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20.04.2002
Migrantische Öffentlichkeitsarbeit als Kulturarbeit
Luzenir Caixeta

Wir experimentieren und untersuchen in unserer Praxis-Theorie-Praxis bei MAIZ schon seit langem eine gewisse Transversalität zwischen dem Sozial- und dem Kulturbereich. Das bringt eine Reihe von Möglichkeiten, aber auch Risiken, Ambiguitäten und Konflikte. Oft sind wir überfordert. Die Schwierigkeiten können wir auf zwei Ebenen zusammenfassen:

Minderheiten vs Mehrheit

Dem Begriff Minderheit steht der Begriff Mehrheit gegenüber. Nach Definition von Lwanga und FeMigra (Vor der Information 98, S.12) bedeutet Mehrheitsgesellschaft: weiß, westlich, österreichisch, christlich, säkularisiert usw. Die Betonung liegt dabei stark auf der sozialen Position (der Mehrheit oder der Minderheit angehörig), d.h. auf der Ebene der Machtverhältnisse, und es wird deutlich, dass es nicht um ein naives Nebeneinander gehen kann. Die österreichische Gesellschaft mit ihrer Logik der Ausschließung von Minderheiten produziert eine Kultur der Insensibilität und wird gleichzeitig von eben dieser Kultur der Insensibilität ernährt, die sich an der Grenze des Zynismus befindet. (Araujo, 2000) Ausschließung heißt: Marginalisierung, Diskriminierung, sensationsheischende Betrachtung, Stigmatisierung (besonders von Migrantinnen in der Sexarbeit), Ausbeutung, Indifferenz. Zum anderen hat auch die Betrachtung als Opfer einige negative Effekte: Reduzierung auf Klischees (ohnmächtige Opfer, exotische Kulturen); Ausnutzung als Alibifunktion, um „politisch korrekt“ zu sein; Folklorisierung; oder sogar Instrumentalisierung, um den eigenen Arbeitsplatz im Kultur- oder im Sozialbereich zu schaffen bzw. zu sichern. Es gibt aber auch (wenn auch sehr wenig): Auseinandersetzung, Komplizität, respektvolle Zusammenarbeit zwischen MehrheitsösterreicherInnen - die MigrantInnen als SUBJEKTE sehen und Protagonismus/Empowerment von MigrantInnen fördern - und Minderheiten.

Minderheiten vs Minderheiten

Minderheiten sollen weder generalisiert noch idealisiert werden. Einerseits gibt es Konflikte, Konkurrenz, Diskriminierung, Sexismus, Ausbeutung - vor allem aber auch die Sicht von Migration als Übergangsprozess und die ererbte koloniale Mentalität, die zu Selbstunterschätzung führt, zu Zweifeln an der Fähigkeit und Stärke, eine Organisation von Migrantinnen aufzubauen. Andererseits gibt’s aber auch Widerstand, gemeinsames Kämpfen, alternative Strategien, Selbstorganisation, Solidarität, Empowerment.

MAIZ-Erfahrung

Die Erfahrungen von MAIZ zeigen, trotz der Schwierigkeiten, dass es möglich ist, Selbstorganisation und Protagonismus von Migrantinnen anzuregen und voranzutreiben. Die Anerkennung von Widerstandsstrategien der Migrantinnen ist diesbezüglich entscheidend. Im Laufe der Jahre von MAIZ zeigen Erfahrungen, dass Frauen über allen politischen, ökonomischen, kulturellen Gegendruck hinweg Formen des Widerstands gegen die Gewöhnung, Hierarchisierung oder Ausschließung der Migrantinnen finden. Diese Politik der Wiederaneignung eines verleugneten und zugleich gewollten Körpers der Migrantin (sei es durch Sexarbeit oder nicht) führt zu einer politischen Identität als Ausgangsbasis einer politischen Artikulation, um bestimmte gesellschaftliche Widersprüche deutlich zu machen: die Bestimmung der eigenen politischen Identität als Migrantinnen ist Gegenentwurf, ist Bezeichnung eines oppositionellen Standorts.

Protagonismus

Die Migrantinnen bilden keine homogene Gruppe (Frauen aus über 50 verschiedenen Herkunftsländern kamen im Jahr 2001 zu MAIZ). Die verschiedenen Strategien für den Umgang mit Ausgrenzung und Diskriminierung zeigen zumindest zwei Ebenen des Protagonismus: Der unbewusste, mehr oder weniger verborgene Protagonismus, der sich in individuell entwickelten Strategien als Reaktion auf die strukturelle Dynamik äußert. Das sind Strategien, die durch die Notwendigkeit entstanden, sich in einem System der binären Klassifizierung (reiche Welt x arme Welt, InländerInnen x AusländerInnen, Mann x Frau) und in den Strukturen der Gewalt zurechtzufinden und zu verteidigen (Gutiérrez Rodrígues, 1999). Die Strategien gegen die Logik der geltenden Ausgrenzung haben sich als ambivalent und von begrenzter Tragweite erwiesen. Diese widersprüchlichen Erfahrungen in einer antagonistischen Gesellschaft sind trotz allem wichtige Signale des Widerstandes von ethischer Tragweite.

Der bewusste, überdachte, kritische Protagonismus, von handelnden Subjekten und organischen Intellektuellen, mit Strategien der symbolischen und politischen Intervention auf gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen. Die Erfahrungen der Wiedergewinnung der Leiblichkeit, präsentiert durch die Praxis der Migrantinnen-Organisation (MAIZ), zeigen den Versuch, strategische Handlungen gegen Rassismus und Sexismus sowie Alternativen zum gegenwärtigen System zu entwickeln. Diese Strategien sind auch begrenzt und ambivalent, denn die Utopie eines völlig neuen und egalitären Systems ist historisch nicht realisierbar. Ein weiterer wichtiger Aspekt hier ist das Bemühen, mit einer Gruppe von nicht bewussten Protagonistinnen Bildungsprozesse zu verwirklichen, bei denen das Potenzial des Widerstandes gegen die aktive Handlungsrolle gesteigert wird.

Die Verwundbarkeit und die Ambivalenz der Protagonistinnen mindert aber nicht die Tragweite des Ansatzes vom Protagonismus als ausgearbeitete Überlegung. Migrantinnen als Protagonistinnen bedeutet eine ethisch-politische Positionierung, die sich in einer angemessenen, aber dissonanten Ethik ausdrückt. Das spielt sich nicht nur auf interner Ebene ab, sondern auch auf der Ebene der Öffentlichkeit im Sinne einer Sichtbarmachung von Subjekten im Zuge einer antirassistischen feministischen Öffentlichkeitsarbeit.

Wir überschreiten Grenzen: überqueren geographische, physische, ideologische Grenzen. Wir emigrieren. Nehmen Raum ein. Wir nehmen uns, was unser ist (unsere Körper), wie auch das scheinbar Ferne: die Staatsangehörigkeit, das Gesetz, das Wissen, die Globalisierung, den öffentlichen Raum. Wir beschreiten andere Wege zur Definition des Körpers (in der Prostitution, so paradox es auch klingen mag), des Gesetzes, des Wissens, der Globalisierung. Wir begehren auf, gegen die patriarchale Weltordnung, die über unsere Körper und unseren Platz in der Welt entscheiden will. Wir lassen es nicht zu, mit den Fangarmen der Legalität erwürgt zu werden. Wir überschreiten das Territorium der Legalität und des Erlaubten. Wir suchen andere Formen des Bewohnens, des Prioritätensetzens, der Kommunikation, des Inbesitznehmens. Wir erschließen neue Möglichkeiten zur Aneignung unserer Fähigkeiten, Potenziale, Träume und Utopien. Emigrieren ist ein Grundrecht! (Caixeta, 2000)

Die Perspektive der Widerstandskultur ist für den Ansatzpunkt des Widerstandes und Protagonismus der Migrantinnen entscheidend. Das durch die Migrantinnen Sichtbar-Gewordene umfasst sowohl die Arglist des ausgrenzenden Systems wie auch die Notwendigkeit einer weltweiten Ethik, die das Recht auf Migration wieder bestätigt und die erforderliche Alteritätsbeziehung mit der/dem anderen. Neben alternativen Methoden zur Verstärkung des Widerstandes der Migrantinnen wollen wir beweisen, wo Autonomie, Kreativität, Kunst, politische Mitwirkung auf der kulturellen Ebene, Proteste sich im Aufbau eines neuen Sichtbar-Machens der Würde und des Protagonismus der Migrantin summieren.

Unsere Experimente verfolgen anti-rassistische und anti-sexistische Wirkungen und Ziele: Kulturarbeit bietet uns dabei eine „Vermittlungsform“ von politischen Forderungen. Letztendlich wollen wir die politischen und auch kulturpolitischen Rahmenbedingungen verändern: rechtliche Gleichstellung, Selbstvertretung statt Stellvertretung. Politische Bildungsarbeit steht in engem Zusammenhang mit unseren Tätigkeiten im Kulturbereich, denn im Rahmen dieser Arbeit entwickeln wir die Konzepte und Prozesse, die wiederum als Kulturarbeit realisiert werden (z.B.: Projekt „Kartographische Eingriffe“). Kunst sehen wir als Medium/Ausdrucksform, um politische Inhalte zu transportieren bzw. der Öffentlichkeit mit Hilfe dieses Mediums in geeigneter Form zugänglich zu machen. Kunst hat für uns eine gesellschaftskritische Funktion, indem wir Analysen und Umkehrung von Ethnisierung und Rassismen zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung machen. Die antirassistische und sexistische Wirkung dieser Strategien besteht darin, die Perspektive der Migrantinnen transparent zu machen und projizieren.

Wir nehmen öffentlichen Raum ein, besiegen die Zweiteilung von Öffentlichem und Privatem. Die Form unserer Kämpfe widerspiegelt und drückt den Inhalt unserer Rebellion aus. Wir lassen uns nicht in das Spiel der Opferrolle gegenüber dem System verwickeln, und auf persönlicher Ebene kämpfen wir darum, unsere inneren Widersprüche zu lösen, die uns immer wieder in diese Rolle fallen lassen und uns nicht erlauben, uns mit all unserer Kraft sichtbar zu machen. Um uns als Protagonistinnen erkennbar zu machen, benutzen wir die Kunst, die Fiktion und direkte Aktionsformen - in den Medien und auch auf der Straße. Wir kämpfen auf der Straße gegen Sexismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und jede Art von Diskriminierung... Wir erfinden, schaffen eine Ästhetik. Formen, die aus dem Uterus der Ethik entstammen. Während das System unsere Sprache einnimmt und die Ästhetik (Form) von der Ethik (Inhalt) und den inhaltlichen Strategien trennt, integrieren wir und machen den Zusammenhang zwischen Ästhetik, Ethik und Strategien sichtbar. Wir durchbrechen Stereotype, bringen das Element des Grotesken ein, der Provokation, des Ungehorsams, des Aus-dem-Rahmen-Fallens, des konstanten Bruchs. Als Mittel verwenden wir Performance, Ironie, Parodie, Satire und Fiktion. Ästhetik und Sprache, die sich permanent außerhalb des Rahmens und der Vorgaben stellen. (Caixeta, 2000)

Die satirische Vertauschung von Subjekt und Objekt in unserer Öffentlichkeits- und Kulturarbeit (wie literarische Texte und Performances) vermag nicht nur Stereotype und Kategorisierungen aufzubrechen, sondern allgemein gesprochen die Selbstverständlichkeiten dieser Perspektive. (Köhl, 2001)

Unsere Erfahrungen in MAIZ (z.B. mit Klub Zwei, Transpublic, Institut für Transakustik sowie mit einzelnen KünstlerInnen) zeigen, dass Möglichkeiten einer symmetrischen und reziproken Zusammenarbeit mit Mehrheitsgesellschaft nur außerhalb der Logik der Opferrolle und einer eurozentristischen Perspektive existieren. Dies gilt sowohl für Minderheiten (selbst auferlegte Opferrolle und Eurozentrismus ) als auch für MehrheitsösterreicherInnen (Betrachtung der MigrantInnen als Opfer und im Vergleich mit EuropäerInnen minderwertig).

Verwendete Literatur:

Tania Araujo, Sisyphus alpine. Eine MAIZ-Heumeneutik – entstanden aus der Erfahrung, Granit im Magen zu tragen. In: Praerie Nr 1, 2000; Der Apfel Nr 55, 2000

Luzenir Caixeta / Rubia Salgado, Wege durch die Öffentlichkeit. Migrantinnen entwerfen Perspektiven. In: Vor der Information 1999/2000

Luzenir Caixeta, Erlaubnis? Wir bitten nicht darum! Feministische Migrantinnen reflektieren über ihre Erfahrungen und Perspektiven in Österreich. In: Frauensolidarität Nr 2, 2000, Der Apfel Nr 55, 2000

Encarnación Gutiérrez Rodrígues, Intellektuelle Migrantinnen, 1999

Christine Köln, Strategien der Interkulturellen Kulturarbeit, IKO, 2001

Rubia Salgado, Anthropophagie und Akkulturation: eine Begegnung beim Ficken. In: KUPF 80/1/1999

Rubia Salgado, Über das Menschenwerden... Notizen über Affen, Migrantinnen und Kulturarbeit. In: KUPF 86/2/2000

Rubia Salgado, MAIZ: eine Praxis zwischen Vernunft und Lachen. In: Kulturrisse, Juni 2000
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