 |
|
> > > Migration, ...
|
Migration, Autonomie, linker Antirassismus
Kanak Attak goes Frassanito
Einleitung von Vina Yun & Radostina Patulova, IG Kultur Österreich. Modul 1, fields of TRANSFER
Als Teil des EQUAL-Projekts „wip - work in process“ widmet sich das Modul der IG Kultur Österreich fields of TRANSFER der Vernetzungsarbeit zwischen migrantischen Selbstorganisationen und autonomen Kulturinitiativen. Unser Interesse richtet sich auf die Bedingungen migrantischer Kulturarbeit bzw. der Partizipation von MigrantInnen im autonomen Kulturbereich aus der Perspektive eines politischen Antirassismus.
In den letzten Jahren hat das AktivistInnen-Netzwerk Kanak Attak den linken antirassistischen Diskurs im deutschsprachigen Raum entscheidend mitgestaltet – in Form von Theorieproduktion, politischen Aktivitäten und nicht zuletzt kultureller Arbeit. Im Zuge eines Kanak-Attak-Diskussions- und Filmabends in Wien sowie des Symposiums „transnational europe II“ in Köln im November 2005 haben wir Kontakte zu VertreterInnen von Kanak Attak geknüpft und sie eingeladen, ihre Aktivitäten im Rahmen des vorliegenden Readers zu präsentieren.
Strategie Kanak: Vom „Ende der Dialogkultur“...
Als sich Ende der 1990er Jahre antirassistische AktivistInnen in Deutschland unter dem Label „Kanak Attak“ zusammenschlossen, geschah dies als Reaktion auf die klassischen antirassistischen Strategien der deutschen Linken sowie der Lobbypolitik der traditionellen MigrantInnen-Organisationen: Nein danke zum „Tag des ausländischen Mitbürgers“ und zum Multikulturalismus-Modell, das auf „Toleranz“ setzt, zur Folklore-Show und zum paternalistischen Opfer-Diskurs, zur Logik herrschender Repräsentationspolitiken. Vielmehr machten sich die Kanak-Attak-AktivistInnen – organisiert in lokalen Gruppen in verschiedenen westdeutschen Städten – mit einem „Mix aus Theorie, Politik und künstlerischer Praxis“ daran, die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Status „des/der Fremden“ überhaupt erzeugen, anzuklagen. Dementsprechend heißt es auch im Kanak-Attak-Manifest: „Kanak Attak fragt nicht nach dem Pass oder nach der Herkunft, sondern wendet sich gegen die Frage nach dem Pass und der Herkunft.“
Eine Konsequenz daraus lautet daher auch: „Und weil Kanak Attak eine Frage der Haltung und nicht der Herkunft oder der Papiere ist, sind auch Nicht-Migranten und Deutsche der n2-Generation mit bei der Sache.“ Allerdings sind sich die AktivistInnen der Widersprüche bewusst: „Die bestehende Hierarchie von gesellschaftlichen Existenzen und Subjektpositionen lässt sich nicht einfach ausblenden oder gar spielerisch überspringen. [...] Damit bewegt sich das Projekt in einem Strudel von nicht auflösbaren Widersprüchen, was das Verhältnis von Repräsentation, Differenz und die Zuschreibung ethnischer Identitäten anbetrifft.“
... zur „Autonomie der Migration“
Nicht nur anhand der Inhalte, auch in der Sprache (mit ihren zahlreichen Referenzen auf Pop- und Alltagskultur) und der Wahl der Ausdrucksformen (siehe etwa die Videoproduktionen für „Kanak TV“ oder die „Kanak History Revue“-Show, in der Ausschnitte der Migrationsgeschichte in Deutschland inszeniert wurden) wird bei Kanak Attak der Wechsel der Perspektive auf Anti/Rassismus und Migration im Zuge ihrer veränderten Bedingungen deutlich. „Eines unserer Ziele war, die Geschichte des antirassistischen Widerstands von MigrantInnen zu rekonstruieren, eine ungeschriebene und auch unbekannte Geschichte. Wir wollten eine Tradition freilegen, die zum Teil nur untergründig gewirkt hat und verschüttet war. Die Idee war: Wenn du eine eigene Geschichte hast, bist du machtvoller, kannst du auf etwas verweisen, was überliefert und angeeignet werden kann. Das wollten wir nutzen, um organisierend zu wirken. Es ging also auch um ein Bildungsprojekt für uns selbst und nach außen hin. Das Ziel war, aus den Niederlagen und Erfolgen der Kämpfe seit den 60er Jahren zu lernen und zu verstehen, wie sich Rassismus in Deutschland geändert hat.“ (Manuela Bojadzijev auf www.kanak-attak.de)
Wie die AktivistInnen von Kanak Attak auch in der These der „Autonomie der Migration“ hervorheben, geht es allerdings weniger um die Gestalt des migrantischen Subjekts, das die Basis gemeinsamen politischen Handelns darstellt, sondern um die Re-Artikulation antirassistischer Strategien in Verknüpfung mit anderen sozialen Kämpfen – wie etwa dem Widerstand gegen die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen im Rahmen von EuroMayDay. In diesem Verständnis steht auch das seit 2003 bestehende europaweite Frassanito-Netzwerk, an dem Kanak Attak derzeit aktiv beteiligt ist.
Im Folgenden haben wir ein kurzes Interview mit Mark Terkessidis zum Selbstverständnis von Kanak Attak sowie eine Selbstdarstellung des Frassanito-Netzwerks ausgewählt – zum einen als Diskussionsbeitrag über Formen und Inhalte „gemischter“ antirassistischer Selbstorganisationen, zum anderen als ein konkretes Beispiel antirassistischer Netzwerkarbeit zwischen autonomen migrationsbezogenen Initiativen auf transnationaler Ebene.
Unser Dank geht insbesondere an Vassilis Tsianos/Kanak Attak.
„Kanak Attak bedeutet das Ende der Dialogkultur“ Interview mit Mark Terkessidis zu Kanak Attak*
Kannst Du kurz erzählen, was Kanak Attak ist und was ihr so macht?
Kanak Attak ist ein Netzwerk, das vor einigen Jahren aus einem Unbehagen an der klassischen Selbstorganisation von Migranten entstanden ist. Migranten waren überwiegend in ethnischen Gruppen organisiert – wir wollten eine gemeinsame Plattform. Der Begriff „Kanake“ schien dafür genau richtig. Diese rassistische Beleidigung sollte ähnlich wie „Nigger“ umgedreht und als Ausgangspunkt einer gemeinsamen Mobilisierung benutzt werden. Ein weiterer Punkt betraf die geradezu unheimliche Bereitschaft der Migranten in Deutschland, immer wieder in den nächsten Dialog einzusteigen. Deswegen „Attak“, unsere Devise lautete: „Das Ende der Dialogkultur.“
Aus welchem Kontext heraus ist Kanak Attak entstanden?
Kanak Attak war zu Beginn ein Projekt von Leuten, die meist innerhalb der Linken sozialisiert wurden, aber der Auffassung waren, dass die deutsche Linke die Probleme und Positionen der Migranten weitgehend ignoriert. In Deutschland geht es ja bekanntlich immer ums große Ganze – da stören Migranten mit ihren „Nebenwidersprüchen“ nur. Aber Organisationen wie Kanak Attak, die Karawane und The Voice haben im linken Diskurs sicher einiges verändert.
Ihr versucht auch mit Kulturarbeit Akzente zu setzen, wie z.B. Feridun Zaimoglu mit dem Buch „Kanak Sprak“ oder eure Projekte an der Volksbühne. Glaubt ihr nicht, dass ihr in den kulturelitären Mainstream bereits integriert seid?
Feridun war am Anfang bei Kanak Attak, ist aber wegen Differenzen ausgeschieden. Seine Bücher haben mit der politischen Gruppe Kanak Attak nichts zu tun. Anders bei den Sachen an der Volksbühne. Die waren bewusst so platziert, dass sie mainstreamtauglich waren. Wir sind im Übrigen kein Mainstream geworden, was man durchaus bedauern kann: Es geht uns ja gerade darum, Migranten als politische Subjekte in der Gesellschaft möglichst breit sichtbar zu machen. Gegen die Gefräßigkeit des Kulturbetriebs setzen wir übrigens Theorieproduktionen und politische Positionen wie in der „Legalisierungskampagne“ sowie autonome Kulturproduktionen – wie mit den Filmen bei „Kanak TV“.
Teile der Konservativen meinen, dass ihr durch die Sichtbarmachung der „Kanaken“ die gesellschaftliche Ausgrenzung reproduziert und eine Integration so verhindert?
Wir haben schon Kanak-Attak-Veranstaltungen gemacht, wo das Motto lautete: „No Integracion“. Gerade bei der derzeitigen Debatten ist klar geworden, dass „Integration“ ein Begriff ist, der die Ausgrenzung nur verstärkt: Da es keine klaren Kriterien für Integration gibt und es vornehmlich um Kultur geht, wird der Abstand immer wieder hergestellt, der doch angeblich überwunden werden soll. Es gibt zwar Diskussionen über „Parallelgesellschaften“, aber keine Debatten darüber, dass gerade zehntausende Deutsch-Türken wieder ausgebürgert werden oder dass die Arbeitslosigkeit unter Migranten in Nordrhein-Westfalen bei 29,5 Prozent liegt. Und es wird über „Ehrenmorde“ gesprochen, aber nicht über die krasse Diskriminierung von Migranten im Bildungsbereich. Wir brauchen doch Migranten gar nicht sichtbar zu machen. In Deutschland sind so genannte Ausländer oder Fremde permanent sichtbar. Es geht darum, aus dieser Sichtbarkeit ein politisches Projekt zu gewinnen – Migranten sollen sich selbst repräsentieren. Und ich habe ja eben schon gesagt: Mit diesen Ansätzen hat die Linke in Deutschland teilweise immense Probleme. Darüber hinaus gibt es in letzter Zeit Gruppen, die sich selbst für links halten, die aber gerade in ihrem rhetorischen und polemischen Kampf gegen „den Islam“ selbst – und zwar ganz eindeutig – rassistisch geworden sind.
* Interview erschienen in „Der Antiberliner“, April 2005
Frassanito – By Any Means Necessary Eine Selbstdarstellung des Frassanito-Netzwerks von Serhat Karakayali, Sandro Mezzadra, Vassilis Tsianos, Manuela Bojadzijev, Thomas Atzert
Ein Gerücht geht um. Das Gerücht von Frassanito. Von Athen bis Manchester, von Malaga bis Göteborg, von Ljubljana bis Calais, Istanbul und Kiew, trachten AktivistInnen der Migration danach, seine Zentrale zu lokalisieren, googeln fiebrig nach seiner Website, mutmaßen über die Chiliaden seiner Mitglieder und die Entzifferung seiner Abkürzung. Frassanito ist ausnahmsweise keine subversiv anmutende Abkürzung, sondern eine kleine idyllische Stadt im süditalienischen Apulien, in der im Sommer 2003 ein Grenzcamp und im Anschluss daran die inzwischen legendäre Bari-Aktion stattgefunden haben: Dort brachen AktivistInnen in ein Abschiebelager ein und schufen die Bedingungen für die Flucht einiger der dort inhaftierten MigrantInnen. Während des Camps konstituierten sich zunächst Initiativen und Einzelpersonen aus Italien, Frankreich und Deutschland, später auch aus Spanien und Griechenland, Großbritannien und Slowenien zu einem losen Netzwerk, um gemeinsam auf Migration bezogene politische Initiativen in den europäischen Sozialforen (2003 in Paris, 2004 in London) zu stärken und zu koordinieren. So profan, zwischen Strand, ultralauten Zikaden und der Euphorie nach der Befreiungsaktion von Bari, entstand das transnationale „Frassanito Network“.
Netzwerkaktivismus, eingeschrieben in das Versprechen eines gemeinsamen „European Social Space" der Bewegungen, bildet den interventionistischen Punkt, der zugleich von unserem situierten Ausgangspunkt konkretisiert wird. Ein Ausgangspunkt, von dem aus wir in den vergangenen Jahren, häufig unabhängig voneinander, die gleichen Fragen gestellt haben und mit der These von der Autonomie der Migration unseren zornigen Abschluss mit der Metapher der „Festung Europa“ als repressivem Abschottungsapparat der europäischen Migrationspolitik zu entwickeln suchten. Jahrelang diente die „Festung Europa“ MigrationsaktivistInnen nicht nur als sinnfällige Metapher für die europäische Politik der Abschottung gegenüber den Migrationen dieser Welt, sondern fungierte ebenso als Grundlage politischer Strategien. Diese Logik platzierte nicht nur das politische Geschehen an die territorialen Grenzen von Schengen-Europa, wo in den letzten Jahren eine Reihe von Grenzcamps stattfanden, es generierte überdies eine spezifische politische Matrix, in der der Akt des Grenzübertritts selbst im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen steht, nicht aber die soziale, ökonomische und politische Existenz mehrerer Millionen MigrantInnen in Europa.
Anstatt Migration als Problem und MigrantInnen als Opfer zu konzipieren, geht es darum, Migrationen als soziale Bewegungen zu begreifen, ihre Autonomien und offensiven Momente zu betonen sowie die Verbindungslinien zu anderen sozialen Kämpfen hervorzuheben. So könnte es möglich werden, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in Europa zu berücksichtigen und ein gemeinsames Vorgehen auf mehr als gute Absichten zu gründen. Auf der Ebene der Mobilisierungen und des Aktivismus jedenfalls ist aus dem Gerücht ein Echo geworden: 2004 war zu einem ersten europaweiten Aktionstag mobilisiert worden. Der „2nd Day of Action“ brachte am 2. April 2005 Noborder-AktivistInnen, migrantische Communities und Flüchtlingsorganisationen europaweit zusammen. Unter dem Motto „Freedom of Movement. Right to stay!“ hatten von Ragusa bis Barcelona, von Maribor bis London, von Bahnsdorf bis Paris, in mehr als 100 Städten quer durch Europa migrationsaktivistische Initiativen zu kleineren und größeren Aktionen mobilisiert. In Athen beteiligten sich Tausende – vor allem MigrantInnen – an der Demonstration und schufen damit die besten Voraussetzungen für eine Intervention des Frassanito-Netzwerks beim nächsten Europäischen Sozialforum – im kommenden Frühjahr in Athen.
Europa der Migrationen
Die Schengener Grenzen, Europol und andere europäische Instanzen der Migrationskontrolle bieten zwar eine scheinbar uniforme Angriffsfläche, verdecken aber, dass in Europa eine Ungleichzeitigkeit der Migrationen existiert. Die neuen Einwanderungs- und Transitländer des Südens unterscheiden sich von den im europäischen Kontext schon klassisch zu nennenden Ländern wie Deutschland, wiederum im Unterschied zu Britannien, wo die Arbeitsmigration in die Strukturen des Kolonialismus eingebettet und innerhalb dieser organisiert ist. Hieraus ergeben sich völlig unterschiedliche Konfliktlinien und Formen von Kämpfen um die Migration. In Ländern wie Griechenland sind „Lager“ für MigrantInnen eher omnifunktionale Institutionen der Migrationskontrolle, die zum Alltag aller MigrantInnen gehören, während sie in Deutschland nur einen kleinen Ausschnitt dieses Alltags repräsentieren. In Frankreich gibt es Gruppen, die den Rassismus gegen MigrantInnen als postkoloniale Unterdrückung fassen, während AktivistInnen, sagen wir aus Skandinavien, diesen Zusammenhang nicht in den Vordergrund stellen würden. Die Forderung nach einer Legalisierung der Sans Papiers hat überall in Europa eine jeweils andere Geschichte. Mal ist sie Teil einer erfolgreichen Mobilisierung, mal nur eine administrative Aktion zur Erfassung der undokumentierten Arbeit. Schon diese wenigen Beispiele dokumentieren die Schwierigkeiten einer gemeinsamen europäischen Praxis für eine linke Politik im Feld Migration.
Und doch erzeugen tagtäglich Migrationen und ihre Kämpfe einen eigenen, anderen europäischen Raum, ein Europa der Migrationen. Frassanito steht für den Versuch, dieses Europa der Migrationen nicht nur zu interpretieren, sondern auch politisch zu artikulieren. Notwendigerweise ist dies mit einer Kartographie des politischen Raums in Europa verbunden: Es handelt sich um einen Akt der Wissensproduktion, der beides ist, ein epistemologischer Bruch und ein politischer Perspektivenwechsel, vereint in einer militanten Untersuchung der Migration in Europa. Militante Untersuchung heißt nicht nur, Partei für die MigrantInnen zu ergreifen, by any means necessary! Es geht darum, die Perspektive der Migration einzunehmen, weil sie eine Bewegung ist, die den aktuellen Zustand der Dinge (den Staat, Grenzen, Kulturen, die Sprachen und Subjektivierungsweisen) in Frage stellt. Man sollte dies nicht mit einer Romantisierung der konkreten Praktiken der Migration verwechseln. Diese sind nicht selten korrupt und brutal. Aber im Schatten dieser Korruptionen realisieren Menschen Momente der Autonomie. Darauf fällt der Blick bei unserer Untersuchung der Migrationen, deren Bewegungen den nationalen Rahmen zersetzen. Deshalb auch lässt sich die Migration nicht wie üblich politisch repräsentieren oder in traditionellen Begriffen sozialer Kämpfe fassen. Hier deutet sich das Ende einer ganzen Epoche des Politischen an. Das Ende des national-sozialen Staates wie das Ende der raum-zeitlichen Matrizes der Repräsentation oder der linearen Entwicklung.
Unsere Betonung liegt auf Migrationsbewegungen, weil Autonomien der Migration von den Konstitutionsbedingungen innerhalb des kapitalistischen Produktions- wie des gesellschaftlichen Herrschaftsprozesses ausgehen, nicht aber ein Subjekt zur Grundlage machen. Auf diese Weise ließe sich eine Verbindung zu den Debatten um Prekarisierung und um das tendenziell Paradigmatische der migrantischen Arbeit herstellen. Das Spezifische im Verhältnis zwischen Prekarisierung und Migration besteht in der Kontrolle des überschießenden Moments der Mobilität, ihrer Autonomie.
Frassanito goes EuroMayDay
Die verschiedenen Grade von Bürgerschaft in Europa beeinflussen die Arbeitsmarktpolitik, insofern sie differenzierte Formen von Ausbeutung ermöglichen. Gerade die Anbindung der Bürgerschaft an die Arbeit bzw. an eine Arbeitserlaubnis zeitigt weniger den Effekt einer Migrationssteuerung als den einer tendenziellen Illegalisierung der am meisten mobilen und mobilisierten Arbeitskräfte Europas. Die Bedingungen der Migration treffen sich mit Arrangements in der Prekarität, das heißt MigrantInnen ziehen zum Beispiel manchmal die Informalität des Arbeitsplatzes „Hausarbeit“ dem Zuhause vor. Sie leben unter prekären Arbeitsbedingungen, bedienen sich dabei Tricks und nutzen Lücken in der Kontrolle der Migrationsbewegungen. Dort, wo die Leute ausgebeutet und damit subjektiviert werden, existieren auch Formen des Widersetzens, die Wege der Flucht aus der jeweils konkreten Ausbeutung eröffnen.
Politische Diskurse, die letztlich auf eine Absicherung der in der Fabrik und in ihrem Staat erkämpften Errungenschaften zielen, führen in die Defensive. Soziale und politische Rechte können nicht mehr oder nicht nur dort gefordert werden, wo wir angegriffen werden – in der Familie, im Unternehmen, bei der Wohnungssuche, im Sweat Shop... –, sondern sie müssen in den kooperativen Zwischenformen, die schon vom Kapital angeeignet sind, enteignet werden. Gerade in prekären Zeiten entgrenzter Arbeit gilt es, die Unterwerfung unter den Zwang zur Arbeit zeitweilig auszusetzen. Wir stehen vor der Herausforderung, widerständige Momente innerhalb der gegenwärtigen Neuzusammensetzung der „lebendigen Arbeit“ ausfindig zu machen. Es geht darum, Konfliktlinien in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen, „Zonen kontinuierlicher Intensität“ zu lokalisieren und diese als Fluchtlinien eines Projektes zu bestimmen, das mobilisierend wirkt.
Diese Neuerfindung der Politik gilt es für den gesamten Raum der sozialen Bewegungen in Europa zu entfalten. Mit diesem Ansatz hat Frassanito an dem Prozess des EuroMayDay 2005 teilgenommen. Die Vielfalt der Perspektiven, der Netzwerke, der Orientierungen ist vielleicht geeignet, die Verhärtungen und Polarisierungen in den Debatten durcheinander zu bringen: Uns quält nicht mehr die Suche nach dem „zentralen Subjekt“ der gesellschaftlichen Veränderung. Wir schlagen vielmehr vor, aus der Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit und der Migration in Europa in ihrer Gesamtheit und Unterschiedlichkeit heraus zu agieren. Wir brauchen dafür selbstbestimmte Kooperationen, die gegen das einzige vorgehen, was der Kapitalismus garantiert: Ausbeutung und das Unglück der Lohnarbeit, Unterdrückung und das rassistische Migrationsregime.
Links
Manifest, Textarchiv & aktuelle Veranstaltungen von Kanak Attak
Zeitung „Movements of Migration“ anlässlich des Europäischen Sozialforums 2004 in London
Dieser Text erschien in Rahmen der Publikation "Migrantische Selbstorganisation als politische Handlung"; herausgegeben von der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft "work in process (wip)". Informationen und Bestellmöglichkeit unter dpetja@gmx.net bzw. als Download:
Download Reader pdf-File(12 MB)
Download Reader zip-File (3,5 MB)
|
|
|