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Politik in der ersten Person Plural
Identität, Differenz und Selbst-Repräsentation

Es besteht eine grundsätzliche Inkongruenz oder Instabilität im Verhältnis zwischen Identität und Repräsentation. Diese Kluft kann durch Selbst-Repräsentation zwar verringert, aber nicht aufgehoben werden. Selbst unter der theoretischen Bedingung der Herrschaftsfreiheit lässt sich Identität kulturell und politisch niemals vollständig abbilden. Repräsentation als ein Prozess der Übersetzung in eine kulturelle bzw. politische Sprache ist unweigerlich mit dem Phänomen des "lost in translation" konfrontiert. Zum einen funktioniert Repräsentation faktisch meist nur selektiv und retrospektiv. Zum anderen stellt jeder repräsentativer Akt eine Momentaufnahme dar und kann keine universelle Gültigkeit beanspruchen. In jüngere Zeit haben viele Studien aus dem Bereich der Cultural Studies und der postkolonialen Kritik darauf aufmerksam gemacht, dass eine uneingeschränkte Repräsentation und kollektive Identifikation niemals möglich sind.(1)

Was bedeutet diese prinzipielle Erkenntnis nun für die Politik der Selbst-Repräsentation? Müssen wir uns angesichts der Dekonstruktion jeglicher Kollektividentität vom Ansatz der Selbst-Repräsentation verabschieden oder lohnt es sich angesichts des Fehlens überzeugender Alternativen für eine selbstkritische Identitätspolitik zu plädieren? Im Folgendem argumentiere ich dafür die Beschränktheit von (kollektiven) Selbst-Repräsentationsstrategien weniger als Gefahr oder Schwäche zu begreifen. Vielmehr erwächst daraus die Chance für eine selbst-reflexive Identitätspolitik. In ihr werden die gemeinsamen Erfahrungen und geteilten Verbindungen nicht umstandslos voraussetzt, sondern erlangen erst durch die Anerkennung von Differenzen und Brüchen ihre Bedeutung. Das Wissen um die Unvollkommenheit und Konstruiertheit identifikativer Selbst-Repräsentationen ist meiner Ansicht nach kein schlagendes Argument gegen eine Selbstermächtigung (Empowerment) subalterner Minoritäten durch selbst-repräsentative Praktiken. Ein solches Wissen befähigt uns vielmehr das Selbst permanent nach internen Ausschlüssen und Hierarchien zu befragen. Ich argumentiere für eine Politik, die zunächst die historische Konstruktion und strukturelle Durchsetzung unterschiedlich privilegierter Subjektpositionalitäten anerkennt ohne sie zu verobjektivieren oder festzusetzen. Es geht also nicht darum die durch Kolonialismus und Rassismus geschichtlich eingeschriebenen kulturellen Identitäten und Differenzen als starr und unaufhebbar zu begreifen, sondern als Ausgangspositionen für politische Handlungsmächtigkeit zu erkennen und produktiv zu machen. Da sowohl essentialistische Ansätze von Identitätspolitik wie auch ihre undifferenzierte, weil prinzipielle Verurteilung repressive Momente aufweisen, ist es im Sinne von Homi Bhabha (2000) wichtig nach einem postkolonialen "third space" zu suchen, in der grenzüberschreitende Visionen und selbst-reflexive Politikansätze für People of Color(2) möglich werden.

Verobjektivierung und rassistische Wissensproduktion

Die politische Forderung von People of Color nach Selbst-Repräsentationen erwächst aus der Unmöglichkeit unter den vorherrschenden Bedingungen uneingeschränkt als gleichberechtigte und gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu partizipieren. Sie weist auf einen strukturellen Ausschluss hin, der durch das Erleiden gesellschaftlicher Unter- und kultureller Missrepräsentationen geschaffen und aufrechterhalten wird. Diese Problematik ist in praktisch allen westlichen Einwanderungsgesellschaften rassistisch kodiert. Besonders postkoloniale MigrantInnen und Schwarze Menschen werden aufgrund ihrer außereuropäischen Herkünfte durch dominante Zuschreibungen stigmatisiert. Neben politisch-rechtlichen und sozialen Ungleichheiten sind People of Color vor allem mit dem Problem der kulturellen Verobjektivierung konfrontiert. Diese unterschiedlichen Diskriminierungsfelder bilden einen miteinander verbundenen gesellschaftlichen Komplex, dessen unterschiedliche Teilbereiche sich gegenseitig konstituieren und dynamisieren. Solche politischen und sozialen Sanktionen schreiben sich negativ in die kulturelle Grammatik der Mehrheitsgesellschaft mit äquivalenten Bildern und Signaturen ein, die nur die Weiße Dominanzperspektive widerspiegeln können. Entsprechend haben wir zu berücksichtigen, dass die kulturelle Produktion der aufoktroyierten Andersheit (Otherness) migrantischer und Schwarzer Subjekte nicht zuletzt gesamtgesellschaftliche Rahmensetzungen reflektieren.

Neben dem offenen Rassismus werden People of Color auch durch die subtileren, aber sehr geläufigen Formen der Fremd- und Unterrepräsentation wirksam benachteiligt. Solche Praktiken laufen darauf hinaus MigrantInnen und Schwarze nicht als politische Subjekte mit einer eigenen Stimme und einem eigenständigen Willen anerkennen zu müssen. Innerhalb des dominanten Repräsentationsregimes können wir uns daher nur als entfremdetes Selbst, das heißt als Andere unserer selbst wiederfinden. Solche epistemologische Gewaltverhältnisse sind für rassistische Verwerfungen charakteristisch, die mittels Praktiken der Dominanz und Unsichtbarmachung durchgesetzt werden sowie durch verschiedene Formen des diskriminatorischen Wissens geprägt sind.

Selbst-Repräsentation als gesellschaftliche Transformation

Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, befinden wir uns seit mehreren Jahrzehnten trotz aller politischen Hindernisse auf dem Weg zur interkulturellen Gesellschaft. Die Situation in vielen post/-kolonialen Einwanderungsländern(3) verdeutlicht, dass Repräsentationsfragen gerade durch Immigration immer gewichtiger werden. Um das soziale Miteinander zu ermöglichen, interkulturelle Prozesse zu kommunizieren sowie mögliche Konflikte zu lösen, muss der Modus gesellschaftlicher Repräsentation und Teilhabe grundlegend neu verhandelt werden. Neben diesen funktionalen Aspekten ist es auch elementar Selbst-Repräsentation im Rahmen einer weitergehenden Diskussion normativ zu betrachten, da sie die soziale, kulturelle und politische Teilhabe deklassierter Communities ermöglicht. In einer historischen Situation, in der Schwarze und migrantischen Minderheiten sich durch kulturelle Praxen der dominanten Narration nationaler Identität widersetzen können, hat Selbst-Repräsentation eine wachsende politische Bedeutung. Daher hat die Notwendigkeit sich selbst zu repräsentieren und die eigenen Interessen zu artikulieren auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Repräsentiert-Sein bedeutet sich eine politische und kulturelle Basis zu verschaffen, um von dort aus für gesellschaftliche Geltung und Gleichberechtigung zu streiten. Die öffentliche Repräsentation des eigenen Selbstverständnis läuft darauf hinaus in einen politischen Kampf um gesellschaftliche Legitimität, Zugehörigkeit und Förderung bisher unterworfener und verleugneter Existenzweisen einzutreten.

Seit langem fordern migrantische Minderheiten und People of Color neben politischer Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungen und sozialer Gleichstellung, insbesondere eigene Räume zur Kreierung positiver Selbstbilder und Ressourcen zur öffentlichen Vermittlung der eigenen Geschichte. Die Erzählungen der bisher aus der Nation ausgeschlossenen Subjekte sind in ihrer Vielfalt uneinheitlich und lassen ganz unterschiedliche Perspektiven zu. Gerade ihre differenzierten historischen wie kulturellen Verortungen sind wichtig, um Subjekte und Positionen sichtbar zu machen, die innerhalb der nationalen Narration keinen Platz beanspruchen dürfen. Während migrantische Praktiken den nationalen Rahmen in Frage stellen, brechen People of Color auch das Weiße Artikulations- und Repräsentationsmonopol auf. Überall, wo der avancierte Kultur-, Kunst- und Wissenschaftsbetrieb für interkulturelle Diversität offen ist und die Überwindung eurozentristischer Standards als elementare Aufgabe ernstnimmt, sind positive Impulse spürbar. Eine Selbst-Repräsentation unterdrückter Communities ist nur möglich, wenn auch die Gesellschaft und ihre Strukturen politisch, institutionell und personell nachhaltig transformiert werden. Ansonsten laufen wir Gefahr einer Kulturalisierung des Sozialen bzw. Politischen Vorschub zu leisten. Die kulturelle Repräsentation von Minderheiten ist eine notwendige, aber nicht ausreichende Selbstverständlichkeit. Zweifellos ist die Sichtbarkeit von kulturellen Minoritäten und das künstlerische, wissenschaftliche und mediale Wirken von kritikfähigen AkteurInnen mit Community Bezug wichtig. Aber diese Interventionen im Kulturbetrieb und den ideologischen Apparaten können nicht die genuin politischen Kämpfe um republikanische Mindeststandards wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität ersetzen, sondern nur unterstützen und ergänzen. Daher ist der Kampf um kulturelle Repräsentation auch immer politisch aufgeladen. Grundsätzlich bieten sich hier zwei Strategien oder präziser ausgedrückt, zwei Zielsetzungen migrantischer und Schwarzer Kulturarbeit an. Der erste eher reformerisch oder integrativ orientierte Ansatz ist bestrebt die nationale Identität und den dominanten Kanon der Mehrheitsgesellschaft zu erweitern, um den Minoritäten einen eigenen Platz innerhalb der Nation zu sichern. Die zweite wesentlich unbequemere und radikalere Alternative besteht darin die Produktion nationaler Identität, die auch immer mit der Konstruktion eines abgrenzbaren kulturellen Korpus verbunden ist, selbst in Frage zu stellen.

Die Frage nach der "richtigen" Repräsentationsweise wirft unweigerlich die Subjektfrage auf und zieht weitere Fragen nach sich.(4) Wie diese komplexen Fragen zeigen, kann das Konzept der Selbst-Repräsentation offensichtlich keine einfachen Antworten liefern, sondern nur ermutigen sich einzumischen und in die konkrete Auseinandersetzung zu gehen. Als aller erstes verlangt dieses Konzept eine ständige Überprüfung des unhinterfragten "Wir", in der die Anrufung des kollektiven bzw. kommunalen Selbst fragil erscheint und nur temporär möglich ist.

Repressiver Universalismus

Wenn marginalisierte Minderheitengruppen heutzutage versuchen sich durch Selbst-Repräsentation und strategische Identitätspolitik zu ermächtigen, sind sie oft mit dem (externen) Vorwurf des Essentialismus und der Furcht vor der Missachtung interner Differenzen konfrontiert. Mit dem Aufkommen poststrukturalistischer Konzepte wie Dekonstruktion, Differenz und Fragmentarisierung wird zuweilen undifferenziert und ahistorisch behauptet, Identitätspolitik sei per se unzeitgemäß, weil homogenisierend und rückwärtsgewandt. Absurd wird die Debatte spätestens dann, wenn in der Weißen Perspektive Schwarze Identitätspolitik als ausgrenzend und spalterisch erscheint. Manchmal wird sogar der explizite Vorwurf des "umgekehrten Rassismus" geäußert, wenn Weiße mit der Autonomie von People of Color konfrontiert sind und ihnen der Zugang verweigert wird. Um die eigene Weiße Kritik zu erhärten, wird auf das Übergehen Schwarzer Frauen hingewiesen, um die repressive Ausrichtung anti-rassistischer Identitätspolitik zu belegen. Das dabei Schwarze Frauen für die eigenen Belange instrumentalisiert werden und erneut in die Rolle von hilflosen und stummen Opfern gewiesen werden, verdeutlicht, dass wir die eigene Sprechposition und Identität nicht aus dem politischen Diskurs ausklammern können.

Das ausgerechnet das Bestreben unterdrückter Minderheitengruppen eine eigene Artikulations- und Organisationsstrategie zu finden und für die eigene Belange selbst einzutreten von linken Weißen oftmals mit Argwohn betrachtet wird, ist das Ergebnis einer bitteren postmodernen Ironie. So wichtig es ist interne Dominanzen und kollektive Konstruktionen zu hinterfragen, so wichtig ist es auch die Balance nicht zu verlieren und auf den Kontext zu achten. Sich von jeglicher Form von Identitätspolitik zu verabschieden, hieße auch die politischen Stimmen von Frauen, sozial Unterprivilegierten und sexuellen Minderheiten zum Verstummen zu bringen. Im dekonstruktiven Eifer aus einer privilegierten Weißen Position heraus unterschiedslos jede kollektive Politik in der ersten Person Plural für kontraproduktiv zu erklären, verfestigt jedoch nur die bestehenden Hierarchien und intersubjektiven Machtverhältnisse. Das Beharren auf eine post-identitäre Politik birgt zudem die Aporie, das jede Politikform, die von der eigenen abweicht, als falsch stigmatisiert wird und man sich in die Position des Besserwissenden imaginiert. Der Rückfall in ein linkes Sektierertum, in der die Unfähigkeit mit Differenz umzugehen dominiert, wäre dann vorprogrammiert. Diese Problematik zeigt, dass nicht nur Identitätspolitik repressiv sein kann, sondern auch ihre Kritik Effekte hervorbringt, die Differenzen negiert und unterdrückt.

Das Netzwerk Kanak Attak, das sowohl Weiße als auch migrantische AktivistInnen umfasst, zählt in der BRD zu den wichtigsten Kritikern strategischer Identitätspolitik. In seinem Gründungsmanifest versteht es sich als "der selbstgewählte Zusammenschluss verschiedener Leute über die Grenzen zugeschriebener, quasi mit in die Wiege gelegter 'Identitäten' hinweg. Kanak Attak fragt nicht nach dem Pass oder nach der Herkunft, sondern wendet sich gegen die Frage nach dem Pass oder der Herkunft."(5) Den identitätspolitischen Ansätzen wird der Vorwurf gemacht, dass sie mit ihrer Politik die rassifizierenden Kategorien und Hierarchien lediglich reproduzieren würden, anstatt querverlaufende Linien aufzubauen.(6) Die Tragik der vermeintlich post-identitären Politik besteht darin, dass sie weder Rassifizierung und ihre gesellschaftlichen Effekte tatsächlich zur Kenntnis nimmt noch eine wirkliche politische Alternative anbietet. Wie jede kollektive Organisationsform bleibt auch Kanak Attak trotz der demonstrativen Negation letztlich der Identitätspolitik verhaftet, da die eigene, natürlich rein spielerische Selbst-Kanakisierung ein kollektives Labeling voraussetzt, das mit Abgrenzungs- und Identifikationsprozessen einhergeht. Schwerwiegender ist jedoch das Problem, das die Privilegien, die mit Pass und Herkunft zusammenhängen nicht mehr adressierbar sind und politisch beantwortet werden. Auch die Selbstverständlichkeit mit der Menschen aufgrund ihres "afrikanischen" oder "asiatischen" Aussehens ausgegrenzt werden, verschwindet hinter einer Indifferenz, die die Macht der Rassifizierung auf den gelebten Alltag nicht erfassen kann. Wer die Grenzkontrollen der EU oder rassistische Überfälle am eigenen Leib erfahren hat, weiß, dass sowohl auf institutioneller als auch auf face-to-face-Ebene die Unterscheidung nach zugeschriebenen äußerlichen Merkmalen wie die Frage nach der europäischen oder außereuropäischen Herkunft existenziell sind.

Intersektionalität des Subjekts und selbst-reflexive Identitätspolitik

Menschliche Subjekte überschreiten in ihrer unentwirrbaren historischen wie sozio-kulturellen Komplexität das Fassungsvermögen eindimensionaler Gruppenzugehörigkeiten wie Geschlecht, Ethnizität, soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion etc. Daher können wir uns nie ausschließlich einer Kollektividentität zugehörig fühlen. Zugleich ist es wichtig anzuerkennen, dass Subjekte Identitäten haben (müssen). Unabhängig davon, ob wir wollen oder nicht werden wir durch historische und strukturelle Einschreibungen – etwa in Form einer rassistischen und gegenderten Matrix – sozial definiert. Identität bezeichnet demnach die Art und Weise wie Macht und ihre Ordnungssysteme zu uns sprechen, uns anrufen und in bestimmte hierarchisierte Ausgangspositionen weisen, die vor allem durch die dynamische Überlappung von Ethnizität, Gender, Klasse und Sexualität bestimmt werden. Diese Intersektionalität des Subjekts hat großen Einfluss auf unsere gesellschaftliche Position und Identitätsentwicklung. Sie beschreibt unseren Zugang zu Macht, Anerkennung und Ressourcen. Identitätspolitische Ansätze nehmen einen vergleichbaren Subjektstatus, sich ähnelnde Gruppengeschichten oder kulturelle Überschneidungen zum Ausgangspunkt, um gemeinsame Interessen zu artikulieren und kollektive Praktiken zu organisieren.

Um die Auswirkungen von Identitätspolitik kritisch einzuschätzen, ist es zentral zwei Unterscheidungen zu beachten. Zum einen ist es entscheidend, ob dominante oder gefährdete Identitäten sich zusammenschließen. Während Weiße, männliche, bürgerliche und hetero-sexuelle Identitäten den geltenden gesellschaftlichen Normen entsprechen, werden Identitätsformen, die nicht mit diesen Vorgaben übereinstimmen, als negative Abweichung sanktioniert. Nur bei gefährdeten Subjekten kann die Politisierung ihrer kollektiven Identität zum Aufbau einer progressiven Gemeinschaft und Solidarität führen, die einem Ausbrechen aus der verordneten oder anerzogenen Isolierung gleichkommen. Zum anderen ist es hilfreich Identitätspolitik danach zu unterscheiden, ob sie selbst-reflexiv ist oder nicht. Sowohl Rassismus als auch der dominante Nationalismus der Mehrheitsgesellschaft können als Suche nach identitätspolitischer Selbstvergewisserung angesehen werden, die den Anderen abwertet und das Eigene überhöht. Dabei wird das Eigene wie auch das Andere als binäre und in sich geschlossene Opposition vorausgesetzt. Auch der Gegen-Nationalismus unterdrückter Gruppen in den USA wie in den ehemals kolonial besetzen Ländern blieb in dieser Logik gefangen und konnte nur die Vorzeichen umkehren. Demgegenüber stehen identitätspolitische Ansätze, die auf der Anerkennung und Aushandlung interner Differenzen beruhen und sie zum Ausgangspunkt des politischen Handelns nehmen. Solche nicht-essentialistischen Ansätze verstehen sich als temporäre Projekte, die ihre Kraft aus der Verschiedenheit ihrer Mitglieder bezieht. Statt eine alles umfassende ethnisch-kulturelle Identität herzustellen, zielen selbst-reflexive Politikformen auf partielle Bündnisse, die auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und geteilte Interessen basieren. Ohne sich endgültig auf eine Identität festzulegen, wird die eigene Subjektposition nur soweit mit den von anderen verbunden, wie das Wissen um innere Unterschiede nicht durch einen Kollektivmythos ersetzt wird und die Sensibilität für interne Hierarchien nicht verloren geht. Vor allem kann aber das, was verbindet und die politisch-kulturelle Basis kollektiven Handelns bildet, immer wieder zur Disposition gestellt werden und an den aktuellen politischen Erfordernissen anpasst werden. Solche dynamischen Unternehmungen sind sich ihres fragmentarischen Charakters bewusst und überwinden die engen Grenzen konventioneller Identitätspolitik, die auf ein bestimmtes ethnisches oder geschlechtliches Diskriminierungsmerkmal rekurrieren.

Am Beispiel des Buchprojektes "re/visionen: Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland", das von Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar und mir herausgegeben wird und Mai 2007 im Unrast Verlag (Münster) erscheint, möchte ich nun unseren Versuch selbst-reflexive Identitätspolitik grenzüberschreitend anzulegen und in eine politisch-kulturelle Praxis zu übersetzen etwas konkreter vorstellen. Hauptziel dieser Anthologie, die erstmalig im deutschen Kontext ausschließlich Perspektiven von Schwarzen AutorInnen versammelt, ist es einen gemeinsamen Diskussionsraum – eine Form des third space – für People of Color zu eröffnen, solidarische Visionen quer zu den bestehenden Machtverhältnissen zu entwickeln und neue Konstellationen für politische Allianzen zu denken. Die Konzentration auf Perspektiven von People of Color ermöglicht es zudem den Zusammenhang zwischen Rassifizierung und subalterner Wissensproduktion zu untersuchen und sich auf ihre machtkritischen Blickwinkeln, Erfahrungshintergründe und Zugänge zu fokussieren. In mehr als 39 Artikeln setzen sich die Beiträge in vier thematischen Abschnitten mit 1. Rassismus und Politik, 2.) Selbst- und Fremdsetzungen, 3.) anti-rassistische und Schwarze Kulturpolitik sowie 4.) Community und Widerstand auseinander. Um den uneinheitlichen Sprechpositionen gerecht zu werden, haben wir uns für vielfältige Sprach- und Darstellungsformen entschieden, die unterschiedliche Sensibilitäten und Zugänge ermöglichen: Literarische und autobiographische Erzählungen, Gespräche und Interviews, historische Abrisse und Kurzporträts, aber auch satirische Zeichnungen und Kurzgeschichten korrespondieren mit politischen Essays und wissenschaftlichen Analysen.

Im Ergebnis setzen diese verschiedenen Elemente ein facettenreiches und gebrochenes Bild zusammen, das unabgeschlossen und unvollständig bleibt. Es entsteht ein narratives Mosaik, dessen Fragmente Risse, Lücken und Schnittstellen offenbaren. Uns ist es dabei wichtig einen Rahmen zu schaffen, in dem die mannigfaltigen Erfahrungen rassifizierter Minderheiten nicht isoliert erscheinen, sondern als miteinander verbundene Geschichten wahrgenommen werden können. Auf diese Weise wird Rassifizierung als ein strukturelles Element der Gesellschaft sichtbar gemacht. Um ein multidimensionales Bild zu erhalten, wird in diesem Buch die Problematik anhand unterschiedlicher Unterdrückungsgeschichten exemplifiziert und von verschiedenen Seiten aus beleuchtet. Gleichzeitig findet auch eine Auseinandersetzung mit ansonsten wenig beachteten Themen aus minorisierten Perspektiven statt. Der People of Color-Ansatz basiert auf der Anerkennung von Differenz innerhalb identitätspolitischer Empowerment-Strategien. Bedauerlich ist, dass dieser Ansatz im deutschsprachigen Raum bislang gänzlich unbekannt ist, so dass diese Leerstelle einer dringenden Auseinandersetzung wie Übersetzung bedarf.

Fußnoten:

(1) Vgl. zur Einführung etwa Hall 1994, Ha 1999/2004 und Castro Varela/Dhawan 2005

(2) Der Begriff "People of Color" bezeichnet Menschen, die zumindest teilweise außereuropäische Herkünfte haben oder aufgrund zugeschriebener Merkmale von Weißen als nicht-Weiß bzw. als nicht-europäisch angesehen werden. Da Weiß und Schwarz hier nicht im Sinne natürlicher Farben, sondern als gesellschaftliche Konstruktionen bzw. als politische Ordnungskategorien begriffen werden, signalisiert die Großschreibung diesen Bedeutungsunterschied. Entsprechend bezieht sich der Begriff "Schwarze Menschen" nicht auf den Phänotyp und wird als deutsches Synonym von People of Color verwandt, da der Begriff "Farbiger" kolonial besetzt ist. Wie die englische Terminologie anzeigt, knüpfen diese Überlegungen an anglo-amerikanische Diskurse über Ethnizität (race) und Weiß-Sein (Whiteness) an.

(3) Dazu gehören Staaten wie die USA, Kanada und Australien, deren Einwanderungssituation koloniale Kriege, Vertreibungen, Enteignungen, Versklavungen und Genozide voraussetzten. Diese zentralen historischen Kontexte werden in der eurozentristischen Perspektive jedoch durch die euphemistische Aufwertung als "klassisch" geleugnet.

(4) Was ist "richtig", was "falsch"? Ist diese Frage überhaupt relevant, und wer kann darüber entscheiden? Wer kann repräsentiert werden? Sind es nur die migrantischen Eliten, also diejenigen, die über ein anerkanntes Maß an kulturelles Kapital verfügen und sich durch erfolgreiche wirtschaftliche Unternehmen, politische Kampagnen oder kulturelle Praktiken einen Namen gemacht haben? Wen und was wollen diese Stimmen vertreten? Wer gehört zu den Repräsentierten, und wer bleibt außen vor oder anders gefragt: Wer spricht also für wen, und wer kann oder darf nicht sprechen? Wer wird gehört, wessen Sprache wird anerkannt und wessen nicht? Zu wem sprechen wir, und inwieweit hat das wiederum Einfluss auf das was wir sagen? Welche Formen und welche Inhalte, welche Subjekte, Subjektpositionen und Perspektiven können in welchen Foren vermittelt werden und welche nicht? Welche Regeln herrschen dort und wer bestimmt darüber?

(5) Vgl. die Dokumentation "Eine Frage der Rangordnung. Streitgespräch zwischen 'Kanak Attak' und 'Karawane' über unterschiedliche Ansätze antirassistischer Politik"; in: iz3w 284, April/Mai 2005, S. 18-20

(6) Vgl. Dokumentation. Weißes Europa: Eine un/mögliche Diskussion zwischen einem Mitglied von Kanak Attak und Kien Nghi Ha; in: Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai & Sheila Mysorekar (Hg.): re/visionen: Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, Münster: Unrast, 2007 (im Erscheinen)

Literatur:

Bhabha, Homi (2000): Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg

Castro Varela, María do Mar & Nikita Dhawan (2005): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript.

Ha, Kien Nghi (1999/2004): Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs. Berlin: WVB.

Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument.

Die ausführlichere Fassung "represent what? Identität, Differenz und die Frage der Selbst-Repräsentation" erscheint in: Robert Reithofer, Marusa Krese & Leo Kühberger (Hg.): Gegenwelten. Rassismus, Kapitalismus & soziale Ausgrenzung, Graz: Leykam, 2007
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