Die Besten oder die Gierigsten? — IG Kultur

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20.12.2012

Die Besten oder die Gierigsten?

Juliane Alton

candle4.jpgAuch unter Kulturarbeiter/innen gibt es Privilegierte: Sie sind angestellt, verfügen über einen Dienstvertrag mit Vollarbeitszeit und dürfen sich, was ihr Tätigkeitsprofil betrifft, in die Lohngruppen 4 oder 5 einordnen (entsprechend dem IG Kultur-Gehaltsschema „hoch qualifizierte Tätigkeiten“). In den 37 Mitgliedsvereinen der IG Kultur Vorarlberg gibt es exakt acht Personen mit diesem privilegierten Status. Sie erreichen ein Jahresgehalt von knapp 40.000 Euro im Jahr und damit einen Nettostundenlohn von 10,68 Euro (falls sie keine Überstunden machen). Das ist wesentlich mehr, als die meisten Künstler/innen, freie Journalist/innen, freie Wissenschaftler/innen und andere Kreative erreichen können.

Die meisten angestellten Kulturarbeiter/innen verfügen aber keineswegs über Vollzeitanstellungen, die Hälfte der in Vorarlberg angestellten Kulturarbeiter/innen hat Verträge bis maximal 20 Stunden pro Woche, sie erreichen einen Nettostundenlohn 3,57 Euro für die gesamte Palette an Tätigkeiten, die in einer Kultureinrichtung erledigt werden müssen. Auch diese müssen ihren Status als privilegiert ansehen, denn immerhin erhalten sie ein regelmäßiges Einkommen, sind versichert und haben Urlaubsanspruch.

Ein Großteil der Kulturinitiativen erhält öffentliche Förderungen. Sie tragen sich aber zu zwei Dritteln selbst über eigene Einnahmen und freiwillige Arbeit, nur ein Drittel der Budgets kommen über öffentliche Subventionen (so aktuelle Zahlen in Vorarlberg). In den großen, öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen sitzt das Geld, um Spitzenpersonal zu bezahlen, wesentlich lockerer, obwohl (oder weil?) der Grad der Eigenfinanzierung meistens weit unter 20% liegt – gerade so als läge das Geld auf der Straße.

An die 20.000 Euro brutto im Monat (275.000 im Jahr) sind keine Seltenheit für einen Spitzenmanager öffentlich finanzierter Kulturbetriebe. Das ist wesentlich mehr, als in Österreich ein/e Minister/in verdient (228.480 Euro im Jahr). Für die Bezüge von Politiker/innen gibt es nämlich ein Schema. Das geht vom Bruttobezug eines Mitglieds des Nationalrates aus: Im Jahr 2012 sind das 8.160 Euro im Monat bzw. 114.240 Euro im Jahr. Den Staat kostet das etwa 138.000 Euro im Jahr. Ein Spitzengehalt im öffentlich finanzierten Kulturbetrieb, kostet dem Staat rund 313.000 Euro im Jahr, also fast 200.000 Euro mehr.

Haben wir da eine neue Finanzierungsquelle für Kulturinitiativen gefunden? Hat jemand Freude daran zu berechnen, wie viele „Spitzenpositionen“ im freien Kulturbereich allein mit dieser Differenz finanziert werden können?

Wer jetzt ruft: „Neiddebatte!“, dem soll erwidert sein: „Dann schon eher Leistungsdebatte!“ Im solidarischen Sozialversicherungssystem, das all die (privilegierten) Angestellten vereint, sind Relationen festgelegt. Relationen, die darauf aufbauen, dass die Leistungsfähigkeit von Menschen nicht so weit auseinander klafft, wie die öffentlich finanzierten Gehälter im Kulturbereich. (Vom privaten Bereich soll an dieser Stelle nicht die Rede sein, nicht einmal von den mit Steuergeld geretteten Banken). Im solidarischen Sozialversicherungssystem ist die Relation von der quasi Mindestpension zur Höchstpension 1 zu 3,6 – im internationalen Vergleich eine große Spreizung. In der (kommunistischen?) Schweiz ist die Relation der Basispension AHV von der Mindest- zur Höchstpension 1 zu 2. Dass dies auch im öffentlich finanzierten Kultursektor möglich und sinnvoll ist, zeigt Liechtenstein: Im Kunstmuseum in Vaduz ist die bestbezahlte Position 2,5 Mal so hoch bezahlt, wie die am niedrigsten bezahlte. Sinnlos hohe Prestigegehälter garantieren keineswegs, dass „die besten Köpfe“ gefunden werden, eher die gierigsten.

ZU DEN ANDEREN KERZEN:

"Mit der Versicherung in die Existenzgefährdung" von Clemens Christl
"Tiefer, grabt tiefen den Graben!" von Marty Huber
"Gehaltsscheren müssen geschlossen werden" von Elisabeth Mayerhofer

klagenfurter ensemble
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