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VorRisse
Radostina Patulova, Ljubomir Bratić, Markus Griesser

Bald zwanzig Jahre Wende. Ein Lehrstück darüber, wie das Versprechen der Demokratisierung in den Abbau sozialer Errungenschaften und die Schaffung wirtschaftlicher Abhängigkeiten umgewandelt werden kann? Als Transition beschrieben, als gewaltlose Umgestaltung des Systems, lassen diese Begriffe Realitäten nur in dem vorgeformten Korsett von spezifischen Selektionen und Konstruktionen zum Ausdruck kommen. Täglich wird in mehrdeutiger Sprache der Bedürftigkeitsdiskurs neu hergestellt und zugleich Gewinnmaximierung im Framing einer Entwicklungshilfe für Osteuropa verhandelt. Ob die Höhe der Wachstumsraten in den für EU-Unternehmen so wichtigen Betrieben (Süd-)Osteuropas, oder die Sorge, der Anstieg des Lohnniveaus ebendort berge „gewisse Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit“ – die Ausbeutung und Vereinnahmung des Gebiets steht kaum verhüllt im Zentrum medialer Diskurse. Die Frage, was diese Transformationen für die Betroffenen bedeuten, wird hingegen selten gestellt. Mit solchen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Kulturrisse-Ausgabe.

Boris Buden macht dabei gegenüber der oben skizzierten „Meistererzählung der Transition“ ein Deutungsmuster stark, das die Transformationen und ihre Verwerfungen als Symptome eines grundlegenderen Wandels gesellschaftlicher Verhältnisse im Zuge der neoliberalen Globalisierung begreift. Dem vergeschlechtlichten und ethnisierten Subtext besagter Meistererzählung widmet sich im Anschluss daran Radostina Patulova, verschüttet das hier entwickelte Phantasma „des Ostens als eines Frauenkörpers“ ihr zufolge doch jegliche Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation. Zu letzterem freilich haben, wie Ljubomir Bratić in seinem Artikel zeigt, nicht bloß die „GewinnerInnen“ des Kalten Krieges beigetragen, sondern auch manche der scheinbar „Unterlegenen“, führte das Ende dieses Krieges ihm zufolge doch keineswegs zum Abdanken der realsozialistischen Nomenklatura, sondern zu ihrem Wiedererstehen als nunmehr verwaltungstechnisch wirkende Elite.

In den drei abschließenden Beiträgen zum Heftschwerpunkt werden die hier auf abstrakt-theoretischer Ebene analysierten Transformationsprozesse schließlich in drei konkreten Politikbereichen untersucht. Während Therese Kaufmann und Beat Weber dabei auf das Kunstfeld und die Rolle der hier agierenden Stiftungen fokussieren, nimmt Nedim Sejdinović in seinem Artikel den (Print-)Mediensektor Südosteuropas unter die Lupe und zeigt am Beispiel der deutschen WAZ dessen Transformation unter dem Einfluss westeuropäischer Medienkonzerne. Den ideologischen Charakter der Sonntagsreden über die „Wissensgesellschaft“ angesichts der sich „im Osten Europas“ abzeichnenden Realitäten im Bildungs- und Wissenschaftsbereich zeigt schließlich Dimitar Denkov am Beispiel des Umbaus des – entlang unterschiedlicher Grenzziehungen segregierten – bulgarischen Bildungssystems auf.

Dass wir gegenwärtig innerhalb der EU an einem neuralgischen Punkt der Territorialitäts- und Abgrenzungsvorstellungen angelangt sind, machte zuletzt auch die politische Reaktion auf ein Gewaltverbrechen in Italien deutlich. Die italienische Regierung reagierte nämlich mit einem Dekret, welches die Ausweisung von BürgerInnen eines Mitgliedsstaates in einen anderen verfügte. Der Außenminister des betroffenen Landes, nämlich Rumäniens, sprang der italienischen Regierung mit dem Vorschlag zur Seite, in der ägyptischen Wüste ein Stück Land zu erwerben, um dorthin alle jene, „die unserem Land Schande bereiten“, abzuschieben – stets penibel mit dem Zusatz versehen, dass es sich beim Täter um einen Rom handle. Aus dieser Geschichte wird – neben ihrem minderheitenverachtenden Subtext – ersichtlich, dass der rumänische Außenminister sich offensichtlich lange genug in EU-Kreisen bewegt hat, um zu begreifen, dass das hier verfolgte Prinzip der „Exterritorialisierung von Flüchtlingen“ auch auf die eigenen StaatsbürgerInnen ange- wendet werden kann. Der aktuelle Kulturrisse-Schwerpunkt ist angesichts solcher Vorkommnisse wohl nicht als eine endgültige Angelegenheit zu betrachten.

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Inhalt
VorRisse
Radostina Patulova, Ljubomir Bratić, Markus Griesser
Alle Formen des zivilen Widerstands sind wichtig ...
Ein Gespräch mit den Aktivisten von RESF
Die postkommunistische Bedingung: Eine Einführung
Boris Buden
Im Osten nichts Neues?
Radostina Patulova
Von der Nomenklatura zum neoliberalen Dienstboten
Ljubomir Bratić
Stiften gehen in Ost- und Südosteuropa. Kulturpolitik ganz privat
Therese Kaufmann und Beat Weber
Zahlen und Bilder hinter der Ideologie des Fortschritts
Dimitar Denkov
Die WAZ und die Medien
Nedim Sejdinović
Modern Times
Radostina Patulova
Billiglohn – Kulturnation!
Marty Huber
Uuund tschüss! Arbeitsbedingungen in Kulturinstitutionen
Elisabeth Mayerhofer
Ein Schritt – wohin?
Zuzana Brejcha
Von Baustelle zu Baustelle
Cristiane Tasinato
Neo-Kunstvermittlung. Zur Besucherschule der documenta 12
Sophie Goltz
Der „Ausländer“ und seine Erziehung
Ljubomir Bratić
Schöne neue Werbewelt
Nicole Delle Karth
Linz wird Standortwettbewerbssieger
Klemens Pilsl
Gegenöffentlichkeit gut verdaut
Franz Fend
„Generation Sexkoffer“
Katharina Ludwig
Die Mitteilung der Europäischen Kommission zur Kulturpolitik
Monika Mokre
De/Montage
Julien Enoka Ayemba, Jochen Becker, Sonja Hohenbild und Brigitta Kuster
Auf die Ekstase
Marty Huber
Feministische Kunst – nicht ministrabel
Birge Krondorfer
wien darf berlin werden – seid gegrüßt ihr sparefrohs!
christina nemec
„Occupasi“. Zur Wohnrechtsbewegung in Reggio Emilia, Italien
Stephanie Weiss
Freiheit für den letzten Gefangenen der RAF – Abschwören jetzt!
Klaus Kindler
Partizipation vs. Selbstorganisation?
Raimund Minichbauer
Reartikulacija
Marina Gržinić
Bini Adamczak: Gestern Morgen
Marty Huber
Werner Portmann, Siegbert Wolf: „Ja, ich kämpfte“
Jo Schmeiser