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Die Depolitisierung der Kunst politisieren
Ana Vilenica

Gibt es heute in Serbien eine politische Kunst? Gibt es eine Krise der zeitgenössischen Kunstproduktion und der kuratorischen Praxen, eine Krise des Politischen? Eine Unfähigkeit, Zugänge zu Praxen und Fragestellungen zu finden, die heute effektive politische Interventionen ausmachen? Dies sind nur einige der Fragen, die im Rahmen der ersten KulturarbeiterInnen-Konferenz (RUK) in Belgrad auftauchten, die in der Folge der Geschehnisse rund um die Ausstellung Exception / Contemporary art scene from Prishtine organisiert worden war (Anm. Zu der von nationalistischen Gewaltausschreitungen begleiteten Eröffnung und der vorzeitigen Schließung der Ausstellung ist in Kulturrisse 1/2008 ein Artikel von Eduard Freudmann und Ivana Marjanović erschienen). Kann man behaupten, dass es – im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als künstlerische Praxen sehr effektiv im Sinne einer politischen Front funktionierten – heute so etwas wie eine kritisch-politische Kunst nicht mehr gibt? Oder steht vielleicht etwas ganz anderes auf dem Spiel?

Die 1990er Jahre, das Jahrzehnt des „Soros-Realismus“ (Miško Šuvaković), erlebten das Auftauchen einer neuen, politisch besetzten Kunst in der Folge der gut orchestrierten Arbeit der osteuropäischen Soros Center. Diese wirkten mit an der Etablierung einer Produktion gleichförmiger politisierter Kunst, mit dem Ziel, die so genannte „Phase des Übergangs“ (vom Sozialismus zum Kapitalismus) durch ein neues neoliberales Wertesystem zu überbrücken, dessen Basis die Kritik am ethno-nationalistischen politischen Verwaltungsapparat war. Nach dem Rückzug von Soros setzte eine neue Phase der Kulturalisierung ein. Der vormalige NGO-Sektor wurde zu staatlichen Institutionen umgebaut, radikale Kunstpraxen waren nicht mehr notwendig. Die serbische Gesellschaft war mit dem Prozess der „Normalisierung“ befasst, narkotisierende und absolut entpolitisierte Kultur half mit. All das führte dazu, dass innerhalb der zeitgenössischen Kunst in Serbien so gut wie keine radikal-kritischen Positionen mehr vertreten sind, weder gegenüber den faschistisch-nationalistischen Bewegungen noch gegenüber dem Neoliberalismus. Das heißt nun nicht, dass es politische Kunst in Serbien nicht gäbe, vielmehr geht es darum, dass kritische künstlerische Praxen aus dem öffentlichen Raum, den öffentlichen Institutionen ausgeschlossen sind.

Zwei größere Ausstellungen, die Kunstbiennale in Pančevo und der 49. Oktober Salon in Belgrad haben nun versucht, den politischen Diskurs wieder in die Kunst zu tragen. Beide Veranstaltungen haben sich im Lauf der Zeit internationalisiert, ihre vormalige Schwerpunktsetzung auf jugoslawische Kunst allmählich erweitert. Der von der Stadt Belgrad 1960 ins Leben gerufene Oktober Salon, ursprünglich eine Leistungsschau der bildenden Kunst, ist inzwischen die bedeutendste lokale Kunstschau mit internationaler Ausrichtung. Vergleichbar die Entwicklung der Biennale von Pančevo, die 1981 als Biennale der Jugoslawischen Skulptur startete, 2000 zur Internationalen Biennale der Bildenden Kunst wurde und inzwischen auch Film- und Theaterarbeiten präsentiert. Beide Ausstellungen haben verschiedene konzeptuelle und ideologische Ansätze er- und überlebt, ein kritisches Grundprogramm oder eine ausdrücklich vermittelte Politik hatten sie bis dato nicht.

Der Oktober Salon 2007, unter dem Titel Micro Narratives von Lorand Heđi kuratiert, war als Pro- Eskapismus-Statement kritisiert worden, als Hohelied auf den konfliktfreien postmodernen Pluralismus. 2008 realisierte Bojana Pejic mit Artist Citizen ein pointiertes, gesellschaftlich und kontextuell ausgerichtetes Konzept. Die Ausstellung vereint unterschiedliche kontextuell geschärfte Arbeiten von den 1970er Jahren bis heute, die sich – ausgehend von der Überlegung, dass die Zivilgesellschaft immer ein work in progress ist – mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen. Im Gegensatz dazu lässt die Biennale von Pančevo mit Pure Expression einen präzisen kritisch-kontextuellen Ansatz vermissen. Eine eindeutige politische Positionierung entwickelt mit Pančevo Republic! nur die Bildende-Kunst-Schiene. Diese wird als ein performativer Akt gefasst, und fährt mit einer Vielzahl an kritischen Alternativen zu einem Schreiben von Geschichte auf, das von einer nationalistischen post-sozialistischen Kultur und neoliberalen kapitalistischen Narrativen dominiert wird.

Beide Ausstellungen zeigen zumindest Ansätze, sich in die Reorganisierung ihres jeweiligen durch die Kulturalisierung und „Normalisierung“ geprägten öffentlichen Raumes einzubringen. Und, fast noch wichtiger, sie haben auf die fortschreitende Faschistisierung ihres gesellschaftlichen Umfelds reagiert.

Doch das Problem der Entpolarisierung kann dadurch allein nicht aufgehalten werden. Wie können Bedingungen geschaffen werden, um diesen Freiraum für eine nachhaltige Etablierung kritischer Kunstpraxen offen zu halten? Wie können die zwei beschriebenen Veranstaltungen zu Auslösern eines Wandels der institutionellen Politiken werden? Die Produktion eines kritischen Kunstdiskurses erfordert die Wiederaufnahme einer kritischen Praxis jenen Institutionen gegenüber, die dieser Diskurs letztlich bewohnen möchte. Die Kernfrage heute ist nicht, ob es eine politische Kunst in Serbien gibt, sondern vielmehr die ihrer Repräsentations- und Kommunikationsmöglichkeiten. Wie kann die Depolarisierung in der Kunst radikal politisiert werden, und das nicht nur über die Wiedereinführung eines kritischen Diskurses, sondern auch über die aktive Reorganisation und politische Neuerfindung der Kunst- und Kulturinstitution selbst? Hier eine Antwort zu präsentieren, sollte für die Zukunft unser Projekt sein.

Links:

Miško Šuvaković, The Ideology of Exhibition
Boris Buden, Die postjugoslawische Bedingung institutioneller Kritik: Eine Einführung
Kunstbiennale in Pančevo, 13.09. – 20.10.2008

Ana Vilenica ist Freelancerin, Kunsthistorikerin, Theoretikerin, Künstlerin und Kuratorin in Belgrad.
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