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Precarius labor et stuprum corporis. Prekarität und die bezahlte sexuelle Dienstleistung
Luzenir Caixeta
Die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen ist ein Produkt sowohl diskursiver
als auch rechtlicher und wirtschaftlicher Faktoren. Bezahlte sexuelle
Dienstleistung ist vom aktuellen Kontext der Globalisierung sowie von prekären
Arbeitsverhältnissen stark beeinflusst und großteils Ergebnis der vielfältigen
Umgestaltung des Produktionsprozesses in postfordistischen Gesellschaften
(Caixeta/Gutierrez-Rodriguez u.a., 2004): De-Industrialisierung, immaterielle
Produktion, Feminisierung der Arbeit, transnationale Migration und die
Mobilität der Kapitalinvestitionen, wobei die Sexindustrie eine wichtige Rolle
spielt. Dieser Artikel bezieht sich auf (1) die Sexindustrie als globalisiertes
Szenario; (2) auf Sexarbeit (nicht ausschließlich Prostitution) in Westeuropa -
da die Verhältnisse in anderen Gegenden der Welt, in denen der informelle
Sektor eine größere Bedeutung hat, andere sein mögen - und (3) auf
Sexarbeiterinnen; obwohl Sexarbeit sich außerhalb der Geschlechtergrenze
organisiert, bezieht sich der Artikel in den meisten Ausführungen und in der
Logik auf die Frauen. Sexarbeit wird nicht isoliert betrachtet, sondern in
einer Reihe mit anderen prekarisierten Arbeiten im informellen Sektor, wie z.B.
bezahlter Hausarbeit, Krankenpflege, Kinderbetreuung, usw. Ob und wie wir
beschreiben, wie die Beschäftigten sich in der Sexindustrie ein
Lebensverhältnis schaffen konnten, das ihren eigenen Interessen weitgehend
entspricht, oder welche "sexuelle Mehrarbeit" sie beständig aufwenden müssen,
um sich den üblichen Zuschreibungen zu widersetzen, ist demnach auch eine Frage
der politischen Strategie.
1. Sexindustrie
Die Kategorie der Sexindustrie signalisiert das große Ausmaß, das der Sexmarkt
im Allgemeinen angenommen hat, seine Kapazität, Einkommen zu generieren und
seine Wechselbeziehungen mit anderen großen Industrien und Infrastrukturen (wie
z. B. dem Tourismussektor). Sie zeigt auch die starke Verbreitung und die
Vielfältigkeit der mit der Sexindustrie assoziierten Geschäfte im
Vergnügungssektor (Massagesalons, Sauna, Table-Dance, Peepshow, Striptease,
Telefonsex, Cyberporno, Sex Shops, Pornovideos, etc.) und im
Prostitutionssektor (in Privatappartments, Clubs, am Straßenstrich, etc.).
Das Wachstum der Sexindustrie ist einerseits verbunden mit
Globalisierungsprozessen, in denen die Geschäfte vielfältiger sind und
transnationale Märkte für das Wachstum gesucht werden, und hängt andererseits
mit dem vermehrten Konsum und der damit einher gehenden Schaffung von
Bedürfnissen zusammen. Durch den Lebensstil in den entwickelten Ländern
entsteht das Bedürfnis nach "Freizeit" und Urlaub, das sich nach Orten der
"Ablenkung" und des Exotischen ausrichtet, an denen Austauschbeziehungen auf
affektiv-sexuellem Gebiet versprochen werden. In diesem Zusammenhang sind die
Migrationsströme, die an die Nachfrage von sexuellen Dienstleistungen gebunden
sind, von großer Wichtigkeit.
Die Sexindustrie braucht Staaten, in denen dieser Sektor legitimiert wird,
sowohl in den Herkunftsländern (z.B. Initiieren der Tourismusentwicklung) als
auch in den Zielländern, die durch aktive Nachfrage solcher Dienstleistungen
gekennzeichnet sind, genauso durch Nachfrage nach MigrantInnen in anderen
Dienstleistungssektoren wie Haushalt, Pflege, Landwirtschaft, Bauindustrie,
usw. (Augustin, 2004). Auf diese Weise erscheint die gegenwärtige Sexindustrie
als internationales Geschäft mit einer komplexen Organisationsstruktur von
Professionellen, die große Kapitalbeträge benötigen (zum Teil wegen irregulärer
Migrations-geschäfte) und staatlich legitimiert sind. In der Praxis ist es
schwierig, zwischen der Entwicklung des Menschenhandels und der der
Sexindustrie zu unterscheiden, so wie es nicht leicht ist, sie aus dem Kontext
des internationalen globalen Kapitalismus und der internationalen Restriktion
von Migration herauszunehmen (Campani, 1999).
2. Sexarbeit
Sexarbeit ist heutzutage geprägt von Prozessen globaler Entgrenzung und neuer
Grenzziehungen im Rahmen internationaler Mobilität. In polemischen
feministischen Analysen wurden und werden Unterschiede bezüglich der Frei- oder
Unfreiwillig-keit gemacht (Moser, 2002). An dieser Stelle werden nur die zwei
Hauptpositionen der Debatte über Prostitution innerhalb von Frauen-NGOs, die in
diesem Bereich tätig sind, skizziert: der neo-abolitionistische Ansatz, der
sich für die Abschaffung von Prostitution einsetzt, und der
Legalisierungs-Ansatz, der sich für die Rechte der Sexarbeiterinnen einsetzt.
Der neo-abolitionistische Ansatz, wie er von der Coalition Against Trafficking
in Women (CATW) vertreten wird, definiert Prostitution als sexuelle Ausbeutung,
als Akt der Viktimisierung aller Frauen und als Menschenrechtsverletzung.
Prostitution sei bezahlte Vergewaltigung und ein pathologischer Auswuchs des
Patriarchats. Die Frauen handelten nicht freiwillig und deswegen müsse
Prostitution abgeschafft werden (vgl. Kathleen Barry, 1995). Jede Form von
Migration zum Zweck der Prostitution wird als Frauenhandel bezeichnet. Damit
werden den Migrantinnen eigene Handlungsmöglichkeiten per se abgesprochen.
Die Gegenposition, auf internationaler Ebene repräsentiert durch die Global
Alliance Against Trafficking in Women (GAATW), unterscheidet zwischen
Frauenhandel und Zwangsprostitution auf der einen, und freiwilliger
Prostitution auf der anderen Seite, und betont die Selbstbestimmung der Frauen
in der Sexarbeit. Prostitution wird hier als eine Dienstleistung dargestellt,
die gleiche Anerkennung und Schutz verdient wie jeder andere Beruf, und die
grundsätzlich freiwillig aufgenommen werden kann. In diesem Sinne werden
bessere, geregelte Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen durch
gesellschaftliche und legale Anerkennung von Prostitution als Arbeit gefordert.
Ziel ist die Beibehaltung der Sexarbeit als Option zum Verdienst des
Lebensunterhalts und unter ausdrücklicher Verurteilung jeder Form von Zwang in
der Sexarbeit.
Wie bei der emotionalen Arbeit zu Hause besteht auch bei der Sexarbeit das
Problem, dass sie als "produktive" Tätigkeit schwer fassbar und bewertbar ist.
Das Produkt der Dienstleistungstätigkeit, so Russel Hochschild in "The Time
Bind", sei eine "psychische Verfassung". Diese Darstellung verdeutlicht, dass
Emotionen nicht allein in den häuslichen Bereich gehören und dass
Aufmerksamkeit dem emotionalen Einsatz gegenüber für eine politische Analyse
von großer Bedeutung ist. Dennoch könnte man einwenden, dass die Gleichsetzung
von Frau und Gefühl eine klassische Besetzung wiederholt. Es handelt sich um
eine Form der Arbeit, die aus der kognitiven und emotionalen Kommunikation mit
anderen Beschäftigten und mit KundInnen besteht (vgl Boudry u.a., 1999). Die
Dienstleisterin ist Arbeitskraft und Ware: Die individualisierte Arbeitskraft
ist zugleich das Produkt, das angeboten wird. Wenn dieses
Gefühls/Wissens-Produkt auch gegen Lohn verkauft wird und Tauschwertcharakter
besitzt, so lässt sich dieser Tausch doch schwer formalisieren. Der persönliche
Einsatz wird von den Dienstleisterinnen zwar erwartet, aber nicht unbedingt mit
Geld ausgeglichen.
3. Sexarbeiterinnen
Ein Faktor, der die Prekarisierung von Sexarbeit im Besonderen fördert, ist ihr
sozialer Status. Sexarbeit ist in den meisten Gesellschaften ein
stigmatisierter Bereich. Migrantinnen (in Österreich ca.90% der
Sexarbeiterinnen) werden mehrfach, als Ausländerinnen und als Prostituierte,
ausgegrenzt und stigmatisiert. Sexarbeiterinnen haben in Österreich aber die
Möglichkeit, ein eigenes Visum ("Selbstständige ohne Niederlassung") für ihre
Tätigkeit als Prostituierte oder Showtänzerinnen zu bekommen. Dieses erhalten
sie, wenn sie einen genehmigten Arbeitsort (Bordellbewilligung), eine
Steuernummer, einen Meldezettel und eine (Sozial-) Versicherung nachweisen. Es
gibt keinerlei Quotenregelung. Das Visum ist zunächst auf drei Monate
befristet, kann aber immer wieder auf drei oder sechs Monate verlängert werden.
Dieses Visum ist an die Prostitutionstätigkeit gebunden. Wenn die Migrantinnen
aussteigen und etwas anderes machen möchten, müssen sie das Land verlassen;
auch wenn sie jahrelang offiziell registriert und legal in Österreich
gearbeitet und Steuern gezahlt haben.
Insgesamt haben Sexarbeiterinnen in Österreich viele Pflichten (Registrierung,
Steuerpflicht, wöchentliche amtsärztliche Untersuchungspflicht, SVA-Kranken-
und Unfallversicherung, Tätigkeit nur an genehmigten Arbeitsorten), aber sehr
wenige Rechte außer den von SVA vorgesehen Leistungen. Obwohl sie z.B. Steuern
zahlen müssen, gelten keinerlei Arbeitnehmerschutzbestimmungen, da Prostitution
nicht als unselbstständige Erwerbstätigkeit gilt. Prostitution ist aber auch
nicht als Gewerbe anerkannt. Sexarbeiterinnen sind also Scheinselbstständige,
da es an den Arbeitsorten sehr wohl fixe Arbeitszeiten und Regelungen gibt.
Die Liste der Missstände und Nachteile ist lang: unregelmäßige,
leistungsabhängige Einkommen; Arbeit oft sieben Tage die Woche, zwölf Stunden
am Tag/ Nacht, in verrauchten Räumen, bei hohem Lärmpegel, ohne Fenster,
strenge Kontrollen, etc. Viele Sexarbeiterinnen müssen Alkohol konsumieren, um
die Kunden zu animieren und weil sie am Umsatz beteiligt sind.
Es gibt aber auch Vorteile: Es ist der Arbeitssektor, in dem Migrantinnen das
meiste Geld verdienen können; Flexibilität, je nach Sektor der Sexindus-trie;
Prostitution als Nebenjob; keine vertragliche Bindung; eine Ausbildung ist
meist nicht notwendig; Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, eine Fremdsprache zu
üben, etc.
Frauen, die ohne Aufenthaltsstatus oder ohne Registrierung arbeiten, haben einen
noch extremer eingeschränkten Bewegungsrahmen und sind dadurch eher bereit,
prekarisierte Arbeitsverhältnisse einzugehen und auszuhalten. Andererseits
haben sie mehr Spielraum außerhalb der genehmigten Arbeitsorte, was auch mehr
Unabhängigkeit bedeuten kann. Insgesamt gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen
den Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen und von Frauen/Migrantinnen in
anderen Dienstleis-tungssektoren wie Haushalt, Au pair, Pflege, etc., jenen
Bereichen, in denen Migrantinnen ebenfalls vielfach Arbeitsmöglichkeiten
finden.
Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen kann
und soll im Zusammenhang mit dem Kampf in anderen prekären
Dienstleistungssektoren erstritten werden. Anti-Prostitutions- und
Anti-Migrationspolitik haben eine negative Auswirkung auf die Rechte der in der
Sexarbeit Tätigen und müssen eingestellt werden. Denn die Nichtanerkennung von
Sexarbeit als mit Rechten ausgestatteter, stark ethnisierter Arbeit verringert
nicht die Zahl der MigrantInnen in diesem Sektor. Eine solche moralistische
Sichtweise ignoriert lediglich die Realität vieler Frauen (und Männer).
Repressive Politik hinsichtlich Migration, öffentliche Ordnung und Moral haben
zu einer vermehrten Verletzbarkeit der SexarbeiterInnen mit all ihren negativen
Konsequenzen für ihre Gesundheit und Sicherheit geführt. Das internationale
Komitee der Rechte von SexabeiterInnen in Europa (ICRSE) schlägt vor, einen
Prozess in Gang zu setzen, der die Rechte der SexarbeiterInnenbewegung in
Europa stärkt. Als Startschuss für diesen Prozess will ICRSE im Herbst 2005
eine Europäische Konferenz zu Sexarbeit, Menschenrecht, Arbeit und Migration in
Brüssel organisieren. Organisationen, die sich für die Rechte von
SexarbeiterInnen einsetzen, haben sich entschieden, sich mit neuen Verbündeten
in Menschenrechts-, Arbeits- und Migrationsrechtsorganisationen zusammenzutun.
Die ultimative Zielsetzung ist es, Debatten über Prostitution, Sexindustrie,
Frauenhandel und Migration herauszufordern und neu zu definieren. Die
Allianzenbildung im Rahmen der Prekaritätsdebatten könnte eine Möglichkeit
sein. Conditio sine qua non ist: Nicht ohne die Betroffenen!
Luzenir Caixeta arbeitet seit 10 Jahren bei maiz u.a. mit
Migrantinnen in der Sexarbeit.
Literatur- und Linkliste:
Augustin, L. M. (2004): Trabajar en la industria del sexo, y otros tópicos
migratórios. Gak@a Liburuak, San Sebastian.
Boudry, P./ Kuster, B./ Lorenz, R., Hg. (1999): Reproduktionskonten fälschen!
Heterosexualität Arbeit & Zuhause. b_books, Berlin
Caixeta, L./ Gutiérrez-Rodríguez, E./ Tate, S./ Vega, C. (2004): Haushalt,
Caretaking, Grenzen… Traficantes de Suenos, Madrid
Campani, G. (1999): Trafficking for Sexual Exploitation and the Sex Business in
the New Context of International Migration: the Case of Italy. In:
Baldwin-Edwards/ Arango (Hg.): Immigrants and the Informal Economy in Southern
Europe. Frank Cass, London. S. 230-261
Guillemaut, F./ Caixeta, L. (2004): Women and Migrantion in Europe. Strategies
and Empowerment. Cabiria, Lyon
Hoschschild, A. R. (1997): The Time Bind – When Work Becomes Home and Home
Becomes Work, New York
Moser, M. K. (2002): Prostitution = Gewalt? Versuche eines Blickwechsels. In:
Schlangenbrut Nr. 76 – 20
Precarias a la deriva (2004): A la deriva por los circuitos de la precariedad
femenina. Traficantes de Suenos. Madrid
www.gaatw.org
www.catwinternational.org/about
www.sexworkeurope.org
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