Organisation
Mitglieder
Service
Publikationen
Kulturrisse
Kulturpolitik
Europa
Förderturm
Links
TRANSFER
TRANSVERSAL


igkultur  >  Kulturrisse  >  Linkskurven  >  Neues aus der ...
Neues aus der Kleingartensiedlung: KleinkriegerInnen
Andi Wahl

Liebe Freundin, lieber Freund des KleingärtnerInnenvereins Graswurzel, heute will ich mich einmal mit einem Thema beschäftigen, das manche Leute abschrecken mag. Dennoch gehört es zur Kleingartenpflege wie der Gully zur Fleischhauerei. Dieser in den Boden eingelassene Abfluss ist ja auch nicht dazu da, um lyrische Gedichte hinein zu sprechen, sondern dazu, das bei der Schlachtung anfallende Blut abfließen zu lassen. Auch wenn es im Kleingarten bei weitem nicht so martialisch zugehen mag, so hat die Kleingärtnerin/der Kleingärtner doch Feinde, die es zu bekämpfen oder zumindest in Schach zu halten gilt. Blattläuse, Maulwürfe, Schnecken (die ein immer größer werdendes Problem darstellen), Schling- und Kletterpflanzen, Nachbarn, Erdholler und kotende Hunde sind nur einige davon. Die Strategien in diesen Kämpfen variieren je nach Feind und nach Naturell der Kleingärtnerin/des Kleingärtners zwischen friedlicher Koexistenz und absolutem Vernichtungswillen.

Wenn Sie also das nächste Mal durch eine Kleingartensiedlung spazieren und sich an der geballten Idylle erfreuen, so bedenken Sie bitte, dass diese nur möglich ist, weil wir einen zähen Abwehrkampf, ja regelrechte Kleinkriege zu führen bereit sind. Im Winter allerdings ruht das Kriegshandwerk traditionell. Nun ist Zeit, sein Kriegsmaterial zu sichten, gegebenenfalls zu reparieren oder zu erneuern. In den kommenden Monaten werden daher Rattenfallen entrostet, wird verklumptes Unkrautsalz entsorgt, das Schneckenkornlager aufgefüllt, werden Heckenscheren geschliffen und geölt, der Rasenmähertraktor bekommt Stollenreifen, ja, sogar das eine oder andere Schrotgewehr wird geputzt und geölt.

Die Wintermonate sind aber auch jene Zeit, in der es der Kleingärtnerin/dem Kleingärtner vergönnt ist, sich vermehrt der Zeitungslektüre zu widmen und sich mehr ins gesellschaftliche Leben einzumischen. Und genau bei diesem Mix aus Waffenpflege und Zeitungslektüre baut sich seit Jahren eine Spannung auf, die immer mehr zu ihrer Entladung drängt. Versetzen Sie sich doch bitte einmal in unsere Lage: Sie setzen dem Rechen neue, spitze Zähne ein, wetzen die Sense, und beim Kaffee zwischendurch lesen Sie, dass einmal mehr die SteuerzahlerInnen die Rechnung für die Gier zahlreicher BörsenspekulantInnen und AktienbesitzerInnen zahlen müssen. Sie schärfen die Messer an Ihrem Rasenmäher, stapeln das Unkrautsalz (das unter Einwirkungen, die Ihnen wohl bekannt sind, zu manch prächtigen Detonationen verwendet werden kann) und werden von wahlwerbenden Parteien behandelt, als seien Sie grenzdebil. Sie lackieren Ihre Mistgabel, machen Drahtschlingen wieder funktionstüchtig, und nebenbei erzählt Ihnen Ihre Tochter, dass das Ladegerät des alten Handys nicht zum neuen Handy passt, obwohl es von demselben Hersteller kommt. Ihnen fällt ein, dass auch die Steckverbindungen beim neuen Laptop genau soviel verändert wurden, dass Sie die alten Kabel nicht mehr verwenden können. Sie schmieren den Verschluss Ihrer Schrotflinte, und im Radio meint irgendein Vollkoffer, dass die EU nur eine neue Fahne und eine neue Hymne bräuchte, und die Menschen eine „europäische Identität“ entwickeln würden. Müssten Sie nicht einen drängenden Impuls unterdrücken, der Ihnen gebietet, fürs erste einmal das Radio und in weiterer Folge den Urheber dieser Aussage zu erschießen?

Verehrte Wirtschaftskapitäne, PolitikerInnen und PR-BeraterInnen – liebe Eliten, ich will Ihnen gewiss keine Angst machen. Ich will Sie nur daran erinnern, dass auch Geduld und Langmut derer, die Sie die „einfachen Menschen“ nennen, begrenzt sind. Und in zahlreichen Kellern und Hütten werden in nächster Zeit, ja in diesem Moment tausende Spieße, Schlingen, Messer, Gifte, Flinten, Schneiden gewartet und funktionstüchtig gemacht. Bedenken Sie daher bei allem, was Sie tun: Ihnen gegenüber steht ein Volk unter Waffen. Und diese Waffen sind mit einer kleinbürgerlichen Beharrlichkeit und Akribie „in Schuss gehalten“, dass einem angst und bang werden kann.
Suche

IG Kultur
>> Login

Inhalt
VorRisse
Patricia Köstring
"Only Rights Can Stop the Wrongs – SexarbeiterInnen haben Lust auf ihre Rechte"
Ein Interview mit dem online Forum sexworker.at und ein Kommentar von Belinda Kazeem
Für eine neue Linke als abstrakte Gesellschaftsmaschine. Eine Selbstanrufung
Gerald Raunig und Tom Waibel
Die Brise, die die Geschichte bewegt
Alex Demiroviċ
„Das nächste Mal wähle ich euch“
Melina Klaus
ungeordnete gedanken
... oder was es noch alles zu diskutieren gäbe
el awadalla 

Keine Wahl für niemanden?
Martin Birkner
An die, die mich nicht kennen
Radostina Patulova
Willkommen im Spiegelkabinett
Marty Huber
Bleiberecht für Alle! ... ?
Andreas Görg
Warentausch mit Schieflage
Bettina Haidinger, Käthe Knittler
Vereinbarkeit – Ein Rundumschlag.
Elisabeth Mayerhofer
Ungleiche Arbeitsbedingungen
Daniela Koweindl
KULTUR MACHT ARBEIT
Georg Seeßlen
Freie Medien in Salzburg: die Radiofabrik
Alf Altendorf
Das Metawissen der AG SchwerPrekär
Lisl Steger
Drogen der Beschleunigung
Gerald Raunig
Das Ohr an den Glasfasern der Geschichte ...
Martin Wassermair
Wege durch den Krieg
Jochen Becker
Urheberrechtspolitik ist Kulturpolitik. Zu den Sound Recording Rights
Paul Stepan
Die Depolitisierung der Kunst politisieren
Ana Vilenica
Unter den Blechdächern, der koloniale Alltag
Sophie Goltz
Mikrokredite, Homoehe und Cyborg-Vehikel in einer Brave New World
Karin Schönpflug
Linz in Einkaufstüten
Vina Yun
Der du hier eintrittst, lasse alle Hoffnung fahren!
Gabi Gerbasits und Marty Huber
die magische 40 – oder: wann werde auch ich „erwachsen“
christina nemec
Neues aus der Kleingartensiedlung: KleinkriegerInnen
Andi Wahl