Zu glatt und zu steil. Die Schranken beginnen im Kopf.
Eine kurze Reflexion nach einer Veranstaltung zum Thema Barrierefreiheit.
Anfangen über Barrierefreiheit nachzudenken heißt die eigene Wahrnehmung von Raum, Sprache und Übersetzung zu erweitern. Das ist leicht und schwierig zu gleich, weil es zum einen überall Wissen von Expert_innen gibt und zum anderen die Sorge besteht ein Fass ohne Boden zu öffnen. Viele entscheiden sich deshalb erst gar nicht mit einer Auseinandersetzung zur Barrierenüberwindung zu beginnen, weil wer sich rührt macht Fehler, wird angreifbar und mit Forderungen konfrontiert. Die Veranstaltung "Kunst und Kultur ohne Barrieren" begann mit so einem Fehler, die bereitgestellte Rampe war zu glatt und der Winkel zu steil, um von der Besucherin im Rollstuhl befahren zu werden. Das ist für uns als Mitveranstalter_innen beschämend, aber jammern nutzt auch in diesem Fall nichts. Denn es gibt viele Möglichkeiten konkrete (kulturelle) Angebote für Gruppen mit speziellen Bedürfnissen anzubieten und zu Verfügung zu stellen.
Apropos spezielle Bedürfnisse: Kulturinitiativen machen unterschiedlichste Minderheitenprogramme, sei es für Jazzliebhaber_innen, Punkröhren, Literaturfantasten, sie alle haben spezielle Bedürfnisse, bei den einen muss es richtig laut sein, bei den anderen eine "wohltemperierte" PA vorhanden sein oder der Raum muss wiederum Gemütlichkeit ausstrahlen, um konzentriert zu hören zu können. Für all diese Gruppen schneiden wir unsere Öffentlichkeitsarbeit und unsere Räume zu, warum dann nicht auch mal zwei Veranstaltungen im Jahr mit Gebärdenübersetzung anbieten? Und ja, das geht auch im Punkrock, und vielleicht kann dann gleich publik gemacht werden, dass die Veranstaltung ohne Stroboskope auskommt, damit auch Epileptiker_innen sicher abrocken können.
Es gibt genauso zahlreiche Formen der Behinderung von Teilhabe und Partizipationsmöglichkeit, wie es kreative Lösungen gibt. Seien es Behinderungen durch finanzielle Hürden, durch die Verwendung von schwieriger Sprache, durch bauliche Schranken für bewegungseingeschränkte, sehbhinderte und blinde Menschen, durch zu kleiner Schrift auf den Drucksorten, durch den Mangel an Übersetzungen in diverse Sprachen, wie eben auch der Gebärdensprache, uvm.
Angesichts dieser scheinbar allumfassenden Beschränktheit gilt es nicht das Handtuch zu werfen, weil die eigenen Ansprüche plötzlich unüberwindbar zu sein scheinen. Es gilt vielmehr eine Kultur der kleinen Schritte zu sowie Tools für die Informationsaufbereitung (Wie kommt die Info an Menschen, die ich ansprechen möchte?) zu entwickeln.
Auf jedenfall gibt es zahlreiche Gruppen, die einer Kulturinitiative bei diesem Prozess beratend zur Seite stehen, auch hier gilt, dass das (Rolli-)Rad nicht neu erfunden werden muss.
Links zu ein paar Organisationen, die sich mit Barrierefreiheit beschäftigen:
atempo
bizeps
People First - Mensch zuerst
Ein O-Ton Mitschnitt zu Sendung findet sich hier

