DIETER SCHRAGE, DER UNBEQUEME BRÜCKENBAUER
Dieter Schrages Tod am 29. Juni, einen Tag nach seinem 76. Geburtstag, ist ein riesiger Verlust für die Wiener Kultur- und Politszene! Und ja, es ist auch sehr traurig, vor allem, wenn man ihn, so wie ich, so lange gekannt hat. Bei einer Rede beim heutigen (*) Begräbnis hieß es sinngemäß, wie man denn traurig sein könne, wenn man an Dieter denkt. Ist auch wieder wahr....
Der Rahmen hier ist nicht groß genug, um all das zu würdigen, was er als Künstler, Museumskurator, Grün-Politiker, Publizist und Kulturwissenschaftler geleistet hat. Zu Recht wurde er in den Medien als „unbequemer Brückenbauer“ bezeichnet.
‚Gerade’ hat er mir in der alten Arena noch gesagt, ich solle auch mal andere auf der Open Stage Gitarre spielen lassen. Ich habe das Gefühl, dass es vorgestern war, dass er mich 1990 bei der Gründung der IG Kultur Wien „moralisch“ unterstützt hat und wir gemeinsam zur MA7 streiten gegangen sind, damit die alternative Kulturszene mehr Geld bekommt und die IG-Remise, das Kabelwerk und viele andere Projekte verwirklicht werden können.
Er hatte nie einen Streit ausgelassen, wenn er ihn für wichtig befand, aber gleichzeitig Vertreter/innen der Kulturinitiativen verärgert erklärt, dass sie sich untereinander durch verzichtbare Konflikte um den Lohn ihrer Arbeit bringen.
Dieter war 2008, Jahre nachdem ich selbst bei der IGKW nicht mehr aktiv war, in der Jury des Innovationspreises und hat im November 2009 bei einer Veranstaltung der IGKW zum Thema Freiraum in der zum damaligen Zeitpunkt besetzten Aula der Akademie der bildenden Künste ein Impulsreferat gehalten. Ausgehend von diesem Abend hat sich das Bündnis Platz da!? gegründet. Dieter hat im Frühling und Sommer 2010 bei einigen Treffen dieses Bündnisses teilgenommen. platzda.net
Einen Tag nach seinem Tod kam die amtliche Genehmigung, dass eine ausländische Familie, die wie er in der Sargfabrik wohnte, auf seine Intervention hin doch noch Asyl bekommt. Für die gute Sache hat er bis zuletzt gekämpft, obwohl er den Brief nicht mehr lesen konnte.
Er war einer der wichtigsten Wiener, obwohl er aus Hagen in Deutschland kam. Geistig ist er trotz Beinamputationen noch immer vielen Jüngeren davongelaufen. Vor kurzem wollte ich ihn noch anrufen, um ihm nach längerer Pause zu einem Tarockabend zu überreden. Leider kam es nicht mehr dazu.
Peter Dvorsky, Gründungsmitglied IG KULTUR WIEN
(*) Anmerkung: mit heute ist der 12. Juli 2011 gemeint.

