Organisation
Mitglieder
Service
Publikationen
Kulturrisse
Kulturpolitik
Europa
Förderturm
Links
TRANSFER
TRANSVERSAL


igkultur  >  Kulturrisse  >  Organisierung ...  >  Animal laboris`...
Animal laboris` Recht auf Faulheit
Radostina St. Patulova

Zur Zeit meiner realsozialistischen Sozialisation wurde zumindest in der Schule in regelmäßigen Abständen die Rolle der Arbeit andiskutiert. Ob sie ein Recht oder eine Pflicht jedes einzelnen Bürgers sei, lautete stets die Frage, und ab da musste sich der/die Schüler/in den Weg bis zum Verfassungszitat „Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit“ selbst freilegen. In informelleren Zusammenhängen wurde der Paragraph mit „so, aber eher umgekehrt“ absurdistisch auf den Punkt gebracht.

Die aussagekräftige Verknüpfung zwischen Privileg und Strafe, die dabei mitschwingt, und die damit erzeugte Dynamik sind freilich nicht nur dem Realsozialismus vorbehalten. Das Kreisen aktueller politischer Debatten um die Grundsicherung markiert ähnlich verdeckte Krämpfe. Zaghaft-defensiv versuchen linke Parteien nicht ganz über die massiv stattfindende Prekarisierung hinwegzuschauen. Statt aber im Sinne einer Solidarisierung oder visionären Umverteilungspolitik bedingungsloses Grundeinkommen für alle BewohnerInnen des Landes einzufordern, ist man um fragwürdige Kompetenzerweiterungen bemüht und scheut auch nicht den Preis der Akzeptanz neoliberaler Wirtschaftsthesen. Als ein Gradmesser für die flächendeckende Wirkung christlichen wie rassistischen Gedankenguts eignet sich die Debatte allemal.

Nur zu offensichtlich wird dabei, wie auch heutzutage Arbeit – unter dem Motto „Im Schweiße deines Angesichts...“ – auf einen postparadiesischen Zustand verweisen muss, um als solche anerkannt zu werden – und dass sie ohne calvinistischen Beigeschmack (Arbeit ist gleich Leistung) nicht auskommt. Zwar hat angeblich jede Arbeit einen Wert, doch welchen genau? Was schon im Protestantismus als Zeichen einer Gottesgnade galt – die gewinnbringende produktive rationalisierte Berufsarbeit –, hat auch nach 150 Jahren erfolgreichen Gottestods Hochkonjunktur in der Gesellschaft.

Was passiert aber mit einer Gesellschaft, wenn ihr die Tätigkeit, die eine ihrer zentralen Referenzbegriffe bildet, eine Drehscheibe ihrer Konnotationen darstellt und quasi ihr Fundament ausmacht, ausgeht? Wie ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit fehlt? Und auch: worauf versteht sich diese Arbeitsgesellschaft noch?

Zurück zu der Schulfrage also: Zwangsmaßnahme oder Sonderrecht? Wer darf heute und wer wird morgen in einer solchen Mangelgesellschaft Recht auf – und v.a. Recht auf welche! – Arbeit haben? Ist nicht viel mehr die Frage nach dem Recht auf Faulheit, wie Lafargue es spitz formulierte, an der Tagesordnung, denn erst wenn Recht auf Arbeit und auf Faulheit gemeinsam gedacht wird, kommen wir ein Stück weiter, ohne sofort in Almosendenken zu verfallen. Und wenn uns schon die Arbeit abhanden kommt, nützen wir doch die Chance!

Was die Ökonomie der Anerkennung betrifft: Als die Generation meiner Eltern ihr Studium machte und ihre ersten Jobs bekam, glaubte man daran, dass der Kommunismus vor der Tür stehe und dass all die Arbeitsplätze nur eine vorübergehende Beschäftigung seien, präparadiesisch gemeint. Die Arbeit war die Arbeit an der eigenen Aufhebung und nie wieder soll sie so viel Spaß gemacht haben, hieß es. Vielleicht liegt da der feine Unterschied zwischen Wegrationalisierung und gesellschaftlicher Transformation.

Daher, seien wir auf der Hut: Sobald die Arbeit an der eigenen Aufhebung gemeinsam und lustvoll ausfällt, haben wir uns für den gesellschaftlichen Umbruch entschieden.
Suche

IG Kultur
>> Login

Inhalt
VorRisse
Markus Griesser
EinRisse
Ein Interview mit Karl Reitter und ein Kommentar von Daniela Koweindl
Prekarität. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts und Möglichkeiten zu ihrer Politisierung
Klaus Dörre
Fluchtlinien eines politischen Projekts in der Prekarisierung. Eine eklektische Aneignung des gewerkschaftlichen "Organizing"
Efthimia Panagiotidis
Mayday! Oder: Die unmögliche Organisierung der möglicherweise Unorganisierbaren - eine Zwischenbilanz mit Ausblick
Martin Birkner und Birgit Mennel
Jenseits eines simplen Verelendungsdiskurses.
Luzenir Caixeta
Drinnen oder draußen? Frauen in Gewerkschaften
Alexandra Weiss
Die Unorganisierbaren organisieren. Neue Formen von Arbeit, Identitäten und Interessen und ihre kollektive Organisierung
Susanne Pernicka
Normalarbeit am Netz? Regulierung von Arbeit und Potenziale der Organisierung in den Creative Industries am Beispiel deutscher Internetfirmen
Nicole Mayer-Ahuja
Let's organize. Modelle der Organisierung in den Creative Industries
Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre
Ding-Dong...Arbeit, Arrrbbeit, oder ARBEIT?
Marty Huber
Animal laboris` Recht auf Faulheit
Radostina St. Patulova
"Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit". Anmerkungen zur Tagung "Nachrichten aus Demokratien"
Gundula Ludwig
Die Ambivalenz des Erfolgs. Zum 25. Geburtstag des WUK
Isolde Charmin
"Es geht um eine Sichtbarmachung der freien Kulturszene..."
Ein Gespräch mit Vertreterinnen der IG Kultur Wien zum Innovationspreis der freien Kulturszene Wiens
Her mit einem politischen Radioprojekt!
Veronika Leiner
Fuck the shitart, let's kill. Wenn die Post von Netznetz klingelt
Alf Altendorf
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Martin Wassermair
"Aus Platzgründen untersagt..." Gegen die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten
Solidaritätsgruppe
¡No Pasarán!...oder sie kommen doch durch
Monika Mokre und Paul Stepan
Die Kunstministerin empfiehlt... MigraZine
Maria Hofer Ministra da Silva und Cristiane Tasinato
Sonstige. (Misslungener) Versuch, ein subjektives Szenario über Kulturarbeit in der EU zu kreieren
Christine Schöffler und Peter Blakeney
Kunstfreiheit.ch
Annette Schindler und Felix Stalder
Medienaktivismus in Ost-Asien. Teil 1: Japan
Gabriele Hadl
Die Überwindung der Enlargement Fatigue. Bulgarien und Rumänien werden nun doch "Europa"!
Dario Brentin
Hüpfende Peronisten . Zur Lateinamerika-Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung
Jens Kastner