Die Morakisierung der Kulturpolitik — IG Kultur

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18.12.2003

Die Morakisierung der Kulturpolitik

Juliane Alton

Das Phänomen ist nicht neu: wer behauptet, genau das Gegenteil zu tun, hat schon verloren. Denn: was wäre das Gegenteil einer Kulturpolitik, die keine ist? Deshalb lässt sich die Morakisierung der Kulturpolitik ebensogut als Mailathisierung beschreiben. Möglicherweise wird dann der Phänotypus sogar klarer.

Beide bekleiden ihr erstes politisches Amt. Der eine war vorher Schauspieler und ist auch als Ensemblesprecher in Erscheinung getreten, Popsänger war er auch, doch was er da gesungen hat, weiß er nicht mehr. Der andere war vorher Beamter, singen kann er auch, doch was er in seinem vorherigen Job gemacht hat, davon weiß er heute nichts mehr. In beiden Fällen ist es bedauerlich, dass die Vergangenheit offenbar gelöscht ist, sonst könnte der eine gesellschaftliche Phänomene deuten und Antworten zu geben versuchen. Der andere könnte nachlesen, was die Erfordernisse einer zeitgemäßen Kulturpolitik wären. Da ergibt sich eine Gemeinsamkeit, die sie mit vielen weiteren Politikern teilen: sie sind vergangenheitslos und Zukunft haben sie nur, sofern sie und ihre Partei wieder gewählt werden. Das verursacht tiefe Unsicherheiten, denn man verdankt der Partei das hohe Amt, doch weiß man nicht, wann einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird: das kann tatsächlich jederzeit passieren.

Haben Mailath oder Morak je ihre Auffassung von Kultur und die daraus folgenden kulturpolitischen Ziele dargelegt? So ganz global, ohne sich noch auf konkrete Probleme beziehen zu müssen? In ihren gegenwärtigen Ämtern jedenfalls nicht, und die Vergangenheit existiert - siehe oben - nicht. Fassten wir sie als treue ideologische Diener ihrer Herren auf, was bliebe dann? Mailath müsste die Kunst und die Kultur als Vehikel zur Erreichung sozialer Ziele auffassen, als da wären die egalitäre Gesellschaft, gleicher Zugang zu den (modernen) Produktionsmitteln - kurz: Kunst und Kultur als Mittel und Motor der Emanzipation. Doch wo manifestiert sich das konkret? In der Subventionierung des Albertina-Glanzbaus? An der Umwidmung des Theaters an der Wien zu einem Tempel der elitären Muse?

Morak müsste in der Kunst und Kultur ein Medium der Erbauung erkennen, gleichzeitig formulierte ihm die Kunst die hehren Ziele, denen die Menschheit zu dienen hätte. Wo manifestiert sich das? Im regredierten bürgerlichen Operettenhaus? In der den Künstlerinnen und Künstlern verschriebenen Hungerkur?

Nein, weder Mailath noch Morak lassen eine persönliche oder ideologische Richtung ihrer "Kulturpolitik" erkennen. Für Morak haben Kunst und Kultur der Wirtschaft zu dienen, für Mailath dienen Kunst und Kultur repräsentativen Zwecken. Da unterscheiden sie sich also doch!

Betrachten wir die konkreten Amtshandlungen am Ballhausplatz und am Friedrich Schmidt-Platz, verschwimmt alles wieder:

- Ausschreibungen: Ja, es muss nur gelingen, sie so zu zimmern, dass es der Richtige wird, der oder die Falsche aber jedenfalls nicht. Egal ob Artothek, ob Diagonale. Egal ob Josefstadt oder Rabenhof. Beim Volkstheater wird es jetzt spannend: eine Profilierungschance, eine Unterscheidungschance!

- Visionen: Nein, woher auch nehmen. Weder die Schauspielerei noch die Juristerei noch die Politologie hatten das in ihrem Curriculum. Und dass ich mich hinsetz' im Depot und zuhöre, wird ja wohl nicht ernsthaft von mir verlangt.

- Öffentliche Stellungnahmen: Hilfe, das könnte ins Auge gehen! Also nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Außerdem gibt's dazu ja die Pressesprecherin, das ist ihr Job. Wenn etwas gegen mich in den Medien vorkommt, kann ich zunächst immer noch auf die Schuldigen losgehen, am besten nicht öffentlich. All das schafft Zeit, um mich vorzubereiten, falls ich wirklich an die Front muss.

- Telefonieren mit Künstler/innen oder deren Interessenvertretungen: Nein, wozu hat man ein Büro, das einen in mehreren Schichten umgibt und abschirmt. Man käme ja zu nichts mehr, wenn man sich um all deren Probleme kümmern wollte. Die Interessenvertretungen haben offensichtlich nichts anderes zu tun - da muss sich etwas radikal ändern!

- Briefe beantworten: Nein, das löst die Probleme ja doch nicht. Außerdem wollen die Briefschreiber/innen dann nur noch mehr. Die Antworten verwenden dann plötzlich andere gegen mich. Schriftliches hat immer das Problem: was liegt, das pickt. Also, Finger weg von Antworten, vor allem von konkreten!

- Gesprächstermine mit Künstler/innen wahrnehmen: Wie unangenehm, die sind alle gegen mich, außerdem gibt es zu viele davon. Warum wollen die alle den warmen Händedruck des Fürsten, sollen sie sich zum üblichen Procedere der Förderung anstellen. Und damit ich's nicht vergesse:

- Gießkanne: Weg damit! Jedes andere Werkzeug ist mir lieber, vor allem das Löffelchen. Damit lässt sich so gezielt dosieren. Mit der Gießkanne gießt man immer das Unkraut mit und muss nachher mühsam jäten und Böcke von Schafen trennen.

- Gegensprechanlagen: Eine der wichtigsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Sie schaffen eine heimelig-private Atmosphäre in öffentlichen Ämtern. Da habe ich mir doch gleich eine montieren lassen, damit keine unangenehmen Überraschungen passieren.

- Schwerpunkt: schwer muss immer tief liegen, daher: Tiefpunkt!

Mailath fehlt vor allem noch eines, um es Morak in allem gleich zu tun: ein Super-GAU wie die Diagonale.


Juliane Alton ist Kulturarbeiterin und Spezialistin für Sozialversicherungs- und Urheberrechtsfragen. Langjährige Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit und Mutter zweier Kinder. Lebt in Dornbirn.

Kultur: Plattform St. Johann
IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
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