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VorRisse
Markus Griesser

„Organize the Unorganized!“ – dieser Slogan der US-amerikanischen Gewerkschaftsreformbewegung bestimmt wie kaum ein anderer die aktuellen Debatten rund um die Frage der Möglichkeit einer gewerkschaftlichen Erneuerung. Die Brisanz des Themas selbst resultiert dabei aus dem Trend zur Auflösung gewerkschaftlicher Organisierung, der mit dem Prozess der Prekarisierung einhergeht. Während nämlich letzterer über die Jahre hinweg eine unorganisierte und vielfach als „unorganisierbar“ geltende ArbeiterInnenschaft neuen Typs heranwachsen ließ, verabsäumten es die Gewerkschaften, diesem Wandel ihrer sozioökonomischen Rahmenbedingungen adäquat Rechnung zu tragen. Erst heute, wo ihr gesellschaftlicher Vertretungsanspruch aufgrund des massiven Mitgliederschwunds zunehmend infrage steht, gewinnt die Diskussion um die Entwicklung neuer Formen der Organisierung auch in gewerkschaftlichen Kontexten an Bedeutung.

Die Dringlichkeit eines solchen Umdenkens macht Klaus Dörre in seinem einleitenden Text zum Heftschwerpunkt anhand einer Auseinandersetzung mit den vielfältigen Facetten gegenwärtiger Prekarisierungsprozesse deutlich. Als Modell, an dem sich ein gewerkschaftliches Agieren in diesem Zusammenhang orientieren könnte, führt nicht nur er, sondern auch Susanne Pernicka in ihrem Artikel zu den diesbezüglichen Entwicklungen im ÖGB den in den USA entstandenen Organizing-Ansatz ins Feld. Wie dieser in der Praxis funktioniert, zeigt Efthimia Panagiotidis in ihrem Beitrag – und zwar anhand eines von der Gewerkschaft ver.di in Hamburg realisierten Pilotprojekts. Ihre Erfahrungen als Organizerin in besagtem Projekt versucht Panagiotidis dabei für die politische Arbeit sozialer Netzwerke produktiv zu machen. Damit angesprochen ist die dem Aufbegehren prekär Arbeitender und Lebender politisch Ausdruck verleihende Euromayday-Bewegung, welche Martin Birkner und Birgit Mennel in ihrem Schwerpunkttext einer Reflexion unterziehen. Ein anderes Beispiel für eine erfolgreiche (Selbst-)Organisation von Prekarisierten behandelt Luzenir Caixeta in ihrem Artikel zu maiz, dem in Linz lokalisierten Zentrum von und für Migrantinnen, die vielfach in umfassend prekarisierten Dienstleistungssektoren wie der Sexindustrie oder dem Reinigungsgewerbe arbeiten. Vergleichbar den Workers Centers in den USA verbindet sich in den Aktivitäten von maiz dabei der Kampf gegen Rassismus mit jenem für bessere Arbeitsbedingungen. Dass die österreichischen Gewerkschaften in diesem Kampf bislang kaum als Verbündete gelten konnten, wird bereits an der eklatanten Unterrepräsentation von MigrantInnen im ÖGB und v.a. in dessen Spitzengremien deutlich, was in vergleichbarer Weise auch für Frauen gilt. Alexandra Weiss führt diesen Umstand in ihrem Text auf den Maskulinismus innerhalb der Gewerkschaftsbewegung zurück und betont die Notwendigkeit einer feministischen Reflexion gerade im Zusammenhang mit Organisierungsfragen. Abgerundet wird der Heftschwerpunkt schließlich durch zwei Beiträge, die sich spezifisch mit den Arbeitsbedingungen und Organisierungspotenzialen im Bereich der Creative Industries (CI) auseinander setzen: Während Nicole Mayer-Ahuja dieser Frage am konkreten Beispiel der Internetbranche in Deutschland nachgeht, beschäftigen sich Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre auf einer abstrakteren Ebene mit möglichen Modellen des Organizings in den CI.

Inwiefern die österreichischen Gewerkschaften dazu in der Lage und v.a. bereit sind, auf die hier skizzierten Herausforderungen zu reagieren, wird sich Ende Januar 2007 zeigen, wenn der ÖGB-Bundeskongress „die Weichen für den ÖGB Neu“ stellen soll. Ob die Delegierten die vielbemühte „Krise“ dann tatsächlich „als Chance“ nutzen werden, bleibt abzuwarten. Klar hingegen ist schon jetzt, dass die (Selbst-)Organisierung der Prekarisierten unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung einer Politik der Entprekarisierung sein wird. Denn nicht umsonst reimt sich das „Nicht Organisieren“ bei Bernadette La Hengst so treffend auf „Verlieren“.

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Inhalt
VorRisse
Markus Griesser
EinRisse
Ein Interview mit Karl Reitter und ein Kommentar von Daniela Koweindl
Prekarität. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts und Möglichkeiten zu ihrer Politisierung
Klaus Dörre
Fluchtlinien eines politischen Projekts in der Prekarisierung. Eine eklektische Aneignung des gewerkschaftlichen "Organizing"
Efthimia Panagiotidis
Mayday! Oder: Die unmögliche Organisierung der möglicherweise Unorganisierbaren - eine Zwischenbilanz mit Ausblick
Martin Birkner und Birgit Mennel
Jenseits eines simplen Verelendungsdiskurses.
Luzenir Caixeta
Drinnen oder draußen? Frauen in Gewerkschaften
Alexandra Weiss
Die Unorganisierbaren organisieren. Neue Formen von Arbeit, Identitäten und Interessen und ihre kollektive Organisierung
Susanne Pernicka
Normalarbeit am Netz? Regulierung von Arbeit und Potenziale der Organisierung in den Creative Industries am Beispiel deutscher Internetfirmen
Nicole Mayer-Ahuja
Let's organize. Modelle der Organisierung in den Creative Industries
Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre
Ding-Dong...Arbeit, Arrrbbeit, oder ARBEIT?
Marty Huber
Animal laboris` Recht auf Faulheit
Radostina St. Patulova
"Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit". Anmerkungen zur Tagung "Nachrichten aus Demokratien"
Gundula Ludwig
Die Ambivalenz des Erfolgs. Zum 25. Geburtstag des WUK
Isolde Charmin
"Es geht um eine Sichtbarmachung der freien Kulturszene..."
Ein Gespräch mit Vertreterinnen der IG Kultur Wien zum Innovationspreis der freien Kulturszene Wiens
Her mit einem politischen Radioprojekt!
Veronika Leiner
Fuck the shitart, let's kill. Wenn die Post von Netznetz klingelt
Alf Altendorf
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Martin Wassermair
"Aus Platzgründen untersagt..." Gegen die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten
Solidaritätsgruppe
ˇNo Pasarán!...oder sie kommen doch durch
Monika Mokre und Paul Stepan
Die Kunstministerin empfiehlt... MigraZine
Maria Hofer Ministra da Silva und Cristiane Tasinato
Sonstige. (Misslungener) Versuch, ein subjektives Szenario über Kulturarbeit in der EU zu kreieren
Christine Schöffler und Peter Blakeney
Kunstfreiheit.ch
Annette Schindler und Felix Stalder
Medienaktivismus in Ost-Asien. Teil 1: Japan
Gabriele Hadl
Die Überwindung der Enlargement Fatigue. Bulgarien und Rumänien werden nun doch "Europa"!
Dario Brentin
Hüpfende Peronisten . Zur Lateinamerika-Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung
Jens Kastner