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Selbstbestimmte Bilder
Interview mit Belinda Kazeem, Mitarbeiterin bei der Schwarzen Frauen Community (SFC), und Sibel Öksüz, Initiatorin des neu gegründeten Vereins KULTimPORT.
Mit welchem Begriff von „Kultur“ arbeitet ihr und warum ist es für euch interessant, euch insbesondere im Kulturbereich zu engagieren?
Öksüz: Kultur in Österreich zu definieren ist schwierig, gerade in diesem Jahr bedeutet „österreichische Kultur“ die Bewahrung von Hochkultur – Mozart & Co. kann ich schon nicht mehr hören. Wir wollen von dieser Opferrolle der MigrantInnen weggehen und davon abkommen, dass sich sehr viele auch abkapseln und nur in der eigenen Community bleiben – das gilt aber auch für "Einheimische". Uns ist es wichtig zu zeigen, dass es selbstverständlich ist, dass sich in einem Land wie Österreich die Kulturen oder Nationen vermischen. Unser Name ist ein Wortspiel: KULT-im-PORT, wie der Hafen – wir sehen uns als einen Hafen, wo die Kulturen und Projekte andocken.
Kazeem: Mein Begriff von Kultur ist ein ziemlich breiter und weiter, für mich sind es alle Formen des Ausdrucks. Es gab ein Projekt von SFC mit Klub Zwei, wo entlang der Straßenbahnlinie D großformatige Plakate mit politischen Forderungen hätten angebracht werden sollen, aber was war den Verantwortlichen dann doch zu politisch. Ein anderes Projekt, in das SFC involviert ist, ist die Schwarze Recherchegruppe, die sich für das Projekt „Remapping Mozart - Verborgene Geschichten“ gegründet hat und bei der es darum geht, schwarz-österreichische Geschichte zu schreiben und uns selbst zu Expertinnen zu machen. Wir wollen unsere Geschichten erzählen und damit auch unsere Bilder präsentieren - eben nicht fremd-, sondern selbstbestimmt, weg vom Exotismus und der Stellvertreterpolitik. Da liegt für mich auch die Wichtigkeit oder das Interessante an der Kulturproduktion, dass man die Möglichkeit hat, sich selbst zu präsentieren, um seinen Standpunkt zu zeigen, was gerade jetzt in der Zeit vor dem Wahlkampf, in der wir als Gruppe der "MigrantInnen" instrumentalisiert werden, besonders wichtig ist.
Welche Vorteile bietet diese Strategie, politische Forderungen über Kunst- und Kulturprojekte zu transportieren?
Kazeem: Es ist eine Sache, eine Demo oder eine Pressekonferenz oder eine Podiumsdiskussion zu organisieren, wo ich immer wieder einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft erreiche, meistens die, die's eh schon interessiert – so gut und absolut notwendig das auch ist, aber ich glaube, dass man durch Plakataktionen, wie z.B. die Zusammenarbeit von SFC mit Klub Zwei „Arbeiten gegen Rassismen“, wiederum ein anderes Publikum erreicht. Mir gefällt die Vorstellung, dass jemand, der Vorbehalte gegen MigrantInnen als Gruppe und gegen Einwanderung hat, für ein paar Minuten bei einer Straßenbahnhaltestelle steht und ein Plakat anschauen muss mit expliziten politischen Forderungen von Schwarzen Frauen. Es ist eine Möglichkeit, andere Leute zu erreichen, mit anderen Mitteln, dieses Belehrende, Erklärende funktioniert auch nicht immer. Ich glaube, man kann sich da gegenseitig gut ergänzen.
Sind jetzt kurz vor dem Wahlkampf die Chancen, Geld für eure Projekte zu bekommen, größer?
Öksüz: Es ist leider eine Tatsache, dass PolitikerInnen vor Wahlen ein größeres Gehör haben. Da gibt's dann halt auch die Sondermittel. Und man hat eher die Chance, Projekte zu verwirklichen. Das wissen sehr viele Institutionen und setzen bewusst die Signale stärker.
Kazeem: Auch wenn mein Fokus nicht ganz derselbe ist, gebe ich dir da absolut Recht. Für mich ist es absolut wichtig ist, die Gegenstimmen zu hören. In den Nachrichten wird einem HC Strache oder Westenthaler eine Plattform geboten, um ihre hetzerischen Sprüche loszulassen, aber du siehst nicht die Leute, die dagegen arbeiten, du siehst nicht die Betroffenen, über die gesprochen wird. Deshalb ist es für mich gerade in so einer Zeit besonders wichtig, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich wundere mich auch, wie man dasselbe Rezept immer wieder anwenden kann und es funktioniert: Finde einen Buhmann – jetzt sind's Moslems, vor ein paar Jahren waren es Afrikaner. Das finde ich auch ganz interessant, dass anscheinend jeder für jeden einsetzbar ist.
Der Kulturbereich gilt ja als „Frauenbereich“, etwa hinsichtlich der dort herrschenden Arbeitsverhältnisse. Wie sehen da eure eigenen Erfahrungen aus?
Öksüz: Es stimmt, es sind vor allem Frauen im Kultursektor tätig, und es sind wiederum Frauen, die sich bemühen und arbeiten und eine schlechte Bezahlung bekommen. Deshalb wir uns als Verein vorgenommen, einen weiteren Schwerpunkt ab Herbst zu setzen, in dem wir Frauen im Kunst- und Kultursektor stützen, vor allem Frauen mit Kindern. Das ist ein kleiner Rahmen, aber ein generelles Problem in der Kulturlandschaft.
Kazeem: Als unser Verein gegründet wurde, gab es - und gibt es - noch immer Herrschaften, die über den Namen und Sinn dieses Vereins pikiert sind, die denken, was brauchen wir einen extra Verein für Schwarze Frauen, es gibt ja eine Schwarze Community. Ich glaube einfach, dass man als migrantische Frau, speziell als Schwarze Frau, eine andere Ausgangssituation hat, weil es eben nicht nur Rassismus, sondern auch Sexismus gibt. Es ist eine andere Herangehensweise und es braucht auch andere, spezifischere Werkzeuge. Ich glaube, dass man das speziell fördern muss, aber auch, dass man das innerhalb der verschiedenen Communities, und dort auch von den Männern, absolut einfordern und erwarten kann. Für sie muss es genauso einen Emanzipationsprozess geben, es kann nicht sein, dass sich nur die Frauen weiter bewegen. Ich lasse auch nicht zu, dass alles in einen Topf gehaut wird - „wir Migrantinnen“, „wir Frauen“. Die Realität einer Schwarzen Frau ist eine andere Realität als die einer weißen Frau, es ist eine andere Form der Unterdrückung. Ich seh halt auch diese Stellvertretersache, dass weiße Feministinnen gerne für migrantische Frauen sprechen und sie nicht selbst zu Wort kommen lassen. Und wenn man nicht einverstanden ist mit den Grundlagen des westlichen Feminismus, hört man oft „naja, ein bisschen rückständig“, „nicht genug aufgeklärt“, „die lassen sich halt unterdrücken“.
Öksüz: Ich habe manchmal das Gefühl, dass weiße Feministinnen durch Migrantinnen wieder etwas haben, das sie verwenden können, um sich zu positionieren und sich in den Vordergrund zu stellen. Damit hab ich auch ein großes Problem. Ich sage, wir sind stark genug, wir haben selbst eine laute Stimme. Das heißt nicht, dass wir mit der Mehrheitsgesellschaft nichts zu tun haben wollen, es soll ja eine Vermischung stattfinden, aber nicht im Sinne von „diese armen Migrantinnen“, sondern wir wollen mit dem Selbstverständnis auftreten, dass wir gleichgestellt sind.
Interview: Vina Yun und Sylvia Köchl
Sibel Öksüz ist Initiatorin und organisatorische Leiterin des Vereins KULTimPORT
Belinda Kazeem ist Projektmitarbeiterin beim Verein Schwarze Frauen Community (SFC), Kontakt: office@schwarzefrauen.net
Das Interview erschien in MOMENT, Nr. 4, 2/2006.
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