Telegraphenamt Avenue Kakatare IV: Wasser

Der Weltbank zufolge zählt die Privatisierung des Wassers zu den erfolgreichsten Strukturmaßnahmen in Kamerun. Sie war es auch, die schon Mitte der 1990er Jahre die Gewährung dringend benötigter Kredite mit der Auflage verknüpfte, weite Bereiche der öffentlichen Leistungen an Private zu übertragen.

Zur Regenzeit überrascht die Avenue Kakatare auf eine paradoxe Weise: Obwohl die neuralgische Verkehrsachse nach den fast täglichen Wolkenbrüchen in Fluten versinkt, bleibt der Wasserhahn innerhalb des Telegraphenamts auch in dieser Periode auffallend oft trocken. Das kann einen halben Tag andauern, manchmal sogar noch länger. Es lässt sich ein Umgang damit erlernen, eine gewisse Routine, die sich vor allem im Anlegen reichhaltiger Trinkvorräte widerspiegelt. Doch deren Anblick nährt auch die Diskussionen, warum Wasser überhaupt in Kanistern und leeren Cola-Flaschen abzufüllen ist. Die Suche nach einer Erklärung führt an das andere Ende des Wasserhahns.

Der Weltbank zufolge zählt die Privatisierung des Wassers zu den erfolgreichsten Strukturmaßnahmen in Kamerun. Sie war es auch, die schon Mitte der 1990er Jahre die Gewährung dringend benötigter Kredite mit der Auflage verknüpfte, weite Bereiche der öffentlichen Leistungen an Private zu übertragen. Seit 2007 ist nun die Versorgung von fast 20 Millionen Menschen mit Wasser ein wenn auch spätes, so doch konsequent praktiziertes Geschäftsmodell im freien Kräftespiel der Marktwirtschaft. Aus den ehemals Nationalen Wasserbetrieben Kameruns (SNEC) ging eine Zweiteilung hervor: Die Infrastruktur unterliegt mit der neu gegründeten CAMWATER weiterhin einer staatlichen Kontrolle, während die marokkanische ONEP, eine auf dieses Business spezialisierte Unternehmensgruppe, im Rahmen der CDE (Camerounaises des Eaux) das Produkt Wasser gewinnbringend vertreibt.

Im Alltag unterscheidet sich die Wahrnehmung der Menschen allerdings sehr deutlich von jener der Weltbank. Wer oft wochenlang auch nicht nur einen Tropfen Wasser aus den Rohren fließen sieht, muss das Marketinggetöse vom steten Netzausbau in Stadt und Land als blanken Hohn empfinden. Das Wasser, so es über das Leitungssystem kurzzeitig zur Verfügung steht, ist zudem vielfach ungenießbar. Eine braune Brühe, die bis in höchste Bildungsschichten böse Gerüchte schürt, fremde Mächte hätten sich des kostbaren Guts bemächtigt, um einer stolzen Nation das Ende zu bereiten. Abseits düsterer Verschwörungsszenarien ist das Wasser tatsächlich ein entscheidender Faktor in der Frage des Wohlergehens. Lediglich 30 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu trinkbarem Wasser. Mehr als zwei Drittel sind somit unentwegt dem Risiko einer schweren Erkrankung ausgesetzt. Das Pasteur-Institut hat in einer aktuellen Studie die Untersuchungsergebnisse zur Qualität des Wassers in Brunnen und in den Plastiksäckchen des Straßenverkaufs veröffentlicht. In 100 Prozent der Proben wurden Fäkalkeime gefunden. Wassermangel und mangelnde Wasserqualität – untrügliche Indizien einer Misere, deren oft tödliche Folgeerscheinungen vermeidbar wären, wenn Armutsbekämpfung als eines der zentralen Milleniumsziele entsprechenden Nachdruck finden würde. Doch offensichtlich hat dies noch niemand in den Auftragsbüchern der neu aufgestellten Wasserwirtschaft als vordringliches Gebot vermerkt.

Das Telegraphenamt hat sich aus ganz anderen Gründen an die aufgeputzte Geschäftsstelle der CDE gewandt. Der in einer Parallelstraße zur Avenue Kakatare montierte Wasserzähler ist seit geraumer Zeit defekt, weshalb die monatliche Verrechnung des Verbrauchs kuriose Blüten treibt. Die nach Privatisierung und Reorganisation auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Service-Abteilung weiß allerdings seit Wochen immer nur die eine Antwort: Wir haben leider keine Geräte mehr!

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