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Chancengleichheit: Hoffnung oder Geschwätz?
Interview mit María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan
Was bedeutet Chancengleichheit aus der Sicht von Angehörigen diskriminierter/marginalisierter Gruppen, wenn also aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen gesprochen/gehandelt wird?
Auf der einen Seite ist die Frage nach Chancengleichheit für Minorisierte hoffnungs-geladen, transportiert sie doch nicht nur die Idee sozialer Gerechtigkeit, sondern auch die Hoffnung auf Anerkennung und Sichtbarmachung bestehender Ungleichheitsverhältnisse. Die Frage nach der Chancengleichheit ist damit gewissermaßen utopisch aufgeladen und hat ja tatsächlich auch eine Reihe von Emanzipationsbewegungen beflügelt. Auf der anderen Seite ist Chancengleichheit für viele Minorisierte nichts mehr als wohl artikuliertes Geschwätz, das vor allem denen zum Vorteil gereicht, die damit nicht nur ihren Humanismus unter Beweis stellen können, sondern auch ihre Existenz sichern. Denn während die einen kontinuierlich über Gleichbehandlung sprechen, müssen die zu Anderen gemachten dabei zusehen, wie sich ihre soziale Lage immer weiter verschlechtert. Und jede Verschlechterung auf der einen Seite schafft konkret Arbeitsplätze auf der anderen Seite. Es scheint uns deswegen notwendig immer wieder darauf hinzuweisen, dass gleiche Chancen auch Privilegienumverteilung bedeutet. Insoweit geht es um soziale Kämpfe und weniger um evaluierte sozialarbeiterische Professionalität. Die kapitalistische Logik verspricht fortwährend, dass, wer Leistung bringt, entsprechend entlohnt wird, doch tatsächlich ist es so, dass Minorisierte nicht gleiche, sondern viel mehr Leistung bringen müssen, um die selbe Anerkennung (ökonomisch, sozial und symbolisch) zu erhalten. Gleichzeitig wird Minorisierten häufig nicht einmal die Möglichkeit gewährt, ihre Talente zu entfalten. Wer in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert wird, hat kaum Gelegenheit, die eigenen Potenziale unter Beweis zu stellen. Da helfen auch keine noch so spitzfindigen pädagogischen Maßnahmen zur Erhöhung der interkulturellen Kompetenz und Sensibilisierung gegenüber Minderheiten. Aus der Position Minorisierter kann unseres Erachtens das Versprechen von Chancengleichheit nur eine Kampfansage bedeuten, die etwa nach Selbstorganisationen ruft. Allerdings richten wir unser Augenmerk dabei insbesondere auf die globalen Interdependenzen. Eines der aktuellen Probleme politischer Auseinandersetzung im Bereich der Antidiskriminierungsarbeit ist ein fataler methodologischer Nationalismus, der glaubt, die Effekte eines neoliberalen Turbokapitalismus innerhalb der nationalen Grenzen angreifen zu können, ohne zu bemerken, dass Ruhe im "Westen" mit weiterer Ausbeutung des "Rests" erkauft wird, um ein Bild von Stuart Hall zu bemühen.
Wie kann man sich der Idee der Chancengleichheit annähern, ohne die Heterogenität diskriminierter Gruppen und die Gleichzeitigkeit von Unterdrückungsverhältnissen (z.B. Migrantin, Schwarz, muslimisch, homosexuell) aus dem Blick zu verlieren?
Dies ist eine Frage, die uns schon seit geraumer Zeit beschäftigt, weil wir denken, dass die dominante Identitätspolitik der 1980er und -90er Jahre politisch bedenkliche Effekte mit sich gebracht hat. Dazu zählt etwa die kontinuierliche Viktimisierung sozialer Gruppen, die erst über Diskriminierungspraxen produziert wurden. Weswegen die postkolo-niale Feministin Gayatri Spivak sich für eine dekonstruktive Wachsamkeit ausspricht, die das eigene politische Tun immer selbstkritisch betrachtet. Das bedeutet, nicht die selbst erlebten Ausgrenzungserfahrungen zu fokussieren, ohne das eigene Verwobensein im hegemonialen Netz zu reflektieren. So schreibt Spivak durchaus provokant, dass sich MigrantInnenbewegungen im Westen zuweilen parasitär zu Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" verhalten. Das Private ist zwar politisch, aber wie Spivak bemerkt, ist es fatal, das Politische nur auf das Private zu reduzieren. Wie können also die unterschiedlichen Verletzlichkeiten beachtet werden, ohne in eine problematische "Gleichmacherei" zu verfallen? Die zurzeit sehr beliebten Diversity-Ansätze sehen wir beispielsweise sehr kritisch, weil sie dazu verführen, die Heterogenität von Verletzlichkeitspositionen zu verwischen. Darüber hinaus stehen sie auch im Zeichen der "Verwertbarkeit" oder Kapitalisierung von so genannten "Humanressourcen". So heißt es auf der Website der EU pointiert: "Diversity makes business sense." Diversity zahlt sich aus, d.h. macht innerhalb einer postfordistischen Logik Sinn. Die Unternehmen bauen hier auf eine höhere Identifikation der ArbeitnehmerInnen mit dem Betrieb, was schließlich eine höhere Produktivität verspricht. Eine Strategie, die selbstredend Ungleichheiten stabilisiert, anstatt sie anzugreifen. Gemeinsam ist Strategien wie "Diversity Management" und "Gender Mainstreaming", dass sie im Grunde depolitisierend wirken. Denn der politische Kampf wird als angebliches Antidiskriminie-rungsinstrument an offizielle Institutionen weitergegeben, die sich nur wenig für die makropolitischen Rahmenbedingungen interessieren. So stellen sich diese selten gegen die rigider werdenden Grenz- und Kontrollregimes. Das alles machte eine offensive multi-issues Politik vonnöten, die eine intersektionelle Perspektive und Analyse ernst nimmt. Intersektionalität kann dabei als der Versuch gewertet werden, die Dynamiken und Verflechtungen unterschiedlicher Diskriminierungen wie z.B. Rassismus, Sexismus, Heterosexismus, Bodyismus usw. zu betrachten und politisch anzugreifen.
Geht es um Gleichbehandlung oder Förderung („positive Diskriminierung“)? Stehen diese Strategien überhaupt in einem notwendigen Gegensatz? Welche Strategien haben sich unter welchen Verhältnissen aus eurer Sicht bewährt?
Spannenderweise denken die meisten bei der Frage der staatlich verordneten Strategien gegen Diskriminierung immer gleich an die USA und die so genannte "Affirmative Action". Dagegen ist den wenigsten bekannt, dass postkoloniale Länder wie Indien und Südafrika wesentlich weitergehende Instrumente entwickelt haben. In Indien wurden nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 so genannte "Reservations" einge-führt. Zielgruppe sind hier die "scheduled castes" und "scheduled tribes", die über eine jahrhundertelange – bereits vorkoloniale – Diskriminierungsgeschichte verfügen. Die so genannten "Unberührbaren" (heute Dalits) und die indigene Bevölkerung Indiens wurden vor, während und auch nach der Kolonialzeit massiven Ausgrenzungen und Stigmatisierungen ausgesetzt. In der Verfassung Indiens, die von einem Dalit, Ambedkar nämlich, erarbeitet wurde, wird der Versuch unternommen, diese historischen Ungerechtigkeiten zu "korrigieren", wie es heißt. Für Mitglieder von "scheduled castes" und "scheduled tribes" werden u.a. Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst, an den Hochschulen etc. "reserviert". Was bedeutet, dass diese Stellen nur von Mitgliedern dieser Gruppen besetzt werden dürfen. Das "Reservation-System" hat im Laufe seiner Geschichte viele und harte soziale Kämpfe ausgelöst. Aktuell versucht etwa die indische Regierung reservierte Studienplätze an den berühmten IT- und Management-Hochschulen durchzusetzen und stößt dabei auf erbitterten Widerstand der erstarkten indischen Mittelschichten und Angehörigen der höheren Kasten. Deutschland dagegen propagiert das lahmste Antidiskriminierungsinstrument überhaupt, die Quotierung, und beschränkt dieses nur auf die Kriterien "Geschlecht" und "Behinderung". Zumeist heißt der dazugehörige Satz: "Bei gleicher Qualifizierung wird eine Frau bevorzugt..." An den Universitäten hat das nach mehr als 10 Jahren zu nur unerheblichen Veränderungen im Geschlechterverhältnis gesorgt. Problematisch scheint zudem bei all diesen Instrumenten, dass sie recht spät einsetzen – also etwa bei der Besetzung von Stellen im öffentlichen Dienst. Doch ob Affirmative Action, Quotierung oder Reservations, die Mehrheit der Minorisierten kommt gar nicht erst soweit, sich auf Stellen im öffentlichen Dienst zu bewerben. Wie sieht es beispielsweise mit undokumentierten Flüchtlingen aus, denen nicht einmal das Recht auf das bloße Hiersein gewährt wird? Was nützen diesen "new subalterns", wie Spivak sie bezeichnet, all diese Strategien? Was ist mit denen, die nicht arbeiten wollen? Mit denen, die bestimmte "Anforderungen" nicht erbringen können?
Ist die Förderung einer aktiven Partizipation eine mögliche Maßnahme gegen Diskriminierung? Kann man Partizipation überhaupt „fördern“ oder läuft das nicht ihrer eigentlichen Bedeutung entgegen?
Es ist paradox, Partizipation zu "fördern". Hier verhält es sich ähnlich wie mit dem Empowerment-Ansatz, der eigentlich davon ausgeht, dass sich von sozialer Ausgrenzung Betroffene organisieren und gegen Diskriminierung selber aktiv vorgehen. Das impliziert auch, das parasitäre Verhältnis von Sozialarbeit aufzudecken und kritisch zu hin-terfragen. Dagegen ist das Mainstream-Verständnis mittlerweile so, dass professionali-sierte sozialarbeiterisch Tätige den "Opfern" von Diskriminierung wieder einmal "Hilfe" anbieten. Letztere werden dadurch in der Position der "Opfer" festgeschrieben, so dass das Empowerment im Grunde nur die sozialarbeiterisch Tätigen in ihrem Tun bestärkt. Interessant ist auch, dass politische und soziale Aktivitäten von Minorisierten nicht als Partizipation, sondern, wenn überhaupt, als Bedrohung wahrgenommen werden. Das gilt für politische wie auch soziale Organisationen und auch etwa Sport- und Kulturvereine. Nur wer sich in den Mehrheitsorganisationen bewegt, wird als respektabel und integriert wahrgenommen. Die hegemoniale Wahrnehmung ist lediglich in der Lage, das wahrzunehmen, was sie will, und beurteilt diese nur so, wie sie will. Weswegen in der Perspektive der Mehrheit eine Migrantin ein 20-köpfiges Arbeitsteam schon als interkulturelles Team erscheinen lässt, während ein türkischer Fußballverein die gesamte Nation in Schrecken versetzen kann. Wahrscheinlich wäre es besser dazu aufzurufen, sich gegen die Verhältnisse aufzulehnen und weniger Partizipation zu fördern. Ein erster Schritt wäre, sich den hegemonialen Wortspielen zu verweigern. Wenn wir nicht mehr über Management, Qualität, Evaluation sprechen müssen, werden womöglich ganz andere politische Kräfte freigesetzt, die besser dazu in die Lage versetzen, die internationale Arbeitsteilung, die Flexibilisierung und Prekarisierung zu irritieren.
Fragen: Radostina Patulova & Vina Yun
María do Mar Castro Varela (Dr. rer. soc.) ist Politologin, Mitgründerin des Instituts für Migrations- und Ungleichheitsforschung [IMUF] und hat zurzeit eine Maria-Goeppert-Mayer Gastprofessur an der Universität Oldenburg inne.
Nikita Dhawan (Dr. phil.) ist Philosophin und hat zurzeit eine Maria-Goeppert-Mayer Gastprofessur an der Universität Oldenburg inne.
Dieses Interview erschien im Rahmen einer Kooperation zwischen dem EQUAL-Projektmodul fields of TRANSFER der IG Kultur Österreich und der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, Nr. 61, Frühjahr 2007.
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