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Geschlechterverhältnisse als produktive Ressource. Zur Prekarisierung der Arbeit
Alexandra Weiss
Die Nachkriegsjahrzehnte waren charakterisiert durch einen hohen Grad an
staatlicher Wirtschaftssteuerung, den Ausbau einer staatsinterventionistischen
Wachstums-, Einkommens-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik, die Anerkennung der
Gewerkschaften und die Institutionalisierung des Klassenkompromisses im Rahmen
korporatistischer Systeme. Auch Geschlechterverhältnisse und Familienformen
sind zentrale Institutionen, die in diese Regulierung einbezogen waren. Im so
genannten fordistischen Kapitalismus wird das Modell der bürgerlichen
Kernfamilie verallgemeinert und auch in der ArbeiterInnenklasse als Ideal
etabliert. Das kapitalistische Wirtschaftssystem kann die physische, psychische
und generative Reproduktion von Arbeitskräften nicht zur Gänze innerhalb der
Marktlogik gewährleisten. Hausfrauisierung und die kostenlose Erbringung dieser
Arbeit von Frauen im Rahmen der Familie waren so die intendierten Folgen des
sozialstaatlichen Kapitalismus.
Mit dem Ende der keynesianischen Wirtschaftspolitik in den 1970er bzw. Anfang
der 1980er Jahre ging auch eine "Krise des Sozialstaates" einher, die vielmehr
als Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu analysieren ist. Die
Vereinbarkeit von Kapitalprofit und Massenwohlfahrt war nicht mehr gegeben und
damit wurde auch die Grundlage des so genannten Klassenkompromisses - in
Österreich institutionalisiert in Form der Sozialpartnerschaft - brüchig. Der
Rückgang der Profite, angezeigt durch die Verlangsamung des
Produktivitätswachstums, den Anstieg der Gesamtkosten der Arbeit -
einschließlich der indirekten Löhne des Sozialstaates - und ein Anstieg der
Rohstoffpreise, sind wesentliche Gründe dafür.
Globalisierung kann in diesem Sinn als Strategie zur Lösung der Krise des
fordistischen Kapitalismus analysiert werden. Mit ihr wurden die Voraussetzung
für eine erneute, systematische und weltumspannend durchgeführte
Rationalisierung des kapitalistischen Produktions- und Arbeitsprozesses
geschaffen. Was bedeutet aber "Globalisierung als Strategie"? Es handelt sich
um einen Paradigmenwechsel von einer nachfrageorientierten hin zu einer
angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Diese Umorientierung findet innerhalb
der so genannten Sachzwanglogik statt; Argumente, die hier zu hören sind: "Wir
haben über unsere Verhältnisse gelebt" oder "Der Sozialstaat ist nicht mehr zu
finanzieren" usw. Globalisierung ist so auch wesentlich eine ideologische
Strategie: Die Logik der ökonomischen Sphäre - Effizienz, Profitstreben,
Rationalisierung, usw. - wird auf Politik und Gesellschaft übertragen.
Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind, beschränken sich nicht nur auf
die ökonomische Sphäre, sondern erfassen die Gesellschaft, staatliche
Institutionen, soziale Zusammenhänge und damit auch Geschlechterverhältnisse.
"Globalisierung wird durch Geschlecht strukturiert ebenso wie sie die
Geschlechterordnung zu strukturieren vermag", stellt Eva Kreisky fest.
Geschlecht ist ein strategischer Knotenpunkt im Globalisierungsprozess.
Sozialstaat als männliches Projekt
Mit der keynesianischen Wirtschaftspolitik der Nachkriegsjahrzehnte ging ein
massiver Ausbau des Sozialstaates einher, der beinahe die gesamte Bevölkerung
erfasste. Der Sozialstaat hatte aber von Beginn an eine geschlechtsspezifische
Schlagseite, indem er die bürgerliche Kernfamilie und damit die traditionelle
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern als "Normalitätsannahmen"
voraussetzte.
Das favorisierte Modell der Kernfamilie, in dem Männer als von Hausarbeit und
Kindererziehung "befreite" Normalarbeiter und Frauen als Hausfrauen, Mütter und
Zuverdienerinnen konzipiert wurden, fand Eingang in die Ausformung des
Sozialstaates. Unabhängige Existenz und materielle Absicherung waren für den
männlichen Normalarbeiter vorgesehen. Frauen wurden in diesem System nicht als
autonome Individuen konzipiert, sondern jedenfalls im Rahmen der Familie und
ihrer Aufgaben dort verortet - schlicht zu einem Mann gehörig. Die Institution
des Familienlohns für Männer schrieb diese Ausrichtung des Sozialstaates
zusätzlich fest und sorgte dafür, dass Frauen am Arbeitsmarkt als
Zuverdienerinnen eingestuft werden. Die bürgerliche Kernfamilie ist so
konstitutiv für den fordistischen Kapitalismus. Sie soll vorrangiger
Arbeitsplatz von Frauen sein; soziale Sicherheit wird - um den Preis
persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse - über den Ehevertrag garantiert.
Seit den 1970er Jahren ist in der Frauenerwerbstätigkeit ein Trend von der
Vollzeit- zur Teilzeitbeschäftigung zu verzeichnen. Nicht-Standard-Beschäftigungen sind vor diesem Hintergrund für Frauen schon
länger Realität und werden für sie immer mehr zur "typischen
Beschäftigungsform". Seit Mitte der 1980er und noch einmal mehr seit Mitte der
1990er Jahre verdanken sich die Zuwächse in der Frauenerwerbstätigkeit
überwiegend zeitlich reduzierten Beschäftigungsverhältnissen. In diesem Sinn
ist die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen für Frauen schon lange
Realität. Breiter diskutiert wurde dieses Problem jedoch erst, als auch immer
mehr Männer von flexiblen, deregulierten und prekären
Beschäftigungsverhältnissen betroffen waren.
Seit den 1970er und 1980er Jahren ist zwar eine Demokratisierung von
Geschlechterverhältnissen - nicht zuletzt durch die Neue Frauenbewegung - zu
verzeichnen. Trotzdem besteht weiterhin eine politische, gewerkschaftliche und
sozialstaatliche Absicherung des traditionellen Familienmodells.
Geschlechterdemokratische Reformen steckten gewissermaßen noch in den
Kinderschuhen, als die Grundprinzipien staatlicher Regulierung und
sozialpolitischen Ausgleichs in den 1980er Jahren frontal angegriffen wurden.
Flexibel in die Eigenverantwortlichkeit
Zentrales Anliegen der neuen wirtschaftspolitischen Orientierung ist die
Kostensenkung für Unternehmen, was sich v. a. im Bereich der Arbeitskosten, der
Steuern oder der Umweltschutzkosten niederschlägt. Gerade die Senkung der
Arbeitskosten - durch die Etablierung neuer Beschäftigungsformen - steht dabei
im Mittelpunkt. Direkte Kostenvorteile atypischer Beschäftigungsverhältnisse
sind etwa das Wegfallen von Kündigungskosten bei befristet Beschäftigten,
LeiharbeiterInnen oder arbeitnehmerähnlichen Scheinselbstständigen. Andere
Bestandteile der Lohnkosten, wie Sozialversicherungsbeiträge, fallen meist in
einem geringeren Ausmaß an. Darüber hinaus besteht oft kein tarifvertraglich
festgesetzter Mindestlohn, kein Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
oder auf Urlaubsgeld.
Wenn aber bei steigender Arbeitslosigkeit immer weniger
Sozialversicherungsbeiträge lukriert werden können, verstärkt dies den Druck
auf den Sozialstaat und die Beschäftigten, die sich zunehmend gezwungen sehen,
Arbeit zu jeder Bedingung zu akzeptieren. Konsequenz der arbeitsrechtlichen
Deregulierung ist, dass immer mehr in die Gruppe der "working poor" abgedrängt
werden. Geschlechtsspezifische Spaltungen sind dabei vorprogrammiert, weil (1)
Frauen in Bezug auf ihre (persönliche) Unabhängigkeit und
Arbeitsmarktintegration vom Sozialstaat abhängiger sind und (2) das Segment der
neuen (atypischen) Beschäftigungsformen vor allem weiblich ist. Flexibilität
ist auch das Schlüsselwort, das seit Mitte der 1980er Jahre die europäische
Beschäftigungspolitik charakterisiert. Durch Wettbewerbsintensivierung und
Kosteneinsparungen soll ein Wachstumsschub erzielt werden; sozialstaatliche
Regelungen gelten dabei als Bremsen. Staatlicherseits wird damit auch die
Hoffnung auf Standortsicherung, Abbau der Arbeitslosigkeit und Entlastung der
öffentlichen Haushalte verknüpft. Mit dem Anstieg der Teilzeitarbeit und
atypischer Beschäftigungsformen hat sich zwar die Zahl der Arbeitsplätze von
Frauen erhöht, nicht aber deren Beschäftigungsvolumen. Erwerbsarbeit wird also
nur zwischen Frauen und nicht zwischen Männern und Frauen umverteilt. Weitere
Folge ist eine zusätzliche Segregation zwischen Frauen und Männern nach
Arbeitsverträgen. Arbeitsmarktstatistische Konsequenz dieser Politik ist, dass
Arbeitslosenquoten künstlich gesenkt und Erwerbsquoten aufgeblasen werden.
Ohne Gleichheit keine Freiheit
Der Globalisierungsprozess geht mit einer Herauslösung ökonomischer Prozesse aus
sozialen und politischen Bindungen einher. Der Übergang vom Sicherheitsstaat
zum nationalen Wettbewerbsstaat bedeutet eine Absage an
Vollbeschäftigungspolitik und soziale Sicherheit für breite Schichten der
Bevölkerung. Gerade zu dem Zeitpunkt, da ein Problembewusstsein in Bezug auf
die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt und durch die spezifische
Ausformung des Sozialstaates entsteht, werden Arbeitsverhältnisse dereguliert
und der Sozialstaat als mögliches Instrument der Umverteilung zerschlagen. Die
"Feminisierung der Erwerbsarbeit" trifft so auf einen leistungsmäßig
reduzierten Sozialstaat.
In dieser Situation soll die Familie wieder vorrangiger Ort sozialer Sicherheit
für Frauen sein. Gleichzeitig werden "feminisierte Arbeitsverhältnisse"
geschaffen, die keine Existenzsicherung ermöglichen. Frauen sollen und müssen -
auch vor dem Hintergrund, dass Männerlöhne immer weniger "Familienlöhne" sind -
erwerbstätig sein und in die Familie zurückverlagerte soziale Dienste
erbringen. Offenbar wird von einem unbegrenzten Reservoir weiblichen
Arbeitsvermögens ausgegangen. Die Etablierung schlecht oder gar nicht
abgesicherter Arbeitsverhältnisse trifft aber nicht alle Frauen gleichermaßen.
Spaltungen entlang von Ethnie und Klasse überformen hierarchische
Geschlechterverhältnisse. Gerade MigrantInnen werden in prekäre
Beschäftigungsverhältnisse und den informellen Bereich abgedrängt.
Beschäftigungspraktiken sind ein Mittel geworden, um den Status der
Beschäftigten neu zu bestimmen und Spaltungen quer durch diese Gruppe
hervorzutreiben. Folge sind Rückschritte hinter die einsetzende
Demokratisierung der Arbeits- und Geschlechterverhältnissen in den 1970/80er
Jahren. Während damals Forderungen der Frauenbewegung, aber auch der
Gewerkschaften auf der Basis staatsbürgerlicher Gleichheit gestellt werden
konnten, werden nun Vorstellungen über grundlegende Werte in der Gesellschaft
zunehmend individualisiert. Das Grundprinzip der Gleichheit wurde durch das der
Freiheit ersetzt; eine Freiheit, die nicht mehr sozial und in Abhängigkeit zur
Gleichheit verstanden wird. Vor diesem Hintergrund wird es schwieriger,
Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität zu
artikulieren und durchzusetzen. Politik und soziales Handeln orientieren sich
immer mehr am Einzelnen, denn an allgemeinen Bedürfnissen. Gleichzeitig werden
Frauen aber auch als Kollektiv angesprochen und ihre gemeinsamen Interessen und
Verantwortlichkeiten betont. Diese ideologische Anrufung der Frauen bezieht
sich auf ihre Funktion als "soziale Puffer": ihre sozialen Kompetenzen sind
gefragt. Der Sozialabbau soll von ihnen sozial verträglich gestaltet werden.
Individuelle Fürsorge wird ideologisch überhöht und finanziell unterstützt -
ganz im Gegensatz zum übergeordneten Ziel der Budgetkonsolidierung -, während
öffentliche Programme zur Vergesellschaftung von Pflege- und Sorgearbeit
finanziell zurückgestutzt werden. Mit individuellen und monetären Leistungen
wie dem Kindergeld trägt der neoliberale Staat letztlich zur Schaffung und
Ausweitung der Märkte für atypische Beschäftigung bei.
In diesem Sinn muss der neoliberale Staat als maskuliner Staat begriffen werden,
der Fraueninteressen, -bedürfnisse und -arbeit wieder privatisiert und
entpolitisiert. Die Verdrängung des Prinzips der Gleichheit als grundlegender
gesellschaftlicher Wert ist ein Verlust, den es rückgängig zu machen gilt, wenn
wir nicht in einem patriarchalen Kapitalismus leben wollen, wie Frigga Haug
schreibt, "der am Ende das Überleben selbst als Privatsache marginalisiert. Das
gilt es vom Kopf auf die Füße zu stellen".
Alexandra Weiss ist Politologin, Forschungsassistentin am Institut für
Soziologie / Universität Innsbruck, externe Universitätslektorin. Mitarbeit in
der Michael-Gaismair-Gesellschaft.
Literatur
Haug, Frigga (1996). Das neoliberale Projekt, der männliche Arbeitsbegriff und
die fällige Erneuerung des Geschlechtervertrages, in: Argument 217, 5/6 (1996),
38. Jg., 683-696.
Hirsch, Joachim (1998). Vom Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat,
Berlin.
Jenson, Jane (1997). Die Reinstitutionalisierung der Staatsbürgerschaft, in:
Steffen Becker et al (Hg.): Jenseits der Nationalökonomie? Weltwirtschaft und
Nationalstaat zwischen Globalisierung und Regionalisierung, Berlin/Hamburg,
232-247.
Kreisky, Eva (2001). Weltwirtschaft als Kampffeld: Aspekte des Zusammenspiels
von Globalismus und Maskulinismus, in: ÖZP 2 (2001), 30. Jg., 137-159.
Sauer, Birgit (2001). "Feminisierung" eines männlichen Projekts? Sozialstaat im
Zeitalter der Globalisierung, in: Erna Appelt/Alexandra Weiss (Hg.):
Globalisierung und der Angriff auf die europäischen Wohlfahrtsstaaten,
Berlin/Hamburg, 67-83.
Anmerkungen
Korporatismus ist die Zusammenarbeit von Staat, Arbeitnehmer- und
Arbeitgeberverbänden in Fragen der Wirtschafts-, Sozial- und
Beschäftigungspolitik.
Als Fordismus wird eine spezifische historische Formation des Kapitalismus
bezeichnet, die sich in den USA ab den 1920er/30er und in Europa ab der
Nachkriegszeit durchsetzte und mit den 1970er Jahren zu Ende ging. Namensgeber
ist Henry Ford, der 1914 in seinen Autofabriken die Fließbandproduktion
einführte. Diese Produktionsweise hatte nicht nur ökonomische, sondern auch
soziale und politische Konsequenzen, die mit einem hohen Beschäftigungsniveau,
höheren Einkommen der Beschäftigten, Ausbau des Sozialstaates und einer
spezifischen Familienform einhergingen.
Der Keynesianismus ist jene wirtschaftspolitische Konzeption, die auf den
britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) zurückgeht. Zentral dabei
ist eine staatliche Ausgaben- und Investitionspolitik, die ein hohes
Beschäftigungsniveau und Wirtschaftswachstum gewährleisten soll.
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