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Freie WissenschafterInnen und KünstlerInnen: Avantgarde des flexibilisierten Arbeitsmarktes
Andrea Ellmeier
"Zu allererst muss man von Einkommen sprechen. Je nach Beruf verdienten die
prekarisierten Intellektuellen, die wir befragt haben, zwischen 30% und 50% von
dem, was sie verdient hätten, wenn sie dieselbe Arbeit als fix Angestellte bzw.
Beamte geleistet hätten." (Anne Rambach, Chercheurs Précaires, Vortrag Wien
2002)
Das selbe Motto habe ich bereits vor zwei Jahren einem Beitrag in den
Kulturrissen 01/03 vorangestellt. Der Titel lautete damals: Prekäre
Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur, Wissenschaft als (negative)
Avantgarde (alt-)neuer (Erwerbs)Arbeitsverhältnisse. Die Kulturrisse-Redaktion
hat mich jetzt eingeladen, eine Einschätzung der Lage "zwei Jahre danach"
abzugeben. Insbesondere hat die Redaktion interessiert, was denn aus der Idee,
"einen Startballon für stärkere Allianzen zwischen den Prekarisierten da und
dort steigen zu lassen", geworden sei.
Ein Fragezeichen findet sich im Titel des vorliegenden Textes nicht mehr. Hat
sich doch - nicht einmal wie damals noch angenommen "hinterrücks", sondern
eigentlich für alle gut sichtbar - in diesen zwei Jahren die schlechte
Situation am allgemeinen Arbeitsmarkt und die am künstlerischen und
wissenschaftlichen Arbeitsmarkt im Besonderen keinesfalls entspannt, vielmehr
weiter angespannt, zynisch gesprochen auf einem recht schlechten Niveau
stabilisiert: Immer weniger Vollarbeitsplätze, immer weniger fixe Jobs, wenig
gute, viele schlechte Stellen, meist Projektarbeit mit unbezahlten Vorlauf- und
Nachbereitungszeiten; immer größere Unsicherheit der Auftragslage aufgrund der
zu geringen Forschungsbudgets, speziell im kultur- und sozialwissenschaftlichen
Bereich; zudem noch ganz und gar unzureichende Universitätsbudgets. Die
vollrechtliche Ausgliederung der Universitäten (Autonomie der Universitäten)
geht auf Kosten der an der Universität am schwächsten abgesicherten Gruppen: Im
Lehrkörper sind das die externen LektorInnen (und freien WissenschafterInnen),
deren Position sich in den letzten Jahren immer prekärer gestaltet - sei es in
der Entlohnung, sei es durch eine aufgrund der finanziellen Engpässe zunehmend
geringere Nachfrage seitens der Institute. Die Schwächsten auf der anderen
Seite sind die StudentInnen, die zwar seit 2001 Studiengebühren bezahlen
müssen, eine gute Studienbetreuung aber keinesfalls gewährleistet bekommen. Im
Kulturbereich sind wir auch zum einen mit einem Rückgang des Kulturbudgets
konfrontiert wie auch andererseits mit einer erkennbaren strukturellen
Umverteilung weg von den (oft) kleinen Kulturinitiativen hin zur Unterstützung
von großen Events, wobei oft ein Großteil der Gelder PR-Agenturen zuteil wird.
Zurück zu der deutlich sichtbaren Veränderung der dominierenden
gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse: Die Prekarisierung der
(Erwerbs-)Arbeitsverhältnisse nimmt immer stärker zu, wird daher gewissermaßen
zunehmend "normaler". Das in Europa (historisch gesehen äußerst spät, nämlich)
erst seit 1945 durchgesetzte "Normalarbeitsverhältnis", also vollbeschäftigt zu
sein, ist derzeit auffallend rückläufig bei einer gleichwohl insgesamt
steigenden Anzahl an Beschäftigen.
Diese große Anzahl an Beschäftigten sagt noch nichts aus über die Art und Weise
des Beschäftigungsverhältnisses. Teilzeitarbeit bzw. Projektarbeit (neue
Selbständige) wird immer häufiger, wird normaler. Das im freien Kultur- und
(kultur)wissenschaftlichen Bereich seit Jahrzehnten vorherrschende Modell der
zeitgebundenen Projektarbeit wird nun auch für andere Arbeitsmarktsektoren
zunehmend relevanter. Die trotz schlechter Arbeitsbedingungen (durchwegs) sehr
hohe Motivation der Kultur- und WissensproduzentInnen ist Grund genug, dass
sich auch Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik für diese Segmente zu
interessieren beginnen, sie erstmals auch wahrnehmen. Dazu zählen z.B. die
unter dem Label Creative Industries laufenden neuen (Wirtschafts-) Förderungen
der Stadt Wien.
In diesem Prozess der immer gründlicheren Verwertung von Kapitalien werden
Kultur- und WissensproduzentInnen - wie es Marion von Osten nennt - zu
"Rolemodels wirtschaftlicher Privatisierung und eine(r) Ökonomisierung des
Sozialen stilisiert" und als (erfolgreiche) UnternehmerInnen ihrer selbst, als
Culturepreneurs, auch als Ich-AGs (im kulturellen Sektor) bezeichnet.
Dieser Prozess der Ökonomisierung des Sozialen und Kulturellen läuft scheinbar
unaufhaltbar, und allfällige Gegenstrategien greifen wenig, sind nach wie vor
öffentlich und medial kaum sichtbar bzw. werden vielfach als "Chaotentreffen"
stigmatisiert und damit ihr Protest entwertet. Sichtbar, bemerkbar ist aber
dagegen in diesen letzten Jahren etwas anderes: eine sehr deutliche Zunahme von
Angst in vielerlei Ausprägung, also ein Zustand, der keinesfalls wünschenswert
und auch denkbar ungeeignet ist, einer an und für sich so reichen Gesellschaft
wie der europäischen zu entsprechen. Es gelang - wem und welchen
Konstellationen? - Unsicherheit und Angst zu Grundmotivationen der
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu machen, d.h. diejenigen, die einen
guten Job haben, fürchten sich, diesen zu verlieren, und die anderen, die einen
solchen gerne hätten, machen (oft wirklich) alles, um ihn zu bekommen. Damit
sind wir freilich längst in einem Schumpeterschen Wettbewerbsstaat, dem - so
Heinz Bude - Nachfolger des Keynesianischen Wohlfahrtstaates, angekommen und es
gelingt dann zudem noch - wem und welchen Konstellationen? - viele, jedenfalls
viel zu viele von der grundsätzlichen Notwendigkeit eines solchen
"sozial-"wirtschaftlichen Prozesses zu überzeugen. Ein Sprecher der in
Frankreich gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen protestierenden
Intermittents des kulturellen Sektors drückte dies folgendermaßen aus: "Wir
haben Angst, dass bald nur noch die Angst zwischen uns bleibt" (vgl. die DVD
"Precarity").
Diese Zustandsbeschreibung mag an dieser Stelle ausreichen, um sich zu fragen,
welche Formen des Protestes gegen diese gesellschaftliche Entwicklung von wem
wie formuliert werden können. Wer kann an einer solchen Entwicklung überhaupt
Interesse haben - die vielen davon negativ Betroffenen sicherlich nicht.
Damit komme ich zurück zu meiner Argumentation, dass gerade die freien Kultur-
und WissensproduzentInnen sich als Vorbilder, als Rolemodels für die in diesem
Wettbewerbsstaat tätigen und stark nachgefragten neuen
ArbeitskraftunternehmerInnen bestens eignen. Die in Raum und Zeit
partikularisierten WissensproduzentInnen von der Notwendigkeit eines
gemeinsamen Vorgehens zu überzeugen, sie zu solidarisieren, war und ist das
Anliegen der IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen bereits seit
dem Jahr 1996, als es zu den ersten Universitätsbudgetkürzungen gekommen war
und damit auch gleich klar war, dass davon die am wenigsten Abgesicherten am
allermeisten betroffen sein werden: "Was als individuelles Schicksal erlebt
wird - 15 und mehr Jahre zwischen prekären Arbeitsverhältnissen zu wechseln -
ergibt sich notwendig aus Strukturen, in denen ein großer temporärer
Arbeitsmarkt einem beständig kleiner werdenden Angebot an
grundlagenfinanzierten Stellen gegenübersteht" (Hefler). Die IG Externe
LektorInnen und freie WissenschafterInnen war stets "gegen den Missbrauch
Externer Lehre zu Einsparungszwecken aufgetreten. Mit dem Ziel, eine adäquate
leistungsgerechte Bezahlung und arbeitsrechtliche Stellung externer LektorInnen
sicherzustellen, verfolgt die IG auch das Ziel, der nunmehrigen Arbeitgeberin
Universität - vor der Implementierung des UG 2002 mit 1. Jänner 2004 waren
arbeitsrechtliche Bestimmungen auf Lehrbeauftragte nicht anwendbar - die Flucht
in prekarisierte Arbeitsverhältnisse zu verwehren und damit einen Beitrag zur
Verteidigung der Interessen aller im Forschungs- und Hochschulbereich
beschäftigten Personen zu leisten". (IG Grundsatzerklärung)
Welch positiven Auswirkungen der Zusammenschluss von marginalisiert
Beschäftigten haben kann, zeigt z.B. ein von vielen LektorInnen der
historischen Institute der Universität Wien unterschriebener Protestbrief an
die Studienprogrammleitung, den Dekan und Rektor im Februar 2005, in dem
entschieden gegen die für das Sommersemester 2005 geplanten massiven Kürzungen
der LektorInnnen-Gehälter protestiert wurde. Der Protest war - erfreulicher
Weise - erfolgreich. Offen bleibt aber, wie die Entlohnung im Herbst 2005
aussehen bzw. wer dann überhaupt noch einen Lehrauftrag bekommen wird.
Was hat sich - allgemein auf das Thema bezogen - seit 2003 noch verändert?
Damals ist in deutschsprachigen Ländern vom EuroMayDay praktisch noch gar nicht
gesprochen worden, heuer gibt es ihn erstmals auch in Österreich. 2003 war
hierzulande der Begriff Prekarität in einem allgemeineren Sprachgebrauch noch
recht wenig verbreitet, wenngleich auch im Report "Zwischen Autonomie und
Ausgrenzung" der IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen bereits
im Jahr 2000 für die Beschreibung gerade der freien WissenschafterInnen der
Begriff "Prekarisierte" lanciert wurde. Für die Etablierung des Begriffs
"Prekarität" wichtig war in Europa nicht zuletzt der von Anne und Marie Rambach
publizierte Band Les intellos précaires, in dem die Autorinnen von der prekären
Erwerbssituation vieler Intellektueller in Frankreich berichteten.
Die in den letzten Jahren von der Politik und den Medien unauffällig aber dafür
umso wirksamer forcierte, zunehmend stärker werdende Spannung zwischen den
immer weniger werdenden Fixangestellten und den prekär Beschäftigten dient
dabei als Jolly Joker zur Durchsetzung von immer gefügigeren, angepassteren,
also insgesamt einfach "braveren" Erwerbstätigen - und zwar in allen Bereichen.
In Großbritannien gab es das alles freilich - aufgrund der seit den
Thatcherjahren weitgehend neoliberalen Politik - bereits um einiges früher. So
meinte etwa Angela McRobbie schon 1998: "These new kinds of workers are posed
midway between labour and capital, doing the job of both at the same time. This
means that … the re-socialisation of creative and cultural work … will not and
could not mark a return to the organisational form of 'old' labour but require
instead a more imaginative leap, one which have to take into account the
fragility of cultural entrepreneurialism and the reality of self-employment."
In der Literatur werden diese "workers posed midway between labour and capital"
als Cultural Entrepreneurs, als Culturepreneurs (von Osten) oder auch als
kulturelle ArbeitskraftunternehmerInnen bezeichnet.
Angekommen in einer Wirtschafts-Wissensgesellschaft ist es heute tatsächlich
höchste Zeit, dass sich diese immer mehr werdenden kulturellen
ArbeitskraftunternehmerInnen stärker für eine gemeinsame Vertretung ihrer
Interessen engagieren. Die IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen
hat z.B. in diesem Sinne bereits im Jahr 2001 in einer Machbarkeitsstudie die
Errichtung eines WissenschafterInnenhauses gefordert, das zunächst durch die
Förderung der öffentlichen Hand ermöglicht und als genossenschaftliches Modell
betrieben werden soll. Das in seiner Struktur äußerst offen konzipierte
WissenschafterInnenhaus böte eine äußerst adäquate Möglichkeit für eine(n)
intelligente(n Ausbau und) Nutzung des Wissens-Know-Hows einer bestens
ausgebildeten, hoch motivierten, dennoch in prekären
(Erwerbs-)Arbeitsverhältnissen lebenden Gruppe.
Die gemeinsame Analyse von (Erwerbs-)Arbeitsbedingungen im künstlerischen und
(freien) wissenschaftlichen Bereich - so mein (auch nach zwei Jahren ähnliches)
Fazit - sollte vorangetrieben werden, wie es auch langsam zu einer - vielleicht
über den EuroMayDay 005 - konkreteren Allianzbildung kommen könnte.
Andrea Ellmeier ist Kulturwissenschafterin und Historikerin, Lehrbeauftragte an
der Universität Wien, Vorstandsmitglied der IG Externe LektorInnen und Freie
WissenschafterInnen.
Anmerkungen
Das Modell des "Culturepreneur" (eine Begriffsmischung aus
"Entrepreneur"/UnternehmerIn und "Culture"/Kultur) wird gar zum neuen Exportgut
wie es z.B. Programme des British Council suggerieren (für den Exportschlager
Cool Britannia, der als nationales Label verschiedensten Kreativindustrien zu
einer gemeinsamen Marketing-Identität verhalf). Vgl. Marion von Osten / Angela
McRobbie 2004
Der Begriff ArbeitskraftunternehmerIn setzt sich zusammen aus der alt bekannten
marxschen "Arbeitskraft" und dem Begriff "UnternehmerIn". Das bedeutet, dass
sich die Arbeitskraftunternehmerin selbst um ihre Ausbeutung zu kümmern hat,
d.h. dass sie sich auch noch selbst zu vermarkten hat, da die Veräußerung ihrer
Arbeitskraft allein nicht reicht, um auf dem kulturellen Arbeitsmarkt zu
bestehen. Die ArbeitskraftunternehmerIn ist die vielfach salopp und affirmativ
bezeichnete so genannte Ich-AG.
Vor der Implementierung des UG 2002 (Universitätsgesetz) mit 1. Jänner 2004
waren arbeitsrechtliche Bestimmungen auf Lehrbeauftragte nicht anwendbar, es
handelte sich bis dahin um ein Rechtsverhältnis „sui generis“. Die Abgeltung
wurde im Abgeltungsgesetz und die organisationsrechtliche Verankerung im UOG
1993 (Universitätsorganisationsgesetz) und im KUOG
(Kunsthochschulorganisationsgesetz) geregelt.
Literatur
Heinz Bude, „Was kommt nach der Arbeitnehmergesellschaft?” in: Die Zukunft von
Arbeit und Demokratie, hg. von Ulrich Beck, Frankfurt/Main 2000
Andrea Ellmeier, „Prekäre Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur,
Wissenschaft als (negative) Avantgarde (alt-)neuer
(Erwerbs)Arbeitsverhältnisse“, in: Kulturrisse 01/03
Dies., „Cultural Entrepreneurialism. On the changing relationship between the
arts, culture and employment”, in: International Journal of Cultural Policy,
vol. 9, 1 (spring 2003)
Günter Hefler / IG Externe LektorInnn und freie WissenschafterInnen, © Made in
Precarity – ForscherInnen am Mayday. in: MayDay-Zeitung. Supplement der Wiener
Straßenzeitung Augustin, April 2005
Dies., Grundsatzerklärung und Forderungskatalog zur Neuregelung von
Lehrbeauftragungen im Rahmen des UG 02 (Juni 2003), in: Women/Gender Studies:
Against All Odds. Dokumentation der 7. Österreichischen
Wissenschafterinnentagung, hg. von Eva Blimlinger und Therese Garstenauer,
Innsbruck/Wien/Bozen 2005
Dies., Machbarkeitsstudie „WissenschafterInnenhaus“, Wien 2001 (download unter:
www.univie.ac.at/ig-lektorInnen)
Dies., Zwischen Autonomie und Ausgrenzung? Zur Bedeutung Externer Lehre und
Freier Wissenschaft an österreichischen Universitäten und Hochschulen, Wien
2000 (download unter: www.univie.ac.at/ig-lektorInnen)
Angela McRobbie, British Fashion Design: Rag Trade or Image Industry? London
1998
Marion von Osten und Søren Grammel, „Atelier Europa. Ein kleines
postfordistisches Drama. Einleitungstext des Ausstellungsführers“, hg. vom
Kunstverein München, 2004
Maria Mesner, „Das WissenschafterInnenhaus. Skizze eines Projekts“, in:
Women/Gender Studies: Against All Odds. Dokumentation der 7. Österreichischen
Wissenschafterinnentagung, hg. von Eva Blimlinger und Therese Garstenauer,
Innsbruck/Wien/Bozen 2005
Marion von Osten/ Angela McRobbie, „Einführung“, in: Atelier Europa. Symposium/
Symposium; Ausstellung/Exhibition; Kongress / Conference, 12. März – 13. Juni
2004 im Kunstverein München, hg. vom Kunstverein München 2004
Anne und Marie Rambach, Les intellos précaires, Paris 2001
DVD Precarity, Précarité, Precariedad, Precarieta, Precariteit, hg. von
Fightsharing III, DVD 2004
Links
www.univie.ac.at/ig-lektorInnen
www.ateliereuropa.com
www.fightsharing.net
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