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VorRisse
Stefan Nowotny, Markus Griesser

Während die Sampling-Praxen von HipHop & Co. längst von den Musikindustrien umarmt werden und in der bildenden Kunst mittlerweile eine Strömung namens Appropriation Art kanonisiert wurde, macht sich an den Universitäten hierzulande wie anderswo eine besondere Art von „Räuber und Gendarm“-Spiel breit: Unter Einsatz von Software-Intelligenz wird zur Jagd auf Plagiate und PlagiatorInnen geblasen, und der „Plagiatsjäger“, demnächst vielleicht zum neuen akademischen Berufsstand erhoben, stellt jene unerbittliche Synthese aus Rechtschaffenheit und Verwegenheit zur Schau, die notwendig ist, um im gefahrvollen Dickicht der Diskurse Ordnung zu schaffen. Die Rollen sind in dieser Fragezurichtung so klar verteilt, wie es „Räuber und Gendarm“- oder „Jäger und Wilderer“-Spiele nun mal verlangen – mit ungelehrigen Studierenden als sich an intellektuellen Besitzständen vergreifenden Delinquenten.

Der Ausblendungen gibt es bei all dem, wie die Texte des aktuellen Kulturrisse-Schwerpunkts zeigen, nicht wenige. Sie reichen von Studien- und Betreuungsbedingungen an den Universitäten, die die Ausbildung eines reflektierten Umgangs mit Referenzliteratur nicht gerade begünstigen, bis hin zu diversen Ökonomisierungseffekten und dem daraus resultierenden Druck auf Studierende – Aspekte, denen v.a. Lisa Mayrs Text gewidmet ist. (Nicht von ungefähr wurde die Debatte über Plagiarismus in Sachen hochschulpolitischer Berichterstattung in Österreich von der Auseinandersetzung um die Nicht-Abschaffung der Studiengebühren verdrängt.)

Julia Hertlein plädiert zudem für eine – das Niveau kritischer Theoriebildungen der letzten Jahrzehnte nicht unterschreitende – Rahmenerweiterung der gegenwärtigen Diskussionen und verweist u.a. mit Bourdieu auf die Rolle des „wissenschaftlichen Unbewussten“, das für jegliche wissenschaftliche Arbeit vorbedingend und doch keiner Zitation zugänglich ist. Zugleich kann kaum übersehen werden, dass die Etablierung von rechtlichen Instrumentarien zum Schutz „geistigen Eigentums“ im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert nicht zuletzt den Sinn hatte, Kunst und Wissenschaft an den Eigentumsprivilegien des aufstrebenden Bürgertums teilhaben zu lassen. Die Skandalisierung des Plagiats verdankt sich daher keineswegs einer neutralen Einsicht in die an natürliche Rechte geknüpfte Beziehung zwischen „AutorInnen“ und ihren „Werken“; sie ist vielmehr verquickt mit der Frage gesellschaftlicher Hierarchien.

Mimetische Produktivität lässt sich daher umgekehrt aber auch, wie Konrad Becker argumentiert, als Unterwanderung solcher Hierarchien verstehen, wie sie in diversen Aktivismen und Kunstpraxen seit langem erprobt wird. Den strategisch-taktischen Ausformungen dieser Unterwanderung in der bildenden Kunst und darüber hinaus geht schließlich auch Cornelia Sollfranks Text nach – und zwar nicht ohne zugleich ihre längerfristigen Effekte einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Um aber den Kulturrissen das von Sollfrank der Appropriation Art attestierte „Schicksal“ – Einverleibung in die von ihr doch eigentlich kritisierte Institution Kunst bei gleichzeitiger Neutralisierung ihrer vormals subversiven Potenziale – zu ersparen, setzen wir unseren „Selbsttransformationskurs“ fort und starten mit neuer Coverfarbe, geringfügig veränderter Heftstruktur und erweitertem Redaktionskollektiv ins neue Jahr.

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Inhalt
VorRisse
Stefan Nowotny, Markus Griesser
Der Ahnenkult des Originals. Verborgene Quellen des Wissens.
Konrad Becker
Verstecktes Gedächtnis. Graubereiche in der Plagiarismusdebatte
Julia Hertlein
Die Uni abschreiben? Das Phänomen des Plagiarismus als Folge des Strukturwandels an den Hochschulen
Lisa Mayr
Von Seelenverkäufern und Sklavenhändlern. Ideenklau und Plagiarismus.
Juliane Alton
Originale ... und andere unethische AutorInnenschaften in der Kunst.
Cornelia Sollfrank
„Ich möchte gerne einmal einen Horrorfilm machen“
Radostina St. Patulova
Multiversalismus oder die Vielheit im Universalismus
Marty Huber
„KünstlerInnen-Visum“ im Pass? Gilt nicht mehr! Das Ende der Niederlassungsbewilligung für KünstlerInnen und WissenschafterInnen
Daniela Koweindl
Denn PolizeibeamtInnen und MigrantInnen sind auch Menschen... Über Multikulturalismus und Staatsgewalt.
Rubia Salgado
Re-Konkretisierung der Vergangenheit.
Katharina Wegan, Martin Wassermair
„Resistance is fertile :: resistance is futile“. Oder: Vom Arbeitskampf der VigilantInnen im Grazer Kunstbetrieb.
Laila Huber
Alles frei, alles offen – alles unter Kontrolle.
Aileen Derieg
VOLLTEXTKLAU: who carez? Online-Buch-Plattformen zwischen Marketing, Urheberrechtsdebatte und Kunstpraxis.
Franz Thalmair / CONT3XT.NET
Der Tunnelblick. Ein Kommentar
Martin Wassermair
Die Wüste lebt – wieder
Monika Mokre, Paul Stepan
After remapping Mozart. Was bleibt von einem ambitionierten Projekt?
Jo Schmeiser
Ein Plädoyer für die Politik! Zwischen NGOs, Selbstorganisationen der MigrantInnen und frei flottierenden Kunst- und KulturproduzentInnen
Ljubomir Bratic
Leben auf der falschen Spur. Zur Ausstellung „Leben auf der Flucht“
Belinda Kazeem
Das revolutionäre Glück des Harry Spiegel. Zum Film „Aufzeichnungen zum Widerstand“
Gerald Raunig
Das Unbehagen in der Kultur. Beobachtungen aus dem Kulturfeld in Zeiten des französischen Präsidentschaftswahlkampfs
Peter Grabher
Nachtisch statt Hauptspeise. Gedanken über Interkulturalität angesichts des geplanten EU-Jahres 2008
Hakan Gürses
Von Schmelztiegelängsten und Supermachtträumen. Das kulturpolitische Programm der deutschen EU-Ratspräsidentschaft
Tim Schmalfeldt