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MAYDAY, MAYDAY! Flex Workers, PreCogs und das europäische Prekariat
Alex Foti
Übersicht über Episoden des Konflikts
Seit 2001 hat ein Netzwerk, bestehend aus italienischen, französischen und
katalanischen Medien-HacktivistInnen, BasisgewerkschaftlerInnen,
selbstverwalteten und besetzten Jugendzentren, AktivistInnen aus dem Umfeld der
"critical mass bikers", von radikalen Netzwerken, studentischen Gruppen,
ArbeiterInnenkollektiven, migrantischen Organisationen sowie solche aus
kommunistischen, grünen, anarchistischen, schwul/lesbischen und feministischen
Zusammenhängen die MayDay-Paraden ins Leben gerufen, die am 1. Mai im Zentrum
von Mailand stattfinden. Die Beteiligung am MayDay und seine Bedeutung ist
ständig gewachsen, von 5.000 Leuten 2001 auf 50.000 im Jahr 2003. 2004
erreichte die MayDay-Mobilisierung in Mailand und Barcelona schließlich schon
100.000 DemonstrantInnen, die für ihre Organisierung und für soziale Rechte als
Weg aus der verallgemeinerten Prekarität auf die Straße gingen.
Der MayDay hat sich als eine horizontale Methode der Vernetzung zwischen der
Genua-Bewegung und radikalen Fraktionen der Gewerkschaften erwiesen - darüber
hinaus eine Allianz zwischen zwei Generationen des Konflikts ermöglicht. Der
MayDay hat auch als Auslöser von mannigfaltigen Aktionen im urbanen Raum und
von Arbeitskämpfen im Stadtgebiet von Mailand und - kurze Zeit später - auch im
Rest Italiens fungiert, damit zur Mobilisierung von jungen ZeitarbeiterInnen,
Teilzeitbeschäftigten, von FreiberuflerInnen und WerkvertragsarbeiterInnen,
Forschenden und Lehrenden, DienstleisterInnen und WissensarbeiterInnen
geführt.
Viele der sich intensivierenden transeuropäischen Netzwerke haben - auf der
Grundlage des Austausches auf den europäischen Sozialforen in Florenz und Paris
- effektiv mit einer Einschätzung des existierenden politischen Szenarios und
mit der Realisierung der Möglichkeiten für die radikale Organisation von
Prekären auf europäischer Ebene begonnen. Das sind die Menschen, die nun in
vielen europäischen Metropolen für ihre Rechte agitieren und streiken.
Prekarität: eine allgemeine Bedingung auf der Suche nach einem radikalen
transeuropäischen Subjekt
Der Neoliberalismus ist seit zwei Jahrzehnten zuallererst ein System der
Prekarisierung von Arbeit und der Auflösung von gewerkschaftlicher
Organisierung des urbanen und suburbanen Lebens. Dieser Prozess hat für die
Mehrheit vor allem der arbeitenden Frauen, Jugendlichen und MigrantInnen eine
prekäre, von grundlegenden sozialen Rechten beraubte Existenzform nach sich
gezogen. Im Herzen dieses Prozesses der neoliberalen Akkumulation liegt die
flexible und auf befristeten Verträgen basierende Beschäftigung von
GelegenheitsarbeiterInnen, die in entscheidenden reproduktiven und
distributiven Bereichen des Dienstleistungssektors, sowie in den Wissens-,
Kultur- und Medienindustrien angestellt sind. Diese aber liefern das
Rohmaterial, auf dessen Basis das ganze System funktioniert: Information.
Wir, aktive ZeitarbeiterInnen aus Italien, nennen uns selbst PRECOG, weil wir
das im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor arbeitende "Prekariat"
verkörpern und das "Kognitariat" der Erziehungs- und Medienindustrien. Wir sind
die ProduzentInnen des neoliberalen Wohlstands, wir schaffen jenes Wissen, jene
Stile und jene Kultur, die von der monopolisierten Macht eingeschlossen und
angeeignet wird.
Viele von denen, die in syndikalistischen Gruppen Streikposten organisieren, den
MayDay bewerben und die Website ChainWorkers.org editieren, haben dieses
seltsame Profil von Menschen mit einer Gewerkschaftsvergangenheit, die nun in
Mailands Medienindustrie arbeiten. In einem Land lebend, wo das kommerzielle
Fernsehen einem doofen Magnaten zu beinahe totaler Macht verhalf, verstehen wir
die Überzeugungskraft von Popkultur und Werbetechniken. Unsere Absicht ist es
gewesen, durch den subvertierenden Gebrauch von Sprache und Grafik eine neue
Marke des Aktivismus und der Revolte von ArbeiterInnen zu entwickeln, die auf
Menschen ausgerichtet ist, die bisher keine politischen Erfahrungen haben außer
dem Gebrauch und der Plackerei ihres Körpers und ihres Geistes in den großen
Verkaufsstellen und Bürokomplexen. Wir zielen auf die Umsetzung dieser Absicht
durch die konstante Berichterstattung über Arbeitskämpfe und unternehmerische
Untaten in Malls, Franchises, Megastores und Call Centers auf der ganzen Welt.
Wir kommentieren auch Entwicklungen im Bereich des Arbeitsrechts und schauen
auf Aspekte von Medienaktivismus und populärer Kultur, die mit kommerziellen
und Dienstleistungs-Räumen verbunden sind. Wir in den syndikalistischen Gruppen
waren überrascht, dafür ein riesiges und empfängliches Publikum zu finden.
Und kein Wunder: Es gibt 30 Millionen TeilzeitarbeiterInnen in der neuen EU.
Diese Menschen - und die zahllosen ZeitarbeiterInnen, die nur periodisch, auf
Werkvertragsbasis oder in der Schattenwirtschaft Beschäftigten und die
migrantischen ArbeiterInnen, die überhaupt aus diesen Mustern herausfallen -
sind die Menge der in der riesigen postindustriellen Ökonomie schuftenden
ArbeiterInnen. Diese Menschen werden aus den meisten Formen der öffentlichen
Wohlfahrt und der sozialen Sicherheit ausgeschlossen, unfähig, Pläne für die
Zukunft zu machen, der rohen existenziellen Instabilität unterworfen, die vom
Fall durch das soziale Netz aufgrund von Unfall, Krankheit oder Alter Zeugnis
ablegt. Die Gefahr des sozialen Ausschlusses hängt über unseren Köpfen wie ein
Damokles-Schwert.
Wir sind diese prekären Menschen. Wir sind die Frauen Europas, das trotz der
"Feminisierung" von Arbeitskraft und Ökonomie für XX-Menschen
diskriminierendere Löhne und Rollen vorbehält, als sie die dominierenden
XY-Menschen erwarten dürfen. Wir sind die "konsumerisierte" jüngere Generation,
die man aus dem politischen und sozialen Design eines gerontokratischen und
technokratischen Europas ausgespart hat. Wir sind in erster Generation
EuropäerInnen, kommend von den fünf Kontinenten und - am bedeutsamsten - von
den sieben Meeren. Wir sind Menschen mittleren Alters, die aus ihren einst
sicheren Jobs in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe entlassen wurden.
Wir sind Menschen, die keine Langzeitjobs haben (und diese auch meist nicht
wollen) und deshalb grundlegender sozialer Rechte beraubt werden, wie
beispielsweise des Mutterschutzes, des Krankenstands oder des Luxus des
bezahlten Urlaubs. Wir sind anzuheuern auf Anfrage, auf Abruf verfügbar, nach
Belieben auszubeuten und kündigbar nach Lust und Laune. Wir sind das
Prekariat.
Das Prekariat ist die Summe aller Menschen mit nicht standardisierten
Beschäftigungsformen, die jenen sozialen Standard erfahren müssen, um den sich
das kollektive Leben zunehmend dreht. Es ist eine Bedingung der
verallgemeinerten sozialen Prekarität und der singularisierten Prekarisierung
der Jobs. Es ist der Ausschluss einer ganzen Generation - und bald schon einer
gesamten Gesellschaft - von sozialen Rechten, die Garantien für kollektive
Selbstverteidigung in sich tragen. Diese Rechte müssen entweder einen
kontinentalen oder einen europaweiten Schutz haben - oder sie werden überhaupt
nicht existieren.
Prekarität in Europa
Zahlen, Daten und Fakten beweisen, dass sowohl in Italien, als auch in Spanien
und Frankreich eine große Zahl der jungen Angestellten in Jobs ohne Zukunft mit
prekären Verträgen feststeckt. Alleine in Italien gibt es sieben Millionen Flex
Workers und das, ohne die vermutlich drei Millionen mitzurechnen, die schwarz
bezahlt in der Schattenwirtschaft beschäftigt werden. In Mailands Umland, der
Lombardei, arbeiten - einem Trend der am meisten entwickelten europäischen
Regionen folgend - 1,5 Millionen der gesamten Anzahl dieser Prekären.
Prekäre Jobs sind der Hauptgrund für Substandard- oder Armutslöhne. Die Zahl der
so genannten "working poor" ist in Europa ebenso gewachsen wie in den USA. Im
Jahr 2000 wurde in der vor der Erweiterung stehenden EU rund ein Viertel der
ArbeiterInnen mit Löhnen unter dem Durchschnittseinkommen bezahlt. Am meisten
davon finden sich im Vorreiterland des freien Marktes, England, sowie im zum
freien Markt konvertierten Irland. Vor allem Frauen und im Ausland geborene
BewohnerInnen tragen in einem überproportionalen Ausmaß die Hauptlast der
armutsgefährdeten Jobs. Ein Drittel der europäischen Frauen wird mit Löhnen
unter der Armutsgrenze abgespeist. Diese Zahl steigert sich zu erschreckenden
50% bei den im Ausland geborenen ArbeiterInnen in Frankreich und Belgien -
Länder, in denen starke xenophobische Bewegungen den Wirtschafts-MigrantInnen
zusätzlich eine Menge Kummer bereiten.
Während flexible Arbeit aktuell ein Kernelement der zeitgenössischen Wirtschaft
bildet, werden Flex Workers selbst von der öffentlichen Meinung immer noch als
Randphänomen angesehen. Deshalb fehlen ihnen bis heute Rechte oder Ansprüche.
Flex Workers sind vorwiegend in den Wissens- und Dienstleistungsindustrien
konzentriert. Das Wachstum dieser Branchen wurde lange Zeit einerseits mit dem
Übergang zum Post-Industrialimus als genereller Produktionsform und
andererseits mit dem Wechsel vom Fordismus zum Postfordismus verbunden. Was
ehedem taylorisiert war, ist nun walmartisiert. Die stabile Klassenstruktur des
keynsianischen Wohlfahrtsstaates - mit seinen sicheren Arbeiterklassen und
seinen loyalen Mittelschichten - wird nun durch eine darwinistische Hackordnung
ersetzt. Diese Hackordnung wird von einem neoliberalen Informationalismus
diktiert, in dem Massen von prekarisierten und in kognitiven Sektoren
angestellten ArbeiterInnen Mehrwert produzieren, der in den weltweiten
Finanzmärkten versickert. Das Prekariat ist für den Postindustrialismus das,
was das Proletariat für den Industrialismus war: das nicht befriedete soziale
Subjekt.
Vom Subjekt zur Organisierung: In Richtung eines transeuropäischen Biosyndikates
des Prekariats?
Wir sind alle entweder Prekäre oder Kognitäre, und wir müssen alle arbeiten, um
das Rad am Laufen zu halten. Wir sind dazu gezwungen, vor der Heuchelei, dem
Missbrauch und der Schikaniererei in unseren Jobs zu knien und zu buckeln, weil
wir alle in hohem Maße erpressbar und entbehrlich sind. In unseren Hinterköpfen
wissen wir alle, dass ein Ausbleiben der nächsten Honorarzahlung eine ganze
Reihe von lästigen und allzu bekannten Folgen haben kann: Unbezahlte
Rechnungen, unterbrochene Grundversorgung, kein Geld für die Miete, sozialer
Rückzug, emotionale Spannungen, das Gefühl von Panik gegenüber der Welt, die
ein schwarzes Loch rund um dich zu schaffen scheint, die Möglichkeit einer
Delogierung, die Wahrscheinlichkeit einer Depression, das Risiko sich
abzeichnender Isolation und das dunkle Gespenst der eigenen Obdachlosigkeit
deutlich und schmerzlich in Sicht.
Aber wie können wir uns am besten organisieren und zusammenschließen? 1905
schafften es die amerikanischen Wobblies, eine neue industrielle Gewerkschaft
zu gründen, die beides zugleich war - anarchistisch und sozialistisch
ausgerichtet. In ihr organisierten sich ungelernte ArbeiterInnen mit den
unterschiedlichsten ethnischen Hintergründen. Was wäre heute, ein Jahrhundert
später, das Äquivalent zum industriellen Gewerkschaftswesen? Heute, wo der
Sozialismus eine sterbende Ideologie und der Anarchismus nicht viel mehr als
eine existenzielle Rebellion ist? Es gibt dafür keine einfachen Antworten. Aber
es ist klar, dass jene sozialen Netzwerke, die für EuroMayDay geschaffen
wurden, jetzt von einem Ereignis zu einem Prozess transformiert werden müssen.
Die Zeiten sind reif für die Schaffung eines wahrhaftigen Biosyndikats aller
ZeitarbeiterInnen und temporär Beschäftigten in Europa: von Helsinki bis Rom
und von Lissabon bis Athen. Mit Biosyndikat meinen wir eine netzartige und auf
direkter Aktion basierende Gewerkschaft, die rund um die kommunikativen Praxen
und konfliktiven Verhaltensweisen der Multitudes von Flex Workers aufgebaut
ist, welche sie inspiriert und von denen sie inspiriert ist.
Das italienische Phänomen des San Precario ist in dieser Hinsicht ein
interessanter Fall. Wir haben am 29. Februar 2004 die Geburt eines
Schutzheiligen aller Flex Workers verkündet, als wir einen neueröffneten
Supermarkt mit Hilfe einer Pseudo-Prozession und surrealistischen Gläubigen
besetzten, um gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit zu protestieren.
Innerhalb weniger Wochen wurden überall in Italiens Städten Erscheinungen des
Heiligen gemeldet, das Phänomen begann zu wuchern. Beim letztjährigen MayDay
bildete eine sehr schöne Statute des uniformierten Heiligen - gebaut und bemalt
von mailändischen Flex Workern aus der Theaterbranche - die Spitze der
gigantischen Parade in Mailand. Die Statue stellte einen auf den Knien betenden
Chainworker vor einem herrlichen Altar dar, sein Kopf umgeben von einem
geschmackvollen Neon-Heiligenschein. Zwei Tage später begann die größte
italienische Tageszeitung den Namen "San Precario" zu benutzen, wenn sie über
die radikalen Gewerkschaften und aufrührerischen Flex Workers in Italien
schrieb.
Die Botschaft war klar: San Precario war erfolgreich zum Symbol für einen
landesweiten Konflikt geworden. Seit der Heilige allgemeinen Kultstatus
erreicht hat, ist seine Wundertätigkeit allerortens festzustellen: in Bologna,
Rom, Turin, Ancona, Genua, Neapel, Bari, Trient und einer ganzen Reihe
kleinerer Städte. Aufbauend auf diesem Erfolg des San Precario ist der
italienische Flügel des MayDay-Netzwerkes derzeit damit befasst, ein
Gegen-Franchise-System aufzubauen - die San-Precario-Kette. Sie dient dazu,
streikende Flex Workers mit aktiver und temporärer Solidarität zu unterstützen
und Italiens Prekären mit legaler Unterstützung zur Seite zu stehen, wenn sie
diese benötigen. Die Idee dahinter ist es, eine soziale Selbstrepräsentation
durch urbanen Aktivismus aufzubauen, indem autonomistische Kollektive und
lokale Gewerkschaften zur sozialen Organisation des Prekariats gebündelt
werden. Während Berlusconis Stern endlich verblasst und sinkt, zwingen wir die
offizielle Linke dadurch zu einem abrupten Wandel ihrer sozialen Politik
dahingehend, Existenzsicherheit für die sieben Millionen Prekären zu
gewährleisten. Denn es ist weit besser, auf der Seite San Precarios zu stehen,
als seinem Zorn begegnen zu müssen.
Alex Foti ist Teil der www.Chainworkers.org-Crew, einem seit 2000 existierenden Netzwerk von so genannten "Chainworkers", also Menschen, die in Supermarktketten wie Wallmart arbeiten. Zuletzt editierte er gemeinsam mit Zoe Romano die "Precarity"-Ausgabe des Greenpepper-Magazins aus Amsterdam, wo der vorliegende Artikel auch zuerst in englischer Sprache erschienen ist.
Übersetzung: Markus Griesser und Sylvia Riedmann
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