrichten.

Eine gemischte, aber reiche Bilanz, könnte man sagen, und dies nur als Ausschnitt, darunter einige zweifellos interessante Partner für österreichische Akteure, z.B. die diversen IGs, wenn sie sich stärker vom Service hin zur kulturpolitischen Debatte bewegen wollen.

Was es hierzulande bedauerlicherweise nahezu gar nicht gibt, sind private Stiftungen (‚private money for the public good’), nicht als Kapitalanlage, sondern als philanthropische (charitable) Einrichtungen, die öffentlichen Sektor wie Markt ergänzen, und die nicht selten eine riskante, aber enorm wichtige Avantgarde-Rolle übernehmen. Kultur gehört in manchen Ländern und bei vielen Stiftungen zu den primären Auf- und Ausgabenpositionen, und erfreulicherweise haben viele auch im Prozess von Kulturpolitikentwicklung neue Aufgaben übernommen, als Plattformen, als Laboratorien, als Förderer von Netzwerken und transnationalen, oder auch von horizontalen Experimenten (etwa Kunst und Gesundheit beim Welcome Trust, UK). Von Schweden bis Italien oder Portugal haben Stiftungen nicht nur mit großen Summen Kunst gefördert, sondern im originär liberalen Geist Alternativen geschaffen, und damit Wahlmöglichkeit, und den Wettbewerb der Ideen stimuliert. Kulturpolitische Stadt- und Regionalentwicklung haben z.B. in Turin ansässige Stiftungen (mit Bankenhintergrund) in großem Stil inspiriert, in Wahrnehmung ihrer Verantwortung für das öffentliche Gut.
Unnötig zu betonen, wieviel Ressourcen auch Stiftungen durch die Kapitalvernichtungs-wellen seit 2008 eingebüßt haben. 
Nichtsdestotrotz, es wäre ein großes Ziel, in Österreich Anreize zum ‚Stiften’ dieser Art zu schaffen, schon allein aus dem Grund, dass ganz wichtige neue kulturelle und künstlerische Impulse bei Wahrung des (reichen) Status Quo ‚frisches Geld’ brauchen, das - für lange, steht zu befürchten - aus dem öffentlichen Säckel nicht kommen wird. Das schließt die Finanzierung alternativer kulturpolitischer Gedanken- und Real-Experimente mit ein. Wichtig dabei auch, dass Stiftungen Raum lassen für echtes ‚Funding’ statt ausschließlich für eigenkuratierte Prestigeprojekte.

Worum geht es in Europa und in Österreich bei den derzeit ‚gängigen’ kulturpolitischen Debatten jenseits reiner Interessenvertretung?

Man könnte zunächst von einem Mix aus Mangel, Moden und Mehrwert sprechen. Die Mangel-Diskussionen drehen sich um das Zu-Wenig; um das objektive, krude Verwalten des Mangels, um z.T. barbarische Kürzungen in manchen Ländern; oder um den spezifischen Mangel in bestimmten Bereichen, etwa der zeitgenössischen Kunst (und der freien Szene) versus Kulturerbe und traditionelle Hochkultur und deren teure Institutionen. Damit sind die Diskussionen um Strukturreformen und Masterpläne verknüpft, etwa zum Thema teurer und qualitativ nicht immer zufriedenstellender ‚Überversorgung’ in der kleinstteiligen deutschen Theaterlandschaft.
Moden habe per definitionem jeweils ihre Konjunktur, am ausgeprägtesten war in den letzten 15 Jahren die Hoffnung auf den kulturökonomischen Nutzen der ‚Investitionen’ (versus Förderung), die Litanei von der ‚Creative Class’ bis zur Kultur- und Kreativindustrie im Zeichen der Standortkonkurrenz, inklusive der europäischen (erst ‚Lissabon Agenda’, später ‚Europe 2020’). Nicht nur ist allerdings – jenseits bekannter alter und neuerer Erfolgsgeschichten - die Evidenz im Ergebnis schmalbrüstig geblieben, noch konnte damit das Dilemma von Konkurrenz und Kooperation gelöst werden, etwa der Konkurrenz der Städte, die allzu oft auch viele ‚Verlierer’ produziert, von denen niemand gern spricht.
Die Mehrwert-Debatte leitet sich vom Zauberwort ‚added value’ her. Was als Begriff vom europäischen ‚Plus’ (komplementär zu nationalen Lösungen) Karriere machte, meint – angewandt auf Kunst und Kultur – wieder deren ‚Nutzen’ für andere gesellschaftliche und geschäftliche Felder: Stadtentwicklung, natürlich Tourismus, Design, soziale Integration, bis hin zum sogenannten nation-branding. Im Grunde instrumentell gedacht, wird dabei defensiv argumentiert, nur so könne das öffentliche Interesse an Kunst in ‚materialistischen’ Zeiten oder in Zeiten der Krise aufrechterhalten werden. Es ist noch die Frage, ob die Krise des Kapitalismus uns auch von den Auswüchsen dieser heteronomen Kulturpolitik in Europa befreien wird. Erste Befunde deuten auf das Gegenteil hin; wo gehobelt wird, und Späne fliegen’, erklärt man Kultur/Kunst als added value besser gleich zur unique selling position.

Sozioökonomisch relevante Veränderungen (etwa in der technischen ‚Basis’ von Arbeit und Kommunikation, Freizeit und Kultur) haben die ‚digitale Wende’, die ‚Netzkultur’, die ‚Netzpolitik’, Creative-Commons- und Copyright-Diskussionen in die Kulturpolitik getragen, wenn auch noch nicht immer zur Befriedigung der konfligierenden ‚Parteien’. Ähnlich massiv wird die veränderte ethnisch-kulturelle Zusammensetzung der Gesellschaft (und in Ansätzen der demographische Wandel) in der Kulturpolitik wahrgenommen, und diskutiert, allerdings auch noch keineswegs demokratisch, fortschrittlich, effektiv und konsistent genug! Dazu fehlt es fast allerorten auch, aber nicht nur, an ‚realer’ Anerkennung und Mitteln.

Über diese und weitere (bekannte) kulturpolitische Themen hinaus ist die Frage heute, ob ein größerer Paradigmenwechsel ansteht.

Die Gesellschaft in vielen Ländern Europas (auch im ‚reichen’ Österreich) hat sich dramatisch verändert. Muss sich Kulturpolitik auf substantielle Veränderungsprozesse einstellen, wenn ihr die Realität nicht davonlaufen soll?
Die ‚Literatur’ ist voll von Behauptungen und Beschreibungen einer sozio-ökonomischen ‚Krise’, die an den Grundlagen des bisherigen compromesso storico in Europa (und anderswo) rüttelt. Sie ist aber auch äußerst heterogen im Ausmachen von Lösungsstrategien, angesichts der Größe, globalen Natur und Komplexität der Probleme, die mittlerweile alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen. Selbst wo halbwegs Einigkeit über Maßnahmen herrscht, scheint keine Bewegung in Sicht, die ihre Umsetzung erkämpfen könnte. Wie konfus die Emotionen der Bürger sind, Wut, Empörung, Hilflosigkeit, Lethargie, Ratlosigkeit, Widersprüchlichkeit, kann man nicht nur oder nicht nur in erster Linie am Aufruhrpotential an den Rändern ablesen, sondern bis in die Mittelschichten und ihren neuen ‚Extremismus’ (Bude) hinein verfolgen. Viele traditionelle wirtschafts- und sozialpolitische Instrumente versagen; halbwegs bewährte Narrative tragen nicht mehr, neue sind kaum in Sicht. Nach-kapitalistische Ordnung kann sich kaum jemand vorstellen, an kapitalistische ‚Ordnung’ wollen aber viele auch nicht mehr glauben. Man weiß einerseits genau, kein Nationalstaat wird es allein ‚derheben’, transnationale Demokratie ist aber anderseits noch schwach, und ihre ‚Gesichter’ sind unendlich weit weg, abstrakt. ‚Politics of Fear’, Populismus aller Arten und der Verlust gesellschaftlichen Vertrauens sind die Folge. Die politische Kultur reflektiert diesen volatilen Zustand auf das Beklagenswerteste.

Es ist vielleicht angesichts der Lage zu viel von Kulturpolitik verlangt, einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur zu leisten, sagen die Skeptiker in London, Berlin, Rom und Wien (‚Soll sie doch erstmal die dringendsten immanenten Hausaufgaben lösen’) und mehr und mehr in Brüssel; andererseits kann es möglicherweise genau darum gehen in den nächsten Jahren in Europa. Allerdings müssten selbst diejenigen, die – etwas nostalgisch - die letzte Periode ‚starker’ Kulturpolitik in den siebziger Jahren orten, im Prinzip einräumen, dass kulturpolitische Paradigmenwechsel wahrscheinlich nur inmitten eines breiten gesellschaft-lichen Wandels möglich werden, der tief aus verschiedenen Gruppen der Bevölkerung ins Zentrum hineinreicht. So war doch gesellschaftlicher Kulturwandel eines der Spezifika der 68er Jahre, der neue Politik und Kulturpolitik ermöglichte und erzwang.

Damit stellt sich die Frage genauer: Woher käme denn heute der massive gesellschaftliche Antrieb/Auftrag? Reagiert die IG Kultur Österreich mit ihrer Debatten-Serie bereits auf eine breitere gesellschaftliche Bewegung?

Nun, die (modifizierte) Wiederaufnahme von Slogans wie ‚Kultur für alle’, der Diskussionen um Soziokultur und freie Szene – wie an der KuPoGe Politik in Deutschland abzulesen – wird einer notwendigen Wiederentdeckung des Politischen wohl nicht den Treibstoff liefern. Kulturpolitische Debatten sind im Europa von heute zu oft noch in alten Entgegensetzungen verfangen (z.B. Hochkultur-Partizipation).

Deutlich ist, dass – bis auf einige wenige Länder und Städte – die ‚komfortable’ Grund-konstellation schon längst baden gegangen ist: Hohe Grundausstattung seitens der öffentlichen Hände, plus Ausweitung der Rolle der Wirtschaft führten zu einer nie gekannten Breite und auch Tiefe der kulturellen Aktivitäten, und des ‚Konsums’, inklusive ‚Spielgeld’ für die Ränder. Dies ist weithin Vergangenheit, die Verteilungskämpfe werden härter, und der relative Mangel macht sich besonders angesichts der neuen ‚Vielfalt’ und des sie begleitenden neuen Rassismus und/oder des ‚anhaltenden Ausschlusses’ aus den Organisationen der Mehrheitsgesellschaften tragisch bemerkbar.

Umgekehrt hat die kulturelle Ausdifferenzierung und Durchdringung des Alltags vieler (z.B. im Design) vielfach ‚marktförmig’ funktioniert; parallel dazu hat sich gesellschaftspolitisches Engagement in den Jahrzehnten des Neo-Liberalismus zum ‚anything goes’ verändert. Im kulturellen Bereich war anderseits der ‚Markt’ nicht nur ein ‚Fluch’, sondern hat auch zu neuer Pluralität und neuem Geld geführt.
Der Preis war in vielen Ländern wiederum der (Teil-) Rückzug des öffentlichen Sektors, eine Welle der ‚Privatisierung’ wie im Bildungsbereich, und – paradox zur neuen Vielfalt – auch eine Zunahme von Uniformität. Schließlich hat der Finanzkapitalismus auch den prominentesten Teil der Künste ‚gehedgt’.

Es wird in den Debatten der nächsten Jahre darum gehen, nicht zu simplifizieren, aber auch klar zu sein. Nur so kann Kulturpolitik in Europa zur Verbesserung der politischen Kultur beitragen. Klar ist, dass es Megathemen gibt, die Gesellschaft wie den kulturellen Sektor massiv beschäftigen und kulturpolitische Strategieentwicklung fordern.
Drei davon sind ‚die Kunst des Überlebens’ (Nachhaltigkeit der Ressourcennutzung, Energie, Klima), ‚die Kunst, Konkurrenz und Kooperation zu verbinden’ (Globalisierung, Mobilität, Migration), und die ‚Kunst, transnationale Demokratie zu organisieren’ (z.B. EU).
Alle drei (und andere) haben mit der Krise des gängigen ‚Geschäftsmodells’ zu tun. Die tiefe Krise des Kapitalismus wirft kurz- und langfristig Systemfragen auf, für die es weder ausreichende Analysen noch Strategien zur Überwindung gibt. Eine wesentliche Dimension bei diesen Paradigmenwechseln wird die Rolle von Kunst und Kultur, KünstlerInnen und Kulturschaffenden sein. Wie, das bleibt zu sehen oder zu organisieren.

Europaweit gibt es, nicht immer weithin sichtbar bis jetzt, eine Fülle von Experimenten und künstlerischen ‚Labors’, die sich mit den Krisen, dem Wandel, der Unsicherheit, den Bedingungen des Überlebens von Natur und Kultur, Freiheit und Demokratie befassen; die Gerechtigkeit und Freiheit wagen neu zu denken und künstlerisch in Frage zu stellen. Kulturschaffende und junge – wie nicht mehr so junge - Menschen engagieren sich, oder suchen nach ihnen gemäßen ‚anderen Formen’ der Aktion. Es wäre kühn, schon von einer neuen stillen Bewegung zu sprechen; zu laut sind auch die Totalitäreren am rechten Rand; die Zahl derer aber wächst, die bereit sind, Politik nicht mehr bloß zu delegieren, sondern Verantwortung zu übernehmen. An Bruchlinien ist das schon mehrfach sichtbar geworden. Neue Bilder und Sprachen und mögliche Erzählungen mögen verwirren, schockieren und faszinieren. Neue Formen des Aushandelns des ‚Common Good’ entstehen mit und in neuen Allianzen.

Aus dieser Gemengelage kann in manchen Regionen Europas interessante Kulturpolitik für die Zukunft entstehen.

In anderen Kontexten werden das Ruhigstellen, panem et circenses, Behübschung und ähnliche Kompensationsstrategien dominieren. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die ‚Kulturalisierung von Konflikten’ noch weiter zunimmt, und ‚ex-klusives’ Unheil stiftet, national und international. Dass Freiheit abnimmt, ist schon allein wegen der Dominanz ökonomischer (‚elitärer’) Notfallspolitik und der Angst in Gesellschaften – auch vor Demokratieabbau – nicht auszuschließen.
Die europäische ‚Karte’ sticht in der Kulturpolitik materiell (leider) nur sehr bedingt, auch wenn die Strukturfonds und die EU Außenpolitik gewisse neue Anstöße bieten können. Umso wichtiger werden die transnationale Debatte und Mobilisierung sein. Faites vos jeux! hieße Politik mit Glücksspiel zu verwechseln.

Österreich hat eine besondere Position, was die Rolle von Kunst, Kultur und Kulturerbe als gesamtökonomisch überdurchschnittlich wichtige ‚Produktivkräfte’ betrifft, und (daher?) auch eine noch erstaunlich hohe Förder-/Investitionsquote. Das Land ist auch in einer komfortableren makroökonomischen Situation als viele andere, was allerdings keine Garantie für hochentwickelte politische Kultur zu sein scheint.

Persönlich glaube ich, dass es interessant wäre, uns im europäischen kulturpolitischen Kontext neu und systematisch zu verorten angesichts der großen Herausforderungen, der ‚Kunst des Überlebens’‚ der ‚Kunst, Konkurrenz und Kooperation zu verbinden’, und der ‚Kunst, transnationale Demokratie zu organisieren’. Dass der Brückenschlag von fundamentalen gesellschaftspolitischen Fragen zu konkreter Kulturpolitik vieler gemeinsamer Reflexionen bedarf, ist wohl der IG Kultur, der zu danken ist, am besten bewusst.

Gottfried Wagner, war Direktor von KulturKontakt und der europ. Kulturstiftung, letzte Publikation: The Art of Difference, Alliance Publishing Trust, London. Dzt. BMUKK.

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ALTERNATIVEN ZUM VERLUST DER KULTURPOLITIK:

Teil 26: Umverteilung ist eine Alternative. Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 25:
Die engen Grenzen der Kunst. Von Elisabeth Mayerhofer

Teil 24:
Internationale Kulturpolitik zwischen Dialog, Selbstrepräsentation und Ausgrenzung. Von Franz Schmidjell
Teil 23:
Kulturpolitik machen – für eine Verteilungsdebatte, jetzt! Von Juliane Alton
Teil 22: Umverteilung jetzt! Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 21: Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten. Von Andrea Roedig
Teil 20: Kunst irrt. Von Juliane Alton

Teil 19: Gipsy Dreams. Von Gilda-Nancy Horvath
Teil 18: Intervention zur Wienwoche. Von Ülkü Akbaba und Andreas Görg
Teil 17:
Kulturpolitik für Menschen, nicht für Institutionen! Von Marty Huber
Teil 16:
Mobilität statt Barrieren!. Von Petja Dimitrova
Teil 15:
Alternativen zum Verlust der Kulturpolitik: Ein Zwischenresümee. Von Gabi Gerbasits

Teil 14:
Von Schönheitsfehlern und Mißtönen abgesehen. Von Gerhard Ruiss
Teil 13:
Lasst alle Hoffnung fahren. Von Otto Tremetzberger

Teil 12:
Soziale Lage? Oder Wallfahren für Linke. Clemens Christl
Teil 11:
Ein Lüfterl oder ein Brain-Storm? Gottfried Wagner
Teil 10:
Panic on the Streets of London. Michaela Moser

Teil 9:
Gefällige Demokratur oder demokratische Kultur? Stefan Haslinger

Teil 8:
Räume der kulturellen Tat. Marty Huber
Teil 7: Transparenz in der Kulturverwaltung - a never ending story. Juliane Alton
Teil 6: Musiktheater als bürgerlicher Selbstbedienungsladen? Juliane Alton
Teil 5: Zwei ökonomische Argumente, warum man sich bei der Kultur nichts erspart und ein Plan B. Paul Stepan

Teil 4: Eine Kulturpolitik für Alle und von Allen. Ljubomir Bratić
Teil 3:
Abschminken ist angesagt! Michael Wimmer
Teil 2: Keine Angst vor den freien Szenen? Elisabeth Mayerhofer
Teil 1: Fehlt da jemand? Stefan Haslinger
Teil 0: Geht's noch? Marty Huber

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