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Auf die Schnelle
Lisl Steger

Der Blick auf die Uhr ist uns allen bekannt. Bei vielen ist dieser Blick ein Blick auf das linke Handgelenk oder seit geraumer Zeit natürlich auch einer auf das mobile Telefon. Ich trage seit ca. zehn Jahren keine Uhr mit mir herum, orientiere mich in privaten Räumen an der so genannten inneren, im öffentlichen Verkehren leiten mich Anzeigetafeln und auch manchmal Würfeluhren – wirklich schade, dass sie nicht mehr schwarz-weiß sind! So manches Mal frage ich auch direkt bei Uhrträgern und -trägerinnen an, ob sie mir nicht Auskunft geben könnten, über den Stand der zeitlichen Dinge.

Die runde Uhr, die in der Ausstellung NICHTSTUN! vom 24. April bis 30. Mai 2008 in der Galerie der IG Bildende Kunst in Wien zu sehen war, hing am Zenit des Bogens, der die beiden ebenerdigen Galerieräume trennt. „Die Uhr muss falsch gehen! Ich bin doch um halb drei aus der Bauernfeldgasse weggegangen und hab den Weg bis in die Gumpendorferstraße gemacht, die Zeit kann nicht stimmen!

Wieso hängt da eigentlich eine Uhr, eine banale Bürouhr mitten in einer Kunstausstellung? Was soll das? Geh näher hin, schau genauer und siehe da: ein ams Logo. Ach so! Reingefallen! Das ist ja gar keine Uhr. Das ist ein Bild! Ja, ja, beim AMS da geht es rund ... aber was reg ich mich auf!“

An einer weiteren strategisch wichtigen Stelle der Galerieräume, nämlich dort, wo ein übertünchtes Herz aus der Wand heraus ragt, hingen bildnerische Arbeiten der Mujeres sin Rostro, der Frauen ohne Gesicht. Kleine Wandteppiche, Arpilleras, erzählen traurige Geschichten von der Verdinglichung der Menschen. Auf dem Bild Zurückschicken wird mit Nadel und Faden und Stoff der konkrete Moment einer Abschiebung festgehalten, mit abgebildetem Flugzeug, Datumstafel und Abschiednehmenden. Der Glaube daran, dass das Verfrachten von Menschen wie Stückgut gewisse Probleme lösen kann, ist, wie man an diesem textilen Dokument sehen kann, immer noch nicht aus unserer Welt verschwunden. Das andere Bild mit dem Titel Ware ziert ein Warencode d.h. auch hier, in diesem zweiten „Votivbild“ wird die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Religion aufgeworfen, eine Frage, zu der Walter Benjamin im Jahr 1921 schrieb: „Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meinte, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehen. Später wird dies jedoch überblickt werden.“ Ist jetzt schon später?

Da mir immer mehr die Muße dazu fehlt, größere Wortansammlungen in Ausstellungen zu lesen, muss ich leider einige Arbeiten völlig übergehen. Auch die Arbeit von Ulrike Mohr The World – ein Reisemagazin, mit dem Bild einer Frau mit Kamera auf dem Cover habe ich nur kurz in die Hand genommen und nach zweimaligem Umblättern wieder auf die Kiste zurückgelegt. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, geistert mir wieder ein, ich weiß nicht wie populärer, Wurm im Ohr herum, der Song Week off von Malcolm Middleton, denn da heißt es: „We don´t need to travel, we don´t need to fly, like you said, there is only two more chances to die“. Da wir hiermit im Englischen gelandet sind, liegt der Blickwechsel zum Digital Cross Stitch Sampler von Lenka Clayton nahe, eine „Spruchweisheit“, die an der Mauer über den Informationstischen platziert wurde. Sie verdichtet die Zukunft der Menschheit, eine totalitäre Sichtweise spiegelnd, auf ein Sich-Verlieren im gegenseitigen Sich-Beobachten: „The future is everyone watching everyone watching everyone doing nothing“. Mir stellt sich handkehrum die Frage, wo wir hinkämen, wenn wir uns gegenseitig gar nicht mehr beobachten würden, womit ich auf eine gesunde Art des Beobachtens im Zwischenmenschlichen anspiele, den grassierenden Überwachungswahn sehr wohl wahr-nehmend. Das Video schräg darunter – der Monitor wurde direkt am Boden platziert – scheint dieses Problem zu behandeln. Ein Gesicht blickt uns vom Bildschirm aus an, relativ gelassen spricht es aus ihm, eine Mimik, die vor allem erst einmal den Effekt der Beruhigung hat. Das tut gut! Wie weit man sich dann auf diesen spielerischen Dialog mit einem Visavis einlassen kann, liegt an der Zeit, die man sich lässt oder nimmt oder nehmen kann. Dazu vielleicht noch einmal Walter Benjamin, eine Wortspielerei aus seiner Berliner Kindheit: „Eile nie und haste nie, dann haste nie Neurasthenie.“ Die interessanteste Arbeit war – neben diesem Video – für mich die Zeichnung von Armin Chodzinski, in der er die Motivationstheorie von Abraham Harold Maslow reflektiert und denjenigen, die davon bisher nichts wussten, vorstellt. Die Stapel Plakate daneben hab ich links liegen lassen: Als ehemalige Aktivistin mit Hang zur Selbstausbeutung hebe und hänge ich keine Plakate mehr auf. Das tue ich nicht mehr und verweise somit auf die kommende Ausstellung in der IG, die bis 18. Juli zu sehen sein wird, sie trägt nämlich den Titel: Nicht alles tun! Von Elfriede Gerstl entlehne ich das Schlusswort, aus den Spielräumen von 1977, ich habe es übersetzt, aus purer Lust: „Can you work at nothing on this earth without meeting with politics – I mean the shifting of relations of power...”

Und mein Dank geht an Daniela und Alex!

lisl steger, mag.art
lebt und arbeitet seit 1989 in wien

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