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Die Copy-und-Paste-Politik. Zur Institutionalisierung eines Polithypes.
Elisabeth Mayerhofer
Einleitung Studien zur den Creative Industries (CI) boomen allerorts. Dies allerdings in verschiedenster
Qualität. Während sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung
(besonders im internationalen Raum) immer stärker auf Details konzentriert
und Tiefenstudien unternimmt (wie beispielsweise zu Clusterstrukturen und
deren Funktionsweisen, zu Copyright und Fragen zu dessen Sinnhaftigkeit, Dauer
und Auswirkung oder auch zur Innovationsforschung), scheinen politische EntscheidungsträgerInnen
und PolitikberaterInnen hierzulande immer simplistischeren
Konzepten anzuhängen. Der Umstand, dass nach wie vor keine einigermaßen
verbindliche Definition im Raum steht, stört dabei offensichtlich
niemanden, ganz im Gegenteil. In freier Assoziation (die mitunter sehr an das
z.Zt. beliebte Seminarspiel „Mind Mapping“ erinnert) schwirren Begriffe wie
Kreativität, Innovation, Experiment, Motivation, Standortqualität usw. durch den
Raum. Ebenso wenig irritiert, dass die konkreten (nicht zukünftigen!) Beschäftigungszahlen
nach wie vor unscharf bleiben. Aber Details sind ohnehin nicht so
interessant. Creative Industries / Kreativwirtschaft ist eben ein neues Feld, in dem
schicke, junge Menschen aus Design, Grafik, Film, Architektur, Medien und
Software voll kreativ Produkte herstellen, die in überbelichteten Fotos beworben
werden und dann urviel Kohle einbringen. Oder so.
Leider hält sich das Interesse der meisten AuftraggeberInnen
an tiefer gehenden Studien in Grenzen, sodass vorwiegend Schnellschusswissenschaft
zur Produktion freundlicher Befunde unterstützt wird.
Daraus erklärt sich auch das forsche Abkupfern von gerade den Ansätzen, die
selbst im Rahmen dieser Forschung nicht zu den brillantesten gehören,– hier sei
nur auf die verschiedenen Produkte aus dem Hause Richard Florida verwiesen,
die sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Doch dazu später ausführlicher.
Deregulierte Arbeitsverhältnisse fördern!?
Auf diese knappe Formel ließe sich die begeisterte öffentliche Förderung der
Kreativwirtschaft bringen. Lange Zeit wurde die Frage nach den konkreten
Arbeitsbedingungen in den Untersuchungen und Papieren, die den CI überdurchschnittlich
hohes wirtschaftliches Potenzial zusprachen, nobel ausgespart.
Hier ist auch festzuhalten, dass seit dem Working Paper der Europäischen Kommission
1998 im Kontext von Kultur primär von „Beschäftigung“, nicht mehr
von Arbeitsplätzen, Vollzeitäquivalenten oder ähnlichen uncoolen Begriffen die
Rede ist. Das ist wenig erstaunlich, denn an solchen Indikatoren gemessen
sehen die Potenziale sehr viel weniger attraktiv aus, als im vagen Überbegriff
„Beschäftigung“, der vom Hobby, das zeitweise zu Geldflüssen führt bis zum
hochbezahlten ManagerInnenjob alles umfassen kann (auch wenn letztgenannte
Ausprägung im Bereich der Creative Industries eher vernachlässigbar ist.) Die
vielfältigen Erscheinungsformen deregulierter Arbeitsverhältnisse scheinen
manche AutorInnen so zu überfordern, dass sie vor der Heterogenität des Feldes
die Waffen strecken und statt kritischer Analyse eine einigermaßen hilflose
Deskription von Einzelaspekten unternehmen. Werden Befunde zur „Beschäftigung“
ssituation in den CI herangezogen, so fällt auf, dass trotz der hohen Wertschöpfung
und trotz des enormen Innovationspotenzials die Arbeitsverhältnisse
ganz ähnlich sind wie im subventionsfressenden, nur irgendwelchen abgehobenen
ästhetischen Spielereien verpflichteten Kunstbereich. Und es werden zur
Erklärung sogar dieselben Mythen strapaziert, die bereits im Kunstfeld herhalten
mussten.
Aber zunächst die Hard Facts: Atypische Beschäftigungsverhältnisse
herrschen vor, instabile Projektarbeit ist die Regel. Zweit- und
Nebenbeschäftigungen außerhalb des Kernberufes müssen zum Überleben
angenommen werden. Bis auf Architektur ist der Bereich vollkommen dereguliert,
was den Zugang betrifft (so müssen beispielsweise zur Berechtigung der
Berufsausübung keine Ausbildungsnachweise vorgelegt werden), es existieren
keine Regelungen und / oder verbindlichen Abkommen über Entlohnungen (z.B.
Stundensätze), Berufsvertretungen haben nur wenig Gewicht. In Anbetracht der
nun schon jahrelangen Diskussion um die Kreativwirtschaft und entsprechende
Begleitmaßnahmen ist es eine besondere Ironie, dass gerade ein vergleichsweise
stark regulierter Bereich wie Architektur sich nun eher den schlechten Arbeitsbedingungen
in den übrigen Sektoren annähert statt umgekehrt. Neben den bereits
erwähnten Rahmenbedingungen sinken auch die Löhne – auf einen relativ niedrigen
Durchschnitt verglichen mit Berufen mit ähnlichen Qualifikationsniveaus.
Der Vollständigkeit halber sei auch noch erwähnt, dass der Gender Gap auch
hier vorhanden und signifikant ist: dies in Bezug auf Einkommen und Leitungspositionen.
Auch der Kreativchef ist männlich. (Ich nehme auch mal ganz
unwissenschaftlich an, dass er auch weiß ist, aber dazu gibt’s erst recht mal
keine Daten.)
Die Genie-Karotte vor der Nase
Bevor aber das Lamentieren über die miesen Arbeitsverhältnisse langweilig wird,
hier nun ein paar positive Nachrichten: Der Zustrom in die CI ist ungebrochen,
ja er nimmt sogar ständig zu. Institutionen wie die Universität für Angewandte
Kunst können sich der StudienanfängerInnen kaum mehr erwehren. Und warum
das alles? Weil die jungen Menschen einen Beruf mit hoher individueller Sinnstiftung
dem großen Geld vorziehen und weil es ja außerdem immer ein paar
schaffen, dennoch eben dieses Big Money zu verdienen. Irgendwann. Vielleicht.
Amüsanterweise werden hier Topoi aufgerufen, die seit langer Zeit in der Kulturökonomie (um Missverständnissen vorzubeugen: dabei handelt es sich um die
ökonomische Wissenschaft über Kunst / Kultur, nicht um die Wertschöpfung aus
kulturellen Gütern) verwendet werden, um dieses Phänomen zu erklären, das
schon das große Rätsel von Kunstarbeitsmärkten war. Die hohe Motivation und
die intrinsische Belohnung seien integraler Bestandteil der Entlohnung; praktischerweise
kann deshalb der monetäre Bestandteil des Gehalts gleich etwas
niedriger ausfallen. Und darüber hinaus ist Kunst / Kreativität ja ohnehin nie
direkt in das schmutzige Bezugssystem Geld zu übersetzen.
Das „Winner-takes-all“-Prinzip hält inzwischen die
bei Laune, die aufgrund ihrer Lebenszusammenhänge noch nicht aussteigen
mussten und motiviert sie weiterhin, 80 Stunden in der Woche zu arbeiten, PartnerInnenschaften
und eventuell Kinder hintanzustellen oder gleich zu vergessen.
Und es befördert die Entsolidarisierung im Feld.
Die aktuelle Politik zu den CI versucht nun nicht die
Arbeitsbedingungen dort zu verbessern, indem an der Erarbeitung nachhaltiger
Business-Modelle gearbeitet wird, sondern setzt Upgrades alter Geniekünstler-
Innenmythen in Umlauf. Diese wirken zusammen mit dem zweiten Verschleierungsmythos,
der Kreativität. Denn viele Aufträge in Bereichen wie Grafik, Webdesign,
Architektur und IT-Produktion weisen einen hohen Routinisierungsgrad
auf. Der Mythos der ständig kreativ Neues schaffenden Halbgenies ist nur bedingt
in der Praxis wiederzufinden, Alltagsarbeit, in vielen Fällen wenig kreative Aufträge
müssen angenommen werden, wenn ein Klein- oder Mittelbetrieb überleben
will – vom Layout von Beipackzetteln bis zur Gestaltung von Eigenheimen.
Starkult statt kreativer Milieus
In Österreich wurden bislang mehrere Förderschienen eingerichtet, um das
kreative Potenzial so richtig erblühen zu lassen. Dabei werden vorwiegend Produktförderungen
in den Bereichen Musik, Multimedia, Design und Mode ausgeschüttet.
Es handelt sich um längerfristige Förderungen konkreter Projekte
(Produkte), die zum Zeitpunkt der Antragstellung soweit bereits konzipiert sein
müssen, dass ein komplexer Antrag (inkl. detaillierter Verwertungspläne) ausgefüllt
werden kann. Dies ist nun einerseits legitim, wenn ein konkretes Produkt
gefördert werden soll. Zur Schaffung eines kreativen Milieus, wie es immer wieder
von den anscheinend zur Pflichtlektüre für BeamtInnen erhobenen „CI-Kult-
Autoren“ Florida und Landry propagiert wird, ist es jedoch die falsche Strategie.
Auf jeden Fall lernen nun auch DesignerInnen lange Formulare mit gewählter
Antragslyrik zu füllen. Wer nicht bereit ist, wochenlang Anträge anzufertigen,
deren Ausgang unsicher ist, und stattdessen lieber an einer Kollektion o.ä. arbeitet,
hat das Nachsehen. Kleinförderungen, die mit geringerem bürokratischen
Aufwand vergeben werden, stehen nach wie vor aus. Eine Politik voller Widersprüche.
Denn gerade die Distribution und Produktion im größeren Maßstab
soll unterstützt werden, da ja die Produktion von kreativem „Content“ laut einer
Auftragsstudie der Stadt Wien ganz hervorragend sein soll. Aber offensichtlich
soll nur sorgsam ausgewählter Content gefördert und verbreitet werden; die
Vielzahl an Kreativen, die ihre Produkte international vertreiben wollen – beispielsweise
auf Messen – schauen durch die Finger. Die Rückkehr der Gießkanne,
nur mit weniger Löchern.
Die kreativen Milieus
So entstehen auch leider keine kreativen Milieus, jene erträumten Paradiese der
Toleranz und des Austausches, des friedvollen Nebeneinanders von Schwulen,
Lesben, MigrantInnen und anderen ProtagonistInnen vielfärbiger Diversity-
Phantasien (vgl. Florida bzw. Florida / Tinagli). Und das Schöne daran ist – es ist
auch messbar! Ach, wie herrlich lassen sich Indices wie z.B. der Euro-Tolerance-
Index doch auf Parteienprospekte drucken! Und das in Vorwahlzeiten. Und
Toleranz führt zu Kreativität und Kreativität zur Ansiedlung von Unternehmen.
Und alles wird gut. So könnte auch unschönen Phänomenen wie den Aufständen
in Paris vielleicht durch die Errichtung eines Kreativ-Clusters in St. Marx vorgebeugt
werden …
Könnte. Aber dazu müsste noch einiges mehr passieren
als die patscherte Kreativwirtschaftsförderung, die sich auf die Kommerzialisierung
von kulturellen Leistungen und UntertanInnenaufzucht spezialisiert,
anstatt Kreativität und Kreative zu fördern. Denn komplexe Ziele verlangen auch
komplexe Ansätze, die mit einem Overall-Ansatz wie dem von z.B. Florida nicht
bewältigt werden können.
Literatur
Hans Abbing: Why are artists
poor?
Richard Florida: The Rise
of the Creative Class
Richard Florida /
Irene Tinagli: Europe
in the Ctreative Age
Charles Landry: Creative
City
2003: KMU/IKM 1. Österreichischer
Kreativwirtschaftsbericht
2004: Untersuchung des
ökonomischen Potenzials der
Creative Industries in Wien
(Kulturdokumentation, WIFO,
Mediacult)
2005: Kreativwirtschaft: Nützt
Tirol seine Chancen? Zukunftszentrum
Tirol
2005: Kreativwirtschaft in
der Stadtregion Linz, Linzer
Institut für qualitative Analysen
2005: FORBA/JR: Branchenanalysen
zu Arbeit und
Beschäftigung in Wiener
Creative Industries: Architektur,
Design, Film/Rundfunk,
Software / Multimedia und
Werbung
Elisabeth Mayerhofer
ist freiberufliche Wissenschaftlerin
in Wien.
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