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20.04.2002
Tryology und Gleichheit im Schlamm
Andreas Görg

Heutzutage werden die Menschen so gut wie überall auf der Welt zum Geburtstag in den großen Sumpf von Kapitalismus, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus usw. geworfen. In diesem Sumpf tappen wir dann ein Lebtag herum. Wir atmen und scheißen den lokalsozialhistorisch unterschiedlich gefärbten Schlamm, der uns umgibt, dessen sanfte Strömungen uns tragen, der uns formt und uns normalisiert, um möglichst schon vor unserem Tod auch den letzte Rest von uns vollends Teil des Sumpfes werden zu lassen.

Nun gibt es im Sumpf manche Menschen, die nicht normaler Schlamm, sondern eben menschlich sein wollen. Um diesen Willen durchzusetzen, müssen sie ziemlich hart an sich und an dem sie umgebenden Schlamm arbeiten, zumal sie nicht nur mitten im Schlamm, sondern auch vollends im Dilemma stecken: Sie wollen nicht Schlamm, sondern etwas Besseres sein, was sie aber nicht so locker zugeben können, denn gleichzeitig zu ihrem nicht verhehlbaren Abscheu vor dem Schlamm der Normalität verlangt es ihr Wille zur Menschlichkeit, dass sie die Gleichheit aller Menschen vertreten; auch derjenigen, die vollends Schlamm und stolz darauf sind. Aufgrund dieses Dilemmas ist egalitäres Auftreten eine ständige Provokation für den Schlamm, der zuweilen mit dumpf-ignoranter Beharrung auf dem Schlammsein bis hin zu artikulierter Verständnislosigkeit und Aggression reagiert, jedenfalls aber schon allein aus der Psychologik dieser Konstellation heraus Widerstand gegen das anmaßende elitär-egalitäre Tun leistet.

Das Dilemma des grundgelegt elitären Habitus derjenigen, die nach Egalität streben, kann nur von jenen durchbrochen werden, denen der Schlamm keine Egalität zugesteht. Daher empfiehlt sich auch die Vergabe der Sprech- und Leitungspositionen in den nach Egalität strebenden Gruppen an die mitarbeitenden gesellschaftlich systematisch diskriminierten Personen.

An diesem Punkt sagen wir tschüss mit ü zu jenen, die sich eigentlich nur elitär aus dem Schlamm herausheben wollen und politische Arbeit vorwiegend als offensive Abgrenzung zum Schlamm zum Zweck der Psychohygiene und Selbstbefriedigung betreiben. Je gruseliger der Schlamm vor ihrer Nase, desto besser und sauberer können sie sich wohlig schaudernd fühlen. Ihre Opposition zum Schlamm verbleibt dementsprechend im Bereich der dämonisierenden Rhetorik.

An diesem Punkt verabschieden wir uns auch gleich von jenen, die mit dem Schlamm gegen den Schlamm kämpfen wollen. Es sind dies jene, welche an das Vorhandensein von purer erweckbarer Menschlichkeit im Schlamm (HumanistInnen und Religiöse) oder an das Vorhandensein von puren sichtbar zu machenden Interessengegensätzen zwischen einer Mehrzahl von Diskriminierten und einer Minderheit von bösen Weltbeherrschenden (VulgärmarxistInnen) glauben. Viel Spaß dabei und Achtung vor Antisemitismus, gelle. Übrig bleibt, wie könnte es anders sein, eine Elite, 3 mal pfui.

An dieser Stelle distanzieren wir uns noch vorsorglich von denen, deren politische Arbeit nur darin besteht, sich von den vorgenannten Gruppen abzugrenzen (Szenesekten).

So. Endlich allein.

Oder 3 Schritte zurück, wenn wir den Verlockungen der Distanzierung nicht erliegen und allein enden wollen.

Die nach Egalität strebenden Menschen positionieren sich alle mehr oder weniger starr oder flexibel zwischen 2 Polen: Idealogy und Tryology.

Idealogistischen Positionen ist eigen, dass sie ihre Wahrheit gefunden haben und damit nicht genug, diese ihre Wahrheit auch missionarisch verkünden und verbreiten wollen, bisweilen zum Nachdruck mit der Waffe in der Hand. Der tryologistischen Position ist solches Verhalten äußerst suspekt. Ihre Wahrheiten sind vielfältig, veränderlich und diskutierbar. Vor allem ist der Tryology das meiste viel zu kompliziert, als dass es offensiv in die Welt hinausgeblasen werden könnte. Nur im Negativen herrscht Übereinstimmung mit der idealogischen Position: Der Sumpf ist Scheiße und ganz besonders Scheiße sind Grenzen, Abschiebungen und Schubhaft, soviel ist felsenfest sicher, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung das nicht einsehen will.

Im Positiven hingegen stehen sich Idealogy und Tryology geradezu diametral gegenüber. Die idealogische Seite schwärmt von einer bereits konzeptionell vorhandenen trockengelegten Insel im Sumpf und verlangt für deren Errichtung Disziplin und Aufopferung. Dem gegenüber schafft sich die Tryology aus ihren eigenen negativen idealogischen Grundfesten heraus Barrieren für einen positiven Idealogismus: Gebiete erobern bedeutet, neue Herrschaft zu errichten. Dann schon lieber im fremdbesetzten Territorium im Widerstand bleiben. Tryologistische Positionen werfen der positiven Idealogy vor, dass sie schon im Ansatz scheitern muss und auch nix anderes als ein neues Sumpf-Department errichten kann.

Tryology hingegen errichtet eher kleine Blasen im Sumpf. Die mit viel Diskussion geblasenen vom ständig hereintropfenden Schlamm freigeschaufelten Räume können einerseits durch Distanzierung und Ausschluss verteidigt werden, womit stets die Schrumpfung auf die Kerngruppe einhergeht. Oder die Blasen können wachsen, indem sich Tryology auf die Attraktivität des Ausprobierens besinnt und Settings schafft, die gruppendynamisch ein Andocken von außen zulassen. Die Utopie des Ausprobierens ist insoferne recht befriedigend, als kein Warten auf das Himmelreich auf Erden erforderlich, sondern das Ausprobieren im Hier und Jetzt möglich ist, was in kleineren Gruppen und Subkulturen auch durchaus funktionieren kann, wenn mensch jetzt keine allzu übertriebenen (positiv idealogischen) Vorstellungen hat.

Für den Sumpf stellt die Multitude der unorganisierten kleinen Blasen allerdings keine echte Bedrohung in Richtung Trockenlegung dar. Wenn sie es bestenfalls schaffen, attraktiv zu sein, lästige Diskurse zu lancieren, und manchmal auch einen Zipfel der bestehenden Ordnung etwas effektiver anzugreifen, so geht aus ihnen doch nichts hervor, was als fundamentale Alternative und Gegenmodell im Sinne einer positiven Idealogie die hegemoniale Ordnung ernsthaft herausfordern könnte. Vielmehr eignen sich die subkulturellen Blasen in ihrer Ohnmacht hervorragend als Trainingsgebiet für die Repressionsapparate. Wenn die Blasen zu sehr brodeln, werden sie halt angestochen. So blubbern die Blasen und der Sumpf zieht weiter, im durch lange Erfahrung gerechtfertigen Vertrauen darauf, dass der Kapitalismus letztlich keinen Menschen entkommen lässt.
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