Der Kulturinfakt — IG Kultur

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29.03.2012

Der Kulturinfakt. Auch eine Erregung

Elisabeth Mayerhofer

Der Kulturinfarkt geht um. Der Untertitel „Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention“ wird dabei zuwenig beachtet, zu ernst genommen hingegen werden dagegen die Klappentexte, wo sensationslüstern die ganze Wahrheit über die „Auswüchse der Subventionskultur“ angekündigt wird.

Hauptproblem angebotsseitige Förderung

Hauptthema ist die Kritik an der angebotsseitigen Kulturförderung seit den 1970er Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dabei sprechen die vier Autoren durchaus offene Fragen an: Die Konzentration auf einen elitären Kunstbegriff, der auf sozioökonomischen Voraussetzungen beruht und mit erheblichen Mitteln Ausschlussmechanismen prolongiert. Der Kampfruf „Kultur für alle“ habe auf dieser Basis ein ungezügeltes Wachstum des kulturellen Angebotes verursacht, das immer weniger RezipientInnen interessiere. Staatliche Kulturförderung habe die Nachfrage des freien Marktes ersetzt, das bürgerliche Konzept der marktfernen, „autonomen“ Kunst sei somit in die Gängelung durch die Obrigkeit übernommen worden. Gestützt werden derlei starke Ansagen von unsystematischen, oft anekdotischen Daten.

Doch weiter geht’s: Durch die Konzentration öffentlicher Förderungen auf die Institutionen der so genannten „Hochkultur“ wurde auch das implizite Qualitätskriterium gestärkt, dass hochwertige Kunst nicht massentauglich wäre – Kulturförderung als ultimative Verstärkung des bürgerlichen Kunstbetriebes.

Die Institutionen mit ihren vielfachen Verflechtungen zwischen Politik und Verwaltung tragen das Ihre zur Verfestigung dieser Konstellation bei. In den konkreten Beispielen (die durchaus lesenswert sind) zeigen die Autoren, wie das „Arm’s length-principle“ ad absurdum geführt wurde – wenn etwa durch personelle Verflechtungen der direkte Durchgriff erhalten blieb oder durch legislative Instrumente der Handlungsspielraum dieser Institutionen aufs engste beschränkt wurde.

In diesem Klammergriff muss also jede Neuentwicklung ersticken, es kommt zur Wiederholung gleicher Muster und einer strukturellen Überalterung – die Plätze in den Institutionen sind seit langem besetzt, der Nachwuchs kann sich entweder mit prekären Jobs bescheiden oder gleich in die marktorientierte Kulturwirtschaft ausweichen. Die Politik reagiert auf die sinkende Nachfrage mit einer Verstärkung der Kulturvermittlung und dem Ausbau jener Leuchttürme, die es – aufgrund des dabei entstehenden Gemeinschaftsgefühls – noch schaffen, ein breites Publikum anzuziehen, nämlich Festivals.

Knackige Sprüche für politische Aufmerksamkeit

Im zweiten Teil des Buches sollte es um Lösungen für die wortreich dargestellten Unzulänglichkeiten des bestehenden Systems gehen, doch hier bleiben die Autoren konkrete Umsetzungsvorschläge schuldig. Es gibt zwar viele hingeworfene Vorschläge, wie etwa die Forderung nach einer stärkeren Einbeziehung von Bürger_innen in die Entscheidungsprozesse von Kunstförderung. Über eine Umsetzung müsste jeweils sehr genau nachgedacht werden, doch das bleibt der Band schuldig.

Im skandalträchtigen Kapitel „Der unumgängliche Rückbau der Infrastruktur“ kritisieren sie den Stillstand kulturpolitischen Handelns durch den – richtigen –

Umstand, dass der Großteil der Gelder durch die Institutionen gebunden ist. Und hier wird sie nun endlich vorgeschlagen, die inkriminierte Halbierung von Häusern in den Bereichen darstellender und bildender Kunst. Stattdessen sollen die Gelder in Laienkultur, den Ausbau einer konkurrenzfähigen europäischen Kulturindustrie, in Kunsthochschulen und die Entwicklung einer nicht westlich zentrierten kulturellen Bildung und zu guter Letzt in die noch übrig gebliebenen Institutionen fließen. Die vorgeschlagenen Ansätze richten ihr Augenmerk auf die Rezeption bzw. den Konsum von Kunst und Kultur, auf Sozio- und Laienkultur sowie auf eine neue Positionierung des Kunstbetriebs zu marktwirtschaftlichen Mechanismen.

Insgesamt gesehen stößt das Buch zwei Diskussionen an: die allzu starke Konzentration auf angebotsseitige Förderung und eine massive Wachstumsausrichtung, die rein auf eine Maximierung des Angebots abzielt, ohne die Frage nach den RezipientInnen und den ProduzentInnen zu stellen. Bedauerlicherweise begehen die Autoren aber denselben Fehler, den sie pauschal der Kulturpolitik der letzten 40 Jahre unterstellen: Sie gehen ebenfalls von einem elitären Kunstbegriff aus, den sie niemals explizit machen, stattdessen von einer wahren, großen Kunst schwärmen, die durch das staatliche Gängelband unmöglich gemacht würde. Hier wäre mehr Präzision wichtig, damit nicht letztlich noch weit reaktionärere Muster bedient werden, als es die Autoren (zu Recht) schon der gegenwärtigen Kulturpolitik zuschreiben. Auch überschätzen sie den Einfluss von staatlicher Förderung und Kulturpolitik auf den Kunstbetrieb weit, wie auch die Ferne von Marktmechanismen, die sie allzu schnell als Allheilmittel aus der Tasche ziehen. Auch nicht gerade neu.

Hier wird zu flott vorgegangen, zu wenig differenziert und zu vorschnell die Kulturpolitik der letzten Zeit als gescheitert erklärt: Mit ein wenig mehr Sorgfalt und Differenziertheit hätte der „Kulturinfarkt“ vom Rundumschlag zur ernst zu nehmenden Kritik werden können. Die aufmerksame und schnelle Lektüre durch (Kultur)PolitikerInnen zeigt allerdings, dass es anders offenbar nicht mehr möglich ist deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch eine Art Kulturinfarkt.

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz (2012): Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Knaus.

 

Siehe auch Michael Wimmer: Der Ritt der vier Kulturapokalyptiker über die deutsche Kulturlandschaft.

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