Wenn Institutionen (fast) nicht mehr bezahlen — IG Kultur

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20.06.2013

Neues aus dem Kunstbetrieb: Wenn Institutionen (fast) nicht mehr bezahlen

Elisabeth Mayerhofer

Das Dauerthema der schlechten Bezahlung im Kunstfeld findet kein Ende.

Nun ist eine neue Eskalationsstufe erreicht, in der gar nicht mehr bezahlt wird – nicht einmal von den Institutionen der Repräsentationskultur, die ohnehin schon mit Abstand die höchsten Förderungen erhalten. Wie zum Beispiel die Salzburger Festspiele. Diese werden mit 13 Millionen pro Jahr großzügig aus Steuergeldern finanziert und können erst dadurch als attraktive Basis für die viel gerühmten Sponsorengelder dienen. Wie viel davon kommt nun bei den Künstler_innen an?

Im März 2013 hat die Sängerin Elisabeth Kulman das bisherige verschämte Schweigen der Künstler_innen der klassischen Musik gebrochen. In Reaktion auf die Facebook-Initiative „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionserlebnisse“ hat Kulman, eine erfolgreiche Mezzosopranistin, in aller Deutlichkeit die schlechte bis oft nicht vorhandene Bezahlung von Künstler_innen im Feld der klassischen Musik beschrieben. Am Beispiel der fehlenden Bezahlung von Probenarbeit durch die Salzburger Festspiele seit dem Amtsantritt von Alexander Pereira – der nicht zuletzt aufgrund seiner Fähigkeit, finanzstarke Sponsoren zu gewinnen, für diese Tätigkeit engagiert wurde. Sänger und Sängerinnen arbeiten also ca. 7 Wochen in Salzburg ohne Bezahlung. Unterkunft, gegebenenfalls Kinderbetreuung etc. müssen vorfinanziert werden, Nebeneinkünfte sind während dieser Zeit nicht möglich. Wenn alles gut geht und die Person auch wirklich auftreten kann und nicht unglücklicherweise krank wird, dann, ja dann kommt endlich die Gage herein.

Ein anderes Beispiel betrifft die Wiener Festwochen: Im Rahmen des Ausstellungsparcours „Unruhe der Form“ erhalten die Performer_innen der Arbeit des heurigen Golden Löwen-Preisträgers Tino Sehgal ein Honorar von 50 EUR für eine durchgehende Soloperformance von 2 Stunden und 40 Minuten. Mit dem Unmut der Performer_innen konfrontiert, zeigt sich, dass Verantwortlichkeiten nur schlecht innerhalb der komplexen Strukturen festgemacht werden können. Die Künstler_innen werden mit dem guten Rat entlassen, das nächste Mal doch einfach höhere Gagen zu verlangen. Eine einigermaßen lapidare Antwort im Rahmen eines Projektes, das von folgender Frage geleitet wird: „Auf welche Weise kann die aktuelle Kunst den Widerstand gegen ökonomische Strukturen befördern, an denen sie selbst teilhat?“ Das Machtgefälle zwischen Einzelpersonen und Institutionen Diese Beispiele machen neben einer durchgehenden Missachtung künstlerischer Arbeit noch andere fatale Strukturen sichtbar: Es liegt auf der Hand, dass einzelne Künstler_innen ihrer Karriere zugunsten nur schwerlich auf Kooperationen mit prestigeträchtigen Institutionen und Personen verzichten werden. Auf eine flächendeckende Solidarität im Kunstfeld zu zählen um Dumping zu verhindern, ist aber naiv, denn bei dem herrschenden Überangebot an gut ausgebildeten Profis wird sich nur allzu schnell eine Person finden, die bereit ist, zu den angebotenen Konditionen zu arbeiten. Der gute Rat härter zu verhandeln ist entweder realitätsfremd oder zynisch.

Dazu klafft eine immer breitere Schere zwischen freiberuflichen Künstler_innen und dem oberen Management von Kulturinstitutionen auf. Unter den Top 20 der best bezahlten KulturmanagerInnen Österreichs finden sich die Salzburger Festspiele gleich zweimal vertreten – mit Jahresgagen im sechsstelligen Bereich. Oft gleich in Begleitung des beliebten Standardarguments, um diesen an sich kaum zu rechtfertigenden Umstand doch zu legitimieren – oder zumindest schön zu reden: Gute Leute hätten eben ihren Preis, der Markt, der Markt ist schuld. Da kann man halt nichts machen. Stellt sich die Frage, warum dieses Argument dann nur mehr für sehr wenige Künstler_innen zutrifft. Diesem Phänomen liegt eine reflexionsfreie Rückkehr zum bürgerlichen Geniekult zugrunde, die ungeniert ausgelebt wird: Regisseur_innen, Dirigent_innen, Kurator_innen und Starkünstler_innen genießen den Status der auratischen Unantastbarkeit. Diese Verehrung spiegelt sich in Schwindel erregend hohe Gagen. Die künstlerische Arbeit wird in einer Stippvisite erledigt, für einen Wissenstransfer in die lokalen Kunstszenen, der durch das gemeinsame Erarbeiten einer Produktion stattfindet, findet sich da dann keine Zeit mehr. Die auch nicht gerade um geringes Steuergeld ausgebildeten Künstler_innen, die vor Ort an den Projekten mitarbeiten, verkommen so zu schlecht informierten Hilfskräften. Politische Verantwortung trotz Markt – oder gerade deswegen Und wenn es schon schwierig ist, die Verantwortlichkeiten innerhalb der einzelnen Institutionen festzumachen, so liegt die der Kulturpolitik auf der Hand.

Es braucht verbindliche Regulationsmechanismen, die die Position der schwächsten Glieder in der Verhandlungssituation stärkt – die der Künstler_innen, die die Produktionen dann auch umsetzen. Die Wege, dieses Ziel zu erreichen sind vielfältig: Mit der Einhaltung der vorhandenen Gesetze anstelle von Umgehungsverträgen wäre bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung getan. Die verbindliche Einhaltung von Lohnsätzen auch im freien Bereich wäre der nächste Schritt, so dass Nettostundenlöhne unter 10 Euro endlich der Vergangenheit angehören können. Und zu guter Letzt wäre eine interne Umverteilung innerhalb der Großinstitutionen angebracht – denn: Keine Institution (und schon gar nicht, wenn sie aus Steuergeldern finanziert wird) kann schlüssig begründen, warum Gehaltsspannen um mehr als das 20fache gerechtfertigt sind. Warum dies nicht geht, kann in vielen kritischen Positionen aus dem Kunstfeld selber nachgelesen werden – zum Beispiel in der „Unruhe der Form“.

Siehe: Beschwerdebrief von an "Unruhe der Form" beteiligten Künstler_innen.

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